Ein virtuelles Geburtstagsfest

Mein verstorbener Mann wäre heute 89 Jahre alt geworden.

Ein Freund hat heute am Vormittag angerufen, ein anderer ein sehr liebes Mail geschickt. Ja, heute hätte mein verstorbener Mann seinen 89. Geburtstag gehabt. Ich freue mich, dass manche seiner Freunde noch an ihn denken. Eine Firma hat seinen Tod übersehen und ihm heute ein Geburtstagsmail geschickt. Tommy hatte sich so gewünscht, dass er neunzig Jahre alt würde.

Es ist aber leider bei 85 Jahren geblieben, wobei das bereits eine Gnade war, denn 25 Jahre nach seiner Gehirnblutung hat Tommy doch noch leben dürfen. Und er hat die Kraft gehabt, dennoch fast jeden einzelnen Tag davon zu genießen.

Das Feiern des Geburtstages hat er geliebt. Er hat sich über jeden Besuch, jeden Anruf gefreut, Geschenke waren ihm nicht einmal so wichtig. Es war auch schwer, mit den Geschenken, denn das, was er sich wünschte, hat er sich immer gleich selbst gekauft.  Das waren meistens Bücher. Nie ist er nach einem „Ausflug“, auch mit dem Rollstuhl, ohne neue Bücher nach Hause gekommen. Einmal konnte ich ihn mit einem Geschenk zum Geburtstag wirklich überraschen, ja sogar erfreuen. Mit einem Stehpult. Sehr gefreut hat er sich z.B. als seine Kollegen von der Zeitung „die Presse“ eine Spezialausgabe dieser Zeitung (nur für interne Zwecke) zu seinem Geburtstag zusammengestellt haben.

Sehr gefreut hat es sich immer über das Singen von „Happy Birthday“ etc. durch die Enkelkinder, am liebsten persönlich, aber auch durch das Telephon.

Aber das wichtigste an Geburtstagen war das Feiern, er hat sich gekränkt, wenn Familienmitglieder vergessen haben, ihn (zumindest) telephonisch, wenn schon nicht persönlich zu gratulieren. Runde Geburtstage (beim Älterwerden sogar „Halbrunde“) wurden groß gefeiert. Meist haben wir ein Lokal, oder einen Raum in einem Lokal (oft Heurigen) gemietet. Tommy hat akribisch die angebotenen Speisen überlegt und dann das Menü/Buffet zusammengestellt. Noch mehr Mühe machte er sich mit den Einladungslisten. Manchmal haben wir sogar Einladungskarten (natürlich beim Huber und Lerner) drucken lassen. Damals habe ich die Adressen aus seinem Kalender (dort führte man noch die Listen der Freunde und Bekannten mit Telephonnummern und Adressen) auf die Kuverts geschrieben, die wir dann verschickt haben. Tommy hat es nie gefallen, die Einladungen per Mail zu verschicken.  Manchmal wurde Tommy aber auch zu kleinen feinen Festen zu seinem Geburtstag eingeladen, von Politkern und Vertretern der Wirtschaft, da war ich dann nicht dabei, z.B. ins Palais Pallavicini.

Viele Freunde haben mich immer wieder gefragt, was sie ihm denn schenken sollten, und wunschgemäß (also den Wünschen meines Mannes entsprechend) habe ich immer gesagt: „Flüssiges Verzehrbares“, was dazu geführt war, dass es heute noch Flaschen gibt, die meinem Mann geschenkt wurden. Jetzt freuen sich meine Enkel, die teilweise bei mir wohnen, darüber).

Sein Sohn und seine Tochter waren selbstverständlich auch bei diesem Festen dabei, und mein Mann erwartete von jedem der beiden eine geschliffene Laudatio, was den beiden nicht immer große Freude gemacht hat. 

Eines von diesen Festen haben wir im Dachrestaurants des Justizpalastes gefeiert. Es war wunderschön auf das schon weihnachtlich beleuchtete Wien herunterzuschauen.  Da durften die großen Enkel schon dabei sein. Sie wurden auch den „Ehrengästen“ vorgestellt. Und einer meiner Enkel bezeichnete seine damalige Freundin (und jetzige Frau) ganz aufgeregt ob „der Ehre“, als meine „jetzige“ Freundin.

Ein anderes dieser Feste hat im Lusthaus im Prater stattgefunden, jenes zu seinem 60. Geburtstag. (Von dort ist mein Mann dann sofort zum Hofburgbrand gerast), aber es war ein Fest ganz nach seinen Wünschen gewesen, viele prominente Politiker waren gekommen.

Und im Jahr drauf, seinen 61. Geburtstag durften wir überhaupt nur ausnahmsweise feiern, denn mein Mann war nach seiner Gehirnblutung noch im Spital, er wurde im Rollstuhl ein einen Saal, den wir im AKH benutzen durften, gebracht, durfte nur ein halbes Achtel Wein trinken (also anstoßen), ein winziges Stück von der Torte kosten, denn er war auf Diät und es waren nur Familienmitglieder anwesend.  

Heute – wenn mein Mann noch leben würde, wäre er sicher empört über den Lockdown zu seinem Geburtstag und traurig, dass wir seine lieben Freunde (von denen auch schon einige verstorben sind) nicht einladen dürften, sondern schon ausladen müssten. Wahrscheinlich hätten wir dieses Fest für „zu Hause“ geplant gehabt …

PS: ich wollte nur hinzufügen, dass sich viel mehr „alte Freunde“ zu Tommys Geburtsag gerührt haben, als oben angegeben. DANKE! Das hat mich gefreut und gerührt!

Ein virtuelles Geburtstagsfest

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