Chinas Ambitionen und die Lieferketten für die Chip-Produktion

Vielleicht werden Sie jetzt sagen: „Ihre Sorgen möchte ich haben“, wenn ich ob der schwelenden, ja explodierenden Corona Krise auf andere Probleme hinweise, an denen wir hier gar nichts ändern können. Ja, aber betroffen könnten wir davon sein. Rechtzeitig Überlegungen anzustellen, wie man eventuell zukünftige Krisen vermeiden kann, wäre – so finde ich – dennoch angemessen.

Es geht mir um einen Satz, den Chinas Partei- und Staatschef, Xi Jinping, schon im Jänner 2019 gesagt hat: er wolle eine „Wiedervereinigung“ mit Taiwan bis zum 100. Geburtstag der Volksrepublik (1.Juli 2021) notfalls mit Gewalt erzwingen. „Alle Söhne und Töchter Chinas, einschließlich der Landsleute auf beiden Seiten der Straße von Taiwan, müssen zusammenarbeiten und solidarisch vorgehen, indem sie jegliche Pläne einer Unabhängigkeit von Taiwan entschlossen zerschlagen.“

Seitdem erhöht Peking fast täglich den Druck auf Taipeh mit Kampfjets in Taiwans Luftraum, mit militärischen Übungen, Desinformationskampagnen und Drohungen gegen taiwanische Unabhängigkeitsverfechter.

Die meisten Experten halten den Kriegsfall für unwahrscheinlich, zu ungewiss sind die Erfolgsaussichten und Folgen für China. Doch es gibt auch namhafte Experten, die mit einem Angriff in den nächsten sechs Jahren rechnen. Aber Xi Jinping meint, dass das chinesische Volk niemals zulassen werde, dass ausländische Kräfte es tyrannisierten, unterdrückten oder versklavten. Diese Zeit sei „für immer vorbei“. Jeder, der das versuche, „wird sich auf einem Kollisionskurs mit einer großen Mauer aus Stahl finden, geformt aus dem Fleisch und Blut von 1,4 Milliarden Chinesen“. Xi bekräftigte auch das chinesische Vorgehen in Hongkong und die Umsetzung des Staatssicherheitsgesetzes in der früheren britischen Kronkolonie, das faktisch das Ende ihrer Teilautonomie bedeutet. Im Westen wurde geredet, aber nichts getan!

Und nun fragen Sie sich, was das für uns bedeutet: Neben dem Leid, das ein Krieg dem taiwanischen Volk und seinen Unterstützern (in den USA) bringen würde, neben den sicherheitspolitischen Implikationen für den Asien-Pazifik-Raum und den geopolitischen Folgen für den Rest der Welt, wären auch die Auswirkungen auf die globale Chip-Produktion katastrophal. Denn wenn das wirklich passiert, wird es eine Riesenunterbrechung der Lieferketten geben.

Und Unterbrechung der Lieferketten, das haben wir jetzt aufgrund der verschiedenen Lockdowns (und des Problems im Suez-Kanal) erlebt und erleben es noch. Noch immer warten lange Schlangen von Schiffen auf ihre Entladung in den großen Häfen der westlichen Welt, es stehen Fabriken still oder sind auf Kurzarbeit, weil z.B. Chips nicht in ausreichender Menge verfügbar sind.

Aber ein Chip-Produkt passiert 70-mal oder mehr eine Landesgrenze, bevor es beim Endkunden landet. Kein Land der Welt kann allein Chips herstellen. Taiwan ist der Ort, von dem der Rest der Welt am meisten abhängt, auf gefährliche Weise.  Taiwan ist Heimat des größten und des drittgrößten Auftragsfertigers der Welt, TSMC und UMC. Taiwan ist auch Heimat des größten Unternehmens für die Montage und das Testen von Chips, ASE. Taiwan ist zudem Heimat des drittgrößten Herstellers von Wafern, den Pizza-großen Silizium-Scheiben, aus denen Chips produziert werden.

Der Name TSMC, ausgeschrieben Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, wurde im Zuge der anhaltenden Chip-Knappheit vielen von uns bekannt. Denn TSMC ist mit rund 53 Prozent Marktanteil unangefochten der größte Chip-Auftragsfertiger und technologisch führend, vor Samsung aus Südkorea. Apple und Tesla, AMD und Nvidia – sie alle lassen ihre besten Chips bei TSMC produzieren für Smartphones, Laptops, E-Autos und Grafikkarten. Selbst westliche Chip-Fertiger wie Infineon sind vor Jahren aus dem teuren Rennen um immer kleinere, leistungsfähigere Chips ausgestiegen. Infineon und Co. bestellen jetzt bei TSMC und UMC.

Aber die winzigen Siliziumplättchen funktionieren nicht, solange sie nicht in Gehäusen montiert und auf Platinen gesetzt werden. Für solche Arbeiten ist ASE Weltmarktführer mit einem Anteil von rund 25 Prozent. Die Fabriken in der südtaiwanischen Metropole Kaohsiung bilden praktisch ein eigenes Industriegebiet. Daneben gibt es viele weitere solcher Zulieferer, so dass taiwanische Firmen – die oft jedoch in Festlandchina oder andernorts günstig produzieren – in diesem Segment mehr als die Hälfte der weltweiten Nachfrage decken.

Selbst in einem forschungsintensiven Bereich wie dem Chip-Design, in dem die USA klar die Nummer eins sind, ist das kleine Taiwan mit seinen gut 23 Millionen Einwohnern stark und die Nummer zwei. Von den zehn größten Firmen sind sechs aus den USA, drei aus Taiwan, und an zehnter Stelle steht eine solche aus Europa.

Und Taiwan ist auch ein wichtiger Standort für Substrate und Laminate, mit denen das Silizium beschichtet wird. Viele dieser Chemikalien werden in dieser Masse und Reinheit in Europa gar nicht produziert. In Taiwan hingegen produzieren auch europäische Firmen.

Die USA und letztlich alle Industriestaaten hängen wirtschaftlich und technologisch so stark von TSMC und Co. ab, dass sie allein deshalb versuchen müssen, China von einer Invasion abzuhalten. Allerdings ist auch China selbst weiterhin sehr stark von Taiwans Chip-Industrie abhängig.

Ein Angriff Chinas oder auch nur eine chinesische Blockade Taiwans zu See und in der Luft, wäre deshalb nicht nur humanitär und politisch fatal, sondern auch für die Weltwirtschaft und damit auch für uns alle!

Chinas Ambitionen und die Lieferketten für die Chip-Produktion

4 Gedanken zu “Chinas Ambitionen und die Lieferketten für die Chip-Produktion

      1. China handelt kapitalistisch. Sozialistisch ist da nur noch die blätternde Fassade.
        Kapitalistisch bedeutet aber weder freiheitlich noch liberal noch human – China praktiziert in Potenz, was viele europäische Wirtschaftskapitäne des 19. Jahrhunderts vorgemacht haben: Arbeiter sind Material, das man verbrauchen kann.

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