Jetzt spricht man wieder über Bessarabien – warum wohl?

In diesem abscheulichen Krieg in der Ukraine tauchen auch immer wieder Begriffe auf, die ich aus meiner Kindheit (Zweiter Weltkrieg, Nachrichten) kenne. Einer dieser Begriffe ist Bessarabien. Damals hatte ich romantische Vorstellungen – da auch das Wort Arabien in dem Begriff vorkam, und schon waren Assoziationen an „Tausend und eine Nacht“ da. Damit bin ich damals schon ziemlich falsch gelegen. Mit der heutigen Verwendung durch Putin & Co. sollen wohl Assoziationen an die ehemals russische/sowjetische Herrschaft über diese (und umliegende Gebiete) hervorgerufen werden. Jetzt nennen wir dieses Gebiete Moldawien (eigentlich Republik Moldau) und Teile davon Transnistrien.

Mit „Bessarabien“ soll wohl der russische Anspruch erklärt werden, denn Worte, Bezeichnungen rufen nicht nur bei mir Assoziationen hervor.

Bessarabien ist eine historische Landschaft in Südosteuropa, begrenzt vom Schwarzen Meer im Süden sowie den Flüssen Pruth im Westen und Dnister im Osten. Das frühere Bessarabien deckt sich heute weitgehend mit dem westlich des Dnister liegenden Teil der Republik Moldau, nur der Süden (Budschak) sowie der äußerste Norden (um Chotyn) gehören zur Ukraine. Jahrhundertelang war das Land Pufferregion zwischen den Großmächten. 1812 trat das Fürstentum Moldau die Herrschaft an Russland ab. Danach war der mehrheitlich von Rumänen bewohnte Landstrich bis 1917 als Gouvernement Bessarabien Teil des Russischen Kaiserreichs. 1918 war Bessarabien kurzzeitig unabhängig. In der Zwischenkriegszeit war es östliche Provinz Rumäniens, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es der Sowjetunion angeschlossen.

Das älteste historisch bezeugte Volk auf bessarabischem Gebiet waren die Skythen, die als nomadisierende Reiterkrieger im 6. Jahrhundert v. Chr. aus östlichen Steppengebieten einwanderten. Noch in vorchristlicher Zeit gründeten Griechen Kolonien an der Schwarzmeerküste. Ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. war Bessarabien Teil des Reiches Dacia. Im 1. Jahrhundert eroberte das Römische Reich Teile des Landes. In der Völkerwanderungszeit zwischen dem 3. und dem 11. Jahrhundert war Bessarabien Durchzugsgebiet von Wandervölkern, darunter Goten, Hunnen, Awaren, Madjaren. Im 7. Jahrhundert ließen sich die Bulgaren im Süden Bessarabiens, im Deltaraum der Donau nieder und gründeten das Bulgarische Reich. Im 13. Jahrhundert ließen sich Tataren der Goldenen Horde am nördlichen Schwarzmeer nieder, doch in Bessarabien verschwanden ihre Spuren kurz danach. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gehörte der südliche Landstrich der Walachei. Seit dem 14. Jahrhundert gehört das Gebiet zwischen dem Pruth und Dnister dem Fürstentum Moldau. Zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert war die Moldau Einflussbereich des Osmanischen Reichs. Der Süden Bessarabiens (der Budschak) stand seit dem Ende des 15. Jahrhunderts unter direkter osmanischer Herrschaft.

Im Mittelalter waren verschiedene walachische und moldauische Fürsten hier einflussreich. Sie beherrschten im 13. und 14. Jahrhundert rund 150 Jahre lang das Gebiet. Kontakte unterhielten sie mit der Kiewer Rus, mit Ungarn und Polen.

Etwa ab 1511 war ganz Südbessarabien von Sultan Bayezid II. erobert und wurde mit tatarischen Hirten bevölkert. Das Fürstentum Moldau, zu dem das spätere Bessarabien gehörte, war seit Beginn des 16. Jahrhunderts bis 1859 ein Vasallenstaat des Osmanischen Reichs.

1806 begann der 6. russische Türkenkrieg. Im Frieden von Bukarest bekam Russland die östliche Hälfte des Fürstentums Moldau zugesprochen, die westliche blieb weiterhin im Einflussbereich des Osmanischen Reichs.

Als Russland 1812 das Land zwischen den Flüssen Pruth und Dnister übernahm, dehnte es den ursprünglich nur für den Südteil geltenden Begriff Bessarabien auf das gesamte Gebiet aus. Der Russifizierungsdruck wurde durch Einführung von Russisch als alleinige Amtssprache verstärkt, nachdem 1828 der Autonomiestatus der Region aufgehoben worden war. Das Land war hauptsächlich in der Hand von Großgrundbesitzern, den Bojaren. Ab 1814 wanderten insgesamt etwa 9000 deutsche Auswanderer ein, die später die Volksgruppe der Bessarabiendeutschen bildeten. Da in Bessarabien nicht die sonst üblichen Verbote für Juden in der Landwirtschaft galten, lebten im Jahr 1858 mehr als 10.000 Juden vom Ackerbau. Das stellte eine geduldete Ausnahme in Russland dar.

Die russische Niederlage im Krimkrieg 1853–1856 führte zum Pariser Frieden von 1856. Damit ging ein Teil des 1812 von Russland gewonnenen südlichen Bessarabiens im Bereich der Donaumündung wieder zurück ans Fürstentum Moldau. Russland verlor den strategisch wichtigen Zugang zur Donaumündung verlor. Allerdings musste Rumänien diesen Teil Bessarabiens im Vertrag von Berlin 1878 wieder an Russland abtreten.

1917 wurde die Moldauische Demokratische Republik ausgerufen, die Teil des russischen Staates bleiben aber dafür über weitgehende Autonomie verfügen sollte. 1918 wurde aus Bessarabien und Teilen des Gouvernements Cherson (heute, 2022 schon von den Russen erobert!) die kurzlebige Sowjetrepublik Odessa. Rumänische Truppen marschierten daraufhin in ganz Bessarabien ein und brachten es nach kurzen, intensiven Gefechten unter ihre Kontrolle, die rumänischen Truppen zogen nicht mehr ab. 1918 erklärte Bessarabien unter Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung den Anschluss an Rumänien für ewige Zeiten. Aus Sicht der Sowjetunion, handelte es sich dabei jedoch um eine Abspaltung von Russland. 1940 besetzte die sowjetische Rote Armee das Territorium Bessarabiens. Bessarabien wurde geteilt: der größte Teil des Nordens, die Mitte des Landes und die östlich des Dnisters gelegene Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik wurde zur Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik. Der Süden und das Gebiet im Norden ging an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, mit ukrainischer Bevölkerungsmehrheit.

1941 begann der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, an dem sich im Südbereich der Front etwa eine Million rumänische Soldaten beteiligten. Die Sowjets hinterließen in Bessarabien verbrannte Erde und transportierten die beweglichen Güter nach Russland. Ende Juli 1941 stand das Land wieder unter rumänischer Verwaltung. 1944 begann die Rote Armee eine groß angelegte Sommeroffensive, auch um das Gebiet des historischen Bessarabiens einzunehmen. Die Moldauische SSR wurde als politische Entität wiederhergestellt und blieb bis zum Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 eine sowjetische Teilrepublik. Sie zerfiel hierauf in zwei Teile. Der Großteil des ehemaligen Bessarabiens bildete die Republik Moldau. Die Stadt Bender (und ihre Nachbardörfer) wurden Teil der international nicht anerkannten Transnistrischen Moldauischen Republik („Transnistrien“) – der Großteil des Territoriums Transnistriens liegt jedoch östlich des Flusses Dnister und war nie Teil des historischen Bessarabiens, wenngleich es dort bis heute signifikante rumänischsprachige Minderheiten gibt.

Ich könnte mir vorstellen, dass Russlands Begehrlichkeit nun auch auf Transnistrien bzw. Republik Moldau (mit Richtung Donaudelta) gerichtet ist!

Jetzt spricht man wieder über Bessarabien – warum wohl?

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