Was Sie schon immer über Transnistrien wissen wollten

Sollte es demnächst ein Kriegsziel der Russen werden

Russland hat seine Kriegsziele bekannt gegeben. Diese umfassen den Osten der Ukraine und die gesamte Südküste – also nicht nur die Küste des Asowschen Meeres, sondern auch jene des Schwarzen Meeres – westlich von der Krim – also einschließlich Odessa.

Ich habe diese Gefahr schon am 3. März beschrieben: https://christachorherr.wordpress.com/2022/03/03/zur-ukrainischen-sudfront-und-eventuellen-russischen-intentionen/

Und gehe davon aus, dass es auch um die Anbindung von Transnistrien geht. Und von Transnistrien aus könnte kurz entschlossen auch Moldawien erobert werden – auch ein europäischer Staat der nicht der NATO angehört. Wäre immerhin ein „herzeigenswerter Sieg“ Russlands?

Transnistrien ist ein international nicht anerkanntes, ausschließlich von Russland gestütztes De-facto-Regime in Südosteuropa. Das hauptsächlich östlich des Flusses Dnister gelegene Gebiet ist integraler Bestandteil der Republik Moldau und wird von rund einer halben Million Menschen bewohnt. Die Republik entstand zwischen 1990 und 1992 beim Zerfall der Sowjetunion im mittlerweile „eingefrorenen“ Transnistrien-Konflikt durch Sezession von der Republik Moldau. Sie ist seit 1990 faktisch von der Zentralregierung in Chișinău unabhängig und verfügt unter anderem über eine eigene Regierung, Währung, Verwaltung und eigenes Militär. Bislang erkennen allerdings kein anerkannter Staat und keine internationale Organisation das Gebiet als souveränen Staat an. Völkerrechtlich wird die Region daher bis heute als Teil der Republik Moldau betrachtet. Transnistrien ist deshalb Gründungsmitglied der Gemeinschaft nicht-anerkannter Staaten, zu denen die ebenfalls umstrittenen Regionen Arzach (De-facto-Staat in Bergkarabach, umstritten zwischen Armenien und Aserbaidschan), Abchasien und Südossetien (beide ehemals Georgien) gehören, welche sich wechselseitig in ihren jeweiligen Souveränitätsbestrebungen unterstützen.

Transnistrien steht unter entscheidendem russischen Einfluss, die russische Armee verfügt in der Region über einen Militärstützpunkt und ein großes Munitionslager. So sind beispielsweise 1.200 bis 1.500 Soldaten der russischen Streitkräfte seit 2014 dort stationiert, neben 10.000 bis 15.000 moskautreuen Paramilitärs.

Neuerdings wurde in dieser von pro-russischen Separatisten kontrollierten Region in Moldau nach offiziellen Angaben ein Angriff auf Räumlichkeiten des Ministeriums für Staatssicherheit verübt. Angeblich wurde bei dem Anschlag am 25. April 2022 am Abend niemand verletzt oder getötet. Für den Anschlag wurde nach ersten Angaben ein tragbarer Granatwerfer verwendet. Das russische Außenministerium erklärte am 25.4., dass es die Risiken einer Eskalation in Transnistrien nicht sehe.

Bei der Volkszählung im November 2004 wurden rund 555.000 Einwohner in Transnistrien gezählt, die sich aus etwa 31,9 % Moldauern, 30,3 % Russen und 28,9 % Ukrainern zusammensetzen. Seit der De-facto-Unabhängigkeit des Landes bildet sich immer mehr eine eigene „transnistrische Identität“ heraus, die unabhängig von der ethnischen Herkunft definiert ist. Gemäß der transnistrischen Verfassung gibt es drei Amtssprachen, die zumindest de jure gleichberechtigt sind: Russisch, Ukrainisch und Moldauisch. Die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zum orthodoxen Christentum, etwa 90 % der Bevölkerung bezeichnen sich als christlich-orthodox.

Das Gebiet des heutigen Transnistriens wechselte in seiner Geschichte häufig den Besitzer, auch die Bevölkerungsstruktur veränderte sich immer wieder auf Grund der politischen Gegebenheiten. Im Altertum lag Transnistrien im Einflussbereich der Skythen und Daker. Im frühen Mittelalter ließen sich in der Region slawische Stämme nieder. Die Region gehörte vermutlich eine Zeit lang zur Kiewer Rus und wurde im 13. Jahrhundert kurzzeitig von den Mongolen beherrscht. Teile des heutigen Transnistriens gehörten ab dem 15. Jahrhundert zu Polen-Litauen, dem Khanat der Krim und dem Kosaken-Hetmanat. Später wurde die Region westlich des Dnister Teil des rumänisch geprägten Fürstentums Moldau, das mit dem Osmanischen Reich verbündet war.

1792/93 konnte das Russische Reich seinen Machtbereich bis zum Ostufer des Flusses Dnister ausdehnen und der Großteil des heutigen Transnistriens wurde daraufhin Teil des sogenannten Neurusslands. Die heutige Hauptstadt des Landes, Tiraspol, wurde 1792 als Grenzposten des Russischen Reiches gegründet. Bis 1812 konnte Russland auch die Kontrolle über Bessarabien übernehmen und besaß nun das gesamte Gebiet des heutigen Moldaus.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde das ehemalige Bessarabien an Rumänien angeschlossen. Das Gebiet östlich des Flusses Dnister, also auch fast das gesamte Gebiet des heutigen Transnistriens, wurde hingegen Bestandteil der Ukrainischen Teilrepublik innerhalb der neugegründeten Sowjetunion. 1924 wurde in der Sowjetunion die Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (MASSR) als Teilrepublik der Ukraine (einschließlich Transnistrien) gegründet.

Anfang August 1941 wurde Transnistrien von deutschen und verbündeten rumänischen Truppen erobert. Von 1941 bis 1944 stand das Gebiet unter rumänischer Herrschaft. Während der rumänischen Besatzung wurde ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in der Region deportiert und ermordet. Im März und April 1944 gelang es der Roten Armee, die gesamte Dnister-Region einschließlich des heutigen Transnistriens zurückzuerobern.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Grenzen von 1940 wiederhergestellt. Transnistrien gehörte als Teil der Moldauischen Sowjetrepublik nun wieder zur Sowjetunion.

Seit Mitte der 1980er Jahre kam es zu einem Anstieg nationalistischer Tendenzen in der gesamten Sowjetunion, die immer stärkere Zerfallserscheinungen zeigte. In Moldau entstand eine sich an Rumänien orientierende Nationalbewegung, die sich insbesondere gegen die Zugehörigkeit zur Sowjetunion richtete.

Am 2. September 1990 erklärte Transnistrien als Transnistrische Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik die Unabhängigkeit von Moldau und verfolgte zunächst das Ziel, als eigenständige Sowjetrepublik innerhalb der Sowjetunion anerkannt zu werden. Moldau erklärte noch im August 1991 seine endgültige Unabhängigkeit. Am 1. März 1992 begann die moldauische Offensive gegen Transnistrien. Die kriegerischen Auseinandersetzungen endeten offiziell erst am 25. Juli 1992. Unter Vermittlung Russlands und dessen in Transnistrien stationierter 14. Armee wurden die Konfliktparteien schließlich getrennt und schlossen einen dauerhaften Waffenstillstand ab, dessen Einhaltung durch eine Friedenstruppe überwacht wird. Seit der Beilegung des Konflikts ist Transnistrien eine autonom agierende sezessionistische Region. 2014, hat die Regierung Transnistriens einen Beitrittsantrag zur Russischen Föderation gestellt. Am 21. März 2014 starteten russische Truppen ein Manöver in Transnistrien. Diese Entwicklungen folgten denen auf der Halbinsel Krim.

Alle größeren politischen Parteien in Transnistrien, auch aus der Opposition, unterstützen die Unabhängigkeit Transnistriens oder einen Beitritt zu Russland; es gibt keine nennenswerte politische Bewegung, die eine Wiedervereinigung mit Moldau fordert. Fast die gesamte politische Landschaft Transnistriens ist durch eine russlandfreundliche Haltung geprägt.

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