Statt Sünden, diesmal Tugenden

Halten wir sie ein?

Zurecht haben einige der Leser meines gestrigen Beitrages https://christachorherr.wordpress.com/2021/10/18/zu-verhaltensmasstaben-z-b-die-sieben-todsunden/

gemeint, es wäre sinnvoller mit den Tugenden, statt mit den Sünden zu beginnen. Ich darf das jetzt nachholen. Aber für mich spießt es sich schon beim Wort „Tugend“ – in unserer Gesellschaft nicht sonderlich „beliebt“. Viele, gerade jüngere Menschen sehen das Wort als veraltet an. Dabei wird es von „taugen“ abgeleitet, Tauglichkeit im Sinne von Tüchtigkeit, Vorzüglichkeit.

Tugend kann (je nach Person) Unterschiedliches bedeuten, denn es gibt die: Kardinaltugenden, die christlichen und die himmlischen Tugenden, Rittertugenden, die „neun edlen Tugenden“ im germanischen Neuheidentum, Bürgerliche Tugenden, wissenschaftliche Tugenden, Herrschertugenden, aber auch preußische Tugenden, es gibt die Silas im Buddhismus, die fünf konfuzianischen Kardinaltugenden, Frauentugenden, Soldatische Tugenden … Wir haben die Auswahl.  Es wird aber auch von Sekundärtugend gesprochen, wenn man Charaktereigenschaften meint, die zur praktischen Bewältigung des Alltags und zum „störungsfreien“ Betrieb einer Gesellschaft beitragen, ohne aber für sich allein eine ethische Bedeutung zu haben, sofern sie als Selbstzweck hochgehalten werden und nicht zur Erfüllung der Primärtugenden dienen. Dazu gehören z.B.  Fleiß, Treue, Gehorsam, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnungsliebe, Höflichkeit, Sauberkeit. Diese Tugenden stehen selten hoch in der Prioritätenliste von (jungen) Menschen heute.

Mein Vorschlag daher: schauen wir lieber in die Antike. Die Gruppe von vier Haupttugenden ist erstmals bei dem griechischen Dichter Aischylos belegt, in seinem 467 v. Chr. entstandenen Stück Sieben gegen Theben. Er scheint sie als bekannt vorauszusetzen; daher wird vermutet, dass sie schon im griechischen Adel des 6. Jahrhunderts v. Chr. geläufig waren. Tugendhafte Menschen sind demnach: verständig, gerecht, fromm und tapfer (entspricht „gut“) bezeichnet. Kann sich ein materiell armer Mensch (damals eventuell Sklave) tugendhaft verhalten? Bestimmen nicht Umstände, dass – um überhaupt überleben zu können – er/sie sich gar nicht so tugendhaft verhalten muss?

Also ganz können wir heutzutage damit doch nicht auskommen: Platon übernahm die Idee der Vierergruppe. Er behielt die Tapferkeit, die Gerechtigkeit und die Besonnenheit bei, ersetzte aber die Frömmigkeit durch Klugheit oder Weisheit (wobei diese zwei Verhaltensweise gar nicht dasselbe bedeuten). Dadurch wurde aber die Frömmigkeit aus dem Tugendkatalog verdrängt.

Auch im Judentum wurden dieselben vier Haupttugenden genannt.  Die Römer übernahmen diesen Katalog (Cicero) von den Griechen. Das Christentum nennt Glaube, Liebe und Hoffnung als wesentliche Tugenden. Im Gegensatz zu den zehn Geboten sind diese drei Tugenden keine konkreten Handlungsvorschriften, sondern von Christen verlangte Einstellungen bzw. innere Haltungen. Sie werden von den vier aus der antiken Philosophie übernommenen Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung ergänzt. Auf Papst Gregor den Großen (540–604) geht dieser traditionelle Kanon der sieben Tugenden zurück, indem er drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung den antiken platonischen Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung hinzurechnete. Eine erste systematische Ausformung erhält die Tugendlehre im Rahmen der Morallehre des Thomas von Aquin, der die Kardinaltugenden als Angel bezeichnet, an der alle anderen Tugenden befestigt sind (wie die Tür an der Angel – lateinisch: cardo). Immanuel Kant lässt in Bezug zu den Sekundärtugenden nur eine Primärtugend gelten: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ Fehle dieser, können alle anderen Tugenden „auch äußerst böse und schädlich werden“.

Um „tugendhaft“ zu leben, müssen wir zwischen Gut und Böse unterscheiden können – das ist zuweilen gar nicht so leicht. Und dann kommt noch dazu, dass wir „das Gute“ auch wollen. Der freie Wille des Menschen, den wir alle so hochhalten, steht dem „Gut-Sein“ zuweilen im Wege. Aber selbst „das Gute“ sieht für unterschiedliche Menschen höchst unterschiedlich aus. Mir fällt dazu – aktuell – die Impfdebatte ein. Hier eckt auch noch der Freiheitsbegriff herein. Für mich aber hört Freiheit dort auf, wo sie die Freiheit eines anderen beeinträchtigt, hier müssten nun die platonischen Kardinaltugenden „eingreifen“.

Ich meine „tugendhaft“ zu leben ist schwer, sollte aber dennoch von vielen angestrebt werden. Und damit dies möglich ist, bedarf es der Beispielgebung jener, die besonders in der Öffentlichkeit stehen. Und das scheint mir derzeit eher nicht der Fall zu sein!

Statt Sünden, diesmal Tugenden

2 Gedanken zu “Statt Sünden, diesmal Tugenden

  1. Bei dem Versuch, einen Katalog der Tugenden zu erstellen, konnte Aristoteles auf seinen Lehrer Platon zurückgreifen, der an mehreren Stellen jene Tüchtigkeiten der Seele hervorgehoben hatte, die notwendig sind, um ein erfülltes Leben zu führen.
    Aristoteles hat in seinen Ethiken für die unterschiedlichsten emotionalen und affektbesetzten Handlungs- oder Gefühlsmöglichkeiten die wir haben, die Extreme herausgesucht und die Tugend als das Mittlere zwischen den Extremen, als das Mittlere zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig, zwischen einem Übermaß und einem Mangel, definiert.

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