„Mein“ Ober-St.-Veit

Es gibt Teile von Wien, mit denen ich mich mehr verbunden fühle, als mit anderen.  Dazu gehören selbstverständlich jene Orte, in denen ich gewohnt habe, in denen ich gearbeitet habe, wo heute Teile meiner Familie wohnen und wo enge Freunde, die ich öfters besuche beheimatet sind.  

Heute möchte ich Ihnen „mein“ Ober-St.-Veit vorstellen. Dort haben wir gewohnt, in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ca. 7 Jahre.  Es war unsere erste Wohnung. Es gibt in Wien – wie überall anders wohl auch – feine und halt weniger feine Wohngegenden. Die weniger feinen nannte man früher Arbeiterbezirke, jetzt nennt man sie Flächenbezirke. Aber die Stadtverwaltung war redlich bemüht, dieses Verhalten aufzubrechen. Große, früher wenig hübsche Gemeindebauten-Komplexe wurden mitten in die „feinen“ Wohngegenden gebaut. Gemeindebau ist in Wien die volkstümliche Bezeichnung für eine von der Stadtverwaltung errichtete Wohnhausanlage. Es kann sich um einzelne Häuser ebenso handeln wie um große Anlagen mit mehreren Stiegen. Und heute werden in den Flächenbezirken elegante Hochhäuser mit ziemlich teuren Wohnungen errichtet.

Unsere erste Wohnung – nachdem wir geheiratet hatten – war in einem Gemeindebau in Ober-St. Veit – gleich beim Ober-St.-Veiter Friedhof.  Damals war es auch Teil der Politik der Stadtverwaltung, jungen aufstrebenden Journalisten derartige „Gemeindewohnungen“ zukommen zu lassen. In dem Haus, in dem wir dann letztlich wohnten, lebten auch zwei weitere Journalisten mit ihren Familien. Und viele unserer Freunde, die am Anfang ihrer fulminanten Karriere standen, lebten damals in Gemeindewohnungen, allerdings nicht allzu lange.

Für mich war es ein Novum, in einer „niedrigen“ Wohnung zu leben, meine Eltern und ich hatten in einer sogenannten Altbauwohnung im Alsergrund gewohnt, mit hohen Räumen. Auch die Verkehrsanbindung dieser unserer ersten Wohnung war damals gar nicht gut, zur nächsten Straßenbahn – den 60er in der Lainzerstraße oder 159er (gibt es heute nicht mehr) in der Hietzinger Haupstraße waren es mindestens 25 Minuten zu Fuß.  Die Autobusverbindung noch privat in sehr langen Abständen. Das war auch dann der Grund, dass ich mir ein eigenes kleines Auto gekauft habe, „secondhand“ wäre übertrieben, ich weiß nicht der wievielte Besitzer dieses Fahrzeugs ich war.

Ober-St.-Veit ist ein Bezirksteil des 13. Wiener Gemeindebezirks, Hietzing, und eine der 89 Wiener Katastralgemeinden. Der 1015 erstmals offiziell erwähnte historische Ort bildete 1850–1870 mit dem nach 1800 in seinem Vorland entstandenen Unter-St.-Veit die Gemeinde St. Veit an der Wien und war dann bis 1890 / 1892 eigenständige Gemeinde im Kronland Österreich unter der Enns.

Menschen lebten schon lange hier: 1969 wurde eine paläolithische Siedlung im heutigen Ober-St.-Veit gefunden, die die älteste Spur menschlichen Lebens in Wien ist (etwa 20.000 bis 25.000 Jahre alt). Als erste urkundliche Erwähnung liegt eine Schenkung Kaiser Heinrich II. an die Bamberger Dombrüder aus dem Jahre 1015 vor. St. Veit litt im 15. Jahrhundert unter den Truppen des Matthias Corvinus und wurde während der Türkenbelagerungen 1529 und 1683 verwüstet. 1713 suchte die Pest den Ort heim (Bevölkerungsverlust 23%), 1832 die Cholera. Während des Durchmarschs der Truppen Napoleons, die am 10. Mai 1809 in St. Veit einrückten, hatte der Ort sehr unter Raub und Brandschatzung der Soldaten zu leiden. Am 4. Juni 1809 schlug ein Armeekorps des Königreichs Sachsen im Bereich Hietzinger Hauptstraße-Testarellogasse sein Lager auf.

Im Jahr 1762 wurde Schloss und Herrschaft St. Veit an Kaiserin Maria Theresia verkauft; sie ließ die Straßenverbindung von Schönbrunn hierher anlegen, die seit 1894 Hietzinger Hauptstraße heißt. 1779 kaufte der Erzbischof beides zurück. Er und seine drei Nachfolger bis 1848 blieben dann Grundherren bis zur generellen Aufhebung der Grundherrschaften.

Das Schloss in Ober-St.-Veit fand später als Sommerresidenz der Erzbischöfe Verwendung. Im Umfeld des Schlosses kam es zur Ansiedlung landwirtschaftlicher und handwerklicher Betriebe. Anfangs stand der Weinbau im Vordergrund. Dieser wurde durch regelmäßige Trockenperioden und den Befall durch die Reblaus immer schwieriger, sodass sich im 19. Jahrhundert die Milchwirtschaft durchsetzte (mehr als 150 Kühe, 2 große Meiereien). Seit damals war Ober-St.-Veit bis zum Bau ganzjährig bewohnter Villen eine von Adel und reichen Bürgern bevorzugte Sommerfrische nahe Wien.

Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen den sozial und wirtschaftlich ganz gegensätzlichen Ortsteilen Ober- und Unter-St.-Veit verfügte ein allerhöchster Entschluss vom 2. Oktober 1867 die Trennung in zwei selbständige Ortsgemeinden, die nach langwierigem Streit um den Grenzverlauf am 28. März 1870 wirksam wurde. Zum 1. Jänner 1892 wurden beide Gemeinden nach Wien eingemeindet und Teile des 13. Bezirks, der nach dem Hauptort Hietzing benannt wurde.

Um das Jahr der Eingemeindung wurde begonnen, die durch Weinbau und Landwirtschaft nicht mehr genutzten Flächen zu verbauen, vor allem mit Villen wie zuvor bereits im Ort Hietzing. Damit wurde Ober-St.-Veit zu einem der Wiener Nobelviertel. 1904 stellte Bürgermeister Karl Lueger den Antrag für einen Wald- und Wiesengürtel an der Peripherie der Stadt. Seit 1905 liegt Ober-St.-Veit in einem geschützten Grünbereich, zu dem auch der Himmelhof gehört. Dieser war 1897–1899 Sitz der Künstlerkommune „Humanitas“ des Malers und Kulturreformers Karl Wilhelm Diefenbach.

Heute lebt die Familie meiner Tochter an verschiedenen Orten – aber alle in Ober-St.-Veit, daher bleibt also meine Bindung an diesen Ort weiterhin sehr eng.

„Mein“ Ober-St.-Veit

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