Zum Islamischen Gebetsruf – in Europa

In Köln darf befristet auf zwei Jahre der muslimische Gebetsruf ertönen. Wäre der Muezzin-Ruf auch bei uns denkbar? Die Meinungen gehen auseinander, nicht nur bei den Behörden, sondern auch in der muslimischen Community.

Der Muezzin-Ruf, Azan genannt ist der islamische Gebetsruf. Er wird traditionell in arabischer Sprache fünfmal täglich zum Aufruf des gemeinschaftlichen Gebets durch den Muezzin gerufen, sowie zum Freitagsgebet. In großen Moscheen wird er vom Minarett aus gerufen, in kleinen Moscheen von der Tür aus oder von der Seite des Gebäudes. Heute geschieht dies meist über Lautsprecher. Der Azan ruft die Gläubigen zum Ort des Gebetes, wogegen unmittelbar vor Beginn des Gebetes im Innern der Moschee nochmals die sogenannte Iqama (Gebetsaufruf) ertönt, die bis auf eine zusätzliche Zeile dem Azan gleicht. Üblicherweise ertönt der muslimische Gebetsruf von einem Minarett.

Unter den vier sunnitischen Rechtsschulen besteht Einigkeit darüber, dass Azan und Iqama für die fünf täglichen Gebete und das Freitagsgebet religionsrechtlich vorgeschrieben sind. Während sie im hanafitischen, malikitischen und schafiitischen Madhhab als Sunna (islamische Tradition, Taten des Propheten) eingeordnet werden, hat sie Ahmad ibn Hanbal – der Gründer der hanbalitischen Rechtsschule, zur Pflicht erklärt, die dadurch erfüllt wird, dass einer sie für die Gemeinschaft erfüllt. Für Frauen dagegen ist der Azan nicht vorgesehen.

Der erste Azan in der Geschichte des Islam soll, nachdem der Prophet Mohammed den Gebetsruf beschlossen hatte, von Bilal al-Habaschi, einem freigelassenen abessinischen Sklaven und engem Vertrauten des Propheten, um 623, kurz nach der Auswanderung (Hidschra) aus der Stadt Mekka, gerufen worden sein. Bevor man sich zum Azan als Form des Gebetsrufs entschieden hatte, wurden auch Alternativen vorgeschlagen, beispielsweise ein Feuer, ein Hornsignal (entsprechend dem jüdischen Schofar) oder die Verwendung des Naqus (bezeichnet unterschiedliche, von Christen in arabischen Ländern im Nahen Osten verwendete Kultinstrumente. Das eine ist ein langes Stück Holz, das seit vorislamischer Zeit anstelle einer Glocke geschlagen wurde. Zum anderen steht Naqus seit dem späten Mittelalter für eine Handglocke aus Metall, die von orthodoxen Christen in Ägypten und im Libanon in der Liturgie verwendet wird. Erstmals wurden die Glocken beim Gottesdienst in den frühchristlichen koptischen Zentren in Ägypten gespielt).

Während der Corona-Krise wurden in zahlreichen muslimischen Regionen die Gebetsrufe leicht abgewandelt. Die Maßnahme stützt sich auf überlieferte Hadithe des Propheten Mohammad. Darin ist davon die Rede, dass Mohammad seinem Muezzin bei Regen die Änderung des Gebetsrufes befohlen habe, um den Gläubigen das Gebet nicht zu erschweren.

Das Modellprojekt in Köln ist auf zwei Jahre angelegt. Unter strengen Auflagen können Moscheegemeinden dann die öffentliche Durchführung des Gebetsrufs beantragen. Kölns Oberbürgermeisterin sieht darin ein Zeichen für religiöse Freiheit & Vielfalt. Wer am Hauptbahnhof ankommt, wird vom Dom begrüßt und von Kirchengeläut begleitet. Viele KölnerInnen sind Muslime. Den Muezzin-Ruf zu erlauben, ist ein Zeichen des Respekts.

Die Reaktionen auf das Projekt fallen gemischt aus – auch innerhalb der muslimischen Community. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland hält die Erlaubnis für einen Ausdruck von Respekt. Der Azan sei integraler Bestandteil des muslimischen Gebets und eine Selbstverständlichkeit in vielen Ländern Europas und in den USA, meint er.

Der Leiter des Osnabrücker Islaminstituts bezeichnete die Kölner Entscheidung als „überfällig“. Bislang habe man den Islam in Deutschland eher verdrängt – in Hinterhofmoscheen und Wohngebiete. Der Muezzin-Ruf am Freitag macht die religiöse Pluralisierung in Deutschland sichtbar. Allerdings wird ein Ruf ohne Lautsprecher empfohlen, um die Nachbarschaft nicht „allzu sehr“ zu stören.

Als nicht zwingend für ihre persönliche Religionsfreiheit sieht die nordrhein-westfälische Integrationsstaatssekretärin den Muezzin-Ruf an. Viele Muslime sehen das ähnlich, meint sie. Die aktuelle Debatte um Muezzin-Rufe in Köln bezeichnete die Politikerin als nicht hilfreich für das gesellschaftliche Miteinander.

Kritik kommt auch von der türkischstämmigen Soziologin und Publizistin Necla Kelek. Ausgerechnet eine Frau als Oberbürgermeisterin bestätigt diesen Männern, dass dieses Gesellschaftsbild in Ordnung ist – mitten unter uns, meint sie. Wenn Allahu Akbar gerufen wird, kommen Männer zusammen. Die Männer, die ihre Frauen zu Hause haben. Diese Frauen dürften laut ihren Männern keinen Platz in der Öffentlichkeit haben – daher auch das Kopftuch, falls sie sich in der Öffentlichkeit bewegen sollten, so die Islam-Expertin. Ähnlich äußert sich auch die türkischstämmige Rechtsanwältin und Moschee-Gründerin Seyran Ates. Kirchenglocken dürften auch von Frauen geläutet werden. In den Moscheen aber, um die es geht, wird niemals die Stimme einer Frau zu hören sein. Eine Stimme bekomme nur das religiöse Patriarchat. Und das sei in vielen Gemeinden schon ohrenbetäubend laut.

Ich kann alle diese Pro- und Contra-Argumente nachvollziehen. Ich liebe das Läuten der Glocken! Ich bin nicht sicher, dass ich mir die Einführung des Muezzin-Rufes fünf Mal am Tag auch bei uns, in Österreich wünsche. Bei uns interpretiert man den Allahu Akbar-Ruf doch als Einleitung zu einem terroristischen Akt?

Zum Islamischen Gebetsruf – in Europa

2 Gedanken zu “Zum Islamischen Gebetsruf – in Europa

  1. Der Vorteil der Glocken ist, daß sie nicht zwingend als Gebetsruf gedeutet werden müssen. So kann man unsere Läutezeiten um sechs, zwölf und neunzehn Uhr auch als Läuten zum Essen verstehen, wenn man will.
    Über Ästhetik soll man nicht streiten. Gleichwohl finde ich Glocken wohltönender.

    Ansonsten gilt m.M.n.: abusus non tollit usum.

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