Die wenigen verbleibenden archäologischen Überreste Mesopotamiens

Wie ich schon mehrmals erwähnt habe, hätte ich in meiner Jugend sehr gerne Archäologie studiert. Meine Eltern fanden, dass das in ungeeignetes Studium für eine Frau wäre, die ja einmal heiraten und Kinder haben sollte. Wie könnte man dann ein halbes Jahr auf einer Grabung – irgendwo, weit entfernt von Heim und Herd herumbuddeln. Ganz unrecht hatten meine Eltern aus damaliger Sicht ja nicht und die Entwicklung der Archäologie seither war damals nicht vorhersehbar. Als dann die Zeit meiner Pension kam, überlegte ich neuerlich, ein Archäologiestudium anzufangen. Das hätte ziemlich lang gedauert, ich hätte vieles lernen (z.B. Altgriechisch) müssen, das Teil des Studienprogramms ist, aber mich dann nicht mehr primär interessierte und zeitlich wäre es auch kompliziert gewesen, da mein leider inzwischen verstorbener Mann ja behindert war – und ich die Pflege weitgehend übernommen hatte. Außerdem wäre es für „Herumbuddeln“ auf Grabungsstätten ohnedies zu spät gewesen.

Aber interessiert hat mich die Archäologie während meines ganzen Lebens. Ich habe früher Bücher drüber gelesen, jetzt schaue ich mir auch Filme – im Fernsehen – drüber an. Kürzlich wurde auf Arte ein Film namens „Mesopotamien“ gezeigt. Den musste ich doch anschauen.

Mesopotamien oder Zweistromland bezeichnet die Kulturlandschaft in Vorderasien, die durch die großen Flusssysteme des Euphrat und Tigris geprägt wird. Es gehört zu den wichtigen kulturellen Entwicklungszentren des Alten Orients. Mesopotamien bildet es einen großen Teil des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds, in welchem sich Menschen erstmals dauerhaft niederließen. Es entwickelten sich Stadtstaaten, Königreiche – Neuerungen für die Menschheit mit den Erfindungen der Schrift, der ersten Rechtsordnung, der ersten Menschheitshymnen, des Ziegelsteins, des Streitwagens, des Biers und der Keramik: Evolutionen in der Stadtentwicklung, Kultur- und Technikgeschichte. Im Süden mit den Sumerern, entwickelte sich die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte. Ihnen folgten die Akkader, Babylonier, im Norden das Königreich Mittani, in Mittelmesopotamien die Assyrer, dann das medische Königreich, welches das assyrische Großreich in einer Union mit den Babyloniern eroberte. Die Meder hatten fast 200 Jahre ein Großreich inne, ehe mit den Persern erstmals eine außerhalb Mesopotamiens entstandene Kultur dauerhafte Kontrolle über die Region erlangte. Auf die Perser folgten die Makedonier, Parther, Sassaniden, Araber und schließlich die Osmanen, deren Herrschaft im 17. Jahrhundert durch die persischen Safawiden kurzzeitig unterbrochen wurde. Das vor allem in seiner Wasserverfügbarkeit höchst unterschiedliche Land bot den dort lebenden Menschen zu allen Zeiten höchst unterschiedliche Siedlungsvoraussetzungen, die massiven Einfluss auf die historische Entwicklung nahmen. Alle diese unterschiedlichen Bewohner hatten Spuren hinterlassen. (Und nicht zu vergessen: unsere Heiligen Drei Könige kamen aus dieser Region.)

Nach dem erklärten Kriegsende kam es während der Besetzung des Iraks 2003–2011 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, tausenden Terroranschlägen, Kriegshandlungen und Gewaltkriminalität, sowohl verschiedener irakischer Gruppen gegeneinander als auch gegen die westlichen Besatzungstruppen. Sie forderten vor allem unter den irakischen Zivilisten eine unbekannte Anzahl an Todesopfern und Verletzten. Im Juni 2014 eroberten militante Islamisten des ISIS als Teil der Irakkrise 2014 Teile des Staatsgebietes. Im Dezember 2017 verkündete die irakische Regierung, dass die irakischen Streitkräfte die vollständige Kontrolle über die syrisch-irakische Grenze übernommen hätten und der Krieg gegen den IS beendet sei. Das Land gilt auch seit dem Ende der Kämpfe als instabil, ab Oktober 2019 kam es zu landesweiten Protesten. Bis Ende des Jahres 2021 soll der Abzug der US-Truppen beendet sein.

Etwa 10 000 historische Stätten gibt es nach Schätzungen von Archäologen in der Region. Die meisten waren kaum erforscht. Bis ins fünfte Jahrtausend vor Christus reichen manche Kulturgüter zurück, etwa die Überreste von Ur. Die heute verlassene Siedlung gilt als älteste Stadt der Welt. Aber nicht nur Ur, sondern auch Babylon (wer von uns denkt nicht an die hängenden Gärten), Kisch, Larsa, Ninive und Nippur haben teilweise bis ins einundzwanzigste Jahrhundert überdauert.

Ich hatte keine Ahnung, warum es in dem gezeigten Film gehen würde. Das Thema des Films waren die Zerstörungen an antiken Stätten, die durch die Kriege entstanden sind. Es waren einerseits Kämpfe, die durch Beschuss viel zur Zerstörung beigetragen haben, es waren Bomben, die auch bei antiken Stätten viel Schaden angerichtet haben, es war Raub – nur weniges wurde restituiert und dann waren die (gefilmten) mutwilligen Zerstörungen durch die fanatisierten Truppen des so genannten islamischen Staates, wobei es auch Gerüchte gibt, dass der IS manches nicht zerstört, sondern gewinnbringend verkauft hat (Waffen sind teuer!).  

Es war für mich herzzerreißend, diese mutwilligen Zerstörungen anzusehen.  Es waren nicht nur Archäologen, die „litten“, es waren einfach all die dort wohnenden Menschen. Jahrtausende Jahre alte Zikkurats wurden einfach gesprengt, und wie ich den Worten der vielen einheimischen Archäologen entnommen habe, sind es gerade diese, die die Identität der Geschichte des Landes ausmachen.

Nun sind es nationale und internationale Archäologen, die versuchen, kleine erhaltenen Stücke in diesen Scherbenhaufen (in denen es auch noch immer Minen gibt) zu finden, und sie werden gefunden. Dennoch ist ein Wiederaufbau einfach undenkbar. Also will man das Erbe des Irak virtuell wiederaufbauen und darstellen. Unter Verwendung dieser wenigen Bruchstücke will man diese Ruinen virtuell wieder auferstehen lassen und sie der Welt zeigen. Es werden nicht die antiken Gebäude „rekonstruiert“, sondern die zerstören Überreste davon.

Ich hoffe, dass ich diese virtuellen Ruinenstätten noch zu meinen Lebzeiten sehen kann.

Die wenigen verbleibenden archäologischen Überreste Mesopotamiens

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