Wie das so war, als Gas nur zu bestimmten Zeiten in die Haushalte kam

Die Menschen – hauptsächlich Frauen – mussten innovativ sein

Dass im Oktober 1918 das Heizen der Räume mit Gas und Strom zur Gänze verboten worden war, habe ich nicht erlebt, kannte es aber aus den Erzählungen der Eltern. Aber die Gas-Rationierungen nach dem Zweiten Weltkrieg habe ich noch lebhaft in Erinnerung.

Die 1944 und 1945 angerichteten Bombenschäden in Wien waren enorm, das Gaswerk Simmering z.B. wurde schwer getroffen, wenn auch nicht komplett zerstört. Doch eine Gaserzeugung war dennoch nicht möglich, da zu wenig Kohle vorhanden war und auch mit Nachschub nicht zu rechnen war. Das Wiener Gasverteilungsnetz war ebenfalls teils schwer beschädigt bzw. zerstört. Aber schon seit 1943 wurde dem Stadtgas Erdgas beigemischt, das mit Leitungen aus Niederösterreich (Neusiedl an der Zaya, Zistersdorf, Matzen, Zwerndorf und Baumgarten) geliefert wurde. Erst ab Ende 1945 konnte 80% des Stadtgebietes wieder – wenn auch nur stundenweise – mit Gas versorgt werden. Durch Beschädigungen an den Leitungen betrug dadurch der Gasverlust bis zu 30%. Ungefähr ein Jahr nach Kriegsende galt das Leitungsnetz als komplett repariert. 1947 wurde wieder so viel Gas abgegeben, wie 1938, die Sperrzeiten wurden dann erst 1948 aufgehoben und Anfang der 1950er Jahre die letzten Instandsetzungsarbeiten an den Gasbehältern in Simmering und Leopoldau abgeschlossen.

Die Bevölkerung musste mit einer stark eingeschränkten Nutzung von Strom und Gas das Auskommen finden. Die Gasabgabe war auf bestimmte Tageszeiten beschränkt. Sparsamkeit auf allen Ebenen lautete die Devise zu jener Zeit.

Wo die Zeiten der Gasanlieferung bekannt gegeben wurden, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber es standen ja nur wenige Medien, also Zeitungen (Neues Österreich) und das Radio zur Verfügung.  Man musste sich daher auf diese Zeiten gut vorbereiten, dass jede Minute für das eigentliche Kochen genutzt werden konnte. Und natürlich musste man zu dieser Zeit zu Hause sein. Aber man musste sich auch für die Lebensmittel vor den Geschäften oft lange anstellen; Mit einem Beruf (für Hausfrauen) war das nicht kompatibel. Man weichte bestimmte Speisen (z.B. Hülsenfrüchte) vor dem Kochen auch lange ein, um die Kochzeit eventuell zu verkürzen. Bei uns gab es getrocknete Pilze und getrocknete Beeren, die wir im Sommer im Land gesammelt hatten, die dann den Speisen zugefügt wurden. Im Backrohr schmorte selten ein Schweinsbraten, aber dafür trocknete man seine Haare nach dem Waschen im Winter dort.

Wir konnten schon heizen, allerdings nur einen Ofen in einem Zimmer und das nur stundenweise – Briketts, Koks waren erforderlich und nicht in ausreichendem Maße vorhanden, aber auf diesen Ofen, um den wir uns scharten, wurden Speisen halt dann auch noch länger warmgehalten.

Ich kann mich noch an das „Turmkochen“ erinnern, man stellte Töpfe übereinander, damit von der Wärme des unteren Topfes noch einiges davon an den Inhalt des darüberstehenden Topfes kam. Man konnte auch die verfügbaren Lebensmittel nicht wirklich aussuchen, man froh, dass man überhaupt etwas ergattert  hatte und konnte daher auf die Kochzeit nicht besonders Rücksicht nehmen. Ich weiß noch, dass der Maisgries – wohl ziemlich das Einzige, das täglich zur Verfügung stand – mit Wasser kochte. Erdäpfel (teilweise leider gefroren) hatten wir am Land gehamstert, Fett war sehr beschränkt vorhanden, ebenso Butter, Milch oder gar Käse. Fleisch oder Speck waren Raritäten. Maisbrot – heute gilt es als Delikatesse – bröselte.

Es gab noch ein weiteres Problem: in der Nachkriegszeit war weitgehend Stadtgas in Verwendung.  Stadtgas in den öffentlichen Gasnetzen wurde in Europa erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig durch Erdgas ersetzt. Stadtgas oder Leuchtgas bezeichnet ein ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weithin übliches Brenngas, das zumeist in städtischer Regie durch Kohlevergasung hergestellt wurde. Es diente zur Beleuchtung von Straßen und Wohnungen und dort auch zum Betreiben von Gasherden und Gasdurchlauferhitzern.

Aber das Einatmen von Stadtgas führt zu einer Kohlenstoffmonoxid-Vergiftung und daher zu zahlreichen Todesfällen, unter anderem durch Selbstmord-(Versuchen:  „Aufdrehen des Gashahns“ war eine oft geäußerte Drohung in diesen harten Zeiten). Wegen der als „sanft“ empfundenen Giftwirkung des Kohlenmonoxids wurde die Methode bei ca. 20 % der Selbsttötungen angewandt. Bei vielen waren es Unfälle. Man vergaß das Gas abzudrehen, nachdem es abgeschaltet worden war. Zu Beginn der nächsten Verfügbarkeitsphase strömte dann möglicherweise das giftige Stadtgas ungehindert aus ….

Hoffen wir gemeinsam, dass es jetzt nicht mehr zu einer nur stundenweise verfügbaren Gasanlieferung kommen wird!

Wie das so war, als Gas nur zu bestimmten Zeiten in die Haushalte kam

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