Manchmal habe ich schon einen Vogel

Vor langer, langer Zeit, als ich noch eine Jugendliche war, schenkte mir meine Tante einen Ring aus den Beständen meiner damals verstorbenen Großmutter. Es war ein Skarabäus-Ring.

Als Skarabäen (Glückskäfer) werden Abbildungen des Heiligen Pillendrehers (Scarabaeus sacer) in der altägyptischen Kunst bezeichnet. Die Verwendung erfolgte vor allem als kleine Amulette aus Stein. Allerdings gab es auch große, aus Stein bestehende Plastiken bei Tempeln. Die altägyptische Bezeichnung für den Skarabäus war cheperer. Je nach hieroglyphischer Schreibung war der Skarabäus-Käfer, Mistkäfer, der Gott Chepre oder auch ein Schmuckstück in Form eines Skarabäus gemeint.

Die Befreiung und schnelle Vermehrung dieses Käfers im Nilschlamm nach dem Rücktritt des Nils führte zur Meinung, er entstehe ohne Fortpflanzung, weswegen er als Symbol der Schöpferkraft galt. In seiner fast runden Gestalt, in der glänzenden, goldschimmernden Farbe der Flügeldecken fand man Ähnlichkeit mit Gestalt und Glanz der Sonne, der nächsten sichtbaren Bildungsursache, und man weihte ihm eine göttliche Verehrung (z. B. als Verkörperung der Gottheit Chepre). Das Verhalten des Skarabäus, Dungkugeln vor sich her zu rollen, stellte einen Bezug zu Re und seiner Fahrt mit der Sonnenbarke über den Himmel her.

Derartiges lernte man früher im Gymnasium.

Ich schätzte meinen Ring sehr, und trug ihn auch eigentlich gerne, er begleitete mich durch meine Studienzeit und auch bei allen damals unternommenen Reisen. Er war sicher alt, ob aus Gold oder vergoldet, weiß ich nicht, das kümmerte mich auch nicht. Es war kein „antiker“ Skarabäus, ausgegraben aus dem Sand um die Pyramiden, ich glaube mich zu erinnern, dass er aus einem bearbeiteten Türkis bestand.

Als dann irgendwann meine Tochter begann, verwegene Reisen zu unternehmen, schenkte ich ihr diesen Ring – wohl in der Hoffnung, dass der Glückskäfer sie doch ein wenig beschützen würde (aber eigentlich bin ich ja gar nicht abergläubig!) und wie’s so geht, bei Reisen von jungen Menschen, der Ring ging verloren.

Lange habe ich nicht an diesen Ring gedacht. Überhaupt jetzt, da ich durch meine Arthrose verknöcherte Gelenke habe, über die ich manche Ringe nicht einmal mehr drüber bringe. Warum er mir gerade jetzt eingefallen ist, kann ich auch nicht sagen. Aber ich wünsche mir, wieder einen Skarabäus-Ring zu besitzen, halt ähnlich jenem, wie ich ihn schon einmal besessen habe.

Es stimmt schon, ich habe halt einen Vogel, mein Vater hat gesagt, es wäre ein Lämmergeier, das finde ich doch übertrieben. Meist besiege ich diesen Vogel, aber zuweilen dann doch nicht. Also ich will noch immer den Skarabäus Ring. Ich gebe zu, es ist in meinem Alter komplett unvernünftig, sich „Neues“ zu kaufen. Wie lange kann ich mich denn noch daran erfreuen? Und meine Erben, werden sie dieses Glumpert dann überhaupt noch haben wollen. All das ist mir bewusst, und doch.

Zuerst habe ich im Internet gesucht, habe auch einiges Interessantes gefunden, aber schließlich gebe ich nicht einen Haufen Geld aus, für etwas das ich nicht live gesehen habe. Darum habe ich mich heute am Nachmittag aufgemacht, um in ein Geschäft zukommen, von dem ich vermute, dass sich dort derartiges findet.

Die Stadt ist voll von Touristen, aber da es an neuralgischen Punkten (am Weg Brot zu kaufen – für mich) großes Gedränge gibt, habe ich mir die Maske aufgesetzt. So eng, wie man bei Touristengruppen vorbeikommen muss, sitzt man nicht einmal im Theater. Dennoch begab ich mich dann, nachdem ich wirklich fast das „letzte Brot“ ergattert hatte, ins Kabul Shop.

Es gab Ringe und es gab Skarabäen – allerdings aus Porzellan – aber keine Skarabäus-Ringe. Naja, in dem Geschäft ist man findig, man wird mir einen silbernen Skarabäus Ring anfertigen.

Da ich in dem Geschäft schon lange ein- und ausgehe, sprachen wir noch ein Weilchen über die trostlose Situation in Afghanistan. Nicht primär über die Menschen, die jetzt gefangen genommen werden, sondern vielmehr über jene Jungen, die in den letzten 20 Jahren groß geworden sind, die Schulen besucht haben, an Universitäten studiert haben, und die jetzt ohne jegliche Perspektive zu Hause sitzen, und nicht wissen was sie tun sollen oder können. In dem Land geht es derzeit nicht aufwärts, sondern zurück, nicht grad in die Steinzeit, aber ins tiefste Mittelalter.

Ich glaube nicht, dass wir viel tun können, aber jedenfalls sollten wir etwas sicher nicht tun: Afghanen verteufeln, als Gewalttäter hinstellen, nur weil einige wenige von ihnen, die bei uns leben, kriminell geworden sind. Und wir müssen endlich aufhören zu sagen, dass wir genug Flüchtlinge aufgenommen haben! Das ist jedenfalls sicher eine Schande – europaweit – und weltweit für uns!

Manchmal habe ich schon einen Vogel

2 Gedanken zu “Manchmal habe ich schon einen Vogel

  1. Wenn Sie sich etwas sehr wünschen um sich an etwas zu erfreuen, sollten Sie versuchen, sich diesen Wunsch zu erfüllen – egal ob Sie sich nur einen Tag daran erfreuen könnten, was ich sehr bedauern würde, oder noch einige Jahre.

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