Es ist halt viel hineingepackt ….

Meinte mein Sitznachbar, bei der Aufführung von „Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen.“ von Elfriede Jelinek, als ich darüber klagte, dass ich für derartiges zu alt und zu blöd wäre. Ich weiß, Frau Jelinek ist eine Nobelpreisträgerin und neuerdings auch Wiener Ehrenbürgerin. Castorf – der Regisseur ist ein sehr renommierter Mann: „Castorfs Inszenierungen können dem zugerechnet werden, was seit einigen Jahren, sowohl in der Theaterwissenschaft als auch im Feuilleton, als postdramatisches Theater bezeichnet wird.“ So lese ich. 1994 wurde Castorf mit dem Fritz-Kortner-Preis ausgezeichnet, Im Jahr 2000 erhielt er gemeinsam mit dem Schauspieler Henry Hübchen den Theaterpreis Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung und eine Nominierung für den Nestroy-Theaterpreis, 2002 den Schillerpreis der Stadt Mannheim; 2003 wurde er mit dem Preis des Internationalen Theaterinstituts (ITI) und dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet. Die Zeitschrift Theater heute wählte Castorf in den Jahren 2002 und 2003 zum „Regisseur des Jahres“.

Ich getraue es mich daher kaum zu sagen: aber mir hat diese Aufführung nicht gefallen. Die Schauspieler waren allesamt grandios, auch in ihrer Körperbeherrschung, es wird ihnen allerhand Akrobatik abverlangt. Aber ich muss sie nicht schwitzend in Großaufnahme in ein Microphon sprechend sehen. Und den Titel „Lärm“ trägt das Stück zurecht: es wird teilweise ein höllischer Krach produziert, die Stimmen der Schauspieler – die teilweise sehr rasch sprechen müssen (das erfordert eine ordentliche Portion Konzentration vom Zuschauer) und das sehr laut – übertragen, und unterlagert durch schrille Musik. Schon allein dadurch war ich überfordert.

Ich weiß auch nicht genau, was denn Frau Jelinek mir sagen will? OK, sie kann Kurz nicht leiden. Dass man keine Späße mit Namen machen soll, hat man mich schon als Kind gelehrt, aber die Sprachakrobatin Jelinek kann halt an so einer Chance nicht vorbeigehen. Und noch etwas: kurz vor der Pause – das Stück dauert dreieinhalb Stunden, gibt es eine lange Szene mit fast ausschließlich einem Monolog – und ein Teil davon im Finstern, sorry, aber so gescheit können die Texte gar nicht sein, dass ich in der Lage wäre ihnen zu folgen, ich muss leider gestehen, ich bin das erste Mal im Akademietheater dabei fast eingeschlafen. Und leider bin ich auch nicht so belesen, dass ich die Texte Daniel Dafoes, Fahim Amir, Max Horkheimer (in ansonsten dankenswerter Weise leserlich geschriebenen Programm falsch geschrieben) sowie August Villiers d’Isle Adams erkannt hätte. Nur die Texte Homers habe ich erkannt und die haben mir auch gefallen. Wahrscheinlich wird mir nichts anderes übrigbleiben (hab‘ ich mir schon im Theater gedacht), als den Text – aus dem ja sehr viel gestrichen werden musste, einfach zu lesen. (aber dafür gehe ich doch nicht ins Theater?)

Außerdem: wer welche Rolle spielt, ändert sich von Szene zu Szene. Die Kostüme passen meines Erachtens nicht immer zu dem jeweiligen Text – und warum werden die Sterne von einem blauen Mantel (an die Europafahne gemahnend) heruntergerissen? Und warum trägt eine der Damen eine österreichische Fahne als Umhang – in der Szene, als der Geldautomat geplündert wird (warum eigentlich) und die Damen die Geldscheine essen?

Das erwartete lebende Schwein ist nur sehr kurz wahrzunehmen, es wollte wahrscheinlich mit diesem Tohuwabohu nicht mitmachen, man hört es nur grunzen. Ischgl wird breit dargestellt, mit dem Alkohol und der bekannten Trunkenheit. Auch über die Verbreitung des Virus von dort wird ausreichend gesprochen. Über Impfkampagnen wird sich auch ausgiebig lustig gemacht – oder über die Verschwörungstheorien in diesem Zusammenhang.

Beeindruckend und bedrückend die Schilderung des Schweineschlachtens, um wahrscheinlich auf die Mängel der Bezahlung und der Unterbringung der Fremdarbeiter in diesem Zusammenhang aufmerksam zu machen.

Leider konnte ich den Sinn des Riesenkopfes – eigentlich Helmes – der beständig auf der Bühne steht, innen in einer Art Biedermeiertapezierung (?) aufweist, nicht entziffern. Er trägt permanent die Aufschrift „einer für alle – alle für einen“, allerdings in französischer Sprache, zuweilen scheint auch eine Coca-Cola Reklame darauf auf, dann befinden sich einige Personen drinnen – und werden auf die große Leinwand projiziert, oder schauen beim “Fenster“ (Augen/Mund – der zu öffnen geht) heraus.  

Für mich war es eigentlich eine Reihe von nicht ganz verständlichen Bildern und Aktionen, die nicht in einem Zusammenhang oder in einer zeitlichen Reihenfolge standen. Bunt, schrill und laut.

Jelinek hat die Irrfahrt des Odysseus – insbesondere den Halt bei Kirke, die die Männer in Schweine verwandelt, zum Symbol für die Pandemie gemacht. Gut! Ich kann halt das „Warum “nicht ganz entdecken. Aber wie schon im Theater gesagt, wahrscheinlich bin ich zu alt, zu blöd; diese Postmoderne ist jedenfalls nix für mich.  

Es ist halt viel hineingepackt ….

6 Gedanken zu “Es ist halt viel hineingepackt ….

      1. Ich mag auch moderne Operninszenierungen nicht. Wenn der Zar in „Boris Godunow“ in einem Cabrio über die Autobahn fährt, ist das auch komplett daneben (so gesehen vor ein paar Jahren in der Hamburgischen Staasoper).

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