Ein Tag, der mein Leben grundlegend veränderte

Der 17. Oktober 1993, Sonntag

Es war so gegen 4 Uhr früh geschehen, wir – mein leider inzwischen verstorbener Mann und ich – waren übers Wochenende – wie üblich nach Pernitz gefahren. Mein Mann war in der Nacht aufgestanden, und dann im Vorzimmer umgefallen. Er konnte nicht mehr aufstehen, ich brachte einen Polster und eine Decke und rief unsere (Pernitzer) Ärztin an. Nach meinen Schilderungen war sie gleich aktiv geworden und hatte auch schon die Rettung alarmiert. Nachdem sie meinen Mann gesehen hatte, tippte sie auf einen Schlaganfall. Ich verständigte noch kurz die Kinder, über das Festnetz, wir hatten damals noch keiner Handys, hatte aber keine Zeit mehr, zu duschen. Ich schlüpfte in einen Trainingsanzug, denn schon war die Rettung da, um meinen Mann nach Wiener Neustadt ins Krankenhaus zu bringen. Eigentlich brachte die Pernitzer Rettung meinen Mann nur zur bereits aus Wiener Neustadt entgegenkommenden, für solche Fälle „spezialisierten“ Rettung. Der Arzt in diesem Auto meinte, das wäre kein Schlaganfall, sondern eine Gehirnblutung und mein Mann müsste nicht in die „Interne“, sondern in die Neurologie gebracht werden.  Diese Entscheidung hat meinem Mann vielleicht damals das Leben gerettet.

Der diensthabende Arzt ordnete sofort eine Computertomographie an – aber es war noch keine Hilfskraft, um meinen Mann dorthin zu schieben, im Dienst – ich bot an, das selbst zu übernehmen. Eine Schwester half mit. Ich wartete  – und es kam mir lang vor – bis dann der Arzt dort meinte, die Gehirnblutung wäre massiv.  Keine erfreuliche Aussage.  Der Arzt, dem ich das Ergebnis zurückbrachte, meine, dass dies „zu groß“ für seine Abteilung wäre und schlug vor, meinen Mann nach Wien zu überführen. Man überlegte einen Hubschrauber, entschied aber, dass das zu gefährlich wäre. Eine On-line Übertragung des Befundes und der Tomographie-Unterlagen erwies sich damals als technisch nicht machbar, also wurde dieser mit einem Auto nach Wien gebracht. Ich durfte die ganze Zeit neben meinem Mann im Spitalsbett sitzen – und warten. Meine Tochter (Ärztin) deren Mann und kleiner Sohn hatten sich gleich mit dem Auto aufgemacht und waren nach Wiener Neustadt gekommen. Meine Tochter war damals hochschwanger. Ich glaube es baute meinen Mann – der durchgängig wach war, enorm auf, seine Tochter samt Familie zu sehen. Meinen Sohn durfte ich über das Krankenhaustelephon anrufen und ihm den Namen eines befreundeten Neurologen im AKH durchgeben, um meinen Mann dort unterbringen zu können. Denn Wiener Neustadt konnte meinen Mann nicht losschicken, wenn nicht geklärt wäre, wohin er gebracht würde.

Endlich war es soweit, mein Mann wurde wieder in einen Rettungswagen verladen, ich durfte bei ihm bleiben, mein Schwiegersohn fuhr mit seiner Familie hinterher. Also mit Blaulicht und Folgetonhorn fuhren wir nach Wien, ins AKH. Dort wurde mein Mann umgehend auf die Neurochirurgie gebracht, inzwischen war es fast Mittag geworden. Nachdem der Patient aufgenommen war und von einer Schwester zur Operation abgeholt worden war, wartete ich im Vorraum, eine andere Schwester kam heraus und brachte mir den Ehering meines Mannes. Ich bin unfassbar erschrocken, und befürchtete das Schlimmste, die Schwester war darob erstaunt, und meinte es wäre üblich, alle Schmucksachen abzunehmen und den Verwandten zu übergeben. Ich trug den Ehering meines Mannes, bis er ihn wieder selbst tragen konnte. Man empfahl man mir nach Hause zu gehen, man würde mich dann verständigen, wie die Operation verlaufen wäre. Ungern verließ ich das Spital, meine Tochter brachte mich nach Hause, dort konnte ich mich endlich duschen und umziehen, und alle gemeinsam fuhren wir zu meinem Sohn. Obwohl es „Familie“ war, bin ich mir dort sehr „verlassen“ vorgekommen – wir haben auf den Anruf aus dem Spital gewartet, gewartet und gewartet.  

Zwischenzeitich hatte ich meine Haushaltshilfe in Pernitz angerufen, dass sie den Eiskasten ausräumen möge. Das Auto (meines Mannes) stand auch dort in der Garage. Zum Glück hatte ich damals mein eigenes kleines Auto.

Da mein Mann damals Chefredakteur der Zeitung „Die Presse“ gewesen ist, ist die Nachricht über seinen Zustand bereits in den Medien verbreitet worden. Das war nicht hilfreich. Endlich abends, kam dann der Anruf aus dem Spital, die Operation sei gut verlaufen, aber man könne über die Aussichten noch nichts sagen[CC1] . Bekannte riefen auch bei meinem Sohn an, aber ich wusste nichts Konkretes. Manche dieser Bekannten spekulierten – er wird nie wieder sprechen, nie wieder formulieren, seinen Beruf nicht mehr ausüben können. Schön war das nicht.

Am nächsten Tag wurden wir verständigt, dass man meinen Mann kurz in der Intensivstation sehen könnte, ich bat meinen Sohn, das zu übernehmen. Dieser rief mich kurz darauf an und meinte, das mit dem Nicht-Sprechen, das kann nicht stimmen – der Vater krächzt immerhin. Jedenfalls war mein Mann ab dann halbseitig gelähmt.

Es folgten fast 2 Monate Spitalsaufenthalt, zuerst in der Neurochirurgie, dann Neurologie. Darauf folgte eine Reha – zum Glück in Wien. Ich besuchte meinen Mann damals dort überall täglich. Ende Jänner  war es dann soweit, mein Mann war wieder ganz zu Hause – und er nahm seine Tätigkeit in der Zeitung wieder auf.  

Es folgten noch 25 gemeinsame gute Jahre, die anders, aber doch sehr schön waren, bis vielleicht auf das letzte Jahr, indem es meinem Mann dann schon nicht mehr so gut ging. Trotz Gehirnblutung schrieb mein Mann in diesen 25 Jahren noch 20 Bücher, wir reisten, er blieb bis zuletzt Kolumnist der Presse.

Ich vermisse ihn!


 [CC1]

Ein Tag, der mein Leben grundlegend veränderte

6 Gedanken zu “Ein Tag, der mein Leben grundlegend veränderte

  1. Beeindruckend. Spannend geschrieben über leidvolle – und doch nicht so ganz- Erfahrungen, und ich fühle richtig, wie groß das Vermissen ist…Zum Glück aber sind da noch so viele Familienmenschen, ganz liebe!

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  2. Eckmair Andreas schreibt:

    Ich habe Ihren Mann nicht nur als grossartigen Journalisten geschätzt, sd auch mehrmals bei unserem gemeinsamen Arzt Prof. Meng getroffen- trotz aller Einschränkungen blieb er bis zuletzt ein Herr der Alten Schule- und fehlt gerade in Zeiten wie diesen- mit freundlichen Grüßen
    Dr. Andreas Eckmair

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