Russki go home!

Es ist dringend erforderlich, dass Russland die Ukraine verlässt, denn jetzt muss ganz schnell der Wiederaufbau beginnen, schließlich muss der nächste Song-Contest – 2023 – in der (hoffentlich befriedeten) Ukraine stattfinden, da die ukrainische Band heuer gewonnen hat!

Vielleicht können sich manche von Ihnen noch erinnern: Ami go home – stand überall zu lesen, in der Nachkriegszeit, während des Vietnamkrieges, aber auch noch während der Kriege im Irak und in Afghanistan. Aber auch in Europa: Ami go home war nach dem Zweiten Weltkrieg ein besonders in der westeuropäischen Einflusssphäre und den Ländern des Ostblocks verbreiteter Slogan oder politisches Schlagwort, das sich gegen die Anwesenheit von US-Streitkräften in einem Land richtet. Und diese amerikanischen Truppen kämpften damals nicht!  

Schon seit 1950 hatten verschiedene europäische Kommunistische Parteien und ihre Anhänger den Slogan gegen die Präsenz von US-Soldaten verwendet: So hatten 1951 „Störtrupps der SED und FDJ“ auf West-Berliner Bahnhöfen neben Transparenten auch Klebestreifen mit dem Slogan „Ami go home!“ angebracht. Diese wurden jedoch vom Westberliner Polizeipräsidenten für „polizeiwidrig“ erklärt. Außerdem trat die Parole Yankee go home vor allem in Ländern auf, in denen eine starke Politische Linke sich gegen die US-Militärpräsenz im Rahmen der NATO wandte wie in Frankreich (bis 1966) oder Italien.

In den 1960er Jahren wurde der Slogan als Reaktion auf den Vietnamkrieg von der Außerparlamentarischen Opposition verwendet und blieb während der Zeit der Friedensbewegung in den 1970er Jahren aktuell. Danach verschwand er zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung, ging aber mit ironischem Unterton teils in den allgemeinen Sprachgebrauch über. Der Irakkrieg verschaffte dem Slogan ab 2003 neue Popularität in politischen Forderungen.

Aber es gibt noch andere Gründe für den Aufruf „Russki go home“! Ich betone, ich kann es nicht verifizieren (wie vieles in diesem schrecklichen Krieg):  Russland hat das Asow-Stahlwerk in der Hafenstadt Mariupol nach dem Sieg der Ukraine beim Eurovision Song Contest (ESC) mit Phosphorbomben beschossen. (Das russische Staatsfernsehen durfte die Show nicht zeigen. Russland ist wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine vom ESC ausgeschlossen). Solche Brandbomben entzünden sich durch Kontakt mit Sauerstoff und richten verheerende Schäden an. Ihr Einsatz ist verboten. Dazu gibt es ein Video mit Luftaufnahmen, auf denen ein Feuerregen zu sehen ist, der auf das Stahlwerk niedergeht. In dem Stahlwerk haben sich nach ukrainischen Angaben rund 1000 Verteidiger von Mariupol verschanzt. Sie lehnen russische Aufforderungen ab, sich zu ergeben. In den russischen Hasskommentaren war mit Blick auf den Beschuss des Stahlwerks auch zu lesen, die Kämpfer hätten nun genug Zeit gehabt, aus der Industriezone herauszukommen.

Ob das nun alles wahr ist, oder nicht – schon das bisherige Vorgehen Russland ist verdammenswert genug, um Slogans wie Russki go home zu rechtfertigen. Vielleicht wäre es auch sinnvoll für Russland, sich aus der Ukraine zurückzuziehen, denn die russische Region Belgorod nahe der ukrainischen Grenze hat erneut einen Angriff aus dem Nachbarland beklagt. Die Grenzregionen, darunter auch Kursk, Brjansk und Woronesch, hatten wiederholt einen Beschuss von ukrainischer Seite gemeldet. Russland hatte gedroht, Kommandostellen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew als Ziele seiner Raketenangriffe ins Visier zu nehmen, sollte der Beschuss nicht aufhören.

Vielleicht nur zum historischen Hintergrund von Belgorod, schon immer ein umkämpftes Gebiet:

Der Bau der Eisenbahnlinie Kursk–Charkow (1869) beflügelte die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt deutlich. Ab Ende 1917 gehörte Belgorod zum Territorium der unabhängigen Ukrainischen Volksrepublik, ab April 1918 zum Ukrainischen Staat, einem (de facto) deutschen Marionettenstaat unter Pawlo Skoropadskyj. Nach dessen Sturz wurde die Stadt am 20. Dezember 1918 von der Roten Armee eingenommen und der Russischen SFSR angeschlossen. Kurzzeitig hatte in Belgorod jedoch die provisorische „Arbeiter- und Bauernregierung der Ukraine“ unter Georgi Pjatakow ihren Sitz.

Vom 25. Oktober 1941 bis zum 5. August 1943 war die Stadt von der deutschen Wehrmacht besetzt. Vor dem Einmarsch der Deutschen waren viele Einwohner nach Osten geflohen, so dass die Stadt nur noch etwa 20.000 Einwohner hatte. Ab 1942 wurden tausende verbliebene Einwohner im arbeitsfähigen Alter nach Deutschland verschleppt. Am 5. Februar 1942 gelang es Partisanen, die Stadt kurzzeitig zurückzuerobern. Im August 1943 war Belgorod während der Belgorod-Charkower Operation der Roten Armee erneut Schauplatz heftiger Kämpfe. Die Stadt wurde zu über 90 % zerstört. Zur Zeit der Befreiung, am 5. August 1943, lebten in Belgorod weniger als 700 Menschen. Heute – also 2010 – waren es 356.402 Einwohner.

1954 wurde Belgorod zur Hauptstadt der aus Teilen der benachbarten Oblaste Kursk und Woronesch neu gebildeten Oblast Belgorod. Der Boden besteht zu 77 Prozent der Fläche der Oblast aus der fruchtbaren Schwarzerde.

Ein brutaler Angriffskrieg auf ein anderes Land ist für Russland kein Problem. Doch nun tobt der Kreml, denn Ukrainer beschießen ein russisches Dorf! Russki go home!

Russki go home!

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