Diese Katze beißt sich in den Schwanz

Gestern wieder große Corona-Demonstration. 40 000 Teilnehmer sagt die Polizei. An manchen Stellen ist es wiederum zu Tumulten gekommen. Es wurden 67 Anzeigen nach dem Strafgesetzbuch erstattet, darunter wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt, tätliche Angriffe, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen. Es gab 620 Verwaltungs-Anzeigen, fast alle davon aufgrund der Covid-Maßnahmen (Maskenpflicht). Fünf Polizisten wurden verletzt, es gab fünf Festnahmen nach der Strafprozessordnung. Manchen Demonstranten wird demokratiefeindliches Verhalten vorgeworfen. FPÖ-Chef Herbert Kickl bedankte sich indes bei den Demonstranten.

Es wird schwer werden, für die neue Regierung, diese Bewegung wieder „einzufangen“, sind die Menschen erst auf der Straße, lassen sie sich nur schwer von dort vertreiben. Dabei hat sich die Regierung geändert – also die Tafeln mit „Kurz muss weg“, können jetzt getrost entsorgt werden. Wieder sah ich „wir sind das Volk“ Banner. Eine politische Parole, die anfänglich während der Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR als Sprechchor gerufen wurde, um gegen die DDR-Regierung zu protestieren. Sie wurde in der Wendephase sehr schnell von der Parole „Wir sind ein Volk“ abgelöst.

Ja, Trommeln sind auch dabei, und Tröten, man will laut sein, gehört werden. Viele Tafeln mit Aufschrift „Freiheit“.  Das sah ich dann nicht ganz so, ich war gestern bei einer Freundin eingeladen, mein Weg dorthin war durch die Demonstration ordentlich behindert und verlängert! Was ist mit meiner Freiheit – mit der Straßenbahn zu fahren, die üblicherweise von der Stadt zur Verfügung gestellt wird und aufgrund der Demonstration eingestellt war.  Gott-sei-Dank bin ich noch gut zu Fuß!

Auch die Bundeshymne wurde laut gesungen – zwar etwas falsch. Aber was soll damit gesagt werden? Vor den Toiletten im Jonasreindl standen lange Schlangen – ohne Masken.  Und es wurden halt auch wieder haltlose „Thesen“ verbreitet (von einer Nationalratsabgeordneten) in den Spitälern lägen keine Corona-opfer – sondern Impfopfer!

Waren so viele Menschen aufgrund des Lockdowns in Demonstrationen unterwegs (27 Demonstrationen waren für diesen Tag angemeldet gewesen). Ohne Lockdown hätten sie sich möglicherweise beim Shopping in der Mariahilfer Straße gedrängt, oder im Shopping-Center XXX, immerhin am zweiten Einkaufssamstag vor Weihnachten.  Oder sie wären vielleicht ins Kino gegangen. Manche wären sonst im Caféhaus gesessen, hätten Zeitung gelesen oder dort Freunde getroffen. Manche hätten sich für Adventfeiern, im Kreise der Familie oder von Firmen veranstaltet, vorbereitet. Sie stünden vielleicht fröhlich plaudernd vor Punschständen, wären in diversen Christkindl- oder Weihnachtsmärkten unterwegs.

Aber all das kann man im Lockdown eben nicht tun, und manchen ist halt dann zu Hause allein an Wochenenden still und schlicht fad, nachdem sie schon die ganze Woche im Home-Office verbracht haben.

Glauben Sie jetzt nicht, dass ich für die vollständige Aufhebung des Lockdowns für alle ab dem 13. Dezember bin. Ich bin heilfroh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss. Ja die Öffnung wurde versprochen. Die Menschen hätten dann anderes zu tun, als zu demonstrieren. Aber ich finde es extrem fahrlässig von Landeshauptmann Platter, dies zu versprechen und nicht die Expertenmeinungen abzuwarten.  Dass wir jetzt keine türkise, sondern eine schwarze Regierung haben, heißt ja noch lange nicht, dass Landeshauptleute, auch wenn sie den Vorsitz über die Landeshauptleutekonferenz haben, alles selbständig entscheiden können.

Dennoch, selbst wenn wieder vieles für die meisten (davon gehe ich aus) unter Einschränkungen offen sein wird, werden die Demonstrationen nicht gleich aufhören. Es droht ja noch die Impfpflicht ab 1.Februar 2022. Aber wenn sich die Menschen nicht impfen lassen, wird es notgedrungen zu weiteren Lockdowns kommen müssen – und sie werden weiterdemonstrieren.

Sicher, die „Beendigung“ des jetzigen Lockdowns für Geimpfte, eventuell eine 2G+ (Geimpft-Genesen + ein aktueller Test) für gewisse Aktivitäten wird eine Reduzierung der Teilnehmer an Demonstrationen bringen. Das könnte auch eine Schlechtwettersituation bewirken.  Aber viele der Demonstranten sind vor allem gegen die Impfpflicht. Aber Umfragen ergeben, dass 60% der Bevölkerung für die Impfpflicht – und diesbezügliche Strafen – sind, das ist allerdings auch ca. der Prozentsatz der Geimpften.

Aber diese Spaltung der Bevölkerung darf nicht weiterbestehen. Der neuen Regierung muss es gelingen, einerseits Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Einsichtigkeit der Impfgegner zu erhöhen, andererseits um die Gehässigkeit der restlichen Bevölkerung auf die Impfgegner zu mildern.

Ganz genau weiß ich auch nicht, wie das gehen kann, denn die Katze beißt sich in den Schwanz, lassen sich Impfgegner nicht impfen, schwärt die Pandemie, möglicherweise angeheizt durch diverse Mutanten, weiter, und die Regierung muss „Einschränkungen“ verordnen, gegen die die Impfgegner weiter demonstrieren werden.

 So kommen wir nicht weiter. Wer ist der große Alexander der diesen gordischen (Impf-)Knoten durchschlägt?

(Der Ausdruck Gordischer Knoten bezeichnet ursprünglich kunstvoll verknotete Seile, die einer griechischen Sage nach am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios befestigt waren. Sie verbanden die Deichsel des Wagens untrennbar mit dem Zugjoch. Bekannt wurde der aus dem Bast der Kornelkirsche bestehende Knoten, weil Alexander der Große ihn mit seinem Schwert durchschlagen haben soll.)

Diese Katze beißt sich in den Schwanz

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