Arbeiten, auch im Alter?

Bei uns gibt es ein gesetzlich geregeltes Pensionsantrittsalter: Das Regel-Pensionsalter für Männer beträgt 65 Jahre. Frauen können derzeit schon mit 60 Jahren in Pension gehen. Das ändert sich aber bald: Ab 1. Jänner 2024 wird das derzeitige Pensions-Antrittsalter von Frauen stufenweise angehoben: Und zwar um jeweils 6 Monate pro Jahr. Bis zum Jahr 2033 (!): Dann dürfen Frauen auch erst mit 65 Jahren in Pension gehen. Im Jahr 2020 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung von neugeborenen Männern in Österreich rund 78,9 Jahre; bei den Frauen waren es circa 83,7 Jahre.

In Zukunft wird die Lebenserwartung in Österreich laut Prognosen ansteigen und Ende des Jahrhunderts voraussichtlich bei 89,4 Jahren (Männer) bzw. 92,2 Jahren (Frauen) liegen. Dies bedeutet, dass die älteren Jahrgänge zahlenmäßig immer dominanter werden.

Das heiß aber auch für viele Menschen eine relativ lange Periode, in der sie meist weitgehend gesund sind und ohne für „ihr Brot arbeiten zu müssen“, leben können. Statistisch gesehen geht man davon aus, dass erst die letzten beiden Lebensjahre durch Krankheit stark beeinträchtigt werden.

All das hat erhebliche Auswirkungen – z.B. auf Wahlverhalten, aber auch für das Pensionssystem. Wenn sich am Pensionsantrittsalter nichts Gravierendes ändert, werden immer höhere Zuschüsse vom Budget in die Abdeckung der Pensionen gehen.

Wird das den Jungen gefallen? Derzeit funktioniert der Generationenvertrag noch. Unter dem Generationenvertrag versteht man die Absicherung der aktuellen Pensionen durch die Beiträge der aktuell Erwerbstätigen im Umlageverfahren. Der Generationenvertrag gilt im gegenseitigen Einverständnis, ohne dass er ausgesprochen oder schriftlich festgelegt wurde – er ist also ein fiktiver Vertrag. Die monatlich von ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen geleisteten Einzahlungen zur Pensionsversicherung werden zur Finanzierung der laufenden Pensionszahlungen benutzt. Die Erwerbstätigen zahlen also die Pensionen der heutigen PensionistInnen, so wie diese die Pensionen ihrer Elterngeneration bezahlt haben. Im Gegenzug sollten sich alle Erwerbstätigen darauf verlassen können, dass ihre Alterssicherung durch nachfolgende Generationen gewährleistet ist. Eventuell entstehende Lücken deckt der Staat ab!

Konkret garantiert das österreichische System eine Pension auf einen bestimmten Anteil des Lohns. Dahinter steht die Idee, dass jeder Versicherte bis zum Alter von 65 Jahren arbeitet, 45 Jahre ins Pensionssystem einzahlt und dann 80 Prozent seines durchschnittlichen Bruttolohns als Rente ausbezahlt bekommt. Wer früher in den Ruhestand geht, bekommt weniger, wer länger arbeitet, erhält mehr.

Da wir in einer Zeit leben, in der immer mehr Menschen immer älter werden, ist ein immer kleiner werdender Prozentsatz der Gesamtbevölkerung berufstätig. Von ihnen wird also weniger Geld erwirtschaftet, und jene, die nicht berufstätig sind, müssen anders unterstützt werden. Aber wie? Eine Methode, mit dieser Tatsache umzugehen, ist z.B. die Erhöhung des Pensionsantrittsalters.

Nun wird dagegen meist eingewendet, dass das nicht besonders sinnvoll wäre, da das aktuelle Pensionsantrittsalter unter dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter liegt. Frauen in Österreich (Werte von 2020) gingen im Schnitt mit 59,3 Jahren in Pension, bei Männern lag dieser Durchschnitt bei 61,3 (2020, leicht gestiegen) Jahren. In den letzten Jahren hat sich das effektive Pensionsantrittsalter aber kaum verändert. Das tatsächliche, effektive Pensionsantrittsalter ist das durchschnittliche Lebensalter, ab dem eine Person tatsächlich eine Pension bezieht. Im österreichischen Pensionssystem gibt und gab es mehrere Möglichkeiten, vor dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter in Pension zu gehen. Zum einen, wenn nicht mehr gearbeitet werden kann und entsprechend eine krankheitsbedingte Pension (Invaliditäts-, Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitspension) bezogen wird. Zum anderen aber auch durch lange Beitragszeiten oder schwere Arbeiten („Hacklerregelung“ oder Langzeitversicherungspension, die Schwerarbeiterpension und die Korridorpension).

Ich weiß sehr wohl, dass man manche Berufe nicht „endlos“ ausführen kann, sie sind belastend, sie führen zu Burnout etc. Andererseits sollten wir uns z.B. nur Politiker ansehen, Joe Biden, geboren 1942, Konrad Adenauer, geboren 1876, Amtsantritt als deutscher Bundeskanzler 1949 und es soll keiner sagen, dass das ein stressfreier Beruf wäre. Man spricht auch vom „Alterswerk“ großer Künstler.

Ich glaube, dass man – wenn man Freude an einer Arbeit hat und dies will, sehr viel länger als bis zum gesetzlichen Pensionsantritt arbeiten kann. Viele Frauen, die „in Pension“ gehen, übernehmen die Enkelkinder, übernehmen die Betreuung der Alten und Gebrechlichen. Vielleicht ist man beim Arbeiten im Alter nicht mehr so schnell, vielleicht ist man auch fehleranfälliger. Aber genau das Arbeiten führt dazu, Strukturen aufrecht zu erhalten, diszipliniert zu bleiben. Ich glaube einfach, dass genau das auch zu einem längeren, gesunden Leben beitragen kann.

Viele „Alte“, also Pensionisten arbeiten „ehrenamtlich“ und viele Systeme würden nicht so gut funktionieren, wären die Ehrenamtlichen nicht bereit, ihre Zeit auf diese Arbeit zu verwenden. Wir leben jetzt in, und hoffentlich bald nach der Pandemie, „anders“. Es stellt sich heraus, dass es einen gravierenden Mangel an Facharbeitern gibt.  Na könnten nicht einige von den pensionierten Facharbeitern einspringen, und Junge in den Betrieben einschulen, das wäre dann keine „volle Verpflichtung“, sollte aber – ohne Abzug der Pension – entsprechend entlohnt werden.

Ich glaube, dass auch auf diesem Sektor ein bisserl weniger Bürokratie und ein bisserl mehr Flexibilität von allen Seiten förderlich sein könnten. Ich halte „Gebraucht-Werden“ für ein Lebenselixier.

PS: ich bin 86, seit meinem 63 Lebensjahr „in Pension“, habe aber bis 69 als „Experte“ in Teilzeit weitergearbeitet, seither habe ich 8 Bücher geschrieben und betreibe seit ca. 5 Jahren meinen Blog.

PPS: Es gibt da ein Buch, an dem ich seinerzeit mitgearbeitet habe. „Fressen die Alten den Kuchen weg? Das Alter neu denken“ von Karl Blecha, Andreas Khol und Christa Chorherr, erschienen 2012; aber das Meiste darin ist sicher noch heute gültig.

Arbeiten, auch im Alter?

2 Gedanken zu “Arbeiten, auch im Alter?

  1. Ich stehe der Sache sehr skeptisch gegenüber. Menschen, die keine körperliche Tätigkeit ausüben, mag man ja zumuten, länger als bisher zu arbeiten. Aber was ist mit denen, die z.B. auf dem Bau arbeiten? Halten die so lange durch ohne arbeitsunfähig zu werden?
    Was ist mit der Idee, dass Menschen ab einem Alter X eine neue Fahrtüchtigkeisprüfung ablegen sollen? Wir dürfen arbeiten und arbeiten, dafür sind wir gut genug. Aber um ein Fahrzeug zu führen, um damit ggf. unsere Arbeitsstätte zu erreichen, bedarf es neuerlicher Prüfungen?

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    1. Jede Berufsgruppe in in diesemFall einzele zu betrachten. Aber der Maurerpolier z.B. könnte vielleich helfen, neue Kollegen einzuschulen. Ich selbst weiß sehr gut, dass man im Alter langsamer wird, nicht so schnell reagiert, das ist im Straßenverkehr gefährlich, und deshalb halte ich eine derartige Seh-, Hör- und Reaktionsfähigkeit Prüfung für sinnvoll.

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