Der Afghane im Vorzimmer

Gedanken zu – Teppichen

In unserem Vorzimmer liegt ein Afghane, nein, wir haben keine Flüchtlinge aufgenommen, es handelt sich um einen Teppich. Er ist schon sehr alt und der Flor ist an manchen Stellen nicht mehr vorhanden, aber als er dann ein Loch bekommen hat, habe ich ihn reparieren lassen. Jetzt ist er wieder sauber, schön, widerstandsfähig – und erfreut mich.

Sie kennen diese Art Teppich sicher, in dunklem, aber leuchtenden Rot, mit blauer – in verschiedenen Farbstufen – Musterung.

Ich weiß schon; Teppiche sind nicht mehr „in“ (wenn Nachkommen sie verkaufen, bekommen sie nicht sehr viel Geld dafür).  Früher gehörten Teppiche in die „elegante (oder auch weniger elegante) Wohnung. Dann aber kamen die „wall-to-wall“ Teppichböden in Mode. Mit hohem Flor und meist in hellen Farben. Da stellte sich dann heraus, dass darauf des Öfteren Flecken blieben, sie in unterschiedlicher Intensität „abgetreten“ wurde. Sie blieben nicht hell, Teile wurden von dem einfallenden Sonnenlicht ausgebleicht.

Also ging’s zurück zu den Holzböden, auch da gibt es viele Varianten, wobei nicht alles Holz ist, das wie Holz aussieht. Ein Problembesteht darin, dass Teppiche auf Holzböden rutschen. Es gibt Möglichkeiten das weitgehend (aber nicht vollständig) zu unterbinden: es gibt eigene Netze bzw. Filze, die man unterlegen kann.  Man rät ärztlicherseits Teppiche möglichst zu meiden, da sie für ältere und/oder behinderte Menschen eine „Falle“ (Ausrutschen – Hinfallen) darstellen. Ich habe unsere Teppiche immer verteidigt. Auf Wunsch meines behinderten Ehemannes – leider schon 3 Jahre verstorben – habe ich für ihn „Pfade“ gelegt, wo er seine Wege ohne Behinderung durch Teppiche zurücklegen konnte. Als dann der Rollstuhl in die Wohnung kam, mussten die Teppiche neuerlich um-arrangiert werden.

Manche Teppiche erinnern mich an die Zeit und den Ort, wo wir sie erstanden haben. Es war in Beirut – als es noch das Paris des Ostens genannt worden war. Ein Taxichauffeur zeigte uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt – und führte uns am Ende in ein Teppichhaus. Ich verfiel dort zwei Teppichen, einen größeren und einen kleineren. Mein Mann handelte ein wenig – aber natürlich waren wir unbedarfte Touristen – wir zahlten in Schillingen, und es wurde vereinbart, dass die Teppiche nach Wien gesendet würden. Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben als wir vom Zoll angerufen wurden, dass wir ein Paket auslösen müssten. Naja, jetzt kam noch der Zoll zum Preis des Teppichs hinzu, aber dann prangen sie in unserer -damals – Gemeindewohnung.

Einen anderen Teppich hatten wir von einer Reise ins damalige Jugoslawien mitgebracht, einen Kelim (einen gewebten, nicht geknüpften Teppich), den wir, mit dem Auto unterwegs selbst mitnahmen – und nicht verzollten.

Szenenwechsel: Baku, das Teppichmuseum. Schon allein die Architektur ist faszinierend, das Gebäude hat die Form eines eingerollten Teppichs. Und drinnen gibt es Teppiche in vielen Farben und zahllosen Mustern zu bestaunen. Hier konnte man auch sehr hübschen jungen Damen dabei zusehen, wie sie Teppiche anfertigten. Erstaunt hat mich dort (und nicht nur im Museum) sondern auch bei den Händlern, dass es viele „moderne“ Teppiche gab, die nicht traditionell gemustert waren, sondern Szenen aus dem heutigen Alltag bzw. Porträts von Personen zeigten.  

Und dazu fallen mir gleich die afghanischen (und pakistanischen) Kriegsteppiche ein. Es sind handgeknüpfte, zumeist schafwollene Teppiche, die militärische Objekte und Motive des Kriegs abbilden. Die Motive sind ein Ergebnis der afghanischen Kriegskonflikte der jüngeren Geschichte. Sie zeigen aber auch die Terroranschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 und Motive aus dem Krieg gegen den Terror.

Die genauen Umstände der Entstehung von Kriegsteppichen sind noch nicht eindeutig geklärt. Afghanistan kann, ebenso wie seine Nachbarstaaten, auf eine lange Geschichte der Teppichherstellung zurückblicken. Beim Einmarsch der Sowjetunion im Jahr 1979 flüchteten viele Afghanen in das Nachbarland Pakistan. Die Kriegserfahrungen der Flüchtlinge flossen unmittelbar in die Teppichgestaltung ein. Teppichspiegel und Bordüre zeigten plötzlich einen Mix aus traditionellen Ornamenten und aufgereihten Handgranaten, Panzern, Helikoptern, Panzerfäusten und Sturmgewehren der russischen Marke Kalaschnikow (AK 47).

Eine neue Variante entstand nach dem Abzug der Roten Armee 1989, die sogenannten „Siegesteppiche“. Diese Teppiche zeigten zumeist Land- oder Regionalkarten von Afghanistan. Eine weitere Neuheit war die Abbildung einer Figur mit Hammer und Sichel auf der Stirn, der „Sowjetische Hampelmann“. Damit war der verbliebene kommunistische Präsident Nadschibullah gemeint, der als Moskaus Marionette wahrgenommen und 1992 gestürzt wurde

Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem anschließenden NATO-Einsatz unter Federführung der USA kam es zu weiteren Bildvarianten. Nun tauchte statt der sowjetischen die westliche Waffentechnik als Teppichornament auf. So wurde beispielsweise die sowjetische MiG-21 durch US-amerikanische F-16-Bomber ersetzt. Eine Neuerung seit dem Jahr 2014 ist die Abbildung von Kampfdrohnen.

Inwieweit es sich um wirkliche Volkskunst oder vielmehr um professionell gefertigte Auftragsarbeiten handelt, ist nicht klar.

Ich werde mir aber kaum einen Propaganda-, Sieges-, Stadt-, Gedenk- und Souvenirteppich kaufen.

Der Afghane im Vorzimmer

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