Wenn ich so gemütlich durch die Stadt schlendere

Vom Fleischhauer zum Bäcker

Komme ich durch allerhand kleine Gasserln. Das ist halt noch ein Vorteil, wenn man nicht alles im nächstgelegenen Supermarkt einkauft. Der Fleischhauer ist in der Postgasse und der Bäcker in der Spiegelgasse. Das entspricht fast einer Stadtdurchquerung.

Und ziemlich in der Mitte, da bin ich zuerst durch die Kramergasse gegangen: Auf der westlichen Seite der heutigen Kramergasse verlief im 11./12. Jahrhundert die Burgmauer, vor der die Möring zum Donauarm floss.

Möring, auch Moric, Mörung, Merung, Mering, später auch Möhrung, war im Mittelalter so viel wie Kanal, Abfluss, Gerinne der Abwässer, Kloake, wie sie in Wien bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden und die der Kanalisation dienten. Der Name kommt von Moor, Märe, Gemörig. Das bekannteste Gerinne des Mittelalters war jenes, das auf der Nordseite des Grabens seinen Ausgang nahm, neben dem Schlossergassel in die Goldschmiedgasse verlief und dann zwischen Münzerstraße (Teil des Bauernmarkts) und Lichtensteg im Zuge des Kramer- und des Rotgassels sowie des Rabensteigs beim Roten Turm in den Donaukanal mündete.

Nach dem Abbruch dieser Burgmauer hieß die Kramergasse zunächst (1272) Lybstensteig, ab 1301 Lichtensteg (lateinisch clara semita); im 15. Jahrhundert (1466, 1478) findet sich die Bezeichnung „Am Lichtensteg, als man unter die Krem (= Kramläden) geht“ (unter Steg verstand man einen schmalen Weg entlang eines Gewässers, hier Möring), ab 1514 Kramergässel. Der Name Lichtensteg galt ab dem späten 14. Jahrhundert für das Gäßchen Unter den Messerern (den heutigen Lichtensteg). Die Kramergasse wurde ab dem 16. Jahrhundert teilweise verbaut und dadurch zur Sackgasse. Ab 1786 ergab es sich, dass die Kramergasse auf die heutigen Nummern 11, 12 und 13 beschränkt blieb, wogegen die Nummern 6-10 das Siebenbrunnergässel bildeten; 1821/1827 wurde die Kramergasse auf das ehemalige Hutstoppergäßchen ausgedehnt (heute Ertlgasse). 1862 wurde das Siebenbrunnergässel wieder in die Kramergasse einbezogen. Gleichzeitig wurde das ehemalige Hutstoppergäßchen wieder abgetrennt und in die Mariengasse einbezogen. Erst nach der Anlage der Brandstätte (1874/1875) und des Abbruches des Haus Nummer 631 wurde die Kramergasse bis zu dieser verlängert.  So wandelte sich Wien damals laufend.

Wenn Sie jetzt noch nicht den Überblick verloren haben, entführe ich Sie noch kurz in die Ertlgasse: Das Gebiet der heutigen Ertlgasse lag auf jenem Areal, das in der Römerzeit zum Legionslager Vindobona gehört hatte – dem historischen Kern der Stadt. Archäologische Funde belegen, dass beim heutigen Haus Ertlgasse 3 das mit zwei Durchfahrten versehene Osttor (porta principalis dextra) stand. Hier endete auch die ca. 13 m breite via principalis, die von West nach Ost ausgerichtete Lagerhauptstraße. Von hier aus gelangte man in die Lagervorstadt (canabae legionis) und in weiterer Folge über den Wienfluss zur römischen Zivilsiedlung.

Im Mittelalter reichte die heutige Ertlgasse nur von der Rotenturmstraße bis zur Kramergasse und war zunächst namenlos. Seit 1710 ist die Bezeichnung Hutstoppergässel belegt, die sich auf den Beruf der Hutstopfer, die Hüte ausbesserten, bezog. 1827 rechnete man den kurzen, platzartigen Straßenabschnitt zur Kramergasse hinzu. Erst 1844 wurde zwischen den Parzellen Kramergasse 9 und 11 ein schmaler Durchgang zwischen Kramergasse und Bauernmarkt geschaffen, der den Namen Mariengasse erhielt. Er bezog sich auch schon auf Maria Anna von Ertl, die 1801 ihre Stiftung ins Leben gerufen hatte. Zu diesem Zwecke ließ sie das Ertl’sche Stiftungshaus (heute Ertlgasse 2) errichten, dessen Mieteinnahmen zur Förderung begabter, aber mittelloser Rechtsanwaltsanwärter dienten. 1862 wurde die Mariengasse um das einstige Hutstoppergässel erweitert. Seit 1894 heißt die Gasse Ertlgasse. Maria Anna von Ertl war eine gebürtige Irin (O’Malley) und die Witwe des Rektors der Wiener Universität, Johann Nepomuk von Ertl. Die von ihr ins Leben gerufene Stiftung besteht bis heute.

Die gesamte Ertlgasse ist eine Fußgängerzone. An ihr befinden sich mehrere Geschäfte, ein Restaurant und eine Galerie – der Lage im Stadtzentrum gemäß in gehobener Preislage. Die platzartige Einmündung von der Rotenturmstraße, die von einem sehr starken Fußgängerverkehr geprägt wird, führt auch viele Fußgänger, oft Touristen, in die Ertlgasse. Im Rahmen der Sanierung der Rotenturmstraße wurde auch dieses Platzerl begrünt- heute jedenfalls sind viel Gäste im dortigen Restaurant im Schanigarten gesessen.

Was mir so gut gefällt: die verschiedenen Handwerksnamen, die früher für die Gassen der Stadt verwendet wurden: ich wusste auch nicht, dass Hutstopfer ein Gewerbe war, wahrscheinlich gehörten sie zur Zunft der Hutmacher. Das Handwerk des Messer- und Klingenschmiedens in Wien hat mittelalterliche Wurzeln. Bereits 1279 lässt sich die Bezeichnung „Unter den Messerern“ belegen. Als Hilfsgewerbe der Messerschmiede fungierten die Schalenschroter, Schneidenreißer, Messerschaber und Schleifer. Wiederholt kam es zu Konflikten zwischen Messerern und Schwertfegern, deren Gewerbe Überschneidungen aufwiesen. Als Schwertfeger wird heute ein Schmied bezeichnet, der die Endmontage von Schwertern, Degen, Säbeln, Dolchen und ähnlichen Waffen vornimmt. Er setzt Klinge und Gefäß zusammen, schützt sie mit Fett gegen Korrosion und fügt sie in ihre Scheide. Teilweise wurden auch die Messerscheiden vom Schwertfeger gefertigt. Die ursprüngliche Bedeutung der Bezeichnung Schwertfeger war jedoch eine andere. Nachdem Schmied und Härter ihre Arbeit getan hatten, war es die Aufgabe des Schwertfegers, das Schwert oder die Klinge blankzufegen, sie auf einem Schleifstein blank zu schleifen und eventuell  zu polieren.

Jetzt aber Halt! – Sonst kommen wir vom Hundertsten ins Tausendste.

Wenn ich so gemütlich durch die Stadt schlendere

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