Lese-Empfehlung: Agent Sonja – von Ben MacIntyre

„Lover, Mother, Soldier, Spy“

Ein Buch basierend auf einer wahren Geschichte – des schrecklichen 20 Jahrhunderts.

Ruth Werner (* 15. Mai 1907; † 7. Juli 2000), eigentlich Ursula Beurton, zuvor Ursula Hamburger, geboren als Ursula Maria Kuczynski, war eine deutsche Kommunistin, Schriftstellerin und Agentin des sowjetischen Militärnachrichtendienstes GRU. Dort wurde sie unter dem Decknamen „Sonja“ geführt und bekleidete zuletzt den Rang eines Obersten. Als Autorin arbeitete sie ab 1958 unter dem Pseudonym Ruth Werner.

Ursula Kuczynski wurde als eines von sechs Kindern von Robert René Kuczynski und Berta geb. Gradenwitz in der elterlichen Wohnung am Friedrich-Wilhelm-Platz 12 in Friedenau bei Berlin geboren. Die Familie war jüdischer Abstammung. Ihr Vater arbeitete als Ökonom und Statistiker. Ihr älterer Bruder war der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski.

Sie wuchs in einer Villa am Schlachtensee in Berlin auf. In Zehlendorf besuchte sie ein Lyzeum. Sie hätte, wie ihre Brüder, gerne studiert, ihre Mutter fand das überflüssig. Somit machte sie 1924 bis 1926 eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Bereits zu Beginn ihrer Berufsausbildung wurde sie Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschland.

1926 trat sie der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. 1926/27 besuchte sie eine Bibliothekarinnenschule und war Mitarbeiterin einer Leihbibliothek; anschließend war sie beim Ullstein Verlag angestellt, von dem sie wegen der Teilnahme an einer 1.-Mai-Demonstration 1928 entlassen wurde. Sie gründete die Marxistische Arbeiterbibliothek (MAB Berlin) und übernahm deren Leitung. Sie begann für die Parteizeitungen der KPD Die Rote Fahne und Welt am Abend zu schreiben. Um sich zu emanzipieren, arbeitete sie Von Dezember 1928 bis August 1929 sie in einer Buchhandlung in New York.

1929 heiratete sie den deutschen Architekten Rudolf Hamburger und ging mit ihm 1930 nach Shanghai, da dort zu dieser Zeit stark gebaut wurde. 1931 wurde der gemeinsame Sohn Michael geboren. In Shanghai lernte sie nach viereinhalb Monaten, vermittelt durch die linke amerikanische Journalistin Agnes Smedley (US-amerikanische Journalistin und Autorin), Richard Sorge (deutscher Kommunist, Schriftsteller und für den sowjetischen Militärgeheimdienst tätiger Agent und Spion) kennen, der sie für die GRU anwarb und in China Informationen für die Sowjetunion sammeln ließ. Sie verliebte sich in ihn. Sie hielt Kontakt zu untergetauchten chinesischen Kommunisten, lagerte Waffen, versteckte einen Gesuchten. Als ihr Mann davon erfuhr, zerbrach die Ehe. Nach zweijähriger Tätigkeit ging sie 1933 auf Empfehlung von Richard Sorge nach Moskau, um das Agentenhandwerk gründlich zu erlernen. Dort wurde sie u. a. als Funkerin ausgebildet und erlernte das Morsealphabet. Ihr Sohn Michael lebte währenddessen bei ihren Schwiegereltern in der Tschechoslowakei.

Ursula Hamburger diente dem militärischen Nachrichtendienst GRU in Asien und Europa. Sie war 1934 in Mukden in der Mandschurei, die Japan seit dem Mukden-Zwischenfall von 1931 besetzt hatte. Ihr dortiger Führungsagent nannte sich Ernst. Mit ihm hatte sie zeitweilig eine Romanze. Als die GRU 1935 die Enttarnung der beiden Agenten befürchtete, beorderte sie Ruth Werner, die von Ernst ihre Tochter Janina im April 1936 erwartete, mit ihrem Ehemann nach Polen. 1937 erhielt sie für die Tätigkeit in China den Rotbannerorden in Moskau.

Bevor das Deutsche Reich nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes und mit Bruch des deutsch-polnischen Nichtangriffspakts Polen angriff, war 1938 Werner mit ihrem Ehemann und dem geheimen Sender unter dem Namen Ursula Schulz bereits in die Schweiz geflüchtet.

In der Schweiz rekrutierte sie Widerstandsgruppen für den Einsatz in damals Nazi-Deutschland. Von dort funkte sie auch im Rahmen der Roten Kapelle (Gruppen, die im Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten) für Sándor Radó (ungarischer Geograph und Kartograph). In der Schweiz lernte sie im Februar 1939 die englischen Kommunisten und Spanienkämpfer Len Beurton und Alexander Foote kennen. Foote, der ihr ob seines ruhmreichen Einsatzes im Spanischen Bürgerkrieg von der Moskauer Zentrale empfohlen worden war, setzte sie auf die Messerschmittwerke an. Sein Landsmann Len Beurton sollte Kontakt zu den I.G. Farben herstellen. Für Beurton war es nach seinen Schilderungen Liebe auf den ersten Blick. Sie schilderte es als Pflicht zur Tarnung.

In der Schweiz heiratete sie Anfang 1940 ihren zweiten Ehemann Len Beurton und erlangte die britische Staatsbürgerschaft. 1940 wurde Werner von der GRU ins Vereinigte Königreich entsandt, um dort ein Netz aufzubauen, und lebte bis 1949 dort. 1943 gebar sie ihren Sohn Peter. Sie ließ sich in der Umgebung von Oxford nieder, um ab 1943 für die „Atomspione“ Klaus Fuchs (deutsch-britischer Kernphysiker und sowjetischer Spion) und Melita Norwood (britische Sekretärin, die bei der British Non-Ferrous Metals Research Association tätig) als Kurier zu arbeiten. Dadurch beschleunigte sie die Entwicklung der sowjetischen Atombombe, die 1949 in einem Test erstmals gezündet wurde.

Dabei war die biedere Hausfrau und Mutter (drei Kinder von drei verschiedenen Vätern), und erledigte ihre Spionagetätigkeit (Verschlüsseln und Übersenden von Unterlagen) in der Nacht, radelte zu den Verstecken, wo Informationen ausgetauscht wurden.

1949 musste Werner wegen der Enttarnung von Klaus Fuchs aus Großbritannien fliehen und ging in die DDR nach Ost-Berlin. 1950 schied Werner auf eigenen Wunsch aus der GRU aus. Es war sehr selten, dass Spione „in Pension gingen“, viel eher wurden sie umgebracht. Sie hatte ihre Spionagetätigkeit – ursprünglich gegen Hitler-Deutschland gerichtet, immer über ihre Pflichten gegenüber ihren Kindern gestellt.

Sie war die vielleicht erfolgreichste Kundschafterin der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg und eine der wenigen, die Stalins Misstrauen, seine Säuberungen und Verhaftungswellen unversehrt überlebten. Sie wurde aber 10 Jahre nach ihrem Ausscheiden aus der GRU aus dem Amt für Information in der DDR entlassen. Nach sechs Jahren im Staatsdienst beschäftigte sie sich als Autorin zunächst überwiegend mit der Publikation von teilweise autobiographischen Kinderbüchern. In dieser Zeit nahm sie ihr Pseudonym Ruth Werner an.

1969 ehrte die GRU sie mit einem zweiten Rotbannerorden, dem höchsten Militärorden der Sowjetunion. Bis 1977 erfüllte sie ihre Verschwiegenheitspflicht äußerst diszipliniert.

Bei ihrer Beisetzung im Juli 2000 in Berlin sprach ein Gesandter der Russischen Föderation als Trauerredner. Ohne dass Werner jemals Uniform getragen hatte, war sie Oberst der Roten Armee. Posthum erhielt sie den russischen Orden der Freundschaft.

Ein wirklich spannendes Buch. Es enthält einerseits Informationen aus unterschiedlichen Weltteilen, aber andererseits beschreibt es ein bewegtes Leben einer interessanten, enorm mutigen Frau.

Lese-Empfehlung: Agent Sonja – von Ben MacIntyre

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