Drei Hügel und das Abendland

In Zeiten wie diesen, in denen die Werte unserer Gesellschaft stark in Frage gestellt werden, in denen die Demokratie „ins Wanken gerät“, denke ich oft an einen Satz, den mein leider verstorbenener Mann gerne zitiert hat. „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“ Der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss gebrauchte dieses Bild 1950.

In Athen entstand die griechische Philosophie. Begonnen mit Platons Schrift „politeia“, der ersten umfassenden Staatsphilosophie, hat vor allem Aristoteles Grundformen der Demokratie entworfen, die dann insbesondere während der Aufklärung weiterentwickelt wurden. Dazu gehören das Wahlrecht, die Gewaltenteilung, der Minderheitenschutz und vieles mehr.

Rom verdanken wir das Rechtsstaatsprinzip und die bürgerlichen Rechte, also Staats- und Zivilrecht. Ohne Rechtssicherheit lassen sich andere demokratische Prinzipien leicht aushöhlen. Das später so genannte „Corpus Iuris Civilis“, den ersten umfassenden Rechtskanon, ließ der römische Kaiser Justinian im Jahre 529 veröffentlichen. Ohne dieses Werk wäre ein bürgerliches Gesetzbuch, wie wir es heute für selbstverständlich erachten, nicht denkbar.

Und damit zum dritten Hügel: nach Jerusalem. Golgatha ist die Wiege des Christentums. Der christliche Glaube hat die westlichen Demokratien entscheidend geprägt, wenn sie auch erst im Laufe der Zeit „säkular“ geworden sind.  Hügel hin oder her, Jerusalem, wo eben auch Golgatha liegt,  ist das Zentrum des Judentums. So sprechen auch viele vom jüdisch-christlichen Abendland. Denn Juden und Christen schöpfen aus derselben Quelle: Dem Ersten (Alten) Testament und den Werten, die darin beschrieben werden. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Dieser Text aus dem 1. Buch Mose ist die Grundlage für den Gedanken der Menschenwürde.

Stimmt das alles heute noch so? Wenn wir uns auf das Abendland berufen, verhalten wir uns da nicht ziemlich exklusiv, ja überheblich?  Als Abendland oder Okzident wurde ursprünglich der westliche Teil Europas bezeichnet, also die spätestens im Jahre 476 beim Untergang des Weströmischen Reiches verloren gegangenen lateinischsprachigen römischen Provinzen in Europa. Sie sind einigermaßen deckungsgleich mit dem Sprengel des Patriarchats von Rom. Der Begriff Abendland ergab sich aus der antiken und mittelalterlichen Vorstellung von Europa als dem westlichsten, der untergehenden Abendsonne am nächsten gelegenen Erdteil. Das ihm entsprechende Antonym ist daher das griechisch-orthodox und islamisch geprägte Morgenland oder der Orient.  In Zeiten des Kalten Krieges wurde der Begriff teils übereinstimmend mit dem Begriff der westlichen Welt verwendet, d. h. vor allem die alten Mitgliedsländer der Europäischen Union und Nordamerika. Seit dem Mauerfall im Jahre 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion wird der Abendlandbegriff nicht mehr beschränkt auf den lateinischen Westteil Europas gedacht, sondern der christlich-orthodoxe Teil Ost- und Südosteuropas bis zum Bosporus mitgemeint. Istanbul, der Kulturhauptstadt Europas im Jahre 2010, wurde (vielleicht vor Erdogan) eine kulturelle und wirtschaftliche Brückenfunktion zwischen Abendland und Morgenland bzw. Okzident und Orient zugeschrieben. Mit der Begriffserweiterung auf praktisch ganz Europa wird der Begriff des Abendlands in erster Linie geographisch gedacht.

Der Begriff wird aber heute verwendet, um eine eigene westliche kulturelle Identität vom z.B. Islam abzugrenzen. Im nationalkonservativen, rechtspopulistischen oder rechtsextremen Diskurs wird behauptet, das als „christlich“ oder „jüdisch-christlich“ attribuierte Abendland müsse gegen eine angeblich drohende Islamisierung verteidigt werden. „Abendland“ wurde in der lateinischen Christenheit als „Kampf- oder Ausgrenzungsbegriff“ gegenüber äußeren Feinden wie Byzanz oder dem Islam verwendet. Auch der Begriff „jüdisch-christliches Abendland“ ist ziemlich irreführend: Tausend Jahre lang hat das christliche Abendland alles darangesetzt, die Juden auszugrenzen und als Sündenböcke zu diskriminieren.

Also haben die „Drei Hügel“ ausgedient? Ich fände es schade, diese Werte samt und sonders über Bord zu werfen, aber mir fällt auch kein Bild ein, das „inklusiver“ wäre. Aber der Islam war schon immer ebenfalls eine Quelle unserer Werte (ich denke an die Anfänge des Islam, als nicht nur die griechischen Philosophen übersetzt wurden, sondern auch die Text aus Indien etc. in den Kanon aufgenommen wurden – woher kommen denn unsere arabischen Ziffern). Heute leben viele Bürger mit muslimischem Hintergrund in unseren Landen.  

Ich meine, dass wir uns von dem „Abendland-Begriff“ verabschieden sollten. Ja, Churchill hat gesagt: “No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time.“ Würde er das heute auch sagen, in Anbetracht der wirtschaftlichen Erfolge Chinas, des Debakels der USA in Afghanistan.

Vielleicht fallen Ihnen noch ein paar Hügel ein, die wir für die Entwicklung unserer gemeinsamen Werte besteigen könnten?

Drei Hügel und das Abendland

4 Gedanken zu “Drei Hügel und das Abendland

  1. Golgotha sagt einem Juden wohl eher wenig. Nicht nur deshalb wäre vielleicht der Sinai ein guter Hügel – aber auch der Hügel der Verklärung. Denn wir brauchen Orte der Begegnung mit dem, was größer ist als wir – und auch den Abstieg ins Tal brauchen wir, zu den Menschen, denen der eigene Zugang zu diesen Hochorten nicht möglich ist, die aber von dort trotz oder gerade deswegen viel erhoffen.

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      1. Atheisten? Das ist doch gerade das Problem, daß sie nichts Höheres als die menschlichen Niederungen kennen (wollen). Der „Kult der Menschlichen Vernunft“ hat nichts Höheres als die Guillotine hervorgebracht.

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