Brot und Gebäck werden teurer

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es deswegen jetzt bei uns zu einer Revolution kommen könnte

Irgendwie ist das doch ziemlich beunruhigend. Brot und Gebäck sollen um 10% teurer werden; Erste Preisanpassungen gab es bereits im Herbst 2021. Das wird aber nicht reichen, so ein Branchensprecher.

Der Brotpreis, schon immer hat das Brot und sein Preis eine große Rolle in der „westlichen“ Geschichte gespielt.

Schon das römische Reich konnte in dieser Dimension nur entstehen, weil die Römer schon vor 2.000 Jahren Großbäckereien betrieben haben. So zeigt das Grabmal des Bäckers Marcus Vergilius Eurysaces aus dem Jahr 30 v. Christus, dass damals schon 36.000 Brote gebacken werden konnten. Pro Tag! Erst durch die Fähigkeit, ihre Legionen mit Brot zu versorgen, konnten die Römer militärisch so erfolgreich werden. Brot und Spiele – das Motto der römischen Plebs.

 Ein altes russisches Sprichwort besagt: „Brot ist der größte Verbündete, den ein Heer hat, denn der Soldat marschiert nie weiter als sein Magen.“

Neben den militärischen Aktivitäten haben Revolutionen die Politik sehr geprägt. So entstanden die viele Revolutionen in der Weltgeschichte aus Brotmangel. Zur Zeit der französischen Revolution ging es den Menschen in Frankreich gar nicht so sehr um „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ (Liberté, Égalité, Fraternité). Diese Losung wurde von Napoleon erst 50 Jahre später aufgegriffen und der französischen Revolution zugeschrieben. Tatsächlich interessierten sich die Menschen auf den Straßen damals weniger für die Ideen der Aufklärer. Die Sorgen waren viel existenzieller: sie hatten Hunger!

Die Geschichte der Französischen Revolution begann schon 14 Jahre vor dem Sturm auf die Bastille. Im April und Mai 1775 herrschte in Frankreich der sogenannte „Mehlkrieg“ gegen als zu hoch empfundene Mehl- und Brotpreise. Der größte Teil der französischen Landbevölkerung lebte damals in bitterer Armut und musste um „das tägliche Brot“ kämpfen. Missernten im Vorjahr führten zu einem Preisanstieg bei Getreide und Brot. Als die Getreidevorräte im Frühjahr 1775 zur Neige gingen, explodierte der Brotpreis. Es kam in vielen Städten zu Aufständen und Plünderungen, die mit Hilfe von 25.000 Soldaten niedergeknüppelt wurden. König Ludwig XVI führte in der Folge einer staatlichen Regulierung des Getreidehandels ein.

Die Geschichte wiederholte sich Jahre später. Die Bevölkerung in Frankreich war stark gewachsen und die Lebensmittelproduktion hielt dem nicht stand. Eine Missernte im Jahr 1788 und durch Überschwemmungen im Frühjahr 1789 auslöste Viehseuchen verdreifachte sich der Brotpreis innerhalb weniger Wochen. Zur Jahresmitte 1789 war Brot teurer als zu jedem anderen Zeitpunkt des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Der Brotpreis machte mehr als die Hälfte der Ausgaben aus. Viele Menschen konnten sich Brot kaum noch leisten und hungerten.

Zeitgleich waren Getreidespeicher der weltlichen und geistlichen Grundherren gut gefüllt, weil der König Grundnahrungsmittel wie Brot hoch besteuerte. Der Hunger und die soziale Ungerechtigkeit brachten die Massen im Jahr 1789 auf die politische Bühne und führten letztlich zum Sturm auf die Bastille, welche die Geschichte verändert hat.

Auch in Österreich gab es eine Hungersnot – z.B. im Jahr 1918. Es kam zur plötzlichen Zerschlagung einer eng verflochtenen Struktur und ihrer Kommunikationswege, die Industrie des klein gewordenen Österreich verlor ihre heimischen Rohstoffbasen (etwa die böhmische Kohle) und es entstand eine akute Hungersnot, vor allem in Wien, bedingt durch den Verlust der agrarischen Überschussgebiete. Schon 1916 war die Hungerkatastrophe über die Habsburgermonarchie unaufhaltsam hereingebrochen. In ihrer Not wurden Frauen zu den schärfsten Kritikerinnen des Staates und forderten ein Ende des Krieges. Nächtelanges Anstellen um immer geringere Mengen an Grundnahrungsmitteln, wiederholte Kürzungen der zugeteilten Rationen, Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitsbeamten, HändlerInnen und KundInnen, halb verhungerte Kinder und von Unterernährung gezeichnete Frauen prägten den Alltag. Als im Jänner 1918 die Mehlzuweisungen ein weiteres Mal eingeschränkt wurden, brachen in fast allen Gebieten der Monarchie Streiks aus. Angeheizt durch Gerüchte über zurückgehaltene Lebensmittel und die unverschämten Schwarzmarktpreise marschierten Tausende Wiener und Wienerinnen in die umliegenden Ortschaften. Dort plünderten Frauen, Kinder und Soldaten die Felder, zwangen die Landwirte zur Ausgabe von Lebensmitteln und drohten mit Gewalt. Die Auseinandersetzungen gingen bis Juli 1918 weiter. Die Belastbarkeit der Zivilbevölkerung war an ihre Grenzen gestossen.

1918 vs. 2018: Der Brotpreis ist heute 10x so hoch wie amtlich festgelegter Preis 1918, aber niedriger als damaliger Schleichhandelspreis; auf Nahrungsmittel entfielen 1914 58% und 2014 nur noch 27% der Haushaltsausgaben (von Arbeiterhaushalten).

Auch das gab es einmal: Die amtliche Preisregelung für Brot und Semmeln ist in Österreich erst im Jahr 1988 ausgelaufen! Bei Aufhebung der gesetzlichen Preisbindung für Semmeln hat die Innung der Bäcker den Semmelpreis durch eine Preisempfehlung mit 65 Groschen fixiert (Stand 29. Juni 1962). In Relation zum Verbraucherpreisindex wurden im Zeitraum 1958–2010 in Österreich der Nahrungsmittelkorb um 15 % billiger.

Regt uns heute die Erhöhung des Brotpreises überhaupt noch auf? Wissen wir überhaupt was 1 kg Brot kostet, weil wir uns zu sehr vom „normalen“ Brot entfernt haben und nach höchst differenzierten Brotsorten aus exquisiten Bäckereien verlangen, die ohnedies schon ziemlich teuer sind.

Vielleicht wäre der Brotpreis weniger hoch, würde nicht so viel Überschuss erzeugt werden, der dann mühsam „entsorgt wird“.

Brot und Gebäck werden teurer

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