Zur ukrainischen Südfront – und eventuellen russischen Intentionen

Wenn ich mir so die derzeitige Karte der Ukraine – mit den „Fortschritten“ der russischen Aggressoren anschaue, fällt mir so manches auf. Wir hören zwar sehr viel von der Einkesselung (auch so ein Begriff, der mir aus der Diktion des Zweiten Weltkriegs bekannt ist) von Kiew, aber viel weniger von der Südfront. Naja, da ist nun die Rede davon, dass Cherson gefallen ist und Mariupol eingeschlossen ist.

Cherson liegt am Beginn des Mündungsdeltas des Dnepr. Bis zum Schwarzen Meer sind es noch rund 30 km, knapp 100 km südöstlich beginnt die Krim. Bis 1774 gehörte die Region zum Khanat der Krim. Die Stadt Cherson wurde 1778 auf Weisung der russischen Zarin Katharina II. und auf Vorschlag des Fürsten Grigori A. Potjomkin neben der 1737–1739 erbauten russischen Befestigungsanlage Alexanderschanze gegründet. Cherson war ein wichtiger Stützpunkt der Schwarzmeerflotte. Diesen Status verlor die Stadt erst nach der ukrainischen Unabhängigkeit.

Mariupol ist eine Stadt in der Oblast Donezk in der Ukraine mit rund 440.000 Einwohnern Die Stadt war historisch eines der wichtigsten Zentren der Griechen in der Ukraine, die bis heute eine wichtige Minderheit in der Stadt sind. Mariupol befindet sich am Ufer des Asowschen Meeres an der Mündung des Kalmius und ist eine bedeutende Hafen- sowie Universitätsstadt und Wirtschaftszentrum. Rund 9 km westlich der Stadt befindet sich ein ziviler Flughafen.

Wenn Mariupol fallen würde, wäre der Weg vom Festland aus Russland (über die Russland völlig untertane Volksrepublik Donezk) zur Krim offen (und es würde nicht mehr nur die Brücke zwischen Krim und Russland zur Verfügung stehen).

Von Cherson aus könnten die Russen Odessa angreifen. Odessa ist eine Millionenstadt am Schwarzen Meer. Die Stadt mit knapp über einer Million Einwohnern ist die bedeutendste Hafenstadt des Landes. (Es ist eine jener Städte, die ich in meinem Leben noch gerne gesehen hätte – naja, da wird wohl nichts draus werden).

Khan der Krim Hacı gründete die Siedlung Hacıbey, die 1415 erstmals erwähnt wurde. Khan Hacı trat das Gebiet an das Großfürstentum Litauen ab und 1562 ging es an das Osmanische Reich. Um 1764 wurde nahe Hacıbey die Festung „Yeni Dünya“, errichtet. 1789 wurde diese von russischen Truppen unter dem Befehl des neapolitanischen Generalmajors Josep de Ribas im Russisch-Türkischen Krieg von 1787 bis 1792 eingenommen. 1792 ging das Gebiet östlich des Dnister an das Russische Kaiserreich. 1794 wurde auf Anweisung von Katharina der Großen die Stadt Odessa nahe der Festung Yeni Dünya gegründet. Es sollte ein leistungsfähiger Militärhafen für den Schwarzmeer- und Mittelmeerraum geschaffen werden. Zwischen 1803 und 1818 bestand das Neurussische Fürsorgekontor als Kanzlei für die Neurussland-Siedler im Gebiet von Odessa. (Neurussland ist ein Begriff der jetzt – in diesem Krieg wieder aufgetaucht ist!)

Viele Juden hatten Polen nach den Teilungen von 1793 und 1795 in Richtung Odessa verlassen, so dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bevölkerung zu etwa 30 % aus Juden bestand. 1821 kam es in Odessa zu einer Reihe von Judenpogromen.

Ihren Aufschwung als moderne Hafenstadt nahm Odessa nach 1823 unter dem Generalgouverneur von Neurussland und Bessarabien, Graf Michail Semjonowitsch Woronzow. Er machte die Stadt zu seinem Verwaltungssitz, engagierte westeuropäische Ingenieure und Ärzte und organisierte viele städtebauliche Projekte. 1856 wurde die Stadt Hauptsitz der Russischen Gesellschaft für Dampfschifffahrt und Handel.

Auf dem russischen Linienschiff Fürst Potjomkin von Tauris der Schwarzmeerflotte kam es im Juni 1905 zur Meuterei. Das von den Meuterern übernommene Schiff lief in den Hafen von Odessa ein, aber die Matrosen unterstützten nicht einen zu dieser Zeit stattfindenden Generalstreik in der Stadt, der Teil der Russischen Revolution von 1905 war.

Die Ukrainische Volksrepublik wurde im Verlauf des Russischen Bürgerkriegs gegründet, doch war sie dem Angriff der Roten Armee nicht gewachsen. So wurde Odessa von Januar bis März 1918 von den Sowjets regiert. Durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde die Volksrepublik, einschließlich der Stadt Odessa, offiziell unabhängig, doch tatsächlich war sie abhängig vom Deutschen Kaiserreich und seinen Verbündeten. Von März bis Dezember 1918 hielten sich Truppen der Mittelmächte in der Ukrainischen Volksrepublik auf. Der südliche Teil des Landes und damit auch Odessa wurde von den Österreichern bis zum Ende von Österreich-Ungarn kontrolliert. Nach deren Rückzug eroberte die Entente Odessa.

Ab 1920 war Odessa Teil der Ukrainischen SSR und ab 1922 der Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg von 1941 bis 1944 wurde Odessa von rumänischen und deutschen Truppen besetzt. Die Stadt war ab Dezember 1941 Sitz des rumänischen Hauptquartiers von Transnistrien. Es kam zu grauenhaften Massakern, besonders an Juden. Am 10. April 1944 musste die Deutschen Odessa räumen und hinter den Dnister zurückgehen.

Wenn nun auch Odessa fallen würde, wäre auch der Weg der Russen nach Transnistrien offen! Wenn diese russischen Pläne aufgehen sollten, wäre die Ukraine sowohl vom Asowschen wie auch vom Schwarzen Meer abgeschnitten.

Zur ukrainischen Südfront – und eventuellen russischen Intentionen

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