Ein wenig übers Älterwerden

Erlauben Sie mir ein wenig – wie man so schön sagt, aus meinem Nähkästchen zu plaudern. Das Nähkästchen ist es nicht gerade, am ehesten kommt stattdessen wohl Laptop hin. Ja, er ist schon in die Jahre gekommen, er ist bei Reisen etwas unhandlich, schwer. Und er „redet gerne mit mir“: z.B.  ich solle ihn mehr beschützen, ich sollte diverse „spaces“ vergrößern etc. Ich ignoriere diese Redereien weitgehend, nur wenn etwas gar nicht mehr klappt, dann rufe ich meinen Computer-Guru zu Hilfe, der Zugriff auf meinen PC hat, und ihn wieder aufräumt und auf Vordermann bringt.  

Meine Kinder reden mir zu, endlich ein neues, leichteres Gerät zu kaufen, dazu einen größeren Bildschirm, aber ich stelle mich nicht gar so gerne um, und ein neues Gerät bedeutet auf alle Fälle Umstellung – die mich wieder behindert und aufhält. Und steuerlich Abschreiben kann ich die Kosten auch nicht mehr, da ich „nicht mehr beruflich tätig“ bin. Denn Bücher-Schreiben gälte als Tätigkeit, weil ich daraus Einnahmen hätte, kostenlosen Blog-Schreiben eben nicht. Die Arbeitszeit ist in etwas gleich.

Aber das nur nebenbei. Ich möchte auch aufs Recherchieren kommen. Das tue ich oft und gerne. Früher habe ich mir einschlägige Bücher – bei der Nationalbibliothek – ausgeborgt, habe sie gelesen und einzelne Passagen herauskopiert. Heute finde ich fast alles in Wikipedia. Eben nur fast alles. Seit es das Internet gibt, seit Wikipedia aufgebaut wurde, findet man vieles unsere Zeit und die nähere Vergangenheit betreffend. Für die weiter zurückliegende Vergangenheit wird es haarig. Ich habe z.B. ziemlich viel Zeit zugebracht, um die Zeiten der Verfügbarkeit von Gas in der Nachkriegszeit zu finden. Wieder habe ich viel gelesen, aber nichts dazu gefunden. Das ist dann frustrierend. Heute habe ich eine gleichaltrige Freundin gefragt, genau kann sie sich auch nicht erinnern, aber sie hat gemeint, die „Anlieferung“ erfolgte am frühen Abend, da wäre ihre Mutter von der Arbeit zurückgekommen und hätte gekocht. Und man hätte sich um den Herd versammelt und noch das Backrohr – zur Heizung – aufgedreht.

Denn die Erinnerung ist bestenfalls bruchstückweise, zentriert auf einzelne Ereignisse, oft auch nur in Bildern vorhanden. Wahrscheinlich nimmt man als Kind die Welt anders wahr, als das Erwachsene tun, da gibt es wohl auch andere Prioritäten. Ich weiß noch genau, dass ein Manner-Karamellzuckerl – eingewickelt – zehn Groschen gekostet hat, die konnte man damals einzeln kaufen und ich erinnere mich auch genau an das Zuckerlgeschäft in der Billrothstraße, neben der Schule, wo ich mir selten aber doch eines gekauft habe. (Während des Krieges hat meine Mutter Karamellzuckerln selbst gemacht- im Backrohr).  Aber ich weiß z.B. nicht mehr, was ein Kilo Brot gekostet hat, oder ein Liter Milch – ich weiß aber noch, dass diese Produkte „preisgeregelt“ waren – wie lange? Ich weiß sehr gut, dass man manche Dinge nur gegen “Marken“ bekam – aber wie lange das für welche Produkte galt, das weiß ich nicht mehr. Allerdings erinnere ich mich, dass mir beim Schüleraustausch in England (1951?) aufgefallen ist, dass dort noch Marken galten, als dies bei uns schon längst abgeschafft war.

Nach dem Krieg galt der Kalorienbedarf unterschiedlicher Menschen – Normalverbraucher, Schwerarbeiter – für die Zuteilung von Nahrungsmitteln. 1945 sahen die vorgesehenen Rationen für die Wiener*innen beispielsweise folgendermaßen aus: Normalverbraucher*innen 833 Kalorien, Angestellte 970 Kalorien, Arbeiter*innen 1315 Kalorien, Schwerarbeiter*innen 1.620.  Das habe ich jetzt z.B. im Internet gefunden (schon allein erkennbar am Gendering), wie auch das: Die durchschnittliche Kalorienversorgung betrug Mitte 1946 – Wien galt zu diesem Zeitpunkt als die „hungrigste Großstadt Europas“ – 980 Kilokalorien. Heute noch denke ich in Kalorien und nicht in Joule. Das hilft mir zwar auch nicht, weil ich dennoch zunehme. 

Und eine weitere Schwierigkeit besteht darin, Gleichaltrige und eventuell sogar ältere Menschen zu treffen, mit denen man über „die alten Zeiten“ konkret reden könnte. Sie werden immer weniger, und gar so gut erinnern wir Alte uns auch nicht an lange zurückliegende Fakten. Und dann passiert noch Folgendes: „Ah, der oder diejenige könnte ich in dem Zusammenhang doch noch anrufen“, und dann fällt einem ein, dass der- oder diejenige schon ein Weilchen verstorben ist. Ich hatte das Glück in meinem Bekanntenkreis kenntnisreiche Menschen zu haben, die sich auf gewisse Themen, die auch mich interessiert haben, spezialisiert haben. Gespräche mit denen gehen mir schon sehr ab. Der Computer bringt mir zwar viele Fakten aber nicht notwendigerweise Erkenntnisse, Zusammenhänge, es sind hoffentlich nur meine eigenen Assoziationen, die mir bleiben. Aber im persönlichen Austausch war es dann halt doch reichhaltiger.

Ich will aber nicht klagen, ich bin froh nach „da“ zu sein, noch denken zu können, mich bewegen zu können, eine Familie und doch noch Freunde zu haben, sowie in einem Land zu leben, in dem es keine kriegerischen Handlungen gibt.

Ein wenig übers Älterwerden

Ein Gedanke zu “Ein wenig übers Älterwerden

  1. Christiane Sandpeck schreibt:

    „Meine Kinder reden mir zu, endlich ein neues, leichteres Gerät zu kaufen, …. ein neues Gerät bedeutet auf alle Fälle Umstellung – die mich wieder behindert und aufhält.“ Ich kenne das Problem nur zu gut, bis meine Kinder mir untern Christbaum einen Apple legten. Ich konnte den „Schock“ nur schwer verbergen. Ein neues Gerät und dann ein für mich neues Betriebssystem! Doch noch am Hl.Abend erklärten sie mir, wie´s funktioniert und dass alles viel logischer ist, als bei Windows. Nur die Maus habe ich auch hier sentimental in Verwendung. Als Standgerät habe ich immer noch einen Windows und transferiere mit einer externen Speicherplatte. Funktioniert prima.
    Nur keine Scheue, ist meine Botschaft!
    Alles Liebe, Christiane

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