Was uns an einem 19. August in früheren Jahren so aufgeregt hat

In kommenden Jahren wird man am 19. August vielleicht der Situation in Afghanistan gedenken, der Pandemie, des Erdbebens und des Wirbelsturms in Haiti, und der vielen, vielen Naturkatastrophen weltweit, die unsere Umwelt nachhaltig zerstören. Oder sich vielleicht an etwas anderes erinnern? Die missglückte österreichische „Flüchtlingspolitik“ etwa?

Und woran erinnern wir uns jetzt?

Das Paneuropäische Picknick war eine Friedensdemonstration ungarischer Oppositioneller an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ödenburg) am 19. August 1989. Mit Zustimmung ungarischer und österreichischer Behörden sollte bei der Veranstaltung ein Grenztor symbolisch für drei Stunden geöffnet werden. Zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nutzten dann diese kurze Öffnung des Eisernen Vorhangs zur Flucht in den Westen. Es war die größte Fluchtbewegung aus Ost-Deutschland seit dem Bau der Berliner Mauer. Die Idee ging von Otto von Habsburg (* 20. November 1912; † 4. Juli 2011) und der MDF-Organisation (Ungarisches Demokratisches Forum) der ostungarischen Stadt Debrecen aus. Es lagen dann auch amtliche Bewilligungen vor, dass es am Nachmittag des 19. August 1989 von 15 bis 18 Uhr einen improvisierten Grenzübergang geben werde. Man sah im geplanten Picknick eine Chance, die Reaktion Gorbatschows auf eine Grenzöffnung zu testen, und einigten sich darauf, dass unter den DDR-Bürgern Werbung für das Picknick gemacht werden sollte. In insgesamt drei Wellen überwanden die Flüchtlinge während des Picknicks und der dort vorgenommenen „symbolischen“ Grenzöffnung den Eisernen Vorhang. Die ungarischen Grenzsoldaten reagierten besonnen auf die sich abzeichnende Massenflucht und schritten nicht ein.

Das Paneuropäische Picknick war wohl einer der Meilensteine jener Vorgänge, die zum Ende der DDR, zur deutschen Wiedervereinigung und zum Zerbrechen des Ostblocks führten.

Auch das zweite Ereignis hat etwas mit Michael Gorbatschow zu tun. Der Augustputsch in Moskau gegen den sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow beginnt am 19.8. 1991, schlägt jedoch nach drei Tagen fehl. Er verhindert die Gründung der Union Souveräner Staaten. Während des Augustputsches in Moskau vom 19. bis 21. August 1991 versuchte eine Gruppe von Funktionären der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), die sich als Staatskomitee für den Ausnahmezustand bezeichnete, den Präsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow abzusetzen und das Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die Führer des Putschversuches waren Mitglieder einer strukturkonservativen und reaktionären Junta und Kommunisten der KPdSU in deren Augen die wirtschaftliche Umgestaltung zu weit ging und eine rechte Abweichung vom Kommunismus dessen Abschaffung bedeute. Außerdem fürchteten sie, der von Gorbatschow neu ausgehandelte Unionsvertrag gebe den Unionsrepubliken zu viel Macht. Obgleich der Putschversuch nach nur drei Tagen scheiterte und Gorbatschow wieder in sein Amt eingesetzt wurde, machte er Gorbatschows Pläne hinsichtlich des Fortbestehens einer, wenn auch dezentralisierten, Staatenunion zunichte und beschleunigte den Zerfall der Sowjetunion. Das bedeutet, dass die Putschisten eigentlich das Gegenteil dessen erreicht haben, was sie eigentlich wollten. Erinnern wir uns: Seit 1985 betrieb Gorbatschow ein Reformprogramm, das von zwei Schlüsselelementen geprägt war: die ökonomische und politische Restrukturierung, Perestroika genannt, und die als Glasnost bezeichnete Öffnung gegenüber der Bevölkerung. Diese Reformen zogen die Ablehnung und den Widerstand des linken Flügels der kommunistischen Partei auf sich. Des Weiteren gewannen Unabhängigkeitsbestrebungen nichtrussischer Bevölkerungsgruppen Raum, die nun die Chance zu mehr Selbstbestimmung sahen, was die Furcht des Sowjetregimes verstärkte, dass einige oder alle Unionsstaaten von der Sowjetunion abfallen würden. Nach einigen Verhandlungen stimmten die Republiken einem neuen Unionsvertrag zu, der sie zu unabhängigen Republiken in einer Föderation mit einem gemeinsamen Präsidenten, gemeinsamer Außenpolitik und gemeinsamen Streitkräften machen sollte. Der Vertrag sollte am 20. August 1991 unterzeichnet werden und die Union stärken; Kommunisten fürchteten, dass nun einige kleinere Mitgliedsstaaten, vor allem die drei baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) eine völlige Unabhängigkeit anstreben würden.

Gorbatschow selbst war zu Beginn des Putschversuches im Urlaub in Foros auf der Krim. Dort wurde er vom Nachmittag des 18. August bis zum 21. August festgesetzt und isoliert, nachdem er seine Zustimmung zur Verhängung des Notstandes und die Übertragung seiner Vollmachten an den Vizepräsidenten verweigerte. Er blieb dort bis zum Ende des Putsches drei Tage später. In Moskau und Leningrad folgten große Demonstrationen gegen die Putschisten. Der Putsch war erfolglos, da die Streitkräfte den Putschisten die Gefolgschaft verweigerten. Der Widerstand, der hauptsächlich vom Präsidenten der russischen Teilrepublik Boris Jelzin aus dem Regierungsgebäude, dem Weißen Haus, gegen den Putsch geführt wurde, war erfolgreich. Während einer dieser Demonstrationen kletterte Jelzin auf einen Panzer; vor zehntausenden Demonstranten, die sich vor dem Parlament versammelt hatten, forderte er die Rückkehr Gorbatschows und verurteilte den Umsturzversuch.

Viele von uns wird wohl noch dieses Bild von Boris Jelzin, der diese flammende Rede von einem Panzer aus hielt, in Erinnerung bleiben.

Und was werden die Menschen in dreißig Jahren von uns in Erinnerung haben?

Was uns an einem 19. August in früheren Jahren so aufgeregt hat

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