Kirche und Staat – in Russland

Patriarch Kyrill I.

Früher wurden Waffen vor der Schlacht von den Priestern gesegnet. Und früher, das ist noch nicht so lange her, das geschah noch auf allen Seiten im Ersten Weltkrieg.  Als Waffensegnung wird eine in der lateinischen Kirche des Westens seit dem 10. Jahrhundert belegte Praxis bezeichnet, Waffen vor der Übergabe an einen Kandidaten für den Ritterstand durch einen Priester oder Bischof segnen zu lassen. Im Mittelalter wurde von der katholischen Kirche eine Waffensegnung im Rahmen der Schwertleite praktiziert. Nach den Texten, die zu diesen Segnungen verlesen wurden, sollten die Waffen die Gerechtigkeit schützen. Es wurde auch eine Segnung der Kriegsflagge vorgenommen. Auch von den orthodoxen Kirchen sind derartige Segnungen aus dieser Zeit bekannt. In den ältesten Formularen wurde Gott darum gebeten, den Ritter zu beschützen und das Schwert zu segnen, „insofern“ damit „Kirchen, Witwen, Waisen und alle, die Gott dienen“ gegen die Heiden verteidigt würden.

Im Jahre 1614 gab die katholische Kirche mit dem Rituale Romanum ein einheitliches liturgisches Buch vor. Dieses Rituale enthält keinen Waffensegen. Es wurde weiterhin – allerdings in einem anderen liturgischen Buch (dem Pontifikale) – überliefert. Segnungen von Waffen und Munition sind für den Dreißigjährigen Krieg und für eine (katholische) Baseler Agende von 1739 belegt, die gestattete, „die Texte der bischöflichen Segnung von Schwert und Fahne für die Segnung von Gewehren und Kanonen zu verwenden, während für die Segnung von Schließpulver, Kugeln usw. eigene Gebetstexte vorgesehen waren.“ Mit den Reformen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehört der Waffensegen in der katholischen Kirche endgültig der Vergangenheit an.

Aber auch heute tobt, zu unser aller Schrecken wieder ein Krieg (pardon: eine militärische Operation). Und wieder – so scheint mir – ist trotz Trennung von „Kirche und Staat“ der autokephale Patriarch ein Kriegstreiber (diesen Schluss lassen die Sanktionen der EU gegen ihn zu). Denn sie besteht noch immer – diese Einheit von Kirche und Nation in der orthodoxen Kirche in Russland.

Kyrill I. (bürgerlich Wladimir Michailowitsch Gundjajew; * 20. November 1946 in Leningrad, heute Sankt Petersburg) ist ein russischer Geistlicher. Seit dem 1. Februar 2009 ist er Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Zuvor war er Erzbischof und Metropolit der Diözesen von Smolensk und Kaliningrad.

Kyrill I. war aktiver Mitarbeiter des KGB, die Vergangenheit im sowjetischen Geheimdienst verbindet ihn mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. 1971 wurde Kyrill zum Archimandriten erhoben und zum offiziellen Vertreter des Moskauer Patriarchats beim Weltkirchenrat bestellt. Er war seither aktiv beteiligt an den ökumenischen Aktivitäten der russisch-orthodoxen Kirche und ihr Hauptgestalter. Dazu gehört auch seine Mitarbeit in der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), in deren „Ausschuss zur Fortsetzung der Arbeit“ (AFA) er bei der IV. Allchristlichen Friedensversammlung 1971 in Prag gewählt wurde. Von Ende 1974 bis Ende 1984 war Kyrill Rektor des Priesterseminars von Leningrad und der Theologischen Akademie. Im März 1976 wurde er zum Bischof von Wyborg in der Diözese Leningrad gewählt und geweiht. Vor dem Krieg der Sowjetunion in Afghanistan (1979–1989) war er einer der wenigen in prominenter Position, die sich 1979 öffentlich gegen die Invasion aussprachen.

1984 ernannte man ihn zum Bischof der Diözese Smolensk und zum Administrator der Diözese Kaliningrad. 1988 wurde er Erzbischof, 1991 Metropolit. Seit November 1989 ist er zusätzlich Vorsitzender der Abteilung für externe Kirchenbeziehungen des Moskauer Patriarchats und damit ständiges Mitglied des Heiligen Synod der russisch-orthodoxen Kirche.

Kyrill war auch als einer der Hauptautoren an der Ausarbeitung der im August 2000 verabschiedeten Soziallehre der russisch-orthodoxen Kirche („Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“) beteiligt. Als Stellvertreter des Patriarchen leitete er ab 2006 die Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung der Grundlagenlehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte, die 2008 beschlossen wurde. 2012 besuchte Kyrill als erstes russisch-orthodoxes Kirchenoberhaupt Polen. Er unterzeichnete gemeinsam mit Erzbischof Józef Michalik, eine „gemeinsame Botschaft an die Völker Russlands und Polens“. Das religiöse Dokument soll die orthodoxe und die katholische Kirche in den beiden Ländern versöhnen. Kyrill war der erste Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich mit einem Papst – Franziskus – traf.

Aber Kyrill ist ein entschiedener Vertreter für ein Festhalten am traditionellen Familienmodell. 2013 kritisierte er den Feminismus scharf und bezeichnete ihn als ein „gefährliches Phänomen“, das Frauen lediglich eine Illusion von Freiheit in Aussicht stelle. 2013 erklärte Kyrill die Legalisierung von Homo-Ehen zu einem Anzeichen für den bevorstehenden Weltuntergang. Der Antichrist stünde dann an der Spitze des Internets, bilanzierte er.

Kyrill gilt als Verbündeter Wladimir Putins. So bezeichnete dieser die Regentschaft Putins im Zuge der Präsidentschaftswahl in Russland 2012 als „Wunder Gottes“ und kritisierte die Opposition. Zudem rief Kyrill offen zur Wahl Putins auf.

Patriarch Kyrill hat nach der Anerkennung der Selbstständigkeit (Autokephalie) der Orthodoxen Kirche der Ukraine durch den Patriarchen von Konstantinopel diesem die Kirchengemeinschaft aufgekündigt und ihn der Kirchenspaltung bezichtigt. Bartholomaios I. hatte am 6. Januar 2019 die Orthodoxe Kirche der Ukraine als (von Moskau) unabhängige Kirche anerkannt.

Während des russischen Überfalls auf die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 äußerte sich Kyrill I. mehrfach unterstützend zum russischen Angriff und zu Putins Politik. Er rechtfertigte den Überfall mit der vermeintlichen Begründung, Präsident Putin wolle die Ukraine vor Gay-Pride-Paraden schützen und bezeichnete die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“. Es wird darauf hingewiesen, dass Patriarch Kyrill seit langem Bezug auf das Gedankengebäude „Russki Mir“, „russische Welt“ nimmt und „Russland als Verteidigerin der christlichen Werte gegen einen angeblich feindlichen Westen“ sehe. Die Kirche habe unter Kyrills Führung erhebliche staatliche Zuwendungen erhalten.

Man muss ja nicht unbedingt Waffen segnen und die Kriegspolitik zu unterstützen.

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