Das zerstörte kulturelle Erbe Syriens

Auch heute habe ich den Vormittag damit verbracht, einen Reisefilm von meiner lieben Freundin anzusehen. Er handelte von einer Reise nach Jordanien, Syrien und den Libanon – im Jahr 2000. Es war eine Reise, die vor den diversen Kriegen und Zerstörungen stattfand, die so viel in diesem Gebiet vernichtet haben, die so vielen Menschen Tod und Verderbnis gebracht haben. Die so viele Menschen veranlasst haben, die Flucht zu ergreifen. Ich möchte diesmal nicht auf ihr Leid eingehen, sondern nur versuchen zu dokumentieren, was in diesen letzten 20 Jahren alles an Kulturgütern zerstört worden ist. Diese Zerstörung des reichen kulturellen Erbes des Landes ist ein schwerwiegender Verlust für die ganze Menschheit.

Es gibt drei Arten von Schäden, die das kulturelle Erbe Syriens treffen. Der bewaffnete Konflikt hat antike Städte und Anlagen beschädigt. Historische Gebäude wurden zerstört, besonders in Städten wie Aleppo und Homs. Der Souk von Aleppo, ein historisches Geschäftsviertel, das seit 4000 Jahren als Treffpunkt für internationale Händler diente, brannte 2012 nieder. Wir haben uns damals, bei unserer letzten Syrienreise, durchgedrängt, durch diesen damals so lebendigen, lebensfrohen und doch so alten Souk.

Das historische Aleppo ist eine von sechs UNESCO-Weltkulturerbestätten in Syrien. Weitere sind die Altstadt von Damaskus und Bosra, antike Dörfer in Nordsyrien, das Schloss „Krak des Chevaliers“ aus der Zeit der Kreuzzüge, die Festung Qal’at Salah El-Din sowie die Ruinen in der Oase Palmyra. Diese wurden besonders durch den Bürgerkrieg in Mitleidenschaft gezogen.  

Weitere Verluste gibt es durch Diebstähle in Museen. Bedeutende historische Fundstücke wurden aus mindestens sechs Museen entwendet. Allerdings sind die 77.000 Ausstellungsstücke aus Syriens archäologischen Museen nun an einem sicheren Ort untergebracht, einige wenige geraubte Stücke konnten restituiert werden.

Außerdem werden archäologische Fundstellen durch illegale Grabungen zerstört. Manche zerstörte Gebäude kann man nach vorhandenen Plänen vielleicht wieder teilweise aufbauen, aber wenn Leute irgendwelche Dinge einfach mitnehmen, wird man diese niemals wiederbekommen. Satellitenaufnahmen der Ruinen von Apamea, die vor und während des Kriegs gemacht wurden, zeigen das Ausmaß der Zerstörung: Die Stelle sieht aus, als sei sie zerbombt worden, aber die Krater sind durch illegale Grabungen entstanden! Verursacht wird das durch organisierte Kriminalität mit einer Kette von Befehlsgebern. Der Markt für den illegalen Handel mit Kulturgütern ist riesig.

Dennoch werden die Versuche, die Grabungsstätten zu bewachen, manchmal auch durch organisatorische Probleme blockiert. Beispielsweise war es aufgrund der Situation im Land nicht möglich, Geld zu transferieren, mit dem die Wachleute an den Ausgrabungsorten bezahlt werden konnten. Außerdem ist es in der Praxis nicht machbar, alle 10.000 archäologischen Stätten rund um die Uhr zu überwachen.

Ferner werden Anstrengungen unternommen, Fundstücke zu identifizieren, mit denen möglicherweise auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird. Dank dieses Engagements wurden einige syrische Fundstücke bereits aufgespürt und zurückgegeben.

Der sogenannte Islamische Staat hat zwar nicht sehr lange in Syrien geherrscht, aber lange genug um wertvolle unersetzbare Kulturgüter mutwillig zu zerstören. Wo der „Islamische Staat“ auftaucht, hinterlässt er eine Spur der Verwüstung. In Syrien hat der „Islamische Staat“ die antike Stadt Palmyra mit seinen zahlreichen antiken Städten erobert und dort unter anderem den Tempel von Baalschamin gesprengt und Skulpturen zerstört. Der Grund für die Zerstörungen ist die fundamentalistische Ideologie des IS. Der IS ist radikal im Kampf gegen Ungläubige und gegen alles, was aus seiner Sicht nicht islamisch ist. Die Zerstörungen der Kulturgüter sind Teil einer Strategie, die Existenz von anderen Kulturen zu verneinen. Mit den Zerstörungen wollte der IS die Geschichte und damit das kulturelle Gedächtnis auslöschen. In Museen zertrümmerten IS Fanatiker Jahrtausende alte Statuen mit riesigen Hämmern!

Es sollte nicht vergessen werden, dass für die Menschen in Syrien ist das vorislamische Kulturerbe identitätsstiftend und einigend wirkt. Syrien liegt in einer Region, die vormals als Mesopotamien bezeichnet wurde. Es wird als die Wiege der Zivilisation genannt. Die Geschichte dort geht mehr als 10.000 Jahre zurück. Jede archäologische Stätte ist einmalig. Wird sie zerstört, ist sie unwiederbringlich verloren und mit ihr ein Stück Menschheitsgeschichte, das so nie mehr rekonstruiert werden kann.

Wir, meine Generation, die wir viel gereist sind, durften diese Schätze noch bewundern, aber unsere Kinder und Kindeskinder sehen nur noch – zertrümmerte Reste.

Aber nicht zu vergessen, der Krieg in Syrien ist noch nicht zu Ende. Trotz Waffenruhe ist die nordsyrische Region Idlib weiterhin stark umkämpft. Die Region gilt nach wie vor als Brandherd und letzte verbliebene Rebellenhochburg im syrischen Bürgerkrieg. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sich Menschen in Europa oder die EU-Kommission stark um Syrien sorgen. Es sind derzeit Putin und Erdogan, die über das Schicksal dieses Staates verhandeln. Bashar-Al-Assad herrscht wieder über das gesamte Land (eben mit Ausnahme von Idlib). Und der wahrscheinliche Grund – wahrscheinlich auch der Auslöser dieses erschreckenden Bürgerkrieges, war doch die Beseitigung der Diktatur des Assad-Regimes.

So viele Zerstörungen – und keine Veränderung oder gar Verbesserung der politischen Situation!

Das zerstörte kulturelle Erbe Syriens

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