Eine Feuerbestattung

Ich durfte heute wieder an einer Feuerbestattung teilnehmen, mit Priester, mit Musik (nicht aus der Konserve, sondern live), mit Kränzen und mit Blumen. Es war sehr feierlich, es war berührend. Der Sarg versank – nicht wie früher, als es in ein brennendes loch geschoben wurde. Manche Teilnehmer kamen zu spät. Sie hatten die Feuerhalle nicht gefunden. Feuerbestattungen sind noch nicht so „üblich“, dass alle die Stätte leicht finden können. Dass das Areal fast neben dem Schoss Neugebäude liegt, hilft beim Finden auch nicht besonders.

Ich gehe zu Begräbnissen – öfter – nicht, weil ich den Toten nahegestanden bin, sondern vielmehr den trauernden Hinterbliebenen. Ihnen gilt meine Anteilnahme, denn die Verstorbenen sind ja – meiner Auffassung nach – schon in einer besseren Welt, ohne Schmerzen, ohne Beeinträchtigungen.

Der Nachteil dieser Feuerhalle ist es, dass es mehrere “Räumlichkeiten“ gibt, wo derartige Verabschiedungen stattfinden können. Und in der großen Halle warten Menschen, bis sie im Gedenkbuch unterschreiben können, sie tratschen, sie lachen – ja so ist zwar das Leben, aber für Trauerfeiern findet man das halt doch unangemessen.

Das Wetter war dem Anlass angemessen trüb. Leicht regnerisch und für die Jahreszeit viel zu kühl.

Die „teure Verstorbene“, wie man so sagt, war die Frau eines Bürokollegen (daher waren auch andere Kollegen gekommen), die ich nur sehr „am Rande“ gekannt habe, von den Festen, zu denen die Partner mitgenommen werden, die sich aber dann oft nicht sehr wohl gefühlt haben, kannten sie doch „die anderen“ nicht so gut. Einige dieser Treffen fanden beim Drei-Kugel Schachinger in Sievering statt. Drei Steinkugeln vor dem Haus in der Sieveringer Hauptstraße 99 haben dem „Dreikugelhaus“ (auch „Dreikugl-Schachinger-Haus“ genannt) in Döbling seinen Namen gegeben. Mit einem Durchmesser von mehr als 40 Zentimetern sind sie „bei weitem die größten Türkenkugeln, die es in Wien gibt“. Aus welcher der Türkenkriege sie stammen, konnte ich leider nicht eruieren. Mein Mann hat sich immer geweigert, zu Festen zu kommen, an denen ich teilnehmen sollte und er „die begleitende Person“ gewesen wäre. Mir war’s manchmal einigermaßen peinlich, denn während eine begleitende Ehefrau etwas “Normales“ war, war dann der begleitende Mann eher die Ausnahme. Auf Dienstreisen nahm ich meinen Mann auch erst mit, als ich sehr unruhig gewesen wäre, ihn allein zu Hause zu lassen (als er nämlich schon behindert war).

Interessant für mich war dann eigentlich die Eloge über die Verstorbene. Sie muss in etwa nur etwas älter als ich gewesen sein, aber sie hat ein sehr „europäisches Schicksal“ erlitten. Geboren in Mähren, die Eltern waren Seidenweber, beide berufstätig, das Kind viel sich selbst überlassen. 1945 Vertreibung, Neubeginn der Familie in Bamberg. Es sagt sich so leicht, aber so leicht kann es nicht gewesen sein, der Verlust der Heimat, des Gewerbes und Einkommens der Eltern, Wechsel der Schule … Aber dann dennoch die Beendigung der Ausbildung zu Lehrerin, Ausübung des Berufes.

Dann Verehelichung mit neuerlichem Wechsel des Wohnsitzes – Aufgabe des Jobs. Dafür Übernahme von Nachhilfeschülern – von denen einige bei der Feierlichkeit in der Feuerhalle anwesend waren.  Eine stets hilfsbereite Frau, warmherzig und positiv dem Leben gegenüberstehend.

Es wurde nicht erwähnt, mit zunehmendem Altem wurde sie hilfsbedürftig – ihr dann schon pensionierter Ehemann kümmerte sich rührend um sie. Ja, sie waren miteinander wie Philemon und Baucis, nur der gleichzeitige Tod wurde ihnen nicht gewährt. Ihr Mann hatte in der Parte geschrieben: „Du bist mir vorausgegangen…“

Und als der Sarg hinuntersank, wurde ihre Lieblingsmusik gespielt.

Eine Feuerbestattung

Wie kann’s weitergehen – in Afghanistan?

Viele offene Fragen!

Fragen zur Ausgangslage:

  • mit Ausnahme einer kleinen Enklave nördlichen Kabul ist das gesamte Land in der Hand der Taliban. Wird das so bleiben?
  • Werden sich die gebildeten (städtischen) Eliten – die ein gewisses Maß an Freiheit genossen haben, längerfristig diesen Taliban (kampflos) unterwerfen?
  • Zusätzlich zu den Taliban sind aber auch al-Qaida und der so genannte Islamische Staat – sowie eine Gruppe weiterer kleiner islamistische „Organisationen“ in Afghanistan präsent – und aktiv. Werden all diese extremen Gruppierungen zusammenarbeiten – oder werden sie versuchen eine Vormachtstellung zu bekommen – und eventuell sich noch immer vorhandenen Warlords anzuschließen und gegeneinander kämpfen?
  • Die Wirtschaftslage in Afghanistan ist katastrophal – und meines Wissens bietet der Koran keinen Leitfaden für wirtschaftliches Verhalten
  • Wird Russland die Chance nutzen, und die Lücke, die die USA hinterlassen haben – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch nutzen?
  • Wird China – seiner neuen Seidenstraßenpolitik folgend – große Kredite an Afghanistan vergeben und somit längerfristig über die Infrastruktur und möglicherweise die Bodenschätze – die ja in Afghanistan in reichem Maße vorhanden sind – verfügen können
  • Wie werden sich die Taliban zum Mohnanbau – Produktion von Rohmaterial für Drogen erhalten. Damit ist eventuell schnelles Geld zu machen.
  • Was geschieht wirklich, sollte ein Anschlag auf die drängenden Massen vor dem Flugplatz in Kabul, noch vor dem endgültigen Abzug der USA vor dem ja beständig gewarnt wird, erfolgen?
  • Werden die Taliban technischen und wirtschaftlichen afghanischen Fachkräften nach dem Leben trachten, wenn sie für ausländische Entwicklungsorganisationen gearbeitet haben (deren Ausreise werden sie wohl zu verhindern suchen)
  • Werden die Taliban – nach Abzug der letzten Amerikaner (fix: 31.08.2021) – weitere Ausreisen von Ausländern – Afghanen zulassen?
  • Werden die afghanischen (internationalen) Terrororganisationen, versuchen den „Krieg“ in benachbarte Länder zu tragen (Russland schützt immerhin seine ehemaligen Territorien Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan) bzw. gegen die „Feinde“ (NATO-Staaten) zu führen. Immerhin ist das gesamte Waffenarsenal, das die USA den Streitkräften Afghanistans hinterlassen haben, unzerstört in die Hände der Taliban gefallen.
  • Wie wird sich der benachbarte Iran den Taliban gegenüber verhalten: Konkurrenz oder Zusammenarbeit?  

Ich könnte mir vorstellen, dass derzeit die großen Geheimdienste jener Staaten, die in Afghanistan involviert waren, an der Lösung dieser Fragen arbeiten. Aber vertrauen kann man ihnen auch nicht so ohne weiteres, denn z.B. bei der Vorhersage, wann Kabul fallen werden, sind sie erheblich danebengelegen – was aber jetzt auch zu diesem Chaos vor dem Flughafen führt.

Wie kann’s weitergehen – in Afghanistan?

Zur Ideologie der Taliban

Bei der ersten Pressekonferenz zeigten sich die Taliban-Anführer moderat: Die Taliban wollen ihren Feinden „Amnestie“ gewähren und Frauenrechte weiter wahren – solange diese mit dem „islamischen Recht“ vereinbar seien, erklärten sie.

Die Ideologie der Bewegung basiert auf einer extremen Form des Deobandismus und ist zudem stark vom paschtunischen Rechts- und Ehrenkodex, dem Paschtunwali, geprägt. Aber für die Taliban gilt damit: Es gibt den Islam, der zwischen Gut und Böse ganz klar unterscheidet. Und weil sie es ja zu wissen glauben, sei es auch ihre Pflicht es durchzusetzen“. Es gibt für sie keinen Raum, „der religionsfrei“ ist. Afghanistan wird nun ein Gottesstaat, in dem ausschließlich islamisches Recht nach Taliban- Interpretation gilt. Islamisches Recht kann zu struktureller Gewalt und grausamen Hinrichtungen führen.  Besonders für Frauen war die erste Herrschaft der Taliban brutal: Kein Zugang zu Bildung oder medizinischen Behandlungen, oft wurden junge Mädchen und Frauen zwangsverheiratet und durften ohne eine männliche Begleitung das Haus nicht verlassen. Werden nun all die Rechte, die in den letzten zwanzig Jahren „erobert“ wurden, wieder verloren gehen?  Bedeutet nun die Etablierung eines erneuten „Islamischen Emirats Afghanistan“ ein „Leben wie vor 1400 Jahren“? Denn die Islamisten streben eine Rechtsordnung wie zu Zeiten des Propheten Mohammeds im 7. Jahrhundert an.

Regierungsangestellte wurden dennoch vertrieben oder getötet. Die Regeln der Taliban sind die alt-bekannten: Frauen dürfen nur in männlicher Begleitung aus dem Haus. Mancherorts ist Musik verboten, Männer dürfen sich nicht rasieren, Frauen nicht arbeiten.

Im Februar 2020 hatten die Taliban im Golfemirat Katar einen Abzugsdeal mit der Trump-Administration unterzeichnet. Die Gruppierung hatte versicherte, keinen „internationalen Terrorhafen“ aus Afghanistan zu machen und einen intra-afghanischen Dialog versprochen, also Gespräche mit der Regierung in Kabul und anderen afghanischen Akteuren. Die ausländischen Truppen sind nun fast gänzlich abgezogen und????

Es gab und gibt aber viele sehr diverse Auslegungen des Islam. Viele Taliban haben ihre Religion in den Medresen in Pakistan „gelernt“, so hauptsächlich den Koran auswendig gelernt aber nicht reflektiert oder hiterfragt. Denn es darf auch nicht vergessen werden, dass z.B. die Scharia kein kodifiziertes Gesetzbuch, sondern die Summe abgeleiteter moralisch-ethischer Verhaltensregeln für gläubige Musliminnen und Muslime ist. Die Taliban nehmen ein bestimmtes Verständnis, begreifen dieses aber als die Scharia selbst und urteilen über alle Menschen nach dieser Gesetzgebung. Sodass es keine Alternativen mehr geben kann, keine Dynamik, keine Entwicklung, keine lebens- und zeitnahe Auslegung göttlicher Vorschrift.

Aber auch innerhalb der Taliban gibt es unterschiedliche Strömungen. Da gibt es das Haqqani Netzwerk, das in den vergangenen Jahren stark vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt wurde und für zahlreiche Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht wird. Das Haqqani-Netzwerk ist eine militante islamistische Terrororganisation. Sie gilt als Bestandteil der Taliban in Afghanistan und Pakistan. Es wurde von Dschalaluddin Haqqani gegründet und wird seit 2014 von dessen Sohn Siradschuddin Haqqani angeführt. Konkurrierend zu diesem Netzwerk ist das der Quetta Schura, sie ist eine militante, afghanische Organisation der Taliban mit Basis in Quetta, die von Mohammed Omar geführt wurde. Sie entstand aus den Resten der 2001 gestürzten Taliban-Regierung von Afghanistan und dehnte ab 2010 ihr Einflussgebiet auf Kosten anderer islamistischer Organisationen in Afghanistan aus. Die afghanische Regierung unter Hamid Karzai bemühte sich 2010 um einen Dialog mit der Gruppierung und versuchte einige ihrer Angehörigen, unter anderem Mohammed Omar selbst, von der Terrorliste der UNO streichen zu lassen. Die Gruppe verhandelte im Herbst 2010 mit der afghanischen Regierung über Frieden und eine mögliche Beteiligung an der Regierung. Manchen scheint es fraglich, wie weit die Taliban-Führung tatsächlich die konkurrierenden Netzwerke auf längere Sicht disziplinieren kann.

Wieder einer anderen Gruppierung haben jene Taliban-Führer angehört, die zwei Tage nach der Eroberung Kabuls die erste Pressekonferenz gegeben haben. Es sind die Taliban-Anführer, die zum harten Kern der Miliz gehören und in den vergangenen Jahren ihre politische Arbeit aus dem arabischen Emirat Katar geführt haben. Es sind auch jene, die ab dem Jahr 2019 unter US-Präsident Donald Trump Friedensgespräche mit den USA geführt haben. Damals gab es große Zugeständnisse an die Islamisten. Zahlreiche Häftlinge und auch Anführer wurden entlassen.

Viele meinen, dass in dem anscheinend liberalen Ansatz der Extremisten nur Taktik herrscht, denn die Denkweise der Taliban ist gleichgeblieben. Aber in Afghanistan sind auch andere islamistische Gruppierungen aktiv: es sowohl die Al-Qaida als auch der so genannte Islamische Staat, und auch Hizb-e Islami, eine ehemalige Mudschaheddin-Partei.

Nun sind wir alle leider zu Zuschauern geworden. Was sich dort entwickelt, wer als endgültiger Führer hervorgehen wird, ist unklar. Für die afghanische Bevölkerung – vor allem die städtische – brechen grausame Zeiten an. Die wirtschaftliche Situation des Landes ist miserabel, vielleicht wird das die Taliban zu einer Abkehr von ihrer rigorosen Auslegung des Islam bringen?

Zur Ideologie der Taliban

Eine kurze Geschichte der Taliban

Wir haben es jetzt mit dem Islamischen Emirat Afghanistan zu tun. Die neuen Machthaber meinen, dass sie toleranter sein werden, als jene Herrscher zwischen 1996 – 2001. Viel genauer wurde das nicht spezifiziert.

Die Talibanbewegung hat ihre Ursprünge in religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan. Der Anführer der Taliban war bis 2013 Mullah Mohammed Omar. Sein Nachfolger Akhtar Mansur wurde 2016 bei einem Drohnenangriff getötet. Mansurs Nachfolger ist Hibatullah Achundsada.

1994 waren die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung getreten. Als auslösendes Moment werden die Entführung und Vergewaltigung zweier Mädchen durch einen Milizenführer genannt, zu deren Befreiung sich 30 Männer unter der Führung von Mullah Omar zusammenschlossen. Im Herbst 1994 traten sie erstmals militärisch in Erscheinung und brachten am 5. November 1994 die Stadt Kandahar unter ihre Kontrolle. Bis zum 25. November 1994 kontrollierten sie die Stadt Laschkar Gah und die Provinz Helmand. Im Laufe des Jahres 1994 eroberten sie weitere Provinzen im Süden und Westen des Landes, die nicht unter Kontrolle der Zentralregierung standen.

Anfang 1995 starteten die Taliban großangelegte Anschlagskampagnen gegen Kabul. Die Taliban erlitten aber schwere Niederlagen gegen die Regierungstruppen. Es wurde bereits das Ende der Talibanbewegung erwartet. Mit militärischer Unterstützung Pakistans und finanziellen Hilfen aus Saudi-Arabien formierten sie sich jedoch neu. Zwei Jahre belagerten und bombardierten sie Kabul. Im September 1996 planten die Taliban eine erneute Großoffensive gegen Kabul.

Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, das lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Die Regierung des Islamischen Staates Afghanistans blieb die international anerkannte Regierung Afghanistans (mit einem Sitz bei den Vereinten Nationen).

Die Taliban verhängten über die Gebiete unter ihrer Kontrolle ihre politische und juristische Interpretation des Islam. Frauen lebten quasi unter Hausarrest. Die Taliban begingen systematische Massaker gegen die Zivilbevölkerung, während sie versuchten, ihre Kontrolle im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren. Die sogenannte 055 Brigade al-Qaidas war ebenfalls an Gräueltaten gegen die afghanische Zivilbevölkerung beteiligt.

Ahmad Schah Massoud und Abdul Raschid Dostum, frühere Gegner, gründeten die Vereinte Front Schon bald entwickelte sich aus der Vereinten Front jedoch eine nationale politische Widerstandsbewegung gegen die Taliban. Dieser traten die von den Taliban durch ethnische Säuberungen verfolgte Volksgruppe der Hazara bei, ebenso wie paschtunische Anti-Taliban-Führer, wie der spätere Präsident Hamid Karzai, der aus dem Süden Afghanistans stammt, oder Abdul Qadir. Qadir entsprang einer Familie, die großen Einfluss im paschtunischen Osten Afghanistans um Dschalalabad genoss.

1998 besiegten die Taliban Dostum in Masar-e Scharif. Dostum ging ins Exil. Wenig später verloren auch die Hezb-i-Wahdat-Truppen ihre Gebiete an die Taliban. Die Taliban ermordeten in der Folge um die 4000 Zivilisten in und um Masar-e Scharif in einer gezielten Kampagne. Ahmad Schah Massoud blieb der einzige Kommandeur, der seine Gebiete erfolgreich gegen die Taliban verteidigen konnte. Pakistan unterstützte die Offensiven der Taliban, konnte jedoch keine Niederlage Massouds herbeiführen. Die Taliban boten ihm wiederholt eine Machtposition an.

 Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militärischem Druck und einer globalen politischen Agenda an. Ressentiments und Widerstand gegen die Taliban, ausgehend von den Wurzeln der afghanischen Gesellschaft, wurden immer stärker. Dies betraf auch die paschtunischen Gebiete. Insgesamt flohen schätzungsweise eine Million Menschen vor den Taliban. Im Oktober 2001 wurde Die Erste Taliban-Regierung von Truppen der afghanischen Vereinten Front in Zusammenarbeit mit amerikanischen und britischen Spezialeinheiten in einer US-geführten Intervention gestürzt. Ihre Anführer konnten sich durch einen Rückzug nach Pakistan halten.

Am 11.September 2001 wurden terroristische Anschläge in den USA verübt, die zum Tod von mindestens 2993 Menschen führten und als terroristischer Massenmord angesehen werden. Nach diesen Anschlägen bekräftigte der UN-Sicherheitsrat den Vereinigten Staaten das Recht zur Selbstverteidigung. Nach Auffassung der USA und anderer Regierungen wurde dadurch ein militärischer Einsatz in Afghanistan völkerrechtlich legitimiert. Noch am 19. September 2001 forderte der UN-Sicherheitsrat die Talibanregierung in Afghanistan dazu auf, Osama bin Laden „sofort und bedingungslos“ auszuliefern.

Ab dem 7. Oktober 2001 intervenierten die Vereinigten Staaten mit der Operation Enduring Freedom militärisch in Afghanistan. Sie unterstützten zunächst mit massiven Luftangriffen Bodentruppen der Vereinten Front (Nordallianz) in einer Großoffensive gegen die Taliban. In den darauffolgenden Monaten wurde das Talibanregime in Afghanistan gestürzt. Die Talibanführung um Mullah Omar floh nach Pakistan. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen wurde eine Übergangsregierung gebildet, die durch ausländische Truppen (ISAF) unterstützt wurde. Von 2003 an führten die Taliban von Pakistan aus eine terroristisch-militärische Kampagne gegen die Islamische Republik Afghanistan und die internationalen Truppen der ISAF in Afghanistan. Hierbei verübten die Taliban offenbar mehr als doppelt so häufig gezielte Anschläge gegen die afghanische Zivilbevölkerung wie gegen die afghanischen oder internationalen Truppen. 2004 wurde in Afghanistan eine demokratische Verfassung verabschiedet, das Land wurde dadurch offiziell eine demokratische Islamische Republik.

In Pakistan formierten sich die Taliban neu. Dies passierte, obwohl Pakistan sich offiziell als Verbündeter der NATO ausgibt. Im Juni 2011 bestätigten die USA überraschend, dass sie mit den Taliban direkt verhandeln. Seit 2015 versuchten die Taliban in Afghanistan Regionen zu erobern. Im Sommer 2016 standen bis zu einem Drittel Afghanistans nicht mehr unter Kontrolle der Regierung. Russland unterstützte seit 2015 Verhandlungen mit den Taliban. Von 2014 bis 2019 sind 45.000 Soldaten der afghanischen Nationalarmee im Kampf gegen Gruppierungen wie die Taliban und den „Islamischen Staat“ in Afghanistan gefallen. Kein einziger US-Soldat starb 2020 in Afghanistan im Kampf gegen die Taliban, da sich die USA im Kampf gegen die Taliban weitgehend auf die Luftunterstützung der afghanischen Streitkräfte beschränkten. Die Taliban töteten außerdem berechnend und gezielt progressive Politiker, Journalisten, Aktivisten, die entgegen der islamischen Auffassung der Taliban für den Aufbau einer vielfältigen, modernen Gesellschaft stehen.

Im Sommer 2021 konnten die Taliban weite Teile des Landes einnehmen und die durch die USA bestens gerüstete afghanische Nationalarmee (ANA) größtenteils zerschlagen. Die Taliban rekrutierten ihre Kämpfer beziehungsweise Islamisten nicht nur aus Afghanistan, sondern auch aus Pakistan, wo ebenfalls Millionen Paschtunen leben und noch weiteren anderen Ländern. In der politischen Führung Afghanistans gab es keine wirkungsvolle Strategie gegen die Taliban.

Nach dem Sieg über die afghanische Hauptstadt Kabul haben die Taliban den Krieg für beendet erklärt.

Eine kurze Geschichte der Taliban

Haben Sie heute schon einen Zebrastreifen überquert,

 oder haben Sie vor einem Zebrastreifen angehalten?

Die Streifen sind in Deutschland und in Österreich weiß, daher werden diese dort umgangssprachlich meistens Zebrastreifen bezeichnet. In der Schweiz sind die Streifen gelb, daher hat sich die Bezeichnung Zebrastreifen dort aber auch nicht entwickelt.

Ein Schutzweg ist gemäß § 2 Abs. 1 Z 12 StVO 1960 „ein durch gleichmäßige Längsstreifen (sogenannte „Zebrastreifen“) gekennzeichneter, für die Überquerung der Fahrbahn durch Fußgänger bestimmter Fahrbahnteil“. Das Verhalten von Fahrzeuglenkern vor einem Schutzweg ist im § 9 Abs. 2 StVO, das Verhalten von Fußgängern – und damit auch das Queren der Fahrbahn auf Schutzwegen – ist in § 76 StVO geregelt. Schutzwege vor Schulen werden temporär oft zusätzlich durch Polizisten oder Schülerlotsen gesichert, um Schülern eine problemlose Benutzung des Schutzweges zu ermöglichen.

Der Fußgängerübergang ist eine Querungsanlage auf Straßen für Fußgänger und Rollstuhlfahrer. Ein Fußgängerüberweg ist neben dem Hinweis mit entsprechender Beschilderung oder Ampeln durch breite Linien auf der Fahrbahn gekennzeichnet, die ebenfalls als Verkehrszeichen dienen. Da zwischen Gehsteig und Fahrbahn in den meisten Fällen ein Niveauunterschied (Stufe) besteht, wird die Bordsteinkante an Fußgängerüberwegen in der Regel abgesenkt oder abgeschrägt, um ein leichteres Überqueren auch mit Kinderwagen, Rollstühlen oder Handkarren zu ermöglichen.

Seit wann gibt es eigentlich gesicherte Fußgängerübergänge? Na? Bei den höchst zivilisierten Alten Römern: Als Vorgänger der Zebrastreifen gelten die Fußgängerfurten in Form von auf den Fuhrwerk-Fahrbahnen verteilten Trittsteinen im Straßennetz des Römischen Reiches. Sie ermöglichten den Fußgängern eine sicherere Querung der Straße, da Wagenführer zur erhöhten Aufmerksamkeit gezwungen wurden.

Dann versanken die meisten Fußgänger – im Gatsch. Erst im 19. Jahrhundert nahm in den großen Städten der Verkehr stark zu. Die Fußgänger konkurrierten hier mit den von Pferden gezogenen Wagen, Droschken, Kutschen und Bussen. Es war äußerst gefährlich für Fußgänger damals, da meist erst im letzten Moment gebremst wurde.

Pedestrian Crossing“, die direkte Übersetzung von Fußgängerüberweg, taucht in der Zeitung erstmals 1913 im Zusammenhang mit Straßenbahnen auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm in den westlichen Städten der Automobilverkehr stark zu. Fußgängern gelang es oft nur mit Risiken, eine belebte Straße zu überqueren. Die Britische Regierung nahm sich dieses Problems an, ließ 1948 an Verkehrskreuzungen in London Straßenmarkierungen in Form von zwei parallelen punktierten Linien anbringen und veröffentlichte Schulungsfilme zum sicheren Überqueren stark befahrener Straßen.

Der Zebrastreifen taucht in internationalen Vereinbarungen erstmals in dem am 19. September 1949 in Genf unterzeichneten Protokoll über Straßenverkehrszeichen auf. Die Konferenz der Vereinten Nationen über Straßen- und Automobilverkehr fand im September 1949 statt und endete mit der Unterzeichnung eines Abkommens über den Straßenverkehr und eines Protokolls über Straßenverkehrszeichen. Gleichzeitig wurde das Abkommen über die Vereinheitlichung der Wegezeichen vom 30. März 1931 aufgehoben. Diese internationalen Abkommen mussten allerdings noch von den nationalen Parlamenten ratifiziert werden.

Die Zebrastreifen wurden in Mitteleuropa zu Beginn der 50er Jahre eingeführt. Der Vorrang für Fußgänger auf Zebrastreifen wurde erst ca. Mitte der 60er Jahre festgelegt.  Danach wurden allerdings viele Fußgängerübergänge beseitigt, um den Verkehrsfluss aufrechtzuerhalten, wie es in einem Fachartikel von 1967 hieß. Damals galt noch der Vorrang des Autos allüberall.

Gesetze und Verwaltungsvorschriften richten sich heute zunehmend nach der Wahrnehmung durch Fußgänger und Fahrbahnbenutzer. Dies schließt ein, dass ein Zebrastreifen nicht überall sinnvoll ist, wo er nach der Rechtslage eingerichtet werden könnte. Es wird befürchtet, dass der Rechtsanspruch für Fußgänger auf Vorrang in der Praxis oft dazu führe, dass diese nicht mehr im erforderlichen Umfang auf den Straßenverkehr achten. Erhöht sich die Sicherheit dadurch nur scheinbar?

Die Akzeptanz von Zebrastreifen durch die Verkehrsteilnehmer spiegelt sich in dem für Straßenverkehrsdelikte ausgesprochenen Strafmaß im Laufe der Zeit. Das Wort „Zebra Crossing“ taucht in der Londoner Times erstmals 1951 im Zusammenhang mit dem Tod einer Frau auf, die auf dem Zebrastreifen die Straße überquerte, kurz vor Erreichen der anderen Straßenseite stehenblieb und von einem Auto überfahren wurde. Der Fahrer bekannte sich schuldig und wurde wegen Fahrlässigkeit zu £ 20 und wegen Missachtung der Fußgängerpriorität zu £ 2 Geldstrafe verurteilt.

Die mit dem Zebrastreifen angestrebte Erhöhung der Sicherheit des Fußgängers beim Überqueren der Straße verkehrt sich häufig ins Gegenteil, wenn irreguläres Verhalten Platz greift.

Daher werden, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, immer wieder Versuche gestartet die Wahrnehmbarkeit der Schutzwege zu verbessern. Dennoch, „ganz sicher“ ist diese Einrichtung nicht. Besonders bei geregelten Kreuzungen und abbiegenden Lastwagen kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen sowohl mit Radfahren als auch mit Fußgängern. Dagegen könnte ein gesetzlich vorgeschriebener „Abbiegeassistent“ helfen. Das ist eine sicherheitswirksame technische Einrichtung in Kraftfahrzeugen, die Verkehrsteilnehmer als Radfahrer oder Fußgänger im direkten Umfeld am Fahrzeug erkennt und den Fahrzeugführer akustisch, optisch, taktil oder in sonstiger Weise warnt, um dann bei Bedarf eine Notfallbremsung einzuleiten.

Ausgelöst durch einen Unfall in Wien, bei dem ein Bub durch einen nach rechts abbiegenden LKW getötet wurde, begann die Diskussion über eine Verpflichtung schon vor einer EU-weiten Regelung. Nach Empfehlung und Förderung zum freiwilligen Einbau österreichweit, sollte nach einem Verordnungsentwurf durch die Stadt Wien, ab 1. April 2020 ein Abbiegen nach rechts von LKWs mit einem Gesamtgewicht über 7,5 Tonnen ohne Assistenten nicht mehr erlaubt sein, was einer Verpflichtung zum Einbau gleichkommt. Diese Verordnung wurde jedoch auf Grund der Corona-Regelungen noch immer nicht umgesetzt.

Und alles ist noch viel komplexer geworden, seit es viele weitere Fahrzeuge – wie Fahrräder, Lastenrädert, Elektroroller etc. auf den Straßen gibt.

Falls Sie heute einen Zebrastreifen queren, passen Sie dennoch auf (wie der sprichwörtliche Haftelmacher), denn es gibt Fahrzeuge, die sich nicht an die Regelungen halten.

Haben Sie heute schon einen Zebrastreifen überquert,

„Das Leben ein Fest“ Lovis Corinth im Oberen Belvedere

Ein Plakat hat mich auf die Ausstellung aufmerksam gemacht: Lovis Corinth, im Oberen Belvedere.  Ich hatte in anderen Ausstellungen einzelne Bilder von ihm gesehen und war daher an einer Gesamtschau interessiert. Vom wirtschaftlichen Standpunkt ist es nicht besonders schlau, sich einzelne Ausstellungen in großen Häusern – die vieles zu bieten haben – anschauen. Ich finde aber, dass man auf eine Malerpersönlichkeit, ein Thema, eine Landschaft eingehen können soll, und sich nicht durch anderes ablenken lassen soll. Daher kaufe ich mir lieber Jahreskarten, dann kann ich beliebig oft hingehen und mich auch entsprechend konzentrieren.

Diese Ausstellung heißt „Das Leben ein Fest“.

Ganz zu Beginn, als ich seine Biographie las, fiel mir auf, dass Corinth 1858 als Franz Heinrich Louis Corinth in Tapiau, Ostpreußen geboren wurde, und in Königsberg seine erste Ausbildung erhielt. Heute ist Kaliningrad eine russische Exklave an der Ostsee. Königsberg war seit 1724 die Königliche Haupt- und Residenzstadt in Preußen. Die Stadt wurde in der Deutschordenszeit gegründet. Ich habe sie leider nie besucht.

Aber Corinth blieb nicht dort – er ging an die Kunstakademie in München, die zu der Zeit als bedeutendstes Zentrum für Malerei neben Paris galt und mit der Kulturszene dieser Stadt in engem Austausch stand. Er reiste viel, kehrte aber nach München zurück. Corinth zog im Herbst 1901 nach Berlin und wurde Mitglied der Berliner Secession. Auf einer Reise an die pommersche Ostseeküste kamen Corinth und Charlotte Berend, seine sehr begabte Schülerin, einander näher und begannen eine Beziehung. 1902 bis 1904 arbeitete Corinth mit dem Regisseur und Theaterbesitzer Max Reinhardt zusammen. 1904 heirateten Lovis Corinth und Charlotte Berend, die sich für den Doppelnamen Berend-Corinth entschied. 1904 kam ihr gemeinsamer Sohn Thomas Corinth auf die Welt, die Tochter Wilhelmine Corinth folgte fünf Jahre später 1909. 1914 bereiste Corinth Monte Carlo und Rom, dort vor allem den Vatikan, um sich die Fresken von Raffael anzuschauen. Danach führte seine Reise nach St. Moritz, wurde dort jedoch aufgrund des beginnenden Ersten Weltkrieges unterbrochen.

Lovis Corinth erlitt in seinem 54. Lebensjahr einen rechtshemisphärischen Schlaganfall, den er um 14 Jahre überlebte. Er kämpfte anschließend weniger gegen seine motorische Behinderung, die sein Wirken nicht relevant beeinträchtigte, als viel eher mit seinem neuropsychologischen Defizit, welches deutliche Auswirkungen für seine künstlerische Produktion hatte. Über die Hälfte seines künstlerischen Lebenswerks entstand in dieser Zeit. Mich hat dieses Faktum besonders interessiert, da ja mein leider verstorbener Mann zwar keinen Schlaganfall aber eine Gehirnblutung erlitten hatte, und die darauffolgenden Jahre mit seinem starken Willen und Disziplin die Mehrzahl seiner Bücher schrieb.

In den folgenden Jahren entstanden damals populäre Kriegsbilder, Im März 1918 veranstaltete die Berliner Secession eine Ausstellung zum 60. Geburtstag Corinths, im selben Jahr ging der Krieg zu Ende, das Kaiserreich brach zusammen und wurde durch die Novemberrevolution und die nachfolgende Weimarer Republik abgelöst. Corinth sah sich dadurch in seinem Glauben an die deutsche Malerei erschüttert.

Im Jahr 1919 kaufte Lovis Corinth ein Grundstück in Urfeld, auf dem seine Frau Charlotte Berend ihm ein Haus baute. Das Haus am Walchensee wurde zum Rückzugsort des Künstlers, an dem er vor allem Landschaftsbilder, Porträts und Stillleben produzierte, sich von der aktiven Kunstszene allerdings auch immer mehr zurückzog. Am 17. Juli starb 1925 er in Zandvoort nahe Amsterdam an einer Lungenentzündung.

Interessant für mich bei dieser Ausstellung war das Faktum, dass Lovis fast jedes Jahr ein Selbstbildnis – rund um seinen Geburtstag schuf, und da die Bilder sehr wirklichkeitsnah schienen, war dieser Alterungsprozess schon faszinierend. Weiters fand ich einen Film – genannt „die Hand“ spannend, leider nur in schwarz-weiß, in dem der Prozess des Malens des Künstlers abgebildet war.

Die meisten Bilder dieser Ausstellung haben mich fasziniert, manche haben mir sehr gut gefallen, andere haben mich einfach abgestoßen (z.B. die Schlachthausbilder). Es ist keine Frage, Lovis war ein großer Maler, mit wenigen Pinselstrichen konnte er ein großes Gemälde schaffen – ich hatte den Eindruck, dass er sehr ungeduldig gewesen sein muss. Es wird auch berichtet, dass es sehr genoss, als viril wahrgenommen zu werden, und dass er stolz auf seine Eroberungen war. Aber die Bilder besonders von seiner Frau zeugen von Liebe zu ihr. Bezaubernd fand ich die Bilder seiner Kinder.

Die besonders hochgelobten Bilder vom Walchensee waren zwar eindrucksvoll, noch sehr kraftvoll aber mir haben sie weniger gefallen. Irgendwie „gestört“ hat mich die Tatsache, dass sie „schief“ waren, z.B. die Hänge abglitten. Ob das wohl eine Folge des Schlaganfalls war?

Das das Leben ein Fest sein soll, das kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen – bin aber auch keine Künstlerin.  

Ich bin nach dieser Ausstellung nicht in jenen Teil des Belvederes gegangen, wo sich die großartigen mir aber vertrauten Klimts, Schieles, Gerstls, Kokoschkas etc. Bilder befinden, obwohl diese Künstler Corinths Zeitgenossen waren.

Ich empfehle, schauen Sie sich diese Corinth Ausstellung an, es lohnt sich immer über den „heimischen Tellerrand“ hinaus zu schauen.

„Das Leben ein Fest“ Lovis Corinth im Oberen Belvedere

Unterwegs in Wien: Gedanken an die Frühzeit der Vorortelinie

Als wir gestern nach Wien zurückkamen, fuhren wir an der Sagedergasse vorbei. Sie interessiert mich deshalb, weil meine sehr geliebte Großmama mit ihrem ledigen Namen Sageder geheißen hat. Na, so besonders viel fand ich nicht heraus, außer der Bestätigung, dass es keine verwandtschaftliche Bindung gibt. Die Straße heißt nach Anna Sageder, wohl deshalb, weil sie eine „Wohltäterin“ war. Welche Wohltaten sie vollbracht hat, konnte ich nicht feststellen. Ihr Mann war Johann Sageder, der Besitzer des herrschaftlichen Gutes Altmannsdorf und der größten Meierei Wiens.

Unweit dieser Sagedergasse befindet sich eine Schnellbahnstation. Mein Enkel befand, dass ich mit der Schnellbahn sehr rasch zu Hause sein würde. Mir ist die Schnellbahn nicht so vertraut, somit fuhr ich nur bis zum Hauptbahnhof, und dort mit der U1 nach Hause.

Aber vielleicht ist es an der Zeit, mich doch öfter der Schnellbahn zu bedienen. Wenn ich das Netz so betrachte, eröffnet die Schnellbahn ja durchaus Möglichkeiten verschiedener Ausflüge. Aber jetzt wollte ich es genau wissen. Ich erinnere mich, als Kind habe ich die Strecke der Vorortelinie kurz im Türkenschanzpark eingesehen. Wir Kinder warteten dort oft, ob nicht vielleicht ein Zug – mit einer Dampflok – vorbeikäme.

Bereits mit dem ab 1870 erfolgten Bau der Nordwestbahn sowie deren Wiener Kopfbahnhof wurde eine Verbindung Nordwestbahn – Kaiserin-Elisabeth-Bahn – Verbindungsbahn ausführungsreif. Dieses Projekt sollte nach Fertigstellung eine über den Westen Wiens führende Spange zwischen Nordwest-, West- sowie Südbahnhof bilden.

In den frühen Stadtbahnplanungen war die Vorortelinie noch nicht enthalten. Dies änderte sich erst im Zuge der 1890 beschlossenen großen Stadterweiterung nach Osten, als die heutigen Bezirke 11 bis 19 zum 1. Jänner 1892 eingemeindet wurden. Sie sollten nun beim Stadtbahnbau von Beginn an berücksichtigt werden. So ergänzten die Planer das Projekt kurz vor Baubeginn um die sogenannte Vorortelinie, auch wenn die namensgebenden Vororte jetzt ebenfalls alle direkt zur Stadt gehörten. Am 28. November 1892 beschloss die für die Stadtbahn verantwortliche Commission für Verkehrsanlagen in Wien, den Stadtbahnbau überhaupt mit der Vorortelinie in Heiligenstadt zu beginnen.

Im Zuge der Detailplanungen erwies sich die Vorortelinie, die stellenweise den Charakter einer Gebirgsbahn aufweist und vier Tunnels erforderte, als der schwierigste Abschnitt des Stadtbahnnetzes, weshalb ihr Bau etwas zurückgestellt wurde. Vor allem erwies sich der Boden (in den Tegel eingeschalteten feinen Sand) als aufwändig, besonders auch beim Großen Türkenschanztunnel bereitete er große Schwierigkeiten. Ihr Bau begann letztlich erst im Dezember 1893, als die Unterbauarbeiten für den Abschnitt Heiligenstadt–Gersthof in Auftrag gegeben und noch im gleichen Monat begonnen wurden. Ende des Jahres 1894 war dann auch der Abschnitt Heiligenstadt–Hernals schon im Bau. Der Durchschlag des Großen Türkenschanztunnels erfolgte schließlich im Sommer 1895. Für den Tunnelbau auf der Vorortelinie kamen eigens Bergmänner aus Italien nach Wien.

Für das gute Gelingen der drei bergmännisch aufgefahrenen Tunnel stiftete der damalige Stadtbaumeister 1898 in der Krottenbachstraße, nahe dem nördlichen Portal des Großen Türkenschanztunnels, eine Kapelle zu Ehren der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Die Kapelle wurde durch Fliegerbomben zum Ende des Zweiten Weltkriegs beschädigt, und wurde bald darauf abgerissen.

Ursprünglich sollte die Vorortelinie in Wien Penzing einen Anschluss in Richtung Innere Stadt erhalten. Infolge einer Umplanung des Netzes musste dann jedoch zwischen Penzing und Hütteldorf-Hacking, parallel zur bestehenden Westbahn, auf 3,293 Kilometer Länge ein zusätzliches Gleis für die Stadtbahn gelegt werden. Somit übernahm der Bahnhof Hütteldorf-Hacking die – eigentlich für den Bahnhof Penzing vorgesehene – Knotenfunktion im westlichen Stadtgebiet. Dieses zusätzliche Gleis, gehörte allerdings nicht der Commission für Verkehrsanlagen in Wien, sondern der Staatsbahn, weshalb die Verlängerung nach Hütteldorf-Hacking auch nicht Teil des engeren Stadtbahnnetzes war.

Letztlich ging die Vorortelinie, als erstes Teilstück der Stadtbahn überhaupt, am 11. Mai 1898 zwischen Penzing und Heiligenstadt in Betrieb. Am 1. Juni 1898 wurde sie dann in die Brigittenau erweitert. Die Vorortelinie war dabei lange Jahre für den Güterverkehr bedeutender als für den Personenverkehr. Dadurch konnte das Wilhelminenspital mit Kohle versorgt werden, weitere Gleisanschlüsse führten zu den Unternehmen Julius Meinl, Warchalowski (ein österreichischer Hersteller von Kleintraktoren), Österreichische Tabakregie und Manner.

Im Gegensatz zum übrigen Netz der Dampfstadtbahn blieb die Vorortelinie auch während und nach dem Ersten Weltkrieg fast durchgehend in Betrieb, wenn auch zeitweise stark ausgedünnt. Am 11. Juli 1932 endete aufgrund der wirtschaftlichen Rezession der reguläre Personenverkehr, bevor die Strecke zum 1. Juli 1934 in Folge der Auflösung der Commission für Verkehrsanlagen in Wien vollständig zur Staatsbahn kam. Diese bediente die Strecke im Personenverkehr fortan nur noch sporadisch in Form der sogenannten Bäderzüge, die zwischen Juni und September von Hütteldorf über Heiligenstadt zum Praterspitz an der Donauuferbahn verkehrten. Sie waren darüber hinaus auch für das 1927 eröffnete Hohe Warte-Bad und das 1928 eröffnete Kongressbad von Bedeutung.

Im Gegensatz zur elektrischen Stadtbahn überstand die abseits der wichtigen Bombenziele gelegene Vorortelinie den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet. (wird fortgesetzt)

Unterwegs in Wien: Gedanken an die Frühzeit der Vorortelinie

Ein nostalgischer Sonntagsausflug

nach Pernitz, ins Piestingtal

Mein Enkel – Mitbewohner – teilte mir am Samstag mit, dass er am Sonntag tagsüber nach Pernitz fahren würde. Da ich schon erwogen hatte, irgendeinmal eventuell mit dem Zug nach Pernitz zu fahren, um das Grab meiner Eltern zu besuchen, fragte ich, ob ich mitfahren könne, da ich auch nichts anderes vorhatte. Dazu ist zu bemerken: Zugfahrt in Summe 2 Stunden, Autofahrt eine Stunde, ja, man kann im Zug lesen …).

Ganz so schnell ging’s zwar auch nicht, erst musste das Auto geholt werden, auf einen Freund, gewartet werden, aber wir waren (für meine sonstigen Sonntagsverhältnisse) dennoch früh dran. Es war vormittags ein strahlend sonniger Tag und ich mag ja diese Strecke gerne, selbst über die Autobahn. Weinberge, der Schneeberg im Dunst in der Ferne, die Föhren im Steinfeld und dann die dicht bewaldeten Berge der Voralpen, trotz Dürre ist es noch immer sehr grün, auch wenn die Getreidefelder schon abgeerntet sind.

Das Piestingtal wird dann immer enger, das gipfelt wohl in der Quarb, die in früheren Zeiten oft überflutet war und sowohl der Auto- als auch der Bahnverkehr unmöglich wurde (aber es wurde viel in Hochwasserschutz seither investiert). Im Tal sind noch immer Fabriken angesiedelt, das stammt aus der Zeit, als Wasser die Antriebskraft war. Und daher gibt es auch noch die Bahnstrecke, denn ohne diese Fabriken wäre sie wohl schon längst eingestellt.

Bei der Einfahrt stellte ich fest, dass der Einkaufsort Pernitz (Mit Billa, Penny und SPAR) jetzt auch einen Hofer bekommen wird, am Rand des Ortes, mit großem neuem Parkplatz (der ADEG, mitten im Ort, ebenfalls mit großem Parkplatz steht leer!) Es wird schon sehr viel zubetoniert, wo bleibt die Raumplanung?

Aber das alles lassen wir hinter uns, kommen in unseren Garten, in unser Haus. Ich sage so locker – „unser Garten, unser Haus“, das ist es nicht mehr, es gehört meiner Tochter, und wird von ihr und ihren Kindern genutzt. Vieles wurde verändert, …

Ein Weilchen schaue ich mich um, aber dann mache ich mich auf: zum Friedhof. Früher war das ein kurzer Spaziergang, heute dauert’s schon erheblich länger und strengt mich auch an, naja, jünger werde ich halt nicht. Vor allem „der Abschneider“, war keine gute Idee. Wege im Wald, mit Wurzeln und Steinen selbst wenn sie nicht besonders steil sind, sind leider eine Herausforderung, besonders wenn noch Bockerln herumliegen. Da fühle ich mich dann unsicher (vielleicht hätte ich die Walking Sticks mitnehmen sollen), aber auf der Hauptstraße mag ich dann doch nicht gehen. Viel wurde auch neu gebaut, verändert… Die Menschen hier pflegen ihre Gärten, ihre Blumenkistln liebevoll, einige „Natur-Garten-Taferln“ habe ich gesehen.

Letztlich erwische ich den Raimundweg, den ich schon immer gerne gegangen bin, am Waldrand, entlang der Berge. Vieles, das früher „offen“ war ist fast vehement eingezäunt worden, hohe Zäume, dichte Hecken verstellen den Blick. Aber auch die Wiesen, auf denen früher Kühe grasten sind nicht mehr zugänglich. Letztlich finde ich ein Wegerl durchs Gras um vom Raimundweg zum, Friedhof zu gelangen.

Ich gehe quer durch den Friedhof, bleibe da und dort stehen, „um alte Freunde und Verwandte zu besuchen“, mich an gemeinsame Unternehmungen zu erinnern, ihrer einfach zu gedenken. Eine alte Frau scheint das wahrgenommen zu haben, sie fragt mich freundlich: “Suchen Sie jemanden, vielleicht ihren Mann?“ Die Menschen sind hilfsbereit hier, man grüßt einander auf der Straße, derartiges bin ich gar nicht mehr gewöhnt. Jetzt durchquere ich aber doch den Ort. In dem Haus, in dem ich viel Zeit verbracht habe, es gehörte der Familie meiner Tante, dann meiner Cousine, die mir sehr nahegestanden ist, wohnt jetzt eine meiner Nichten mit ihrer Familie. Sie werken im Garten und hüten den Hund ihrer Kinder. Wie in alten Zeiten bleib ich am Zaun stehen, um zu plaudern, die Familiennachrichten auszutauschen, ich muss mich schon sehr anstrengen um den genannten Vornamen der richtigen Familie zu zuordnen.

Ich setze mich ein Weilchen in die Kirche, in der alles so vertraut ist. Es ist kühl, hier herinnen. Sie ist dem Heiligen Nikolaus gewidmet. Seine Statue steht noch hier, sowie jene des Heiligen Sebastian – und die Marienstatue mit vielen brennenden Lichterln davor. Ich komme noch bei einem Haus eines Onkels vorbei – eine junge Frau bringt gerade Pizzaschachteln dorthin, ich frage nach der Familie die dort gewohnt hat – ja, meine Cousine ist gestorben und hat das Haus ihren Kindern vermacht, die es verkauft haben. Jetzt wohnen Fremde drinnen – also kein Halt am Zaun.

Jetzt bleibt noch das Doppelhaus. In einem Teil hat meine geliebte Großtante (ich habe unter Tante P. über sie geschrieben) gewohnt, wo meine Eltern und ich im „Bodenzimmer“ den Sommer über eine Bleibe hatten, und das Haus daneben, wo jetzt eine weiter Cousin wohnt, die aber nicht zu Hause ist. Alles wurde umgebaut, erneuert, verschönert. Im Haus der Großtante wohnt jetzt ein Cousin von mir, der Spielgefährte meiner Sommer mit seiner Frau. Sie wohnen eigentlich in Deutschland und kommen nur in den Ferien hierher.  Das Haus wird wohl veräußert werden, wenn sie es nicht mehr nutzen können, denn die Kinder wohnen zu weit weg – in München und in Berlin.

Da kann ich ja von Glück reden, dass meine Kinder und Enkel unser Haus in Pernitz bis auf weiteres zu benutzen gedenken.

Ein nostalgischer Sonntagsausflug

Ketzerische Gedanken anlässlich des Lesens eines Buches: die Rattenlinie

Ich lese gerade ein Buch, das mit viel zu denken gibt. Es ist teilweise recht mühsam zu lesen, da es eigentlich ein Bericht einer Recherche ist – daher sehr viele (mehr oder minder) relevante Details enthält. Und es geht manchen Situationen in alle Verästelungen nach, die aber dann doch keine Rolle spielen. Besonders „die Suche nach der Wahrheit“ ist im Gegensatz zu der „Liebesgeschichte“ einigermaßen „sperrig“, wenn auch sehr aufschlussreich.

Das betreffende Buch heißt „Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht: Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit“, geschrieben von Philipe Sands.

Das kann man bei Amazon dazu lesen: „Eine unfassbare Geschichte über Liebe, Intrigen und Spionage rund um die berüchtigte Fluchtroute der Nazis über den Vatikan nach Argentinien: Meisterhaft erzählt von dem bekannten Menschenrechtsanwalt und Bestsellerautor Philippe Sands.

Im Mittelpunkt stehen Leben, Flucht und Tod des SS-Offiziers Otto Wächter, Spross einer der angesehensten Familien Österreichs, zunächst Jurist in Wien und ab 1939 NS-Gouverneur von Krakau bzw. ab 1942 von Galizien. Nach 1945 als Massenmörder gesucht, gelingt ihm die abenteuerliche Flucht in den Vatikan unter den Schutz des Bischofs Hudal. Doch bevor er sich nach Argentinien absetzen kann, stirbt er 1949 überraschend.

Jahrzehnte später begegnet Philippe Sands Ottos Sohn Horst Wächter. Es ist der Beginn einer komplexen Ermittlung: Horst behauptet, sein Vater sei vergiftet worden. Sands beschließt, die Wahrheit herauszufinden.

Ausgehend von den privaten Briefen und Tagebüchern der Familie Wächter, gelingt ihm ein intimes, verstörendes Porträt des SS-Mannes und seiner Frau. Dabei lässt er uns auch an seinen Begegnungen mit Horst Wächter teilhaben – und damit an der Beziehung zweier Männer, die auf unterschiedlichen Seiten der Geschichte stehen.“

Dieser Text hat mich auch dazu „verführt“ das Buch zu lesen.  

Rattenlinien war die von US-amerikanischen Geheimdienst- und Militärkreisen geprägte Bezeichnung für Fluchtrouten führender Vertreter des NS-Regimes, Angehöriger der SS und der Ustascha nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aufgrund einer aktiven Beteiligung hochrangiger Vertreter der katholischen Kirche an den Fluchtrouten trugen sie bis zur Beteiligung des US-amerikanischen Geheimdienstes den Namen „Klosterrouten“.

Die Fluchtrouten führten über Italien (meist von Südtirol nach Genua) oder über Spanien (das unter Herrschaft des mit Hitler verbündeten Diktators Franco stand) nach Südamerika und dort hauptsächlich nach Argentinien, wo der Sympathisant Juan Perón 1946 die Präsidentschaftswahlen gewann, aber auch in Länder der arabischen Welt. Über diese Routen gelang es nach dem Zweiten Weltkrieg einer großen Zahl von NS-Tätern, Faschisten und Kollaborateuren aus verschiedenen europäischen Ländern, einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen.

Als Kopf der Fluchtorganisation gilt der faschistische kroatische Franziskaner-Priester Krunoslav Draganović (* 30. Oktober 1903; † 5. Juli 1983), der diese Fluchtroute bereits 1943 vorbereitete und zusammen mit dem österreichischen Bischof Alois Hudal (* 31. Mai 1885 in Graz; † 19. Mai 1963 in Rom) organisierte. Viele der Nationalsozialisten und Ustascha-Leute ehrten Draganović mit dem Namen „Goldener Priester“. Er war nachweislich bis 1962 für das Counter Intelligence Corps (CIC) der USA tätig; ihm wird ferner nachgesagt, sowohl für den britischen als auch den jugoslawischen und den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Hudal besorgte den flüchtigen Nationalsozialisten Ausweiskarten („Carta di riconoscimento“), die das „Österreichische Bureau“, eine halboffizielle Vertretung in Rom, ausstellte. Bei Verdacht kam den Flüchtlingen außerdem die Unterstützung von päpstlichen Hilfsstellen zugute, die die Identität der Flüchtlinge beglaubigten und zudem die Visa beschafften, während das Italienische Rote Kreuz für die Organisation der Pässe zuständig war. Unterstützt wurden die Flüchtigen auch vom deutschen Verein Stille Hilfe, der in seiner Anfangszeit von hochrangigen Repräsentanten der deutschen Kirchen protegiert wurde.

In manchen Fällen wurden die Nationalsozialisten und Ustascha-Leute sogar über gefälschte Papiere als Überlebende von Konzentrationslagern ausgegeben. Wie der amerikanische Geheimdienst herausfand, halfen häufig Angestellte des argentinischen Konsulats in Barcelona gegen ein hohes Honorar, diese falschen Papiere zu beschaffen. Begünstigt wurde die Fluchtorganisation auch durch das Einwanderungsabkommen zwischen Argentinien und Italien, das es erleichterte, Flüchtige über Italien nach Argentinien zu schleusen.

Was ich (für mich) herausfand – andere mögen das schon lange gewusst haben – ist die Tatsache, dass die Amerikaner bald nach Beginn des Kalten Krieges die Verfolgung von Kriegsverbrechern aufgaben und im Gegensatz dazu versuchten, diese als „Spione“ zu rekrutieren. Österreich hinwieder wird weltweit vorgeworfen, seine – also diese – Vergangenheit lange nicht aufgearbeitet zu haben. Sie wird derzeit mit aller Akribie aufgearbeitet. Aber dennoch sehe da eigentlich ein zwiespältiges Verhalten. Den USA wird „nachgesehen“, dass sie Deutsche, also auch Kriegsverbrecher, rekrutierte und ihre Verbrechen übersah, und den Menschen in Österreich wird unterstellt, sich “der Schuld“ zu spät und nicht ausreichend zu stellen.

Es waren für alle Österreicher damals schwierige Zeiten – nach dem Zweiten Weltkrieg – und viele der Menschen hatten große Sorgen ums nackte Überleben im besetzten Österreich. Da werden Prioritäten manchmal anders gesetzt, als die Nachgeborenen, die diese Sorgen zum Glück nicht kennenlernen mussten – es fordern.

Ketzerische Gedanken anlässlich des Lesens eines Buches: die Rattenlinie

Wo liegen die Quellen, die das Hochquellwasser nach Wien (und Umgebung) liefern?

Die sogenannten Wiener Hausberge sind nicht nur ein Naherholungsgebiet, sie beherbergen auch das Quellgebiet des Wiener Hochquellwassers: Das Wasser der Ersten Leitung stammt aus dem Gebiet von Schneeberg, Rax und Schneealpe, das Quellgebiet der II. Wiener Hochquellenleitung den Gebirgsstock des Hochschwabs. Die Schongebiete zum Schutz der Wasservorkommen umfassen insgesamt 675 Quadratkilometer. Sie sind somit größer als die Fläche Wiens. Nur bei einem extrem hohen Wasserverbrauch in Hitzeperioden oder während Wartungsarbeiten an den Hochquellenleitungen ist eine zusätzliche Einleitung von Grundwasser nötig.

Schongebiete sind Gegenden, in denen besondere Regeln gelten, um das Wasser vor Verunreinigungen zu schützen. Aufgrund des großflächigen Quellschutzes hat das Wiener Wasser eine ausgezeichnete Qualität.

Anfänglich ging es um die Quellen am Schneeberg. Da die bestehenden Wasserleitungen nach der Eingemeindung der Vorstädte (1850) für den Bedarf der Großstadt Wien nicht ausreichten, beschloss der Gemeinderat am 12. Juli 1868 auch aufgrund eines starken persönlichen Engagements von Bürgermeister-Stellvertreter Dr. Cajetan Felder, eine neue Wasserleitung zu errichten, das Wasser jedoch nicht aus der Donau zu filtrieren (wie dies bei der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung geschehen war), sondern aus dem Hochquellengebiet am Fuß des Schneebergs zuzuleiten, obwohl Skeptiker sich gegen diese Trassierung gewendet hatten. War‘ net Wien, wann net durt, wo ka Gfrett is, an’s wurdt. Denn des G’frett ohne Grund, gibt uns Kern, halt uns g’sund: Die Skeptiker konnten also überzeugt werden. Einige Tage danach überließ Ernst Karl Graf Hoyos-Sprinzenstein der Stadt Wien die bei seinem Schloss Stixenstein an der Nordostseite des Schneebergs entspringende mächtige Quelle; bereits am 1. Mai 1865 hatte Franz Joseph I. der Stadt Quelle (den „Kaiserbrunnen“) überlassen. Der Kaiserbrunnen entspringt einem Kluft- und Höhlensystem am Schneeberg.

1877 beschloss der Wiener Gemeinderat die Fassung von Quellen oberhalb von Kaiserbrunn und deren Einleitung in die Hochquellenleitung, die Quellen im Großen Höllental, die Fuchspaßquelle (Quelle bei der Singerin), drei kleinere Quellen im Nassbachtal (Übeltalquelle, Albertwiesquelle, Schütterlehnenquelle in Hinternaßwald), und dort dann auch die Reissthalquelle, die Wasseralmquelle sowie weitere drei kleinere Quellen (Sonnleiten-, Schiefauer- und Lettingquelle). Eine Fahrt durch das wildromantische Höllental bringt Sie an vielen dieser Orte vorbei.

Verteilt über den Verlauf der I. Hochquellenleitung mussten zahlreiche Stollen errichtet werden: der Hauptstollen lief im Höllental vom Kaiserbrunnen bis Hirschwang und ist 2.900 Meter lang.

Nach vierjähriger Bauzeit wurde die 95 Kilometer lange Leitung am 24. Oktober 1873 eröffnet. Heute liefert sie rund 62 Millionen Kubikmeter pro Jahr (53 Prozent der Gesamtmenge des Wiener Trinkwassers).

Am 12. April 1944 wurde die I. Hochquellenleitung von Bombenabwürfen in Mitleidenschaft gezogen. Anfänglich wurde der Leitungskanal durch die Druckwellen nahegelegener Einschläge leicht beschädigt. Wesentlich schwerer waren die Folgen eines weiteren Angriffs, der auf der Trasse der Hochquellenleitung lag, am 29. Mai 1944. Der Leitungskanal wurde hier an mehreren Stellen schwer beschädigt. Um die Schäden in Wöllersdorf provisorisch zu beheben, wurde schließlich die Berufsfeuerwehr Wien eingesetzt. Ein Bombenabwurf durch ein russisches Flugzeug am 29. März 1945 brachte bei Neunkirchen die Decke des Leitungskanals zum Einsturz. Der Schaden konnte erst nach Kriegsende behoben werden.

Der Umstand, dass die Hochquellenleitung während der Wintermonate 1876/77 und 1877/78 leistungsmäßig stark hinter den in sie gesetzten Erwartungen zurückblieb, löste bei den zuständigen Stellen hektische Bemühungen aus, durch zusätzliche Einleitungen eine geregelte Versorgung der Stadt mit Trinkwasser herzustellen. Die Erschließung neuer Quellen wurde durch das Wasserrecht verzögert und gipfelte schließlich in der Errichtung der Zweiten Wiener Hochquellenleitung, die 1910 eröffnet wurde.

Für die Trinkwasserversorgung aus der II. Wiener Hochquellenleitung werden täglich bis zu 217 Millionen Liter Wasser vom steirischen Salzatal nach Wien befördert. Das Wasser legt dabei einen Höhenunterschied von 360 Metern in 36 Stunden zurück. Einen bedeutenden Anteil liefert dabei die Kläfferquelle. Sie ist eine der größten Trinkwasserquellen Mitteleuropas. Die Kläfferquelle entspringt 14 Kilometer von Wildalpen entfernt im Steirischen Salzatal, am Nordabhang des mächtigen Hochschwabmassivs. Im Winter dringt nur sehr wenig Wasser aus der Quelle. Im Frühjahr, während der Schneeschmelze, sprudeln 10.000 Liter pro Sekunde aus dem Berg. Das sind 860 Millionen Liter pro Tag.

Das Wasserschutzgebiet rund umfasst die Brunngraben-, Höllbach-, Siebensee-, Schreierklamm sowie die Kläfferquellen. Der Quellspalt dieser Quelle wird über einen circa 90 Meter langen Zugangsstollen erreicht.

Die Versorgung mit Hochquellwasser ist ein laufendes Projekt. In jüngerer Zeit (1965–1968) wurde zunächst der Schneealpenstollen mit einer Länge von 9.680 Metern zur Einleitung der Sieben Quellen errichtet. Mit dem Bau des Lärchsteinstollens (2,6 Kilometer Länge) und des Wetterinstollens (8,1 Kilometer Länge) konnte überdies 1986 die Pfannbauernquelle aus dem Hochschwabgebiet, dem Quellgebiet der II. Hochquellenleitung, in die I. Hochquellenleitung eingeleitet werden.

Wir trinken immer „Wasser aus der Leitung“ ob zu Hause oder im Restaurant, das erspart mir wenigstens das Schleppen von schweren Flaschen und das Entsorgen der Plastikflaschen. Vielleicht bin ich ein Opfer des Werbespruchs aus den dreißiger Jahren: Worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub kommt? Auf Hochquellwasser und… (Damals wurde noch nicht gegendert, aber auch die Wienerin freut sich!)

Wo liegen die Quellen, die das Hochquellwasser nach Wien (und Umgebung) liefern?