Die gegenwärtige politische Situation betrachtend, fallen mir mythologische Geschichten ein

Durch die politischen Ereignisse der letzten Wochen angeregt, habe ich mich mit dem Begriff Hybris auseinandergesetzt. Hybris bedeutet Übermut, Anmaßung.

In antiken griechischen Tragödien wurde Hybris als Auslöser für das Scheitern vieler Protagonisten verwendet, die in ihrer Überheblichkeit die von Göttern gegebenen Befehle und Gesetze ignorierten. Auf die menschliche Hybris folgt häufig die göttliche Bestrafung durch Nemesis (Göttin des gerechten Zorns, der ausgleichenden Gerechtigkeit, wodurch sie zur Rachegottheit wurde), was schließlich oft zum Fall und Tod des Protagonisten führt.

„Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“ Meinte Karl Popper.

Als Hybris wurden sowohl ein Frevel gegen die Götter, ungenügende Ehrerbietung gegenüber Höherstehenden, der Mangel an Schonung gegenüber Gleichstehenden oder Hilfsbedürftigen, als die Missachtung fremder Rechtssphäre, das Hinwegsetzen über Sitte und Gesetz oder der Versuch gegen die Naturbedingungen des Daseins anzukämpfen. All das galt als sittliches Übel.

Und es gibt es schon (seit den alten Griechen) die These, dass die Sättigung, die Mutter der Hybris sei. Sie sei wie eine tödliche Krankheit, die das Gemeinwesen befalle. Sie verkörpert das Gegenteil der Gesundheit des Herzens, der Gelassenheit. Eine Gottheit, die das Volk eines Landes vernichten wolle, schicke diesem als erstes Unglück die Hybris. Selbst Städte wären untergegangen, die im Überfluss und der zügellosen Üppigkeit schwelgten.

Als Beispiel wird unter vielen anderen Tantalus angegeben. Wahrscheinlich verwenden auch Sie Sätze wie “er/sie erleidet Tantalusqualen“.

Wie war das aber, mit dem Tantalus? Tantalos war ein mächtiger und unermesslich reicher lydischer oder phrygischer König, der am Gebirge Sipylos (nördlich von Smyrna) seine Burg hatte und dessen Ländereien sich zwölf Tagereisen weit erstreckten. Es wird nicht ganz klar, wer sein Vater war, von manchen wird Zeus angenommen, auch weitgehende Unklarheit herrscht darüber, wer seine Gattin war – jedenfalls hatte er Kinder, unter anderen Niobe und Pelops.

Zuerst einmal wurde Tantalos an die Tafel der Götter zum Essen geladen, stahl jedoch Nektar und Ambrosia von ihnen, was seine Gastgeber erzürnte. Zusätzlich verbarg der Sterbliche einen goldenen Hund in seinem Haus, der aus einem Tempel gestohlen war, und leugnete dies.

Aber dann: Als die unsterblichen Götter zu einem Gastmahl des Königs Tantalos kamen – so etwas hatte es zuvor nur ein einziges Mal gegeben –, versuchte er, ihre Allwissenheit auf die Probe zu stellen: Er tötete Pelops, seinen jüngsten Sohn, und ließ ihn den Göttern als Mahl servieren, jedoch so, dass sie seine Tat nicht erkennen sollten. Zwar verzehrte Demeter, verzweifelt über den Raub der Persephone, einen Teil der Schulter, doch die anderen Götter bemerkten die Gräueltat sofort. Sie warfen die Stücke des getöteten Pelops in einen Kessel, und die Moire (griechische Schicksalsgöttin) Klotho zog ihn in bekannter Schönheit hervor. Der verzehrte Schulterknochen wurde von den Göttern durch einen aus Elfenbein ersetzt.

Die Götter verstießen Tantalos in den Tartaros, die tiefste Region des Hades, und peinigten ihn dort mit ewigen Qualen, den sprichwörtlich gewordenen „Tantalusqualen“. Die bestanden darin, wie es Homer beschreibt, dass er ewigen Durst und ewigen Hunger leiden muss, obwohl er im Wasser steht – das aber verschwindet, wenn er es trinken will, und herrliche Obstbäume mit reichen Früchten um ihn stehen, er aber die Früchte nicht erreichen kann. Früchte und Wasser sind ihm greifbar nah, bleiben aber unerreichbar. Zu Hunger und Durst gesellte sich die ständige Angst um sein Leben, da über Tantalos’ Haupt ein mächtiger Felsbrocken schwebte, der jeden Moment herabzustürzen und ihn zu erschlagen drohte.

Aber nicht genug damit, zuletzt verfluchten die Götter Tantalos und seine Sippe, die Tantaliden. Solange es Nachfahren gäbe, besitze dieser Fluch Gültigkeit. Der Fluch bestand darin, dass jeder seiner Nachfahren ein Familienmitglied töten und weitere Schuld auf sich laden solle. Eine lange Kette von Gewalt und Verbrechen wurde damit ausgelöst, die erst mit dem letzten der Tantaliden ihr Ende fand: mit Orest, der seine Mutter Klytämnestra ermordete und so ihren Mord an ihrem Gatten Agamemnon, seinem Vater, rächte. Orest selbst ereilte sein Schicksal durch einen Schlangenbiss.

Ganz so blutig und ganz so langfristig wird es jetzt bei uns wohl nicht zugehen, aber Hybris bezeichnet einerseits eine Haltung, die zu übermäßigem Übermut verleitet, als auch die Art der Übergriffe. Zu den Übergriffen ist es ja bei uns noch nicht gekommen.

Oder?

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