Wer oder was ist wann rein oder unrein

Heutzutage spielt – m. E. diese Frage keine so große Rolle mehr, aber in den großen Religionen bestehen immer noch Reinheitsgebote.  

Bei den Juden ist Reinheit eine Eigenschaft von Gegenständen oder Menschen, die in Gottes Nähe kommen durften. Unrein sein bedeutete, dass dies nicht möglich war. Weil Gott heilig ist, muss der Mensch, der zu ihm kommt, rein sein. Rein war man, wenn man eine Anzahl von so genannten Reinheitsvorschriften beachtete, wozu besonders Vorschriften zur Nahrung gehörten. Priester und Diener am Tempel mussten sich an diese Anweisungen halten, denn in ihrem Beruf hatte man ständig mit dem Bereich des Heiligen zu tun. Alles, was unrein war, hatte im Tempel und im Gottesdienst nichts zu suchen.

Es gab auch Bereiche, die von Anfang an aus dem Gottesdienst ausgeschlossen waren. Das betraf alles, was mit Tod oder Sexualität zu tun hatte. Auch Hautkrankheiten (Aussatz) gehörten dazu. Man dachte, diese Bereiche seien anfällig für dämonische Mächte. Die Israeliten glaubten, die Berührung von Menschen mit Hautkrankheiten mache sie unrein, genauso der Kontakt mit Heiden, die die Reinheitsgebote nicht achteten.

Unreinen Tiere und Dinge können ihre Unreinheit durch Verzehr, Berührung oder „Bezeltung“ (d.h. durch Anwesenheit in ein und demselben Raum) – auf andere Menschen und Gegenstände übertragen. Als Konsequenz ergibt sich daraus, dass diese dadurch für den Kontakt mit dem Kult untauglich werden bzw. in Einzelfällen generell aus dem Bereich der Gemeinschaft zu entfernen sind. Reinigungsriten wie Waschungen, Blutriten u.ä. stellen – häufig in Verbindung mit dem Zeitfaktor – den Zustand der Reinheit wieder her.

Verschiedene Tiere wie z.B. das Kamel, der Klippdachs, der Hase, alle schuppen- und flossenlosen Wassertiere, Geier, verschiedene Rabenarten sowie viele kleine geflügelte Insekten als gelten a priori als unrein und dürfen nicht verspeist werden. Die Verunreinigung durch all diese Tiere erfolgt durch den Verzehr.

Verschiedene Geschlechtsorgane sowie die mit Zeugung und Geburt zusammenhängenden Erscheinungen sind besonders von dem rein-unrein Konzept betroffen.  Eine Wöchnerin ist nach der Geburt eines Jungen sieben und nach der Geburt eines Mädchens vierzehn Tage unrein; nach einer weiteren Frist von 33 (bei einem männlichen Kind) bzw. 66 (bei einem weiblichen Kind) Tagen, in der sie sich zu Hause aufzuhalten hat, muss sie vom Priester ein Brand- und ein Sühneopfer darbringen lassen, um ihre Reinheit definitiv wieder herzustellen. Im Status der Unreinheit befindet sich eine Frau auch, wenn sie ihre Regel hat. Ein direkter Kontakt mit Objekten, die diese Frau berührt hat, wie ihr Sitzplatz oder ihr Lager, werden unrein und können diese Unreinheit dann an einen Menschen, der diese Gegenstände berührt, weitergeben. Eine weitere Quelle der Unreinheit stellt eine Leiche bzw. tierisches Aas dar: In diesem Zusammenhang ist es entweder die Berührung oder die Bezeltung, durch die diese Unreinheit auf Menschen und offene Gefäße übertragen wird.

Zur Zeit von Jesus dehnten besonders gesetzestreue Juden die Bestimmungen, die früher nur für die Priester und Tempeldiener gegolten hatten, auf alle aus. Jesus setzte sich darüber hinweg. Für ihn macht nicht das, was von außen an den Menschen herankommt, unrein, sondern das, was aus seinem Inneren – seinem Herzen – hervorgeht.

In den ersten christlichen Gemeinden gab es ernsthafte Auseinandersetzungen über die Frage, ob Christen von jüdischer und Christen von heidnischer Herkunft miteinander essen durften. Die Christen jüdischer Herkunft hielten sich noch an die Reinheitsgebote. Sie befürchteten, durch den Kontakt mit den Heidenchristen unrein zu werden. Beim „Apostelkonzil“ in Jerusalem wurde die Frage, ob Christen das jüdische Gesetz einhalten müssen, grundsätzlich geklärt. Man einigte sich auf wenige Bestimmungen, die von allen Christen, gleich welcher Herkunft, eingehalten werden müssen. 

(Allerdings wurden in der katholischen Kirche noch vor wenigen Jahrzehnten nur solche Männer ordiniert, die keine auffälligen körperlichen Behinderungen hatten.)

Auch im Islam gelten strenge Reinheitsgesetze: Muslime beziehungsweise Musliminnen reinigen sich nach dem Geschlechtsverkehr, nach Ende der Regelblutungen und nach der Geburt eines Kindes, wenn sie sich auf das Gebet vorbereiten. Untersagt ist ihnen grundsätzlich der Genuss von Schweinefleisch und von Produkten aus Blut sowie aller Wassertiere mit Ausnahme von Fischen.

„Reinigung“ ist in fast allen Religionen vorgeschrieben. Wir alle kennen die Bilder vom Ganges, der vom hygienischen Standpunkt alle andere als sauber ist, in dem die Menschen sich spirituell reinigen. In jüdischen Häusern gab es die Mikwe, die nur mit lebendigem Wasser, also mit Regen- oder Quellwasser gefüllt sein darf.

Rituelle Reinigung ist das von einer Religion vorgeschriebene Ritual, bei dem eine Person als frei von Unreinheit angesehen wird, insbesondere vor der Anbetung einer Gottheit. Die rituelle Reinigung kann auch für Gegenstände und Orte gelten.

Fallen heute die Worte rein und unrein, denken viele Menschen zuerst an Sexualität und eventuell an Ernährung. Es sollte aber zwischen ethischer und kultischer Reinheit unterschieden werden. Nur im Zustand kultischer Reinheit können Juden und Muslime mit Gott in Beziehung treten. Weiß ist das Zeichen von Unschuld – und Reinheit.

Ich wünsche mir, dass viel Menschen ein REINES Herz haben, und ethische Reinheit wahren. Sonst habe ich REIN gar nichts mehr hinzuzufügen.

Wer oder was ist wann rein oder unrein

2 Gedanken zu “Wer oder was ist wann rein oder unrein

  1. Es ist eigentlich traurig, daß wir im Deutschen nur den Begriff „Reinheit“ haben, denn der erinnert arg an Sauberkeit und gewisse Waschmittelwerbungen.
    Der Islam hat diese Regeln übrigens weitgehend aus dem Judentum übernommen. Auch Juden dürfen aus dem Wasser nur essen, was Flossen und Schuppen hat – also weder Hummer noch Thunfisch.
    Die den Christen unbekannten Waschungsregeln sorgten im Mittelalter dafür, daß die Juden deutlich weniger unter den grassierenden Seuchen litten – und das machte sie den Dreckpfotigen suspekt.
    Und eben fällt mir ein: Wilhelm II., Letzter Kaiser aus dem Haus Hohenzollern und Ahn jener, die gerade mit dem deutschen Staat um ehemalige Besitzungen im Gebiet der ehemaligen DDR prozessieren, konnte durch einen Geburtsschaden seinen Arm nur vermindert gebrauchen, war also beim Reiten und Fechten gehandicapt – und in seiner Kindheit wurde in der Kaiserfamilie ernst und kontrovers diskutiert, ob ihn diese Behinderung nicht unfähig für die Krone mache, denn ein Kaiser und König galt auch als Hoherpriester.

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