Ich bin dankbar!

Gedanken am Silvestertag 2021 – in Göttweig

Jetzt einmal für die Tage, die ich hier in Göttweig habe erleben dürfen. Es war schön. Es war eine Summe aus vielen, auch kleinen Momenten: z.B. die aufgehende Sonne hat die umgebenden Hügel beschienen und in strahlenden Herbsttönen leuchten lassen; eine Schar fröhlicher Vögel, die im Wald herumgeflattert sind; die Gesteinsformationen des Dunkelsteiner Waldes, den wir – dank meiner Tochter – langsam und vorsichtig durchwandert haben. Die höchst unterschiedlichen Wälder, z.T. bestehend aus Nadelbäumen, aber auch Eichen, einzelne Plätze haben mich an den Berg Tabor erinnert.  Beim Ankommen die tief-winterliche Landschaft, die jetzt aufgrund des Föhns fast frühlingshaft wirkt, durch die sprießenden Gänseblümchen.  Der Weg vom tiefer gelegenen Exerzitienhaus hinauf zu der prächtigen Fassade der Kirche, während des wohltönenden Glockengeläuts. Die harmonische Anlage des gesamten Komplexes Göttweig, und dennoch Festungscharakter.

Ich bin dankbar für diese Woche, gemeinsam mit meiner Tochter, es war, was man heute so eine Qualitätszeit nennt. So viel miteinander geredet haben wir schon lange nicht. Ich bin auch dankbar für die Texte, die ich gelesen habe, angeregt durch die gesungenen Texte, bei den Zusammenkommen in der Kirche, der Krypta, und in der Kapelle hier im Haus. Es waren viele Psalmentext dabei – die Fragen aufgeworfen haben, für die ich dann in der Bibel Antworten gefunden habe. Ich wusste z.B. nicht, wer Hanaja, Asarja und Mischael waren. Vielleicht werden Sie jetzt sagen – na und, muss man das denn wissen? Es waren drei Geiseln, die wie der berühmtere Daniel, Sie wissen schon, der u. A. von der Löwengrube am Hof Nebukadnezars leben mussgen. Geiseln wurden gut behandelt, und diese erhielten ihre Mahlzeiten und den Wein vom Tisch des Königs. Aber Daniel wollte diese Speisen nicht essen, da sie für Juden unrein – also nicht koscher waren. Der an sich recht freundliche Oberkämmerer sorgte sich, dass Geiseln, die nur Gemüse äßen, schlecht aussehen würden, im Vergleich mit den anderen jungen Leuten, die die Speisen vom Tisch des Königs äßen. Und das könnte e nicht riskieren, denn dann würde der Oberkämmerer bestraft werden. Der schlaue Daniel schlug vor, der Kämmerer solle diese Kost (nur Gemüse) doch bei den Knechten ausprobieren. Dann könne er sich selbst ein Urteil bilden. Den „Test-Knechten“ ging es nach 10 Tagen besser als den anderen. Daher wurde Daniels Wunsch nach vegetarischer Ernährung gewährt.

Aber genug der „Mäanderei“ (so hat mein verstorbener Mann immer Abweichungen vom eigentlichen Thema genannt): dankbar bin ich meinem Begleiter hier, für seine klugen Worte und hilfreichen Aussagen. Leider war die Zeit für die vielen Fragen immer wieder zu kurz. Dankbar bin ich auch dafür, dass ich nach Jahrzehnten wieder einmal gebeichtet habe, denn ich bin von einer Last befreit! (Wobei ich teilweise recht falsche Vorstellungen von der Schwere meiner Sünden hatte).

Das Schweigen an sich hat mich nicht so begeistert, wohl weil ich meist allein lebe und ohnedies weitgehend schweige, bzw. mit mir selber rede. Außerdem habe ich erwartet, dass ich auch fasten würde, aber das geschieht nur in der vorösterlichen Zeit – und nicht nach Weihnachten – hätte mir aber gutgetan. Ich hätte gerne meine Kursteilnehmer kennengelernt.

Und jetzt muss ich noch von einem hier etwas unzulässigen Exkurs berichten. Ich habe Nachrichten am Bildschirm gelesen. Dankbar bin ich, dass Südafrika berichtet, dass die Pandemie (also verursacht von der Omikron Variante) sich „zurückzieht“, aber viel besser gefallen hat mir die Nachricht, dass auf dem Berg Karkom in der Wüste Sinai ein „brennender Dornbusch“ gesichtet wurde. 2003 wurde das Phänomen entdeckt: um die Wintersonnenwende, zu Mittag, wenn die Sonne aufgrund der Jahreszeit   niedrig steht, kann man jenseits einer Schlucht eine seltsame Licht-Aura entdecken, flackernde Flammen – mitten auf dem Wüstenboden. Es ist ein Rand einer Höhle, auf den – in einem besonderen Winkel ein Lichtstrahl fällt. Aber aufgrund der Verbreitung über die Medien, wurde es bald zum „brennenden Dornbusch“ von Moses. In der Umgebung, und schon viel früher gefunden, gibt es viele Felszeichnung. Es wird davon ausgegangen, dass diese Höhle an einem uralten Migrationsweg liegt. Es gibt in der Nähe dort sogar einen Altar, von dem manche nun meinen, dass er von Moses selbst gebaut worden ist. Andere kritische Forscher meinen, dass sich das zeitlich nicht ausgehen könne.

Es gibt noch vieles hier im Stift Göttweig,  das ich aufzählen könnte, wofür ich dankbar bin. Aber ich gehe davon aus, dass Sie vielleicht am Silvesterabend etwas anderes zu tun haben, als meine G’schicht‘ln zu lesen.

Ich wünsche Ihnen allen einen guten Rutsch und ein gutes, gesundes 2022!

Ich bin dankbar!

Nur in Ergänzung zum gestrigen „Ich glaub‘, ich spinn“

(https://christachorherr.wordpress.com/2021/12/30/ich-glaub-ich-spinn/).

Gesten abends, bei der lateinischen Messe in der Stiftskirche, habe ich den Hochaltar genauer angeschaut. In der Kirche sind nämlich 4-Madonnen „übereinander“ zu sehen: unten beginnend: in der Krypta eine sehr berühmte Pieta. Auf dem großem Bild am Hochaltar ist im unteren Teil das „Entschlafen“ der Mutter Gottes zu sehen. Darüber groß – und sehr sichtbar – die Aufnahme in den Himmel: Zu Weihnachten hängt darüber ein so genanntes Wechselbild – die Geburt – also ein Weihnachtsbild. Ganz oben, schon fast in der Vierung ist eine Goldene Statue Mariens mit dem Kind im Strahlenglanz zu sehen – schon etwas undeutlich, aufgrund der Entfernung.  Und diese entspricht „in der Haltung“ meiner Madonna auf dem Bildschirmschoner.

Erst gestern habe ich den Hochaltar genauer angeschaut und bin daher nicht den lateinischen Texten oder ihrer deutschen Übersetzung in den „g’scheiten Büchern“ gefolgt, sondern habe meine Madonna gesucht – und gefunden. Ich dürfte vorher diese Madonna zwar gesehen, aber nicht ganz so wahrgenommen haben – dann aber doch dieses vage Bild, das schon mindestens vier Jahre täglich vor meinen Augen steht, wahrgenommen haben. Ich habe mich sehr gefreut, meine Madonna an der Spitze des Hochaltars gefunden zu haben. Ich war wirklich aufgeregt.

Gestern fand abends, nach der Vesper in der Krypta noch eine „stille halbe Stunde Anbetung in der Krypta statt. Und weil ich versuche, wirklich alles mitzumachen und zu „erfahren“, habe ich auch das versucht.

Erstens hat sich herausgestellt, dass mir meine Knie schon bald so weh getan haben, dass ich mich hinsetzen musste. Ich habe alle bewundert, die diese halbe Stunde wirklich andächtig gekniet sind. Und sorry, nach allem was ich hier erlebt habe, „stille Anbetung“ ist nicht meine Form der Verehrung. Ich werde leider sehr ungeduldig – ich habe zwar brav nicht auf die Uhr geschaut, aber die Zeit ist mir extrem lang vorgekommen. Und verschiedene nicht ganz die Anbetung betreffende Gedanken sind mir durch den Kopf gewirbelt.

Dass wir hinterher, einige Altbekannte meiner Tochter und wir, uns auf ein (oder mehrere) Gläser Wein (der Wein aus Göttweig ist gar köstlich, sowohl der rote als auch der weiße) – nicht still – zusammengesetzt haben um einen Geburtstag zu feiern war wohl etwas irregulär, aber sehr lustig.

Nur in Ergänzung zum gestrigen „Ich glaub‘, ich spinn“

Ich glaub‘, ich spinn?

Es ist schon seltsam, wie sich die Sicht auf Dinge, durch Beschäftigung mit anderen Themen als üblich, verändert. Hier, in meinem Zimmer, hoch oben am Göttweiger Berg steht mein Laptop, so wie er in Wien auch üblicherweise steht. Und da zu sehen ist, wenn ich nicht gerade arbeite, mein Bildschirmschoner – den hat mein Computer-Guru so eingerichtet – ein beleuchtetes Zelt mit Lagerfeuer in einer gebirgigen Landschaft. Nicht weiter bemerkenswert.

Heute, da so ganz andere Gedanken als üblich durch meinen Kopf wirbeln, schaute ich seitlich auf den Bildschirm, und sah plötzlich – und wirklich völlig unerwartet in dem aufsteigenden Rauch aus dem Lagerfeuer auf dem Bildschirmschoner ganz verschwommen, undeutlich und in schwarz-weiß eine Madonna mit Kind. Mein erster Gedanke war, dass ich wohl spinn, das gibt’s ja nicht. Ich bewegte mich weg, sah das Bild von vorne an – ganz undeutlich war diese Madonna auch von vorne zu sehen.

Mein erster Gedanke war, da mein Bildschirm hier ja an das lokale Netz angeschlossen ist, und dass das eine „Methode“ des Kloster-Netz-Admin wäre, auf den heiligen Ort aufmerksam zu machen. Auch als dann der Laptop in Sparmodus gegangen war, erschien das Bild doch wieder. 

Vielleicht lag es an mir, schließlich zeigt das Bild am Hochaltar der Kirche die Aufnahme Mariens in den Himmel und wir verbringen doch täglich einige Zeit in der Kirche. Aber „mein“ Bild – so vage es auch ist – zeigt eine stehende Madonna mit Kind, nicht ein Weihnachtsbild mit Baby, sondern mit schon einem größeren Kind, und nicht eine in den Himmel auffahrende Madonna. Es scheint aber keine gotische Madonna zu sein, eher eine frühbarocke.

Aber dieser Rauch war schon immer dar – ich sah halt nichts drinnen – bisher. Und jetzt überlege ich, was diese „genauere“ Sicht auf etwas durchaus „Vages“ bewirkt haben könnte. Im Moment geht mir viel durch den Kopf. Zuerst ist mir eingefallen, dass heute am Vormittag mein „Begleiter“ die Liebe Gottes zu den Menschen mit der Liebe einer jungen Mutter zu ihrem kleinen Kind verglichen hat. Sie weiß noch nicht, wie dieses Kind aussehen wird, wenn es dann größer sein wird, sie weiß noch nicht, was einmal aus diesem Kind werden wird, aber sie liebt es – bedingungslos. Aber mein Bild hat nicht wie das einer jungen Mutter mit ihrem Baby ausgesehen.

Wir, meine Tochter und ich, haben gestern über meine Mutter und ihren Glauben gesprochen (wir beide schweigen nicht untereinander, aber wir sprechen hauptsächlich nur über, wie es meine Tochter nennt, Göttweiger Themen) und mir fällt es leichter, im Dialog zur „Erkenntnis zu gelangen“, als im Solo-Nachdenken. Meine Mutter (und übrigens auch meine Schwiegermutter) haben ihren Glauben in der Verehrung Mariens gelebt.

Die Geschichte vom Verlorenen Sohn, die mir seit Tagen im Kopf herumspukt, hat doch auch keinen Bezug zu einer Madonna mit Kind. Da hat mich eher die Frage der unverdienten Ungerechtigkeit beschäftigt. Und auch im Buch Ijob – mit alle seinem Unglück – sehe ich keinen Bezug zur Gottesmutter.

Was all das nun wirklich für mich bedeuten soll, muss ich noch ergründen!

PS: „meine Madonna“ ähnelt jener, die oben am Hauptaltar der Kriche steht, man sieht sie auch nicht ganz genau. Ich habe sie bis dann nciht „wahrgenommen“.

Ich glaub‘, ich spinn?

Noch immer in Stift Göttweig – Schweigeseminar

30. Dezember 2021, Fragen zu Hölle und Fegefeuer: schwierig!

Um es vorauszuschicken: die Themenwahl liegt beim Kursteilnehmer (Schweige- und Einzelexerzitien zum Jahreswechsel in Göttweig) und wird nicht vom Begleiter vorgegeben. Mein Begleiter hier ist P. Johannes Paul Abrahamowicz, der auch zuweilen in Twitter postet.

Und da mein (“großes“) Thema für die ganze Woche das Sterben ist, und weil man sich unweigerlich fragt, „was dahinter kommt“, war es heute das Fegefeuer und die Hölle. Vielleicht weil es mir wichtig ist: Vorstellungen von Fegefeuer und Hölle, sind es nicht, die ich fürchte und etwas, das mich zu Wohlverhalten veranlasst. Aber mehr wissen, das möchte ich doch gerne. Weil so genau, weiß man es dann doch nicht!

Ich habe bisher dazu bisher so meine eigenen Vorstellungen gehabt:

Das Fegefeuer ist der Moment des Sterbens, wenn einem bewusst wird, was man alles – an Gutem – unterlassen hat und alles an Bösem, Schlechten – getan hat. Z. B. wen man wissentlich und vielleicht auch unwissentlich verletzt hat.

Und von der Hölle habe ich gemeint, dass sie leer wäre, denn die Liebe Gottes ließe nicht zu, dass dort Gestorbene verweilten.

Und dann gibt es noch in manchen Kirchen und z. B. Museen Bilder vom Jüngsten Gericht, die einigermaßen andere Vorstellungen vermitteln, die ziemlich verstören können, wenn man es nicht schafft, sie zu belächeln. Mir fällt da die Sixtinische Kapelle ein, oder Hieronymus Bosch, die Hölle, etc.

Das war, mein Ausgangspunkt unseres Gesprächs.

Also zuerst zum Fege-Feuer, auch nicht das, was mich zu „Wohlverhalten“ führt. Vom Wort her: Feuer brennt, Feuer ist ein Symbol für Gott – wir erinnern uns an den brennenden Dornbusch in der Wüste. Nicht, dass er gebrannt hat, war das Wunder, nein, dass er nicht verbrannt ist, war das Besondere. Das Feuer ist die Gegenwart Gottes.

Feuer wird zur Läuterung von Edelmetallen von Verunreinigungen verwendet. Feuer soll auch uns Menschen läutern, damit das Wahre, das Gute (Gold), das in uns ist, rein hervorgebracht wird.

Ja und „Fegen“, das bei uns eher Kehren genannt wird, entspricht ja auch ins Reine kommen, Ordnung machen, Aufräumen etc.

Wenn aber jemand vor seinem Tod selbst mich sich „ins Reine“ gekommen ist, sich selbst erkannt hat (schwierig!) und alle Fehler, ja bedauert – also „bereut“ hat, den Menschen, die er gekränkt hat, Abbitte geleistet hat, dann wird ihm/ihr das Fegefeuer, diese Läuterung; die Reinigung, erspart bleiben.  

Aber wer schafft das schon, rechtzeitig?

Es war auch kurz vom „Ablass“ die Rede, aber aus Zeitmangel konnten wir nicht näher darauf eingehen: „Der Ablass bezeichnet einen in der römisch-katholischen Theologie geregelten Gnadenakt fußend auf dem Gnadenschatz, durch den nach kirchlicher Lehre zeitliche Sündenstrafen erlassen (nicht dagegen die Sünden selbst vergeben) werden.“ (das stammt jetzt aus Wikipedia) „die jenseitige Läuterung kann nun durch die Erlangung von Ablässen verkürzt oder erleichtert werden.“ Auch sind bestimmte Voraussetzungen zur Gewinnung eines Ablasses zu erfüllen. Nur der guten Ordnung halber: Einen regelrechten Ablasshandel gab es nach dem 16. Jahrhundert nicht mehr.

Zur Hölle

Das ist jetzt für mich schwierig darzustellen. Auch hier – wie für alle Texte aus Göttweig gilt, dass es nicht notwendigerweise das Gesagte darstellt, sondern das „Verstandene“. Wobei vielleicht „gehört“ besser wäre, weil wirklich verstanden habe ich letztlich auch nicht alles.

In die Hölle kommt man nicht, die Hölle ist die Zurückweisung der Liebe Gottes. Gott will nicht, dass man in die Hölle kommt, das muss man schon selbst bewerkstelligen. Gott liebt die Menschen, unbedingt, ohne Voraussetzung auf Seiten des Menschen. Aber er hat ihnen auch den Freien Willen gegeben, und damit ist der Mensch in der Lage, diese angebotene Liebe Gottes von sich zu weisen. Also, wenn ich das recht verstehe, sind es nicht die „ihre bösen Taten“, die die Menschen in die Hölle befördern, sondern ihre Zurückweisung Gottes, alternativ der Liebe.  

All das bedarf noch einiger Reflexion bei mir. Auch das „ewig in der Hölle Bleiben“. Nach dem Tod ist ja alles zeit- und raum-los. Vielleicht – so hoffe ich – kann man diese Zurückweisung der Liebe rückgängig machen?

Eine Hoffnung, denn ich will nicht, dass jemand, den ich liebe, in der Hölle landet – könnte ihn meine Liebe davor bewahren?

Hoffentlich bleibt mir noch ein wenig Lebenszeit, um einige der immer noch weiter bestehenden Fragen vielleicht doch besser zu klären.

Noch immer in Stift Göttweig – Schweigeseminar

Verlust eines lieben Freundes

Ja, der Tod gehört zum Leben! Dennoch ein plötzlicher unerwarteter Tod eines guten langjährigen Freundes erschüttert mich sehr.  

Eigentlich war G. der Freund meines verstorbenen Mannes, die beiden sind zusammen ins Gymnasium gegangen, beide haben sie gleichzeitig in der Zeitung „die Presse“ gearbeitet. G. hat dann „die Presse“ verlassen, aber ihre Freundschaft blieb bestehen.

G. legte großen Wert auf seine Freunde, vor allem jene, die noch gemeinsam die Schule besucht haben. Er hat einen Jour Fixe eingerichtet, man traf einander einmal im Monat – eigentlich sehr häufig für Klassentreffen, im Roten Löwen im Alsergrund. G. lud alle jeweils persönlich ein, sorgte dafür das allenfalls ein Transport organisiert worden ist, anfangs war es noch eine stattliche Runde.

Wohl der Höhepunkt der Roten-Löwen-Runde war die gemeinsame Reise anlässlich des 50-jährigen Maturajubiläums nach Rom. Bei diesem Ausflug durften auch die Ehefrauen und gegebenenfalls Freundinnen mitkommen. Es war ein sehr erlebnisreicher besonders lustiger Ausflug gewesen. Ab   diesem Zeitpunkt waren auch die Ehefrauen etc. zu den monatlichen Treffen zugelassen. (Hunde waren das schon immer gewesen).

Die Herren waren fast alle Jahrgang 1932 gewesen, das bedeutete, dass die Runde immer kleiner wurde.  G. hat das immer sehr beklagt, zuletzt war sie auf 3 Personen beschränkt gewesen, wobei nicht nur Todesfälle zu beklagen gewesen waren, sondern auch Mobilitätsfragen eine Rolle gespielt haben.

G. und seine liebe Frau verfügen über einen Landsitz im Waldviertel. Damals, in den späten 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren Im nördlichen Waldviertel alte (verlassene) Bauernhöfe – aufgrund der Nähe zum Eisernen Vorhang recht günstig zu haben gewesen, und einige Journalistenfreunde hatten sich dort angesiedelt – uns hat man das auch angeboten, aber wir verfügten ja bereits über den Grund in Pernitz, als Wochenend- und Ferienwohnung.

G. und seine Frau sanierten dieses Bauernhaus und da sie beide sehr gastfreundlich waren, haben wir sie jeden Sommer einmal besucht, anfänglich haben wir auch noch die anderen Journalisten dort getroffen, aber manche von ihnen haben die dort „in der Einöd“ liegenden Häuser aufgegeben. Das Ehepaar hat sich auch einen Swimming-Pond gebaut, als man so etwas noch gar nicht kannte, also einen Naturteich – einerseits – anfänglich zum Karpfenzüchten, später dann nur noch zum Baden. Es gab auch einen Bauerngarten – auch mit Ribiselstauden, mit herrlichen spät reifenden Ribiseln. Der Ort, der eigentlich nur eine Ansammlung von ein paar Häusern ist, liegt auf 900 Metern Höhe, inmitten von riesigen Wäldern, wo die Beiden auch immer eifrig Schwammerln gesammelt haben. Zu Weihnachten bekamen wir immer einige Gläser eingelegter Eierschwammerln.

Selbst jetzt hatte G. im vergangenen Sommer dafür gesorgt, dass ich, die ich über kein Auto mehr verfüge, auf Besuch ins Waldviertel kommen konnte.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass der Kontakt mit dem Ehepaar nach dem Tod meines Mannes sehr eng war. Wir haben einander monatlich gesehen. Anfänglich noch abwechselnd bei ihnen und bei mir, zuletzt aber ausschließlich bei ihnen, weil G. doch nicht so gut zu Fuß war.

Ja, und bei unserem letzten Treffen hat G. mich zu seinem 90. Geburtstag eingeladen, der kommenden April hätte stattfinden sollen. G. war eher gesund, wie man das halt mit knapp 90 noch sein kann. Seine Atemwegsprobleme wurden durch lange Kreuzfahren gemildert, jetzt in der Corona-Zeit war das etwas schwierig, aber eine kurze, ist noch im heurigen Herbst gelungen. Ich war bei der längeren aber auch bei der letzten Kreuzfahrt vom Ehepaar eingeladen gewesen, mitzufahren. Habe aber das freundliche Angebot nicht angenommen. Sehr effektiv gegen die Atemwegsbeschwerden erwies sich der Wasser fall von Krimml.

Andere, Berufenere, werden über das Leben und die beruflichen Erfolge von G. schreiben und sprechen. Ich kann nur von einem sehr engagierten Ehemann, von einem liebevollen Familienvater und von einem wirklich treuen Freund berichten, immer zum Lachen bereit, also humorvoll.

Er wird uns allen fehlen. Meine Gedanken sind jetzt bei seiner Frau!

Verlust eines lieben Freundes

Das Experiment – fortgeführt

29. Dezember 2021

Es tun sich viele Fragen auf – auch im Zusammenhang mit dem Tod. Man schweigt zwar – den anderen Kursteilnehmern gegenüber (Ausnahme bei mir: meine Tochter, die mich bei allem, was diesen Aufenthalt betrifft, unterstützt) aber es gibt „geistliche Unterstützung“, ein tägliches Gespräch mit einem Mönch aus dem Kloster. (Was ich hier wiedergebe, ist, was ich gehört zu haben glaube, nicht notwendigerweise das, was gesagt wurde, Fehler sind ausschließlich meine!)

In diesen täglichen Gesprächen wird manches klarer. Z. B. wie kann man sich auf den Tod vorbereiten?   Wohl am besten, wenn man jeden Tag bis dahin genießt, aber am Schluss dann auch loslassen kann. „Genießen“ bedeutet erwartungsvoll in jeden Tag hineingehen, auch Schönes entdecken. „Loslassen“ bedeutet einen Leib zurücklassen, der möglicherweise Schmerzen bereitet, der nicht mehr so funktioniert, wie man das gerne möchte, der aber auch ein Leben lang ernährt werden, bekleidet werden, behaust werden, gepflegt werden musste. Vielleicht sogar mit viel Aufwand „verschönert“, verbessert werden musste.

Im Tod wird man von den Sorgen den Leib betreffend befreit. Man ist frei, man ist endlich „man selbst“. Und man ist gerne dort, in der Zeit- und Raumlosigkeit.  Und die Hinterbliebenen sollten nicht versuchen, die Hinübergegangenen zurückzuholen. Da gibt es eine Stelle im Alten Testament, wo genau das beschrieben wird: Saul bei der Frau in En-Dor, darin sagt der angerufene Tote, nämlich Samuel, zu Saul: „Warum hast Du mich aufgestört und mich heraufsteigen lassen?“  

Man sollte versuchen, Ungelöstes vor dem Tod aufzulösen, Frieden mit sich selbst und mit anderen zu machen, das kann ganz schön schwierig sein, vor allem sich selbst zu verzeihen. Es bleibt aber dann kein Ballast mehr übrig. Aber diese „Auflösung“ bedeutet, die Situation von allen Seiten zu beleuchten, Alternativen zu Ende denken, bevor wir zu der ersehnten „Lösung“ kommen können.

Und man sollte es den Hinterbliebenen nicht zu schwer machen, und möglichst jährlich eine aktualisierte Namensliste mit Adressen zu hinterlassen, mit jenen, die eine Parte bekommen sollen. Und die Hinterbliebenen sollten auf der Parte nicht von dem „Toten“ reden, sondern von seiner/ihrer leiblichen Hülle, die begraben wird. Das entspricht eher den Tatsachen.

Und wir haben auch von der Furcht – vor Gott – dem Richter – gesprochen. Vielleicht sollte es viel eher Ehrfurcht heißen. Aber Übersetzungen aus dem Hebräischen, das viel mehr „Nuancen“ hat, oft über das Griechische, können nicht jeden Aspekt eines Wortes wiedergeben.  Das müssen wir wohl schon selbst tun. Es kommt ja immer wieder in den Heiligen Texten vor: „Fürchtet Euch nicht“.

Überhaupt war die Rede von doppeldeutigen Wörtern, die aber nicht ein entweder – oder darstellen, sondern eher ein sowohl – als auch.

Wir sprachen auch von dem wiederum nicht mehr im täglichen Sprachgebrauch verwendeten Wort Huld. Eine sehr bedeutsame Seite Gottes, denn sie „verlangt“ keine Gegenseitigkeit. Liebe kommt bedingungslos von Gott, es liegt an uns, ob wir sie erwidern.

Dass es kein „muss“, sondern ein soll gibt, darüber muss ich noch nachdenken.  Es gibt überhaupt viel zum Nachdenken. Allein aufgrund der fünfmaligen Gebetseinheiten: Laudes um 6:30, Messe um 7:15, Mittagsgebet um 12 Uhr, lat. Vesper um 18 Uhr und 19:15 Komplet – hört und liest man viele Texte, aus denen Anregungen kommen, über die man nachdenken will. Man hört auch viele Worte, die nicht mehr so vertraut sind, über die man stolpert und deren Bedeutung man nicht immer gleich erfasst. Mir gefällt jetzt schon diese Struktur des Tages, man hat auch viel Freizeit dazwischen. Das frühe Aufstehen bleibt dennoch hart für mich.

Die Gegend ist wunderschön, jetzt sind die Wege auch nicht mehr eisig, der Schnee ist über Nacht verschwunden, auf den gepflegten Wiesen des Klosters sieht man die sprießenden Gänseblümchen. Heute regnet es zwischendurch immer wieder ein wenig, aber es ist heller, man meint wenigstens, das Länger-Werden des Tages befriedigt zu bemerken.

Ich werde mich jetzt – wie angeregt, dem 1. Brief des Johannes zuwenden, und zwar dem Kapitel Gemeinschaft mit Gott in der Liebe.

Das Experiment – fortgeführt

Heute und vor 2500 Jahren:

Flüchtlingselend

Neulich habe ich den alten „Technicolor-Film „Die 10 Gebote“ mit Charlton Heston wiedergesehen. Vieles kommt einem heute dann doch komisch vor. Aber die Geschichte ist auch Inhalt der Bibel, und um nicht nur Heston als Moses vor mir zu haben, habe ich Bibelgeschichte wiedergelesen.

Und da bin ich gleich zu Anfang auf eine Textstück gestoßen, das mich jetzt sehr an das Hier und Jetzt erinnert. Es geht um die Israeliten in Ägypten: „Seht nur, das Volk der Israeliten ist größer und stärker als wir. Gebt Acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen es tun können, damit es sich nicht weiter vermehrt.  Wenn ein Krieg ausbricht, könnte es sich unseren Feinden anschließen gegen uns kämpfen, und aus dem Lande hinaufziehen.“

Dieser Text stammt aus dem Buch Exodus, ist über mehrere Jahrhunderte allmählich gewachsen, und im 5. Jahrhundert zu seiner endgültigen Form gelangt. Sehr viel anders sprechen manche unserer heutigen (rechten) Politiker auch nicht. So wird über Migranten, Flüchtlinge und sehr oft auch von Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen.

Aber es war schon zu Moses Zeiten falsch. Die Israeliten haben dann nur noch einen Führer benötigt, der es sich mit der „Obrigkeit“ angelegt hat, und dieser hat die Israeliten aus der Knechtschaft Ägyptens geführt.

Vielleicht sollten wir nachdenken, wer denn diese heutigen Sklaven sind: mir fällt z. B. sofort das Pflegepersonal ein. Wir haben jetzt – in Corona, besonders in Omikron Zeiten – einen Notstand. Es gibt nicht genug Pfleger und Pflegerinnen, sowohl in den Spitälern, als auch in Pflegeheimen wie auch im privaten Sektor. Wer sind denn die Pflegerinnen im 24-Stundendienst? Meist liebevolle aufopferungsbereite Menschen, die für ziemlich geringes Geld hier arbeiten, oft ihre Kinder den Großeltern überlassen müssen.  

Viele von diesen Menschen mit Migrationshintergrund bringen uns die Zeitung in der Früh, sie stellen die vielen, vielen (Amazon-)Pakete zu, sie bringen das bestellte Essen aus den Restaurants, meist freundlich, fahren sie bei Wind und Wetter und stellen zu.

Auf ihre Staatsbürgerschaft müssen sie sehr oft lange warten. Und selbst wenn sie fleißig lernen, oder eine Lehre machen, sind sie vor Abschiebung nicht gefeit.

Wir Europäer sitzen in unserer Wohlstandfestung, und lassen die Menschen nicht in unsere Länder, sei es aus den griechischen Inseln, sei es aus dem Grenzgebiet von Belarus.

Wir hätten schon Platz, wenn wir nur wollten, aber wir haben Regeln gemacht, die uns daran hindern.

Ich finde, dass unsere Haltung eine Schande ist.

Heute und vor 2500 Jahren:

Ein Experiment

Schweige- und Einzelexerzitien zum Jahreswechsel 2021/2022

Einleitung

Nur zu Ihrer Information: ich befinde mich derzeit in Göttweig, präziser gesagt, im Stift Göttweig, einem Benediktinerkloster.  Es liegt in Niederösterreich auf einem Hügel südlich der Donau am Ausläufer des Dunkelsteinerwaldes.

Der Zweck des Aufenthaltes: Schweige- und Einzelexerzitien zum Jahreswechsel. Es ist eine völlig neue Erfahrung für mich, und darüber werde ich ihnen in den nächsten Tagen berichten.

28.Dezember 2021

Ich hab noch nicht Tritt gefasst. Der Tag ist zeitlich reglementiert. Ich bin sichtlich nicht rechtzeitig aufgestanden, ich brauch mehr Zeit – aber der erste Termin ist 6:40!

Man kann ja am Abend zeitig schlafen gehen, aber ohne Lesen kann ich nicht einschlafen, und auch dann noch wirbeln Gedanken zu allen möglichen Gebieten in meinem Kopf herum.  Gestern abends begannen die Exerzitien mit einer lateinischen Vesper in der Stiftskirche. Dabei kann man den gesungenen lateinischen Texten der Mönche lauschen, die Kirche betrachten – und einmal etwas zur Ruhe kommen, oder man kann den lateinischen Text mitlesen und/oder die deutsche Übersetzung parallel lesen. Ist ein wenig mühsam, da man selbstverständlich Maske tragen muss, und die Brillengläser anlaufen. Für mich erforderte es Konzentration, den Texten zu folgen, die ich nicht immer aufbringen konnte..

Nur am ersten Abend durfte gesprochen werden. es gab eine kurze Einführung in das Procedere und jeder der ca. 20 Teilnehmer der Veranstaltung sagte seinen Namen und wo er herkam, Orte aus ganz Österreich sind vertreten. Es sind mehr Frauen als Männer, aller Altersgruppen.

Abends waren wir noch zu zweit in der Kapelle hier im Exerzitienhaus, wo wir auch untergebracht sind und wo wir in unserem eigenen Refektorium essen. Dort haben wir noch tagesaktuelle Psalmen gelesen und reflektiert. Mir ist besonders das Wort „frohlocken“ aufgefallen, frolic in Englisch, mit etwas anderer Bedeutung – nämlich tollen, aber auch das Hundefutter dieses Namens. Aber vielleicht sollten wir alle öfter frohlocken.  Wir haben auch versucht, in den Texten einfach das „war“ durch „ist“ zu ersetzen. Ein faszinierender Gedankenstrang.

Ja, ich habe meinen Kindle mitgebracht, aber ich weiß, dass ich den historischen Thriller – sehr spannend – hier wirklich nicht lesen soll. Der Versuchung bin ich allerdings erlegen. Werde mich bemühen, diesen Fehler nicht zu wiederholen.

Heute ist der Tag der „unschuldigen Kinder“, also besser bekannt der Bethlehemitische Kindermord. Sofort kommen Bilder aus der bildenden Kunst in den Sinn: Der Bethlehemitische Kindermord ist ein um 1565 entstandenes Gemälde Pieter Bruegels des Älteren. Da ich zu spät zur „Laudes“ in unserer Kapelle gekommen, die erforderliche Maske hab‘ ich auch vergessen, kann ich mich wieder nicht ordentlich auf die Texte konzentrieren, weil ich immer versuche, mich den anderen anzuschließen. Ich hab‘ den Text mitgenommen, und werde ihn in der vielen freien Zeit, die verfügbar ist, noch einmal genau lesen und reflektieren.

Aber schon geht’s weiter, in die Krypta der Stiftskirche über den verschneiten Hof – wir gehen über das Gras, die asphaltierten Wege sind vereist. Schon wieder etwas zu spät (das Anziehen der Schuhe hat zu lange gedauert). Hier findet jetzt die Heilige Messe statt – zusammen mit den Mönchen des Klosters. Die Krypta ist sehr eindrucksvoll, mit silbernem Altar – ich bin schon wieder nicht bei der Sache. Das ist (teilweise) darauf zurückzuführen, dass ich die Texte schlecht verstehe, kaum auf die Tafel mit den angegebenen Liedern sehe. D.h. ich muss unbedingt meine Hörgeräte in der Früh zum Einsatz bringen und pünktlich kommen. Auch darüber denke ich nach, und folge daher wieder den Texten nicht so genau. Ich muss mich besser konzentrieren.

Zurück im Exerzitienhaus, schnell ins Zimmer um den Mantel und Haube loszuwerden. O weh, ich nehme die Stiegen – das ist keine so gute Idee, ich werd‘ schwindlig, eiligst gehe ich ins Zimmer und leg‘ mich ein paar Minuten nieder. Dann zum „schweigsamen“ Frühstück. Kein Reden untereinander. Auch nur stummes Grüßen oder Danken. Für mich irgendwie seltsam. Aber man hat uns erklärt: Schweigen wäre ein Geschenk, das man diese Woche nutzen solle, um „leichter“ zu werden.  Ich glaube, ich bin produktiver im Dialog, aber vielleicht sollen wir gar nicht produktiv sein.

Nun zurück ins Zimmer, wunderbarer Blick über eine leicht angezuckerte Landschaft im Nebel. Jetzt werde ich mich den Texten der Laudes widmen, z.B. „Preist den Herrn, Tau und Schnee, preist den Herrn, Eis und Kälte“ … Preist den Herrn, Raureif und Schnee.“ Wieder wird aufgefordert, zu frohlocken und zu jauchzen. Und: „.. das aufstrahlende Licht in der Höhe, … um uns allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes … (ich gedenke des plötzlichen Todes eines Freundes in der Vorweihnachtszeit und meines eigene, der irgendwann bevorsteht).

Schwierig war und ist für mich das Bild: “Kleider waschen im Blut“.

Ich kann mich besser auf den Inhalt der Texte konzentrieren, wenn ich sie lese. Schade, dass ich das „Magnificat“ nicht mitgenommen habe.

Ein Experiment

Die ersten Nachkriegsweihnachten – 1945

Wenn Weihnachten im Krieg schon schwierig waren, waren sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht viel leichter. Ja, es fielen keine Bomben mehr, es schossen keine Tiefflieger mehr, es war kein Schlachtenlärm mehr zu hören. Aber Österreich war besetzt, die Ernährungslage war katastrophal, es gab kein Material, um die Kriegsschäden zu reparieren (z.B. kein Glas für Fenster, alles war mit Brettern vernagelt und es war finster). Gas – zum Kochen kam nur stundenweise, dasselbe galt für Elektrizität. Oft saßen wir abends zusammen und es brannte bestenfalls die Petroleumlampe.

Aber „unsere Besatzungsmacht“ im neunten Bezirk, die Amerikaner, hatten uns Kinder zu einer Weihnachtsfeier eingeladen, dort kam Father Christmas vorbei, wir saßen bei Kakao und Donuts an langen Tischen. Wir bekamen sicher irgendetwas (Essbares) geschenkt, was weiß ich nicht mehr.  

Und es kam Weihnachten, und somit wurde beschlossen, die Ferien wieder im Mühlviertel zu verbringen, denn dort konnte man sich eventuell noch durch Hamstern Essen verschaffen.  Die Zugfahrt war noch immer „irregulär“ und dauerte schier endlos. In St Valentin stiegen wir aus. Meine Mutter hatte aus welchen Gründen auch immer noch keine I-Karte und daher konnten wir nicht bis Linz – über die Zonengrenze bei Enns fahren. Also suchte meine Mutter in St. Valentin jemand, der uns in einer Zille über die Donau bringen würde. Und sie war erfolgreich – wie kann ich mich nicht erinnern, wahrscheinlich war es ein Tauschgeschäft. Und von St. Valentin ging’s zu Fuß weiter, 26 Kilometer.

Es war mühsam, es lag schon ein wenig Schnee, der Wind pfiff, die Drähte der Leitungen surrten. Zeitweilig kam die Sonne heraus, da war niemand, der uns mitgenommen hätte. Meine Mutter hatte mir ein paar Wollfäustlinge gestrickt – in Norwegermuster – aus Wollrestln, ich erinnere mich noch, dass die beiden nicht gleich aussahen. Auf diesem Marsch habe ich einen davon verloren. Natürlich war meine Mutter ziemlich bös, denn „Nachbeschaffen“ war unmöglich und Zurückgehen, und ihn suchen, erlaubte die Zeit nicht.

Aber irgendwann wurde die Gegend doch vertrauter und wir kamen in Pregarten, in der Hammerschmiede an der Aist an. Wir konnten wieder dieses eine Zimmer, das wir auch in der Kriegszeit bewohnt hatten, verwenden. Diesmal gab es sogar ein zweites dazu! Dort durfte ich schlafen, aber es war nicht beheizbar. Also schlief ich mit einer Haube, ein heißer Ziegelstein, der vorher im Backrohr gelegen war, wurde in ein Tuch eingewickelt, um das Bett etwas vorzuwärmen, bevor ich schlafen ging!

Dennoch fielen die Weihnachtsgeschenke doch etwas „üppiger“ aus, als im Vorjahr, ich bekam einen neuen Rock, geschneidert aus einer alten Knickerbocker meines Vaters.  Was wir am Heiligen Abend gegessen hatten, weiß ich nicht mehr, aber wir gingen wieder – diesmal ohne Verdunkelung – um Mitternacht zur Mette in die Kirche. Wieder mit einer Laterne, wie alle anderen auch. Ich glaube, dass ich auch diese Mette verschlafen habe. Jedenfalls waren wir bei anderen Wienern (die Familie einer Schulfreundin aus Wien) an einem der beiden Weihnachtsfeiertage zum Essen eingeladen, eigentlich nicht bei der Wiener Familie, sondern von den Bauern, bei denen sie wohnten. Auch dorthin mussten wir zu Fuß gehen (aber was war schon eine Stunde). Natürlich musste ich meinen neuen Rock ausführen – ich war sehr stolz darauf.

Jedenfalls gab es nach damaligem Dafürhalten eine Delikatesse zum Mittagessen, einen fetten Schweinsbraten mit Knödeln.  Und patschert, wie ich schon war, kippte mein Teller und der fette Saft des Schweinsbratens traf meinen neuen Rock, der damit unbrauchbar geworden war.   Ich war untröstlich, meine Mutter war wütend auf mich. So machten wir uns auf den Rückweg.

Was sonst in diesen Weihnachtsferien geschah, kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich waren wir wieder Hamstern, um Nahrungsmittel nach Wien mitzunehmen. Nur die Rückfahrt nach Wien ist mir in Erinnerung geblieben. Meine Mutter hatte jemanden mit einem Lastwagen aufgetrieben, der auch über ausreichend Benzin verfügte, der zu Ferienende nach Wien fahren würde.  Was oder womit meine Mutter bezahlt hatte, weiß ich nicht. Wir waren jedenfalls nicht die einzigen, die auf der hoch beladenen Ladefläche mitfahren durften. Wir starteten um 5 Uhr früh. Wichtig war natürlich auch, nicht die Zonengrenze zu passieren. Ausgestattet mit Lebensmitteln wie Butter, Speck, Eiern, Erdäpfeln etc. bestiegen wir den Lastwagen, na besonders schnell war er nicht unterwegs. Aber auf dieser Ladefläche war es wirklich bitter kalt. Die Kälte war grimmig und die Fahrt dauerte sehr lange! Immer wieder wurden wir aufgehalten, und meine Mutter fürchtete eine Razzia der Russen (also, dass sie uns die Lebensmitteln wegnehmen würden). Nichts dergleichen geschah, wir kamen letztendlich nach 23 Stunden Fahrzeit nach Wien – das letzte Stück mussten wir das Gepäck wieder selber schleppen. In unserer Wohnung, über Weihnachten selbstverständlich ungeheizt, hatte es drei Grad. Gemütlich war anders, aber wir waren heil aus den Ferien zurückgekehrt, hatten alle Lebensmittel mitgebracht, und das Kochen (des Maisbreis – damals sagte man nicht Polenta dazu) wurde etwas erleichtert. Die Erdäpfel sind auf dieser Reise gefroren, wir aßen sie später dennoch – sie schmeckten süßlich, weil verfaulen lassen wollten wir sie auch nicht.  

Und statt des neuen Rocks musste ich halt meine alten Sachen tragen, die mir nur ein bissel zu klein waren.   

Die ersten Nachkriegsweihnachten – 1945

Zum Buch „Bewilderment“ (deutsch: Erstaunen) von Richard Powers.

Warum sind Bücher, die „angesagt“ – als mit Preisen versehen – sind, derzeit so hoffnungs- und trostlos? Sogar ein Roman, indem ein Kind die „Hauptrolle“ innehat.

Ich meine „Erstaunen“ (der englische Titel ist “Bewilderment“, das ich eher mit Verwirrung übersetzt hätte) von Richard Powers. Vorauszuschicken ist, dass in dem Buch viel die Rede ist von Astro– und Neurowissenschaft ist. Von beiden verstehe ich nicht einmal wenig, sondern viel eher garnichts. Aber grundsätzlich ändert das an der Lesbarkeit des Buches nicht besonders viel, mir unbekannte Begriffe musste ich halt leider überlesen.

Der Inhalt des Buches: alleinerziehender Vater, Astrobiologe, bemüht seinen neunjährigen Sohn – mit Asperger-Syndrom „gut“ zu erziehen. Die Mutter – Umweltaktivistin – ist durch einen Autounfall ums Leben gekommen. Der Bub hat große Schwierigkeiten in der Schule, die Lehrer drohen, dass er nur bleiben kann, wenn er entsprechende Medikamente nimmt. Das will der Vater vermeiden und nimmt den Sohn – auf dessen Drängen – aus der Schule, um ihn zu Hause zu unterrichten. Da bietet ein Bekannter (ehemaliger Freund? der verstorbenen Mutter) an, eine neue wissenschaftliche Methode anzuwenden. Die Methode selbst habe ich nicht ganz verstanden, jedenfalls werden Emotionen der Mutter auf das Kind übertragen und der Bub entwickelt hierauf die Fähigkeit, mental vieles zu bewegen. Es findet auch eine Persönlichkeitsänderung statt, der Sohn wird ausgeglichener, entwickelt sich rasch und will Umweltaktivist werden, wie es seine Mutter war.  Sein Vater unterstützt ihn, etwas, das auch zu Beeinträchtigung seiner Tätigkeiten als Forscher und Lehrer – Astrobiologie führt. Der Bub will die Mission seiner Mutter vollenden: Er malt Plakate, demonstriert auf den Stufen des Kapitols, um die Natur zu retten. Der Vater unterstützt ihn nach Kräften.

Doch dann werden die staatlichen Mittel sowohl für die Weltraumforschung als auch Neurotherapie eingestellt. Die Demokratie verkommt. Der Sohn, der durch diese Neurotherapie so große Fortschritte gemacht hat degradiert wieder… Das Ende erzähl‘ ich Ihnen lieber nicht.

Manche finden das Buch nur „melancholisch“, wie ich festgestellt habe, ich finde es eigentlich todtraurig – ohne Hoffnung auf eine bessere Welt in Zukunft.  Dennoch hat die Gegenwart manche der düsteren „Vorhersagen“ des Buches überholt, Trump hat die Wahl nicht „unendlich“ verschoben. Nach jahrelangen Verzögerungen hat das James-Webb-Teleskop zu Weihnachten in Richtung Weltall abgehoben. Dort wird es – wie geplant – nun dennoch die Vergangenheit erforschen. Und es gibt zumindestenens internationale Vereinbarungen, die Umwelt besser zu schützen, dem Klimawandel besser Einhalt zu gebieten, Tierschutz zu beachten, Artensterben einen Riegel vorzuschieben, Bodenversiegelung zu verringern ….

Also wir sollten uns die Gegenwart durch diese „Doomsday-Propheten“ (Doomsday = Tag des Jüngsten Gerichts), also Autoren angesagter Bücher,  nicht vermiesen lassen und versuchen, die Zukunft so gut wie möglich gemeinsam zu gestalten.

Das Buch ist dennoch spannend, gut zu lesen und viele derzeitige Probleme (die aber teilweise dann doch nicht entstanden sind) werden darin verwoben.

Zum Buch „Bewilderment“ (deutsch: Erstaunen) von Richard Powers.