Am Heimweg

Dieser Alsergrund, wo ich meine gesamte Kindheit und Jugend verbracht habe, fasziniert mich immer wieder.  Gestern z.B. die Spittelau: Dieses Augebiet gelangte über zwei Schenkungen 1373 und 1377 in den Besitz des Wiener Bürgerspitals. Es diente dem Spital zur Holzgewinnung. Noch im 17. Jahrhundert war das Gebiet eine der Inseln des sogenannten „Wiener Donauarms“ oberhalb der Mündung der Als zwischen Lichtental und Brigittenau. Sie war mit der benachbarten Klosterneuburger Au durch einen Steg verbunden. Während der Pest von 1713/1714 wurde hier eine Quarantänestation eingerichtet und die Menschen in eigens aufgestellten Holzbaracken untergebracht. Es gab dort sogar eine Schule für die Kinder.

Den Charakter einer Insel verlor das Gebiet gegen 1800, als der zum „Festland“ noch bestehende Kanal zusehends zum Verlanden gebracht wurde. Die vormalige Au wurde weiterhin als landwirtschaftliche Fläche genutzt. Das Maschinenhaus der 1835 begonnenen Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung stand in der Spittelau.  1872 erreichte der Bau der Franz-Josefs-Bahn Wien. Die Spittelau wurde weitgehend mit Bahngleisen überzogen.

In der heutigen Zeit fällt dort die Müllverbrennungsanlage Spittelau (mit angeschlossenem Fernheizwerk) auf. Die Anlage (Fassaden und Schlot) wurde durch Friedensreich Hundertwasser gestaltet; die 113 Tonnen schwere Stahlkugel wurde am 16. Juli 1991 aufgezogen (seit 1. Mai 1993 strahlt sie aus 1250 Lichtpunkten).  Jahrelang habe ich sie aus meinen Ausweichsbürofenster vor meinen Augen gehabt.

Für meinen Heimweg habe ich mir auch den Liechtensteinpark ausgewählt.  Eine Oase, wenn man aus der dicht befahrenen Alserbachstraße kommt. Hohe, alte Bäume, darunter eine herrliche riesige Platane, englischer Rasen, ein englischer Park, mit einem Teich, samt kleinen Wasserfall, der friedlich vor sich hinplätschert. Dahinter ein großer, von lebhaften Kindern bevölkerter, Spielplatz. In meiner frühen Kindheit habe ich viele Nachmittage mit meiner Mutter hier in diesem Park verbracht. – noch ohne Spielplatz.

Der vordere Teil des Gartens wurde als Barockgarten angelegt. Die Vasen und Statuen wurden nach Plänen von Giuseppe Mazza vom ortsansässigen Giovanni Giuliani ausgeführt. Um 1820 wurde der Garten nach Plänen von Joseph Kornhäusel im klassizistischen Sinn umgestaltet. Der einige Nachteil dieses Teils des Gartens: die Wege sind mit Kieselsteinen belegt, zwar die kleinen runden Flusskieseln, aber wenn man nicht gerade Schuhe mit dicken Sohlen trägt, spürt man sie einzeln beim Gehen. Ich bewunderte die Dachgärten der Häuser in der Porzellangasse, gerade in diesem Teil, der in Doderers Romanen eine so große Rolle spielt (damals noch ohne Dachgärten) .

Und jetzt musste ich natürlich an Doderers Wohnhaus vorbeigehen und die Strudelhofstiege hinaufnehmen. Ich liebe diese parkartige Stiege, die abwechselnd Stiegen und Schrägen bietet, allesamt wunderschön begrünt. Für die Geländer bin ich heutzutage schon recht dankbar. Teils steinerne, teils metallene Geländer und Kandelaber in Eisenkonstruktion mit sogenannten Maiglöckchen Lampen akzentuieren die inszenatorische Wirkung, die über bloße Verkehrstechnik weit hinausgeht. Den Blick auf das Hotel Strudelhof meide ich, einerseits, weil es dieses Gebäude in meiner Jugend noch nicht gegeben hat und weil ich weiß, dass ich es scheußlich finde. Dankbar bin ich auch für die Bankerln, die an jedem Eckpunkt bereitstehen, und Aussicht auf die Stiege in jede ihrer Ebene bieten.

Ich getraue mich’s fast gar nicht zu sagen: Es war die von Karl Lueger geleitete Stadtverwaltung, die ihrem Stadtbauamt den Auftrag gegeben hatte, den steilen Abhang zwischen diesen beiden Gassenstücken mit einer Stiegenanlage zu überwinden. Das Bauwerk wurde aus Mannersdorfer Kalkstein errichtet und gilt als bedeutendes Bauwerk des Jugendstils. Die Eröffnung fand am 29. November 1910 statt; der „Auftraggeber“ Karl Lueger war zu diesem Zeitpunkt bereits tot; er starb am 10. März 1910.

Ihren Namen verdankt die Strudelhofstiege dem Maler Peter Strudel (also kein Zusammenhang mit Apfel- oder Topfenstrudel), der am Rand einer Geländestufe ein Grundstück besessen und darauf 1690 den Strud(e)lhof errichten hat lassen, in dem er eine private Malerschule einrichtete. Sie wurde 1705 zur kaiserlichen Akademie erhoben (Vorgängerin der heutigen Akademie der bildenden Künste Wien) und bis zu Strudels Tod 1714 betrieben.

Oben in der Strudelhofgasse auf Nummer 13, steht noch in Haus, scharf am Abhang, in dem der damals sehr berühmte Burgschauspieler Raoul Aslan gewohnt hat. Auch seiner gedenke ich – z.B. als Nathan dem Weisen (Gottfried Ephraim Lessing).

In der Boltzmanngasse angekommen, schaue ich gar nicht auf die „Festung amerikanische Botschaft“, sondern nur Richtung Währinger Straße. Dort befand sich einst ein kleines französische Restaurant – der Zugang ist jetzt bereits komplett zugewachsen. Seit dem Verkauf des Clam Gallas Palais in der Währinger Straße im November 2015 von Frankreich im Freihandverkauf, also ohne öffentliche Ausschreibung, an das Emirat Katar, steht es bissel ungenutzt und traurig im nicht besonders gepflegten Garten – schade.

Auch um das benachbarte Palais Chotek schaut es traurig aus. Die früher darin befindliche traditionsreiche Möbel-Manufaktur „Friedrich Otto Schmidt“ wurde aufgelassen, und abgerissen. Das ehemalige Palais Chotek wird nun entkernt, aufgestockt und zu einem großen Hotel umgebaut – das waren die Pläne, außer einer vertaubten Fassade mit Aufklebern, die einen Hotelumbau ankündigen, ist aber keine Aktivität auszumachen.

Nun komme ich noch an dem Wohnhaus meiner Kindheit vorbei –

Was kann man sich von einem Heimweg Schöneres wünschen.

Am Heimweg

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