Familiengeschichte: eine wilde Spekulation oder Fakten?

Ich lese gerade ein sehr interessantes Buch, das mir wieder einmal zeigt, wie wenig ich von der außereuropäischen Geschichte weiß. Das Buch heißt „Agent Sonya“, von Ben MacIntyre. Es is zwar ein Roman, erzählt aber eine wahre Spionage-Geschichte aus der Zwischenkriegszeit und aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe das Buch noch nicht zu Ende gelesen, bewege mich gerade so in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in Shanghai.  Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie es dort in er damaligen Zeit – in den ausländischen Gruppen – im Gegensatz zu der chinesischen Mehrheit zuging.

Vor allem hat mich das Engagement für die sowjetische Sache, das ja nicht nur in Shanghai damals groß war, sondern überall in Europa und den USA (Fellow Traveller) vertreten war, besonders in Deutschland, da ja da gerade Hitler und sein Faschismus groß wurden.

Und als ich da die Namen der beteiligten Journalisten las, ist mir eingefallen, dass meine Mutter öfters von einer amerikanischen Journalistin erzählt hat, die sie kennengelernt hatte. Leider habe ich damals nicht ordentlich aufgepasst (wer hat sich damals für die alten Geschichten der Eltern so besonders interessiert) und habe mir auch den Namen der Journalistin nicht vollständig gemerkt. Jetzt bilde ich mir aber ein, dass der Vornamen Dorothy gefallen ist.

Und jetzt habe ich im Internet nachgeschaut (Wikipedia sei Dank!)  und habe wirklich zwei Dorothys, Journalistinnen aus dieser Zeit gefunden. In dem oben genannten Buch angeführt ist eine Dorothy Parker, deren (leider kurze) Biographie keinen Aufenthalt in Wien enthält. Es gibt aber auch eine Dorothy – Thompson (* 9. Juli 1893, New York; † 30. Januar 1961 in Lissabon), eine amerikanische Schriftstellerin und Journalistin sowie Gründerin der „Weltorganisation der Mütter aller Nationen“ (W.O.M.A.N.). In der Zwischenkriegszeit ging Thompson als freiberufliche Korrespondentin für die Zeitungen Philadelphia Public Ledger und The New York Evening Post eine Zeitlang nach Wien.

Meine Mutter (1905 – 1990) hinwieder war von ihrer Stiefmutter schon mit 14 Jahren als „Hausmädchen“ in den „Dienst“ gegeben worden. D.h. dass sie im Haushalt dieser Familie lebte. Wo sie überall gedient hat, weiß ich leider auch nicht, aber die Rede war oft von einem „Herrn von Stein“. Da am Julius- Tandler-Platz 6 noch immer ein „Stiftungshaus – Stein“ steht, habe ich darüber einiges über die Familie Stein erfahren: Salomon Stein, 1844 in Jassy im Fürstentum Moldau (heute Rumänien) geboren, legte mit seinem 1863 in Kairo gegründeten Bekleidungsgeschäft den Grundstein für die später dominierende Stellung der Firma Stein im ägyptischen-österreichischen Bekleidungssektor. Ab 1869 in Wien nachweisbar, war er hier 1871–75 Inhaber der Fa. Salomon Stein, Produktenhändler. 1888 erhielt er mit seiner Familie die österr. Staatsbürgerschaft. Vor allem sein Sohn Doro Stein (11. 1. 1869 – 11. 12. 1940), der im neunten Bezirk am heutigen Julius-Tandler-Platz Nr. 6 1904 ein weitläufiges Verwaltungsgebäude als seine Zentrale errichtete, war es, der sukzessive in die Konfektionsbranche investierte und letztendlich zur überragenden Stellung Österreichs in diesem Bereich des Wirtschaftsaustausches mit dem Osmanischen Reich beitrug. 1888 erhielt er mit seiner Familie die österr. Staatsbürgerschaft. 1911 wurde Doro Stein mit dem Offiziers-Kreuz des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Die Kaufhäuser Steins gab es nicht nur in Kairo, sondern mit Stand 1914 noch in fünf weiteren ägyptischen Städten. Weiters verfügte Stein auch über eine Niederlassung in Saloniki. 1916 kam es zur Liquidierung des englischen Teils der Firma, während sich der österreichische Teil auf Heereslieferungen spezialisierte. Der Erste Weltkrieg und die damit verbundene neue Dominanz britischer Firmen in Ägypten hatten also den Niedergang des Warenhaus-Imperiums der Familie Stein eingeläutet, die 1938, mit der Besetzung Österreichs, zum völligen Niedergang führte. Doro Stein starb am 11. Dezember 1940.

Und während ihrer Dienstzeit im Hause Doro Stein, wo meine Mutter eine Lebensart vorfand, die ihr sichtlich sehr imponiert hat (und die sie mir später immer als vorbildlich empfohlen hat), könnte auch meine Mutter, damals Johanna Berger, diese amerikanische Schriftstellerin kennengelernt haben?

Ich weiß nicht, ob das alles eine wilde Spekulation ist, und auch, ob die Zeiten so wirklich zusammenpassen, aber leider ist heute niemand mehr am Leben, den ich befragen könnte.

Schade, dass ich nicht mehr gefragt habe!

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