Eine Stadt vieler Schlachten: Charkiw im Nordosten der Ukraine

Am 17. Mai 1942 (heute vor 80 Jahren): In der Zweiten Schlacht bei Charkow im Krieg gegen die Sowjetunion trifft die deutsche Wehrmacht mit verbündeten rumänischen Truppen zusammen und beginnt mit einer Gegenoffensive gegen die Rote Armee. Die Schlacht dauert bis zum 28. Mai und wird eine der letzten erfolgreichen Kesselschlachten der Wehrmacht sein.

Und heute:  Die ukrainische Armee hat offenbar weitere Geländegewinne in der Region um die Millionenstadt Charkiw im Nordosten der Ukraine erzielt. Soldaten der 127. Brigade hätten „die Russen vertrieben und die Staatsgrenze zurückerobert“, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Aber die Versorgungslage für die Bevölkerung der Stadt spitzt sich zu, wird berichtet.

Charkiw (russisch Charkow) ist nach Kiew mit rund 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Mit 42 Universitäten und Hochschulen ist sie das nach Kiew bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum des Landes. Die Stadt ist auch ein Industriezentrum (Elektro-, Nahrungsmittel-, chemische Industrie; Maschinen- und Schienenfahrzeugbau), mit sechs Theatern und sechs Museen ein kulturelles Zentrum und ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt (Flughafen, Eisenbahn, U-Bahn). Charkiw gehört zum mehrheitlich russischsprachigen Teil der Ukraine.

Die Stadt wurde ursprünglich als Festung zur Verteidigung der Südgrenzen des Zarentums Russland im Jahr 1630 (oder 1653) gegründet. Die umliegende Sloboda-Ukraine, ehemals Teil des sogenannten Wilden Feldes, wurde zu dieser Zeit von den aus Polen-Litauen massenhaft fliehenden ukrainischen Bauern und Kosaken sowie von russischen Truppen besiedelt. Ihre Funktion war unter anderem die Abwehr der regelmäßigen räuberischen Einfälle der Krimtataren nach Südrussland. In friedlichen Zeiten betrieben sie Handwerk und Ackerbau.

Mit der Eroberung Neurusslands und der Verschiebung der Grenzen nach Süden verlor Charkiw Ende des 18. Jahrhunderts seine Bedeutung als Festung. Die Stadt wurde jedoch zu einem Zentrum des Handwerks und des Handels. Die um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Charkiw gegründete Rauhwarenmesse war ein Hauptstapelplatz der für die Pelzverarbeitung bestimmten südrussischen und sibirischen Rohfelle, sowie Verkaufsplatz für bereits fertig gearbeitete Pelzwaren. Zweimal im Jahr wurden den aus Russland und Mitteleuropa angereisten Fellhändlern die bis dahin angesammelten Vorräte angeboten.

Im Jahr 1805 wurde die Universität Charkiw eröffnet. Bei der Eröffnung waren unter anderen 28 deutsche Dozenten und Professoren angestellt. im Zusammenhang mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz (1869) und dem Beginn der Gewinnung von Kohle und Eisenerz in der Ukraine wurde Charkiw Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Industriezentrum.

Während des Bürgerkriegs 1917 bis 1920 kam es in der Stadt zu schweren Kämpfen zwischen Oppositionskräften. Im Januar 1918 tagte in Charkiw der erste ukrainische Sowjetkongress, der die Ukraine zur Sowjetrepublik ausrief und Charkiw zu ihrer ersten Hauptstadt erklärte, die sie bis 1934 blieb. 1933 hatte die Stadt 833.000 Einwohner. Im Frühjahr 1933 war Charkiw eines der Gebiete, die besonders stark vom Holodomor, einer maßgeblich durch das stalinistische Regime verursachten Hungersnot, betroffen waren. In der Stadt verhungerten innerhalb weniger Monate über 45.000 Menschen. 1934 wurde die Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik nach Kiew verlegt.

Im Zweiten Weltkrieg war Charkiw wegen seiner Verkehrsknoten und der entwickelten Rüstungsindustrie von großer strategischer Bedeutung. Hier wurde z. B. in der Lokomotivfabrik Komintern der Panzer T-34 entwickelt und produziert. Im Oktober 1941 eroberten Truppen der deutschen 6. Armee im Rahmen der Ersten Schlacht bei Charkow die damals viertgrößte Stadt der Sowjetunion. Nach den Erfahrungen während der Stalinschen Säuberungen begrüßten zahlreiche Einwohner der Stadt die einrückenden Einheiten der Wehrmacht mit Brot und Salz. Aber kurz danach begann der Terror gegen die Zivilbevölkerung. Bis zum Ende der deutschen Besatzung fielen mindestens 30.000 Einwohner der Stadt dem von der NS-Führung zwecks Abschöpfung der Lebensmittel für Wehrmacht und Deutsches Reich geschaffenen Hungerplan zum Opfer. Am 23. August 1943 wurde die Stadt endgültig durch die Rote Armee eingenommen. Insgesamt sind in der Oblast Charkiw 270.000 Menschen der deutschen Besatzung zum Opfer gefallen. Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau Charkiws.

Seit 1991 gehört Charkiw zur unabhängigen Ukraine. Als erste Stadt der Ukraine wurde Charkiw 2010 mit dem Europapreis des Europarates für seine herausragenden Bemühungen um den europäischen Integrationsgedanken ausgezeichnet.

Nach dem Sturz von Präsident Wiktor Janukowytsch am 22. Februar 2014 kam es ab Anfang März 2014 in Charkiw zu Auseinandersetzungen zwischen prorussischen Demonstranten und Unterstützern des Euromaidan.

Beim russischen Überfall auf die Ukraine 2022 wurde Charkiw intensiv beschossen, wovon auch die zu einem großen Teil russisch geprägte Zivilbevölkerung betroffen war. Ein Großteil der Bevölkerung war geflohen, aber rund 500.000 Menschen verblieben in der Stadt. Russische Streumunition wurde gegen die Stadt eingesetzt. Zahlreiche (Wohn-)Gebäude – in Charkiw wurden zerstört, Zivilisten getötet.  Ob z.B. auch die steinerne Kathedrale des Maria-Schutz-Klosters aus dem Jahr 1689 getroffen wurde, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Ich kann Charkiw nur eine friedliche Zukunft wünschen!

Eine Stadt vieler Schlachten: Charkiw im Nordosten der Ukraine

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