Rücksichtsloser Bodenverbrauch

Es ist mir ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass Österreich neben der Veröffentlichung der Chats (und ihrer öffentlichen Vorlesung im Burgtheater – ich halte das für höchst unangemessen) und der steigenden Corona Zahlen noch andere Probleme hat, die derzeit stark in den Hintergrund gerückt werden. Aber durch Verdrängung werden sie nicht weggehen, im Gegenteil, sie werden sich verschärfen. Und vor allem finde ich, dass – um dem Gerede um die Misere abzuhelfen – das Verlautbaren von ehrgeizigen Zielen nicht viel bringt. Das haben wir bei Klimazielen auf allen Ebenen und rundherum gesehen.

Die extreme Verbauung zerstört unsere Umwelt, beschleunigt die Klimakrise und belastet die Gesundheit der Menschen. Mit einem Bodenverbrauch von 13 Hektar pro Tag (2019) wird alle zehn Jahre die Fläche von Wien neu verbaut. Bodenverbrauch wird folgendermaßen definiert: dauerhaften Verlust biologisch produktiven Bodens durch Verbauung und Versiegelung für Siedlungs- und Verkehrszwecke, aber auch für intensive Erholungsnutzungen, Deponien, Abbauflächen, Kraftwerksanlagen und ähnliche Intensivnutzungen. Fast die Hälfte des auf diese Art beanspruchten Bodens (41 Prozent) wird versiegelt, also mit einer wasserundurchlässigen Schicht wie Beton oder Asphalt überzogen.

Ein Schwinden dieser Böden heißt nicht nur weniger Fläche für Getreide, Obst und Gemüse, sondern noch auch mehr Erosion, Überschwemmungen und weniger Biodiversität.

Es ist allerhöchste Zeit: Fast ein Fünftel der bewohnbaren oder landwirtschaftlich geeigneten Fläche Österreichs ist bereits verbaut – dieser „Flächenfraß“ steigt mehr als doppelt so schnell als das Bevölkerungswachstum. Rund 260 Fachmärkte und Einkaufszentren machen Österreich zum Land der Shoppingcenter, von denen viele auf der grünen Wiese errichtet werden. Ihre Anzahl hat sich allein in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt.  Mit rund 1,6 Quadratmetern Einkaufsfläche pro Kopf liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld. Vielleicht ist „Flächenfraß“ der nicht ganz richtige Ausdruck: es wird überall das Ackerland eher „angeknabbert“ als gefressen, aber die Summe aller ist dann das Erschreckliche. Und woraus bestehen diese Knabbereien? In der Erweiterung einer Abfüllanlage, im Neubau einer Schnellstraße, eines neuen Supermarkts mitsamt riesigem Parkplatz, aber auch in jedem Einfamilienhaus im Grünen, das dann eine Zufahrt, Zuleitung von Wasser, Strom, eines Kanals etc.  benötigt.

Flächenwidmung ist in Österreich Gemeindesache. Wer bauen will, geht zum Bürgermeister. Der steckt in einem Dilemma: Einfamilienhäuser bringen die für den Finanzausgleich so wertvollen Hauptwohnsitze, Gewerbegebiete füllen die Gemeindekassen durch Kommunalsteuer, die Unternehmen zahlen. Entscheidet sich die Lokalpolitik gegen die Umwidmung, entsteht das Einkaufszentrum eben im Nachbardorf. Letztlich stehen die mehr als 2100 Gemeinden zueinander in Konkurrenz. Beim Bau von Privathäusern ist es hingegen oft das Naheverhältnis zwischen Antragsteller und Politik, welches dazu führt, dass Umwidmungsanträge oft auf fruchtbaren Boden fallen.

Besonders anfällig für derartige Praktiken sind Gebiete mit hohem touristischem Aufkommen – denn dort sind es die Immobilienfirmen die „Chalets“ – in See-Nähe oder auf Almen bauen, die meist als Zweitwohnsitze (oder Geldanlage) genutzt werden, und daher nicht ganzjährig genutzt werden.

Der hohe Bodenverbrauch ist eines der dringlichsten Umweltprobleme unserer Zeit. Zu den negativen Folgen zählen die Lebensraumzerstörung, das Artensterben, der Verlust der für uns Menschen überlebenswichtigen Bodenfunktionen, die Verschärfung der Klimakrise sowie gesundheitliche Probleme.

Umweltforscher warnen vor den Folgen der Versiegelung angesichts höherer Unwettergefahr. Das abfließende Wasser kann nirgendwo versickern, sondern sammelt sich und verstärkt die Fluten. Neben dem Verlust der Lebensräume durch Verbauung ist auch die Zerschneidung durch Straßen und andere Infrastruktur ein Treiber, da dadurch die Ausbreitung von Tieren und Pflanzen verhindert wird. Verschlechterte Habitat-Bedingungen können zur Abwanderung oder gar zum Verschwinden von Arten führen.

Wir sollten auch an die Ernährungssicherung denken. Derzeit kann vieles Importiert werden, die derzeitigen Probleme mit den „Lieferketten“, die allerdings „nur“ technische Bauteile betreffen, zeigen, wie rasch die Abhängigkeit von internationalen Märkten zur Falle werden kann. Können wir davon ausgehen, dass die Erträge auf den besten Äckern im Marchfeld in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts wegen Hitze, Trockenheit, Unwetter extrem einbrechen werden?

Unsere Ernährung hängt genauso von ökologisch intakten Böden ab, wie unser Zugang zu Trinkwasser, zu sauberer Luft, zur Abkühlung im Sommer sowie dem Schutz vor Hochwasser und anderen Naturkatastrophen.

Aber es muss nicht so sein, wie unsere Nachbarn zeigen:  in Bayern und Südtirol sind Siedlungen viel kompakter als in Österreich. In Deutschland gibt es eine hierarchische Flächenordnung, die den Gemeinden nur noch eingeschränkte Möglichkeiten zur Umwidmung lasse. Südtirol wiederum habe so strenge Vorgaben – etwa was Geschoßanzahl betrifft –, dass manche schon vom „Ende des Einfamilienhauses“ sprechen würden.

In Österreich denkbar seien z.B. Siedlungsgrenzen, die Wohngebiete dauerhaft von Grünland trennen. Über diese Grenzen hinaus dürften Gemeinden dann keine Baugründe mehr widmen.  Das würde auch den 2100 österreichischen Gemeinden helfen. Rund 80 Prozent von ihnen haben weniger als 2000 Einwohner – und auch nur eine kleine Verwaltung, die man durch den Wegfall der Widmungsdiskussion entlasten würde.

Es gibt auch eine Resolution zum Bodenschutz, die das Europäische Parlament mit großer Mehrheit verabschiedet hat. Rechtlich bindend ist die Resolution nicht, denn ein Recht zur Initiierung von Gesetzen besitzt das EU-Parlament nicht. 2014 hatte die EU-Kommission eine Bodenrahmenrichtlinie zurückgezogen, nachdem einige Mitgliedsstaaten die Vorlage jahrelang blockiert hatten – darunter Österreich.

Es ist hoch an der Zeit, nicht nur Ziele zu verlautbaren, sondern an deren Umsetzung zu arbeiten, z.B. einer Verbesserung unserer Raumordnung. Eine Querschnittsmaterie?

Rücksichtsloser Bodenverbrauch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s