Zum Czernin Viertel in der Leopoldstadt in Wien (zweiter Bezirk)

1439 wurde eine Holzbrücke zwischen dem ersten Bezirk und dem „Unterer Werd“ (zweiter Bezirk) gebaut. Dieser Ort bildete eine Art Insel, indem er von der Stadt durch einen Donauarm abgegrenzt wurde. Eben hierher wurden im Jahre 1623 die Juden aus dem Stadtzentrum verbannt und gründeten ihr Ghetto. Auf der „baumfreien Heide“, wie dieser Ort anfangs genannt wurde, entstanden bis zum Jahre 1669 136 Häuser und zwei Synagogen: „Alte Synagoge“ und „Neue Synagoge“. 1669 wurden die Juden auch von hier durch den Kaiser Leopold I. vertrieben, und der Name des Bezirks wurde von „Unterer Werd“ in „Leopoldstadt“ geändert. Leopoldstadt wurde auch „Mazzesinsel“ genannt – d. h. „Matzeninsel“, denn in den unzähligen Bäckereien konnte man dort die Matze/ungesäuertes Brot  kaufen. 1858 wurde die größte Synagoge Wiens fertiggebaut („Großer Tempel“ oder „Synagoge in der Tempelgasse“), welche zum Zentrum des jüdischen Lebens wurde.

Nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie kamen ca. 60.000 Juden nach Wien, die hier nach ihrem Glück suchten. Das Schicksal war nicht für alle gnädig, in der Leopoldstadt gab es Armut und Reichtum nebeneinander. Aber genau hier, in der chaotischen Atmosphäre mehrerer Strömungen des Judentums, verschiedener Sprachen, Schulen und Meinungen, entstand ein sehr belebtes Zentrum des kulturellen und geistigen Lebens. Hier gibt auch heute Geschäfte mit koscheren Lebensmitteln, z.B. eines direkt in der Tempelgasse. Die Schilder erinnern an die hier früher stehenden Gebäude. Hier befinden sich zahlreiche jüdische Gebetshäuser, Institute, Zentren, Stiftungen.

Man findet auch hier viele Steine der Erinnerung: das sind unauffällige Tafeln in den Gehsteigen, verstreut im ganzen Bezirk. Sie erinnern an die hier vor dem Krieg lebenden Juden.

Um all das „hautnah“ erleben zu können, lohnt es die Czerningasse auf und ab zu gehen. Die Czerningasse im 2. Bezirk verläuft heute von der Praterstraße (Nestroyplatz, seit 24. November 1979 mit U-Bahn-Station) zur Franzensbrückenstraße. Die Gasse wurde amtlich am 2. Mai 1882 nach Johann Rudolf Graf Czernin von und zu Chudenitz, dem Angehörigen eines alten Grafengeschlechts, benannt. Die Familie Czernin war um das Ende des 17. Jahrhunderts im Besitz dieses Areals, besaß etwa dort, wo sich die Gasse zum ebenfalls 1882 benannten Czerninplatz erweitert, ein Gartenpalais und leitete 1813 die Parzellierung ein. Seither war die Bezeichnung Czerningasse nichtamtlich in Gebrauch; vorher hatte die Verbindung Schab-den-Rüssel-Gasse geheißen. Der Durchbruch der Gasse zur Franzensbrückenstraße erfolgte wesentlich später. Die Einmündung der Gasse in die Praterstraße wird seit 1932 als Nestroyplatz bezeichnet, um an das der Einmündung der Gasse auf der anderen Seite der Praterstraße gegenübergelegene, nicht mehr bestehende Carltheater zu erinnern.

Schab den Rüssel ist ein Märchen. Es steht in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“. Ein Bettler geht trotz großer Menschenmenge leer aus, da will er den Teufel anbetteln. Der kommt im Jägerkleid, schließt einen Pakt mit ihm, und gibt ihm eine Raspel. Damit schabt er sich immer morgens den Mund und sagt „Schab den Rüssel“, wobei Goldstücke herausfallen. Davon wird er ganz wund und geht ständig bandagiert. Verspottet ihn einer, so fährt die Raspel, „Schab den Rüssel“, über dessen Mund. Die Leute meinen bald, er habe einen Goldmund, von dem er abschabt, so reich ist er. Er baut ein Haus, über dem Eingang steht „Zum Schab den Rüssel“. Nach sieben Jahren kommt der Teufel und will ihn holen, dem Pakt gemäß, doch er raspelt ihm auf dem Mund herum, bis er den Pakt aufgibt.

Zurück am Nestroyplatz biegt man in die Tempelgasse ein, benannt (1862 und neuerlich 27. April 1945) nach dem dortigen jüdischen Tempel (Leopoldstädter Tempel); 1938-1945 hieß diese Gasse: Mohapelgasse, nach dem nationalsozialistischen „Blutzeugen der Bewegung“ Josef Mohapel (1904-1925).

Her stand einst der Leopoldstädter Tempel, freistehend in der Mitte zwischen zwei Höfen. Es war das zweite große Synagogenprojekt Wiens nach dem Bau des Wiener Stadttempels und wurde 1858 feierlich eröffnet. Erstmals war es der jüdischen Gemeinschaft gestattet, ein Gotteshaus zu errichten, das nach außen sichtbar war. Im Stil des historisierenden Klassizismus, außen als Ziegelrohbau mit arabischen, maurischen und assyrischen architektonischen Formen gestaltet, bot der Leopoldstädter Tempel in seinem dreischiffigen Inneren Sitzplätze für über 2.000 Personen und 1.500 Stehplätze. Zu beiden Seiten lagen zwei vierstöckige Verwaltungsgebäude. Am 17. August 1917 wurde die Synagoge durch einen Brand verwüstet. Die Restaurierung dauerte bis zum Jahr 1921. Während des Novemberpogroms (früher Reichskristallnacht genannt) wurde die Synagoge zerstört, nur eines der zwei Verwaltungsgebäude blieb erhalten. Ein 1997 ausgeführtes „Memorial“ in Form von vier Stelen, von denen die beiden mittleren höher sind als die äußeren, erinnert heute an den Leopoldstädter Tempel. Erst 1948 kam die Israelitische Kultusgemeinde wieder in den Besitz des Gebäudes und sie errichtete ein Rückkehrer Heim für jüdische Displaced Persons. Am 10. Mai 1992 wurde das Sephardische Zentrum mit zwei Gebetsstätten in 2, Tempelgasse 7, eröffnet. Das Zentrum beherbergt eine bucharische und eine georgische Synagoge.

Ecke Ferdinandstraße/Tempelgasse befindet sich noch ein kleiner Park, genannt Veza-Canetti-Park. Veza Canetti (* am 21. November 1897 als Venetiana Taubner-Calderon; + 1. Mai 1963) war eine österreichische Schriftstellerin und Übersetzerin. Ihre Kurzgeschichten erschienen teilweise zu Lebzeiten in der Wiener Arbeiter-Zeitung und Neuen Freien Presse, jedoch nicht in gebundener Form. Auch schrieb Canetti Theaterstücke. Basierend auf ihrer Korrespondenz und Eigenaussagen wird spekuliert, dass einige ihrer nie veröffentlichten Werke von ihr selbst vernichtet wurden. Erst nach dem Tod ihres Mannes Elias Canetti, der sie posthum zur Mitautorin von Masse und Macht erklärte, erschienen ihre Kurzgeschichten in zwei Bänden Die gelbe Straße und Geduld bringt Rosen sowie ihr einziger Roman, „Die Schildkröten“, als Druck im Fischer Taschenbuch Verlag.

Das Czernin Viertel ist eine Gegend prallvoll mit österreichischer Geschichte, die in ihrer Vielfalt gar nicht in einem Blog untergebracht werden kann.

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