Durchhäuser, diesmal nur in der Inneren Stadt

Der für Wien typische Innenhof war ein Ort der Kommunikation. In den Bürgerhäusern des 18. Jahrhunderts lag hinter prunkvollen Fassaden meist ein schlichter Hof, der Lebensmittelpunkt vieler Mieter war. Der gemeinsame Hausbrunnen wurde in Zeiten der Industrialisierung und der damit einhergehenden Wohnungsnot von der Bassena am Hausflur abgelöst. Höfe und Grünflächen mussten oft funktionellen Zinshäusern weichen. Der Hof allerdings blieb erhalten, er war oft nicht mehr begrünt, enthielt eine Teppichklopfstange und wurde auch zum Wäschetrocknen benutzt.

Und so verbundene Höfe konnten zu Durchhäusern werden. Das Durchhaus diente in der Regel als Abkürzung zwischen zwei parallel verlaufenden Straßen, welches von beiden Seiten zugänglich ist. Heute öffnet sich dahinter oft ein Innenhof, in dem Geschäftslokale und Gaststätten untergebracht sind. Allerdings gäbe es viel mehr Durchhäuser, wenn die Vermieter und Mieter nicht so „sicherheitsbedacht“ wären.

Da ich im Ersten Bezirk wohne, kenne ich die „Durchhäuser“ hier am besten. Sehr oft komme ich durch den Michaeler-Durchgang (Michaelerplatz – Habsburgergasse). Hier kann man nicht nur sehr wunderschöne Dinge einkaufen, seine Bilder stilvoll rahmen lassen, man kann auch die vielfigurige bemalte Steinskulptur „Christus am Ölberg“, die Hans Hueber 1494 stiftete, bewundern.

Ganz in der Nähe gibt es den Generalihof (Durchgang von der Bräunerstraße zum Graben). Das Gebäude wurde 1894 durch die Assicurazione Generali erbaut und ist Sitz renommierter Alt-Wiener Firmen, die zu den Hoflieferanten des kaiserlichen Hofes zählten.

Eine besondere Spezialität sind hintereinander gereihte Durchhäuser: der Zwettlhof wurde 1844 an Stelle der ehemaligen Probstei-Wohnungen als öffentlicher Durchgang vom Stephansplatz zur Wollzeile errichtet. Die Passage beherbergt heute Traditionsgeschäftslokale und strahlt verwunschenen Charme aus. Früher betrat man von hier das Dommuseum, das seinen Eingang jetzt an den Stephansplatz verlegt hat. Man sollte nicht nur vorübergehen.

Beim Ausgang Wollzeile schließt an der gegenüberliegenden Straßenseite ein weiterer Durchgang an. Es ist der sogenannte Schmeckender-Wurm-Hof. Der Durchgang von der Wollzeile zum Lugeck besteht seit dem 17. Jahrhundert. In dem schmalen Durchgang finden sich heute diverse Geschäftslokale. Einer Legende nach soll in einem der Keller ein Drache („Wurm“) gehaust haben, der einen grauenhaften Gestank verbreitete. Da „schmecken“ auch für riechen stand, wurde das Durchhaus kurzerhand in „Schmeckender-Wurm-Hof“ umbenannt. Eine andere Geschichte erzählt von einem Mädchen, das in einem der Häuser wohnte. Als ihr Verehrer einen Blumenstrauß zum Fenster hochwarf, ließ diese ihn verächtlich fallen. Die Blumen landeten zwischen den Klauen des goldenen Alligators – das Zunftzeichen des Taschners im selben Haus. Der unglücklich platzierte Strauß erweckte den Eindruck, der „Wurm“ würde an den Blumen riechen. Berühmt ist der Durchgang auch für Wiener und Fremde für das größte Schnitzel Wiens, das dort und auch öfter in der Umgebung angeboten wird.

Der Heiligenkreuzerhof gehört seit Anfang des 13. Jahrhunderts dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz. Die Fundamente datieren allerdings bis in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Im 17. Jahrhundert begann die Umgestaltung des Stiftshofes. Diese Häuser aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert sind die ältesten Zinshäuser Wiens. Der Heiligenkreuzerhof führt von der Grashofgasse zur Schönlaterngasse. Der Komplex besteht aus dem eigentlichen Stiftshof (mit Prälatur und Kapelle) und einem Miethaus. Und in ebendieser Kapelle hat einst mein leider auch schon verstorbener Schwager geheiratet. Während der ersten Türkenbelagerung wurden viele Bürger der Vorstädte hier untergebracht. Im Trakt an der Schönlaterngasse wohnte 1683 während der Türkenbelagerung Leopold Graf Kollonitsch.

Der Fähnrichhof datiert im Baukern bis in das 13. Jahrhundert zurück. Einer Sage zufolge soll einst der Orden der Tempelritter hier sein Hauptquartier bezogen haben. Seit dem 16. Jahrhundert ist er ein Komplex aus mehreren Häusern. Nach 1945 kaufte die Stadt Wien den stark sanierungsbedürftigen Wohnkomplex und ließ ihn in den Jahren 1962 bis 1965 neugestalten und renovieren. Der Fähnrichhof umfasst die Häuser Blutgasse 5, 7, 9 sowie Singerstraße 9 und 11. Der Platz im Hof ist von einer prächtigen Platane überschattet. Weiters öffnet sich der große, verschachtelte Innenhof über Treppen und schmale Durchgänge bis zur Grünangergasse. Es ist wunderschön und sehr geruhsam im Fähnrichhof.

Das Deutschordenshaus umfasst zwei Innenhöfe mit Fassaden im Stil des 17. Jahrhunderts. Es verbindet die Singerstraße mit dem Stephansplatz. Ausgehend von einer Niederlassung der Ritter vom Deutschen Orden im 13. Jahrhundert, entstanden im 17. und 18. Jahrhundert Zubauten. In einer der Wohnungen lebte kurze Zeit Wolfgang Amadeus Mozart, später weilte auch Johannes Brahms im Deutschordenshaus. 1903 wurden gefundene Grabplatten in die Mauern eingelassen. Im Durchgang zwischen den zwei Höfen sind Ehrentafeln für Ehrenmitglieder beziehungsweise Träger der Mozart-Medaille der Mozartgemeinde Wien angebracht. Auch das Zentralarchiv und die Schatzkammer des Deutschen Ordens sind im Haus untergebracht. Ich sitze sehr gerne in dem Garten eines Restaurants in diesem Komplex, in dem anderen Hof haben sehr gemütlich private Heurige stattgefunden, und zuweilen besuche ich auch die Deutschordenskirche, die Teil dieser sehr begrünten, stimmungsvollen Anlage ist.

In diesen Durchgängen und Höfen herrscht zumeist keine Hektik, nur wenige Touristengruppen verirren sich hierher. Nutzen Sie die Ruhe und genießen Sie dort das unzerstörbare Flair dieser Stadt.

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