Worauf beruht die derzeitige österreichische Flüchtlingspolitik gegenüber Afghanen?

Ist es Intoleranz – Antipathie – Nicht-Akzeptanz – fehlende Empathie?

Österreich zeigt derzeit eine sehr harte Haltung gegenüber neuen Flüchtlingen aus Afghanistan. Mir scheint es, dass stur immer wieder dieselben Phrasen zur Untermauerung des Standpunktes verwendet werden. Ich für meinen Teil genier‘ mich für diese Haltung.

Aber was verursacht diese Haltung – wenn wir jetzt politisches Machtstreben zur Seite schieben: ist es die Erfahrung, die Österreich mit seiner afghanischen Bevölkerung macht? Aber es können doch nicht alle Testosteron-gesteuerte männliche Jugendliche sein, die jetzt Hilfe suchen, es sind jene Leute, die den USA und der NATO gedient haben – und jetzt vom Tod bedroht sind. Es sind sehr gebildete Frauen, die jetzt aus ihren Berufen in die Abgeschiedenheit ihrer Wohnungen – einkommenslos – verbannt werden, zu Inaktivität und Wirkungslosigkeit.

Was treibt diese Politiker an, die doch vorgeben, gebildete Meschen zu sein.  Ist es mangelnde Toleranz für das Leid anderer Menschen? Toleranz ist doch ein Gelten-Lassen und Gewähren-Lassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Das wird ja wohl durch die geforderte Integration verhindert. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, und die ist ja wohl gegeben. Das Wort stammt aus der Zeit der Aufklärung. Im politischen und gesellschaftlichen Bereich gilt Toleranz auch als die Antwort einer geschlossenen Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber Minderheiten mit abweichenden Überzeugungen, die sich in das herrschende System nicht ohne weiteres integrieren lassen. Insofern schützt die Toleranz ein bestehendes System, da fremde Auffassungen zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht zwangsläufig übernommen werden. Die Toleranz schützt aber auch die Träger einer Minderheitsmeinung vor Repression und gilt insofern als eine Grundbedingung für Humanität.

In der Geistesgeschichte des europäischen Kulturraums entstand die Toleranzidee aus der praktischen Notwendigkeit des Staates, das gesellschaftliche Zusammenleben zu ermöglichen, indem abweichende religiöse Bekenntnisse integriert wurden.

Vielleicht empfinden die Politiker eine gewisse Antipathie gegenüber Zuwanderern aus Afghanistan. Antipathie (Abneigung) ist eine Form der spontanen Abneigung, die sich primär dann entwickelt, wenn ein Mensch andere Personen oder Sachen und Gegenstände nicht leiden kann oder nicht mag. Starke Antipathie kann auch als Hass empfunden werden. Das Gefühl von Antipathie ist oft mit einer negativen Wertung gegenüber dem Objekt der Antipathie verbunden. Ich finde, dass Antipathie in den Bereich der privaten Gefühle anzusiedeln ist und für den politischen Diskurs unerheblich sein müsste?  Die Antipathie (Zustand von disharmonischer Resonanz – Dissonanz) ist die reine Wahrnehmung eines Unterschiedes und der Notwendigkeit einer Grenze, damit beide Seiten weiter existieren können. Eine Wertung findet unter dieser Betrachtungsweise nicht statt.

Beim Auftreten von Antipathie stellt man sich durch eine abwertende Haltung über die andere Person und demonstriert damit seine Nichtakzeptanz der anderen Seite. Hinter dieser Nichtakzeptanz steckt die Unvereinbarkeit einer Drittperson mit den eigenen Glaubenssätzen, dem eigenen Weltbild, Selbstbild und Fremdbild des gewünschten Anderen. Durch die Nichtakzeptanz einer Person versucht man, die Konfrontation mit diesem Widerspruch zu vermeiden, indem man sich distanziert. Eine sinnvollere Möglichkeit wäre jedoch die tolerante Anpassung der eigenen Glaubenssätze, Einstellungen und Werthaltungen hin zu einem Weltbild, das auch die betreffende Person als möglichen Interaktionspartner integriert. Aus dieser neuen Sicht heraus ist dann allenfalls sogar eine Sympathie möglich. Mit dieser annehmenden Haltung kann man nun auch die andere Seite so akzeptieren, wie sie ist, mitsamt den allenfalls weiterhin bestehenden Unvereinbarkeiten und der sich ergebenden Notwendigkeit von Grenzen oder Distanz. Diese Gefühle scheinen bei den derzeit in Österreich Herrschenden in der Flüchtlingsfrage zu überwiegen. Wie sonst könnte man überhaupt überlegen, Menschen in dieses chaotische Land zurückzuschicken.

Vielleicht aber ist es fehlende Empathie, die diese Politiker antreibt: das wäre die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden, einfacher ausgedrückt: Mitgefühl zu haben. Angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen wären zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl. Aber die Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung – je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer deuten.

Vielleicht hätte gesellschaftliche Empathie ein hohes Konfliktvermeidungspotential, aber das ist wahrscheinlich ein sehr fernes Ziel, das mit den derzeitigen Politikern kaum zu erreichen scheint. Denn auf Empathie basieren sowohl soziales wie auch moralisches Verhalten.

Ich will nicht unterstellen, dass die Mitglieder einer christlich-sozialen Partei eventuell sogar Hass auf afghanische Flüchtlinge entwickelt haben.

Wie auch immer, welche Erklärungen ich suche, ich kann das Verhalten der Zurückweisung der notleidenden Bevölkerung Afghanistans einfach nicht verstehen.

Worauf beruht die derzeitige österreichische Flüchtlingspolitik gegenüber Afghanen?

4 Gedanken zu “Worauf beruht die derzeitige österreichische Flüchtlingspolitik gegenüber Afghanen?

  1. Hermine Leopold schreibt:

    Danke für ihre großartige Auseinandersetzung. Wir dürfen nur nicht übersehen, dass bereits Unzählige Menschen aus Afghanistan in Österreich leben, die die Werte unserer Gesellschaft ablehnen.
    Dies ist meine große Sorge.

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