Österreich lebt derzeit nach dem Hatschi-Bratschi-Prinzip:

… denkt an nichts, und freut sich sehr

Es ist ein milder Spätsommer, es „herbstelt“ zwar schon ein wenig, aber wir freuen uns über den Sonnenschein, die milden Abende, die man noch im Freien verbringen kann. Schon, die Pandemie ist noch nicht vorüber, aber eigentlich lassen wir die Regierung die Vierte Welle bekämpfen, die Regelungen dagegen sind uns etwas zu kompliziert, genau damit auseinandersetzen will man sich auch nicht – man genießt den Spätsommer. Derzeit jedenfalls scheinen wir nach dem Hatschi-Bratschi Prinzip zu leben: „(Er springt vergnügt im Gras umher) und denkt an nichts und freut sich sehr“. Wir wollen nicht gestört werden, wir wollen nicht wahrhaben, dass es anderswo nicht so gemütlich zugeht und die Menschen von dort fliehen müssen – zu uns sollen sie jedenfalls nicht kommen, das ist die These unserer Regierung. (Ich genier‘ mich dafür!)

Die großen Unwetter des Sommers verdrängen wir schnell, derzeit kein Grund besonders über Umweltschutz nachzudenken. Uns reicht derzeit die Pandemiebekämpfung. Aber wir ärgern uns ungern, wir schieben die Bekämpfung der Pandemie auf die Zeit nach der Landtagswahl in einem Bundesland. Wir verschieben die Umweltsanierung auf den St. Nimmerleinstag. Sind wir derzeit wirklich zu einem Volk der Phäaken geworden? Wir beobachten, eher genüsslich, die Wahl in unserem Nachbarland, entsetzen uns über die Demonstrationswut der Franzosen und tun so, als ob uns „Europa“ nichts anginge.

Wissenschaftler aller möglicher Fakultäten rufen uns auf, nicht nur, uns doch endlich impfen zu lassen, sondern weisen auch mit drastischen Beispielen auf die unumkehrbare Zerstörung unseres Planeten hin – aber wir finden: „is‘ eh alles paletti“. Die Eierschwammerl, die noch immer radioaktiv sind, na, die kaufen wir halt nicht, gibt ohnedies genug anderes. Und unser Schnitzerl, das lassen wir uns weiterhin schmecken, obwohl es genug Gründe gäbe, aus Umweltgründen doch lieber weniger Fleisch zu essen.

Mit Schulbeginn sollte ja – wie man früher so schön sagte, und mich damit fürchterlich ärgerte – „der Ernst des Lebens“ wieder begonnen haben, nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Regierung, das Parlament, die EU-Abgeordneten, für uns alle! Naja, ich merke wenig davon. Möglicherweise berichten die Medien zu wenig davon, oder vielleicht wollen wir es auch nicht wahrhaben?

Manches ist einfach „zu weit weg“ um uns aufzurütteln: Der Meeresschleim im Marmara-Meer, na dorthin fahren die Österreicher ohnedies nicht auf Urlaub. Der organische Schlamm, ein Ausscheidungsprodukt bestimmter Algen, bedeckt mit seinem Schleim das Meer und tötet Meereslebewesen. Eine große Aufräumaktion der türkischen Regierung hat offenbar nur oberflächlich etwas gebracht. Aber der Schleim sank bis zu 30 Meter unter die Oberfläche und setzte sich auf den seltenen Korallen und dem Meeresboden ab. Leben dort wurde so erstickt. Das Wachstum der Algen wurde in den vergangenen Jahren vor allem durch Düngemittel und Abwässer aus den Städten und der umliegenden Industrie beschleunigt.

Der älteste Permafrostboden der Welt ist 650.000 Jahre alt und liegt in Sibirien: Er schmilzt jetzt. Das wird ausgelöst durch die Rodung von Wäldern, durch Nutzung von Kettenfahrzeugen, auch durch Waldbrände, wie es sie in den vergangenen Jahren in Sibirien häufiger gegeben hat. Für den Permafrost-Boden ist das das Aus, wenn er einmal aufgetaut ist, lässt sich das nicht mehr umkehren. In den nördlichen Permafrost Gebieten ist sehr viel altes, organisches Material enthalten, zum Beispiel Pflanzen- und Tierreste. Mit dem Auftauen steht dieser alte Kohlenstoff Bakterien zur Verfügung, dabei produzieren diese Treibhausgase. Damit wird der Klimawandel zusätzlich angeheizt.

Na gut, damit kann man also die Österreicher derzeit nicht aufrütteln. Haben sie wirklich schon vergessen, dass in ihren Lieblingsdestinationen in Griechenland die Wälder gebrannt haben – und sie ihre Urlaube frühzeitig abbrechen mussten? Haben sie wirklich schon vergessen, dass es ganz in der Nähe der österreichischen Nordgrenze einen Tornado gegeben hat, der fast ein ganzes Dorf zerstört hat? Haben sie wirklich schon die große Flut in Deutschland vergessen, deren Spuren noch immer nicht beseitigt werden konnten? Um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen, die uns näher liegen.

Oder wem Klimaschutz nicht so ein großes Anliegen ist, der könnte sich doch des Europa-Problems annehmen. Dort – so scheint mir – geht gar nichts weiter. Vielleicht könnten ein paar gescheite Leute beginnen, sich den Kopf zu zerbrechen, wie es mit Europa weitergehen soll, nachdem Großbritannien ausgestiegen ist (und mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hat), einige Visegrad Staaten die „europäischen Werte“ nicht akzeptieren wollen, manche eine Finanzunion fordern, die aber andere gar nicht wollen. Und im afghanischen Drama hat Europa bestenfalls KEINE Rolle gespielt, wollen wir immer nur danebenstehen und den anderen zuschauen?  

Vielleicht wäre es an der Zeit aufzuwachen und Probleme aufzugreifen und an ihrer Lösung zu arbeiten. Es gibt genug davon – höchst unterschiedlicher Art!

Österreich lebt derzeit nach dem Hatschi-Bratschi-Prinzip:

2 Gedanken zu “Österreich lebt derzeit nach dem Hatschi-Bratschi-Prinzip:

  1. Elena schreibt:

    Danke, daß Sie all diese Themen ansprechen! Sie treffen damit genau ins Schwarze.
    Auch ich geniere mich dafür, daß Österreich gar niemanden aus Afghanistan aufnehmen will.
    Aber offenbar ist seit einiger Zeit das große Wegschauen „in“, so als würden sich die brennendsten Probleme der Menschheit von ganz alleine lösen..
    Mich bedrückt dies immer mehr.

    LG Elena

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