Bestechung und Bestechlicheit

Bei meiner Lektüre bin ich gestern auf „Verhältnisse“ gestoßen, die unserer politischen Situation heute gar nicht so unähnlich sind, obwohl sie ca. 500 Jahre in der Vergangenheit liegen.

Ich meine Vorgänge im Zusammenhang mit dem Römischen Reich deutscher Nation. Nur kurz zur Auffrischung Ihrer sicherlich vorhandenen Kenntnisse über dieses Konstrukt. Heiliges Römisches Reich war die offizielle Bezeichnung für den Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Spätmittelalter bis 1806. Der Name des Reiches leitet sich vom Anspruch der mittelalterlichen römisch-deutschen Herrscher ab, die Tradition des antiken Römischen Reiches fortzusetzen und die Herrschaft als Gottes heiligen Willen im christlichen Sinne zu legitimieren. Die Ausdehnung und die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches veränderten sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich.

Die mittelalterlichen Herrscher des Reiches sahen sich in direkter Nachfolge der römischen Cäsaren und der karolingischen Kaiser. Die Wahl zum König erfolgte zunächst – theoretisch – durch alle Freien des Reiches, dann durch alle Reichsfürsten, schließlich nur noch durch die wichtigsten Fürsten des Reiches. Der genaue Personenkreis war jedoch umstritten und mehrmals kam es zu Doppelwahlen, da sich die Fürsten nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen konnten. Erst die Goldene Bulle legte 1356 den Kreis der Wahlberechtigten und das Mehrheitsprinzip verbindlich fest.

Und der König musste gewählt werden (im Gegensatz zu anderen Ländern, bei denen die Erbfolge innerhalb der Familie lag und zumeist der älteste Sohn die Nachfolge antrat), dies oblag den so genannten Kurfürsten. Das Kurkollegium bildete sich im 13. Jahrhundert heraus. Im Spätmittelalter waren dies die drei geistlichen Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier und vier weltliche Kurfürsten, der König von Böhmen, der Markgraf von Brandenburg, der Pfalzgraf bei Rhein und der Herzog von Sachsen. Erst wenn der König durch die Kurfürsten gewählt worden war, konnte er durch den Papst zum Kaiser gekrönt werden. Sowohl bei der Zahl der Kurfürsten als auch bei der Krönung durch den Papst gab es im Laufe der Zeit Veränderungen.

Jetzt möchte ich auf die Situation kommen, die in der Spätrenaissancezeit den heutigen Verhältnissen doch einigermaßen ähnelt. Beim Tod Karls Großvaters, Maximilians I., ist Karl gerade in Spanien, um über spanische und katalanische Dinge zu verhandeln, Nachrichten über Hernando Cortez und dessen Eroberungen in Südamerika zu hören, außerdem hat Ferdinand Magellan die Idee einer Erdumsegelung und braucht dafür Geld. Die Kaiserwahl kommt für Karl zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, denn er hat nur wenige Monate Zeit die Kurfürsten von seiner Wahl zu überzeugen, er war nie in Deutschland und er kann auch kein Deutsch.

 Außer Karl bewirbt sich noch Franz I. von Frankreich und er hat bessere Chancen als der unbekannte Karl von Gent, denn er ist mit Papst Leo X. regelrecht befreundet und der Papst hat etwas dagegen, dass der König von Neapel (also Karl) Kaiser werde, weil dann die Macht des Papstes und auch die kirchliche Macht in Italien eingeschränkt würden. Der Kurfürst von Brandenburg und der Erzbischof von Trier werden allerdings gegen eine gewisse Summe sicherlich auch Franz I. wählen. Und Franz verschuldet sich sehr hoch, um die Kurfürsten ausreichend bestechen zu können.

Maximilian I. hat zwar vor seinem Tod die Wahlmänner für seinen Enkel instruiert, aber wie die abstimmen werden, ist nicht sicher, obwohl Karl deutscher Abstammung und ein Habsburger ist. Es wählen sieben Kurfürsten; die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der König von Böhmen, der Pfalzgraf zu Rhein, und die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg. Vier Leute müssen also irgendwie überzeugt werden.

Nachdem Karl seinen Konkurrenten von seiner Absicht informiert hat, lacht halb Europa über die Antwort Franz I.: „Sire, wir beide werben um dieselbe Dame“. Doch Karl kann über seine Verbindungen nun den römischen Machtapparat einschalten und hat damit die Stimmen der drei Erzbischöfe. Für die anderen Stimme wir das Bankhaus Fugger bemüht. Gewährt wird schließlich einen Kredit in Höhe von 543.589 Gulden, damit der Gesamtpreis von 852.589 Gulden und 56 Kreuzern für die benötigten Bestechungsgelder aufgebracht werden kann – ein Betrag, der Karl für den Rest seines Lebens von Familie Fugger abhängig macht und der dafür verantwortlich ist, dass die Eroberungen in Südamerika weitergehen müssen. Die Familie Fugger gibt den Kredit übrigens nicht nur aus Berechnung, denn ihr ist ein deutscher lieber als ein französischer Kaiser. Karl lässt den Kurfürsten signalisieren, wenn sie ihn wählten, hätten sie mehr Handlungsfreiheit, weil sein Reich so groß sei, dass er nur selten in Deutschland sein könne. Auch das war ein triftiges Argument, denn dann könnten die wiederum tun und lassen, was sie wollten.

Friedrich III. oder Friedrich der Weise von Sachsen hat außerdem einen persönlichen Handel mit Papst Leo X., denn der hatte ihm geraten, bei der Kaiserwahl zu kandidieren. Im Gegenzug würde Leo X. „die Sache Luther“ auf sich beruhen lassen, denn Leo denkt, dass Friedrich auch ohne Rom mit Luther fertigwerden würde. Gleichzeitig hat Friedrich erfahren, dass Franz I. seinem Brandenburger Kollegen das Amt des Reichsverwesers und königliche Würden angeboten hat – darüber ist er erbost und tritt schon deshalb an, um Franz zu verhindern.

Im ersten Wahlgang wird Friedrich auch zum Kaiser gewählt – doch nun will er die Wahl nicht mehr annehmen, und als er seine Stimme Karl gibt, wählen die anderen Kurfürsten genauso und so kommt es, dass am 28. Juni 1519 Karl einstimmig zum neuen (damit habsburgischen) Kaiser gewählt wird. Diese Wahl macht auch die Familie Fugger zum mächtigsten Bankhaus der Welt. Sogar der Papst bittet diese Bank, den Ablasshandel zum Zweck des päpstlichen Neubaus (heutiger Petersdom) zu organisieren.

Und wir regen uns über Bestechungen und Bestechlichkeit heute so auf?

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