Ein Pensionistentreff und Psycherlseminare

Reminiszenzen aus meiner langen Arbeitszeit in einer Bank

In den ziemlich lange zurückliegenden Bürozeiten von mir gab es Konflikte – no na! Diese konkreten Konflikte entstanden aus er „Struktur“. Strukturänderungen waren sehr üblich und häufig damals, man erhoffte sich Effizienzverbesserungen, raschere Abwicklung von Projekten, klarere Kompetenzzuordnungen, große Einsparungen, und was da so alles von den Beratern versprochen worden war.  

Wir – die Mitarbeiter – wurden als Organisationsabteilung, als Systemanalyse-Abteilung, als Programmierungsabteilung und dem Rechenzentrum aufgestellt. Die Aufgaben der Projekte, die wir entwickelten, spannten sich über all dieser vier Abteilungen. Der jeweilige Projektleiter aber wurde immer nur aus der „Systemanalyse“ bestimmt. Das führte die einer gefühlten (und gelebten) Hierarchie dieser Abteilungen untereinander. „Jeder“ der Projektbeteiligten fühlte sich gegenüber den Mitarbeitern der anderen Abteilungen als „wichtiger“ und daher überlegener. Das führte naheliegenderweise zu erheblichen Spannungen, da der Projektleiter auch keine “Personalhoheit“ über sein/ihr Team besaß, die Mitglieder „zugeteilt“ und nicht ausgewählt (nach Kompetenzen) wurden. Eventuelle „Belohnungen“ („Promotions“, also Aufstieg im Gehaltsschema) wurde nicht von den Projektleitern „vergeben“, sondern oblag ausschließlich den Chefs dieser vier Abteilungen.  

Das Ergebnis war – bei Projektverzögerungen, Nicht-Erreichen der Projektziele, Überschreiten des Budgets etc. das berühmte „Blame-Game“. Es war zwar der Projektleiter, der dafür verantwortlich gemacht wurde, aber die Mitarbeiter der jeweiligen Abteilungen warfen den Mitarbeitern der anderen Abteilungen halt Unvollständigkeit und Inkonsequenz der Analyse bzw. entsprechender Dokumentation vor, die anderen Gruppe warf der Programmierung fehlerhafte Programmierung vor, das Rechenzentrum klagte über unvollständig getestete Projekte die in Produktion gingen und die Nutzer klagte, dass sie mit derartigen Systemen nicht arbeiten konnten.

Man war reihum unzufrieden. Also beschlossen die Chefs der involvierten Abteilungen die Mitarbeiter gemeinsam auf ein Seminar zu schicken, wo man einander persönlich näher kennen- und verstehen-lernen sollte. Wir – das Fußvolk – nannten solche Veranstaltungen „Psycherl-Seminare“. Hiermit wurden wir alle miteinander gemeinsam in den Alpenhof geschickt. Der Alpenhof war ein bankeigenes Hotel am Semmering (in den guten alten Zeiten gab es nicht nur den Alpenhof, sondern auch ein Haus in Gastein – mehr für feriale Zeiten vorgesehen, wie auch die Ferienanlage am Fiaker-See).

Dort sollten wir – innerhalb einer Woche – unsere gegenseitige Missgunst abbauen.  Wir wurden in Kleingruppen – immer gemischt besetzt – von erfahrenen (Betriebs-)Psychologen betreut. Auch abends gab es irgendwelche Spiele, die unsere gegenseitigen Abneigungen abbauen sollten. Ich glaube nicht, dass diese Woche wirklich sehr viel gebracht hat, außer dass wir eventuell private Seiten unserer Gegenüber besser kennengelernt hatten. Aber das Management war zufrieden, man hatte „Abhilfe“ bei einer Problemlage geschaffen.

Meines Erachtens wäre eine Abhilfe darin gelegen, die streng „hierarchischen“ Systeme überhaupt zu durchbrechen, und den jeweiligen Teams viel mehr Autonomie zu geben (das war natürlich mein Wunsch, als Projektleiter, dem rundherum die Hände gebunden waren), aber – soweit war die Bank damals noch nicht. Es kamen neue Strukturänderungen, gut funktionierende Teams wurden neuerlich auseinandergerissen, Wissen ging verloren, die Bank wurde an eine andere und später noch eine weitere verkauft, wo wieder andere Regeln galten. Aber unglaublicherweise funktionierten die Systeme weiter, bis sie dann von jenen der „Mutterbank“ abgelöst werden mussten. Das geschah lange „nach meiner Zeit“.

Und gestern war ich eingeladen worden (Kontakte ergeben sich z.B. über soziale Medien oder über Pensionsfragen), an einem (normalerweise monatlichen) Pensionistentreff teilzunehmen, der sich aus ein paar ehemaligen Mitarbeitern aus allen diesen oben genannten Gruppen zusammensetzt. Also haben die “Psycherl-Seminare doch genützt – spät aber doch?

Wir trafen uns beim „Orlik“, am Spittelauer Platz. Das Restaurant befindet sich gleich „neben“ einer unserer gemeinsamen Arbeitsstätten, dem „Technischen Zentrum“ am Julius-Tandler-Platz, das sich derzeit innen im Abriss befindet. Dieser grausliche Bau-Lärm begleitete unser Treffen aber nur anfänglich, denn wir saßen Im Schanigarten, um 4 Uhr schienen die Arbeiten beendet. Den Spittelauer Platz habe ich früher nur als „Treffpunkt“ bei Brandschutzübungen wahrgenommen. Dass dort herrliche Platanen Schatten spenden, habe ich eigentlich erst gestern festgestellt

Unsere ehemaligen Chefs hätten ihre wahre Freude an uns gehabt, wie gut wir uns plötzlich vertragen haben. Alte Schnurren wurden erzählt, gemeinsam wurde nach Namen unserer ehemaligen Kollegen nachgedacht, die diversen Chefs auf allen Ebenen „bewertet“ … Es war ein wirklich lustiges Treffen, es wurde nicht über Krankheiten, Probleme mit der Pension oder sonstige Widrigkeiten gesprochen. Auch der Verstorbenen aus unseren Reihen wurde freundlich gedacht. Vielleicht noch einer Besonderheit: wir waren nur zwei Frauen unter einer Männergruppe, das reflektierte auch das frühere Verhältnis.

Jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass man einander respektierte (und wahrscheinlich auch „damals“ respektiert hat- wenn man es damals – Gott behüte – nicht immer gezeigt hat).

Ein Pensionistentreff und Psycherlseminare

4 Gedanken zu “Ein Pensionistentreff und Psycherlseminare

  1. Othmar E.R. PUSCH sen. schreibt:

    Liebe Christa!
    Während Du/Ihr heute Freitag/3.IX.’21 beim Orlik warst/wart, habe ich nahezu gleichzeitig meine Vorsorge/Darmspiegelung machen müssen. Ich konnte bzw. besser ich durfte diesen langgeplanten Termin leider nicht mehr verschieben. Ich war aber in Gedanken bei Euch … als RZ-System_Techniker, als BA-BR & als BA/IBM-RZ_BRV.
    LieGrü/Dein Othi 🙂
    PS: KIS & OLAV forever … heute –> EGA (quasi ’ne Katastrophe).

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