Derzeit feiern unsere jüdischen Mitbürger ihr Neujahrsfest.

Rosch ha-Schana, Haupt des Jahres, Anfang des Jahres‘, ist der jüdische Neujahrstag. Die Mischna, die wichtigste Sammlung religiöser Überlieferungen des rabbinischen Judentums, legt dieses Fest als Jahresbeginn fest und daraus resultiert die Berechnung der Kalenderjahre.

Und selbstverständlich wünscht man einander ein „Gutes Jahr“: schana tova.

Rosch ha-Schana ist laut Talmud (enthält selbst keine biblischen Gesetzestexte (Tanach), sondern zeigt auf, wie diese Regeln in der Praxis und im Alltag von den Rabbinern verstanden und ausgelegt wurden) Beginn und in der Folge Jahrestag der Weltschöpfung, steht aber auch für den Jahrestag der Erschaffung Adams. Es ist der Tag der Forderung, Bilanz zu ziehen über das moralische und religiöse Verhalten im abgelaufenen Jahr, und man tritt mit Gebeten für eine gute Zukunft vor Gott.

Rosch ha-Schana ist auch, „Tag des Gerichts“: Am Neujahrsfest werden laut Talmud  drei Bücher geöffnet. In das erste werden die ganz „Gerechten“ eingetragen, die sofort das „Siegel des Lebens erhalten“. In das zweite Buch werden die ganz „Bösen“ eingetragen, die das „Siegel des Todes“ erhalten. Und das dritte Buch ist für die „Mittelmäßigen“ bestimmt, die sowohl Sünden wie Verdienste vorweisen können. Das endgültige Urteil bleibt in der Zeit vom Neujahrstag bis zum Versöhnungstag offen. Durch Einkehr und Umkehr ist es möglich, das Siegel des Lebens zu erhalten.

Rosch ha-Schana ist ein Tag des Schofar-Blasens. Der Schofar (Widderhorn) erklingt nach in Tora und Talmud festgelegten Mitzwot (Gebot im Judentum, das sich auf eine einzelne Pflicht bezieht).  

An Rosch ha-Schana beginnen die Zehn ehrfurchtsvollen Tage, die mit dem Versöhnungsfest Jom Kippur enden. (Über Jom Kippur und Sukkot – andere jüdische Feiertage habe ich schon 2018 geschrieben: https://christachorherr.wordpress.com/2018/09/29/feiertage-unserer-mitbuerger/)

Rosch ha-Schana ist kein Trauertag, sondern ein Fest, an dem sich die Juden – wegen Gottes Erbarmen – freuen sollen. Am Morgen vor dem Neujahrsfest findet nach dem Morgengebet das „Entbinden von Gelübden“ statt (vor drei geeigneten halachischen Juden, die für diesen Zweck ein „Gericht“ gebildet haben). Denn am bevorstehenden Tag des Gerichts sollte man nicht von unerfüllten Versprechen belastet sein. Deshalb treten die Gottesdienstteilnehmer nacheinander vor das „Gericht“ und bitten, von ihren Gelübden entbunden zu werden. Manche Gruppierungen haben den Brauch entwickelt, vor Rosch ha-Schana Gräber Angehöriger und „Gerechter“ zu besuchen, um sich durch die Erinnerung an deren Leben für das kommende Jahr inspirieren zu lassen. Man spendet Geld für einen guten Zweck und beendet die alltäglichen Arbeiten bis zum Mittag. Die Synagoge ist zu Rosch ha-Schana ebenso wie der Vorbeter überwiegend in Weiß gehalten. Das soll die Reinheit symbolisieren und geht auf den Vers zurück: „Unsere Sünden sollen so weiß wie Schnee gemacht werden.“  

Die verschiedenen jüdischen Gemeinschaften haben eigene Gebräuche für die Mahlzeit am Neujahrsabend entwickelt, von denen einige weit verbreitet sind. Genuss von Honigkuchen, Zimmes (meist aus Karotten), Weintrauben, süßem Wein und in Honig getauchten Apfel- (oder auch Challa- -Schabbat-Brot)scheiben drücken die Hoffnung auf ein gutes, süßes Jahr aus.

Das Neujahrsfest ist zwar der „Tag des Schofar-Blasens“, am Schabbat allerdings erklingt der Schofar nicht. Nach Maimonides hat das Schofar-Blasen im Neujahrsgottesdienst folgende Bedeutungen:

  • Es symbolisiert die Thronbesteigung Gottes als König der ganzen Welt.
  • Es erinnert an die Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn Isaak zu opfern; Gott aber verlangte diese Tat nicht.
  • Es erinnert an die Gabe der Tora auf dem Berg Sinai.

Die Ordnung von Gebeten, Schofar-Blasen, Kiddusch und Mahlzeiten, die für den ersten Neujahrstag gültig ist, gilt auch für den zweiten Neujahrstag. Es ist aber kein „zweiter Feiertag“, denn beide Tage zusammen bezeichnet der Talmud als einen 48 Stunden dauernden Feiertag. Am zweiten Tag zieht man im Allgemeinen ein neues Kleidungsstück an und stellt eine Schale auf den Tisch, die Früchte enthält, die man zu dieser Jahreszeit noch nicht gegessen hat. Die Segenssprüche bezieht man nun darauf. Am Nachmittag des ersten Tages gibt es den Taschlich-Brauch, nach einem Gebet zur Vergebung von Sünden diese symbolisch durch Werfen von Steinen oder Brotkrumen ins Wasser abzustreifen.

So wie man sich zu Rosch ha-Schana Schana Towa, „ein gutes Jahr“, gewünscht hat, so wünscht man sich in der Zeit nach Rosch ha-Schana, (ab dem 3. Tischri) bis einschließlich Jom Kippur, chatima towa – „eine gute Einschreibung“ [in das Buch des Lebens]. In der Zeit zwischen Jom Kippur und bis einschließlich dem letzten Tag von Sukkot, (Hoschana Rabba) wünscht man sich gegenseitig „möge deine Einschreibung (in das Buch des Lebens) gut abgeschlossen werden“. „Gmar“ bedeutet endgültig, womit man eine endgültige, gute Besiegelung wünscht. Diese Zeit gibt noch eine letzte Chance bis zum Schluss von Sukkot, sich zum Positiven zu ändern.

Jedenfalls wünschen wir unseren jüdischen Mitbürger: Schana Towa!

Derzeit feiern unsere jüdischen Mitbürger ihr Neujahrsfest.

2 Gedanken zu “Derzeit feiern unsere jüdischen Mitbürger ihr Neujahrsfest.

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