Im Burgtheater: Taboris „Mein Kampf“

eine Wiederveröffentlichung, geschrieben 2020

Ja, es ist eine Empfehlung, es sich anzusehen

Vorweg noch zu den Corona-Maßnahmen des Burgtheaters. Sie sind noch immer sehr effizient. Aber man MUSS seinen Mantel in der Garderobe abgeben. Um dem „Rummel“ bei der Garderobe am Schluss der Vorstellung zu entgehen, wollte ich meinen Mantel verstauen: ev. unter dem Sitz, oder auf dem Sitz (also draufsetzen) oder auf einem der beiden (freien) Nebensitze. Na, nichts da! Der Billeteur kam umgehend herbeigeeilt und meinte, ich müsste den Mantel in der Garderobe abgeben. Den oben genannten Grund nannte ich ihn. Aber hier schlagen feuerpolizeiliche Vorschriften die gesundheitlichen Erwägungen. Und mit dem Billeteur wollte ich nicht streiten, der führt ja nur Anordnungen aus. Außerdem hielt sich die Drängerei vor der Garderobe nach der Vorstellung in Grenzen. Leider hat man nur wenig Platz sich den Mantel anzuziehen. Noch eine kleine Bemerkung zu Corona-Maßnahmen. Man soll ja nach der Vorstellung sitzen bleiben, bis man „reihenweise aufgerufen“ wird, den Zuschauerraum zu verlassen. Einige Oberschlaumeier rennen schon während es noch dunkel ist und der Applaus grad einsetzt hinaus – um halt „die ersten zu sein“. Da gab es dann ein Kuddelmuddel mit den Billeteuren. 

Leider habe ich die Uraufführung 1987 im Akademietheater nicht gesehen. Tabori hatte damals selbst inszeniert und mitgespielt. Und die Originalsprache dieser Groteske ist Englisch, wobei ich mir das nicht gut vorstellen kann, denn ein Teil der verwendeten Sprache ist bereits die Diktion aus dem späteren so genannten Dritten Reich. In Taboris Stück wird die Entwicklung Hitlers vom erfolglosen und unbedarften Aspiranten eines Kunststudiums zum antisemitischen Demagogen und späteren despotisch herrschenden Diktator in einer zugespitzt-sarkastischen Weise dargestellt.

Kurz zur Handlung: Das Stück spielt 1910 in einem Männerasyl in der Wiener Blutgasse. Der junge, untalentierte Zeichner Adolf Hitler kommt nach Wien, um Kunst zu studieren. Er trifft auf die Juden Schlomo Herzl und den Koch Lobkowitz. Herzl und Hitler freunden sich an. Der kluge Buchhändler Schlomo Herzl arbeitet an einem Roman, der den Arbeitstitel Mein Kampf trägt. Als Hitler vom Aufnahmegremium der Wiener Kunstakademie abgelehnt wird, tröstet ihn Herzl. Hitler erfährt zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Zuneigung. Herzls Fürsorge für den traurigen Mann, der nie in seinem Leben geweint hat, geht sogar so weit, dass er ihn zu einer neuen Karriere führt, mit fatalen Folgen für die Weltgeschichte. Der Jude bereitet Hitler auf ein Leben als Politiker vor und überlässt ihm sogar den Titel seines Romans, damit Hitler ihn für seine politische Schrift verwenden kann. Schließlich verwandelt Herzl ihn auch äußerlich in den Adolf Hitler, den die Geschichtsschreibung kennt.

Der israelische Schauspieler und Regisseur Itay Tiran ist für die Neuproduktion verantwortlich. Er gehört zum neuen Ensemble des Burgtheaters. Mit den Mitteln des Humors und der Groteske wurde in diesem Stück das Trauma des Holocaust aufgearbeitet, dem unter anderem der Vater von Tabori in Auschwitz zum Opfer fiel.

Ja, man kann in dieser Aufführung viel lachen, aber dabei rinnt immer ein Schauer über den Rücken. Der jüdische Humor kommt wunderbar zur Geltung, aber den Holocaust kann man keine Sekunde aus dem Denken verbannen. Ich bin mit großem Vorbehalt in diese Aufführung gegangen. Ich mag den ewigen Bezug auf den Holocaust eigentlich gar nicht. Und, so fand ich, bevor ich das Stücke gesehen hatte, diese Annäherung als Groteske völlig unpassend. Aber ich wurde eines Besseren belehrt.

Der Inhalt des Stückes wird aus der Perspektive des Holocaust-Überlebenden erzählt. Ist es Rache an Hitler? Der Mensch Hitler und sein Gedankengut (seine bodenlose Dummheit) werden durch Lächerlichmachen entlarvt.

Aber nicht nur Hitler wird lächerlich gemacht, auch Schlomo, der Mitleid mit ihm hat, der ihm helfen will, der sich um ihn sorgt, ja bemuttert, der ja letztlich auch im Männerheim in der Blutgasse wohnt, und nicht in der Lage ist, sein Buch – mein Kampf – wirklich zu schreiben, wird in seiner Beziehung zum Koch Lobkowitz – oder auch im Gespräch mit Gott – dargestellt durch Lobkowitz einigermaßen lächerlich gemacht.

Ich gebe zu, nicht alles habe ich verstanden. Das war kein sprachliches Problem, es wird klar und deutlich, verständlich gesprochen, warum (und wann) der Koch z.B. durch wen verletzt worden war.  Die Wandlung von Gretchen, der etwas erfolglosen Geliebten von Schlomo zu einer Nationalsozialistin ist grad noch nachvollziehbar.

Die Schauspieler sind hervorragend, nicht nur sprachlich, sondern auch durch ihre Körperbeherrschung und ihren Mut zu Hässlichkeit.

Ob ich Ihnen empfehle, ins Burgtheater zu gehen um sich dieses Stück anzusehen? Es hängt natürlich von Ihrer Einstellung zu diesem Thema ab bzw. ob Sie eine Groteske als Aufarbeitung des Holocaust ertragen, aber mir hat es gefallen, es war mir nicht peinlich. Gehen Sie also doch hin!

Im Burgtheater: Taboris „Mein Kampf“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s