R.I.P. M! – Eine Reflexion

Ihr Ableben wurde mir nicht mitgeteilt, ich habe davon zufälligerweise gehört. Daher war ich weder beim Begräbnis noch bei der Seelenmesse. Aber als ich von M.s Ableben gehört habe, habe ich doch über die Gemeinsamkeiten und Differenzen in unseren Leben nachgedacht.

Wir wurden in demselben Jahr geboren. Wir lernten einander wärend unserer Volksschulzeit kennen, obwohl wir nicht in dieselbe Volksschule gingen. Aber wir besuchten beide die „Turnstunde“ in der Schwarzspanierstraße. Für mich war es eine Vorbereitung für die Aufnahmsprüfung in Gymnasium, denn in der Nazizeit musste man auch Turnen können, um ins Gymnasium zu kommen, vor allem Klettern wurde angeblich geprüft und zwar nicht nur mithilfe einer Stange sondern eines Seils.  Wenn diese Prüfung wirklich stattgefunden hätte (ausgefallen, aufgrund des Endes des zweiten Weltkriegs), hätte ich die Aufnahmsprüfung (wie ein Mehlsack an einem Seil hängend) wahrscheinlich nicht bestanden. Jedenfalls bei der Turnstunde saßen die Mütter am Rande des Geschehens im Turnsaal.

Wir trafen einander wieder im Mädchenrealgymnasium Wien XIX, Billrothstraße, acht Jahre lang teilten wir die Beschwernisse der damaligen Schulzeit. Wir hatten keine Bücher, erst in der Oberstufe gab es das erste „Lesebuch“. Die Klassenzimmer waren anfangs ziemlich kalt, denn die Schule bestand aus einer Villa, einem intern adaptierten Zinshaus und einem Gartentrakt – allerdings auch einen riesigen Sportplatz und wunderschönen Garten. Die Mehrzahl unserer Lehrerinnen war eher alt, da die jüngeren zumeist „bei der Partei“ (Nationalsozialisten) gewesen waren, und daher nicht unterrichten durften. M. konnte sehr gut singen, im Gegensatz zu mir, die ich den Ton nicht halten konnte.

M.s Vater arbeitete in hoher Position in einem Ministerium, das für Zuteilung von „Materialien“ zuständig war, auch an Schulen. M. wurde daher von der Mehrzahl der Lehrerinnen mit „Glace-Handschuhen“ behandelt, was mich – als gerechtigkeitsbewusstes Kind natürlich ärgerte. Sie war aber nicht die einzige in der Klasse, die einen prominenten Vater hatte. Die meisten – nicht alle – dieser „Bonzen-Kinder“ schlossen sich dann auch in einer kleinen recht exklusiven „Clique“ zusammen. Natürlich gehörte ich nicht dazu. Im Gegenteil, manche Mitglieder der Clique machten sich lustig über mich. Z.B. ich hatte ein paar pelzgefütterte Fäustlinge, (das Fell stammte von meinem Hasen, den ich zum Geburtstag bekommen hatte und der im Herbst unseren Speisezettel aufbesserte) auf die ich sehr stolz war. Sie wurden in der Schule von anderen (Clique) geschnappt, die einander die Handschuhe zuwarfen, dass ich sie nicht erwischen konnte. Ich war verzweifelt, was würde ich zu Hause sagen, ohne die kostbaren Fäustlinge – damals halt „wertvoll“ – dort anzukommen.

Allerdings gab es eine Lehrerin, die einzelne Schülerinnen – nicht nach der Qualität ihrer Väter – sondern – ich nehme an, nach ihrem eigenen Potential auswählte und in einen Kreis außerhalb der Schule zusammenbrachte (ob das „erzieherisch wertvoll war, kann ich auch jetzt nicht sagen). Wie ich lang nachher erkannte, ging es dabei um „Neuland Prinzipien“ (Bund Neuland: österreichischer Verein, der 1919 als „Christlich-deutscher Studentenbund“ gegründet wurde. Er ging aus der katholischen Jugendbewegung hervor.). Ich war damals froh, auch irgendwo dazu zugehören.  Aber dann bot die Mutter von M. ihre große Wohnung als Treffpunkt samt Bewirtung für diesen Kreis an, und M. stand schon wieder im Mittelpunkt … (Niemand anderer konnte eine Gruppe Mädchen bewirten – damals)

Später, schon in der Oberstufe, bewarb ich mich für ein Stipendium in den USA. Dazu musste man eine Prüfung ablegen, von der ich wusste, dass Fragen zu „Österreich“ gestellt wurden. Ich bereitete mich darauf vor, auch indem ich es mit Englisch in der Schule sehr genau nahm. M. lachte mich ob meines Eifers aus und meinte, wenn ihr Vater bei den Amerikanern anriefe, bekäme sie sofort dieses Stipendium … Ich war wiederum verunsichert. Aber ich bekam letztendlich dieses Stipendium.

Knapp vor der Matura kam es zu Beratungen der Schülerinnen, betreffend deren beruflichen Fähigkeiten. Ich kann mich nicht erinnern, was man mir geraten hat, aber M. prahlte wiederum, dass sie ob ihrer Rhetorik eine hervorragende Anwältin werden könnte.

Naja, das war nicht das Ende, bei den Klassentreffen, noch während des Studiums, während ich mit den Klausuren kämpfte, meinte sie, wie leicht ihr das Studium (Jus) fiele, und sie ohnedies nur an die Universität ginge, um „den richtigen“ Mann zu finden.

Wahrscheinlich war bei mir immer ein wenig (oder auch mehr) Neid dabei gewesen, wie gerne wäre ich so selbstsicher, so populär gewesen, wie sie. (Um diese Selbstsicherheit hatte ich lange im Leben kämpfen müssen und sie erst sehr spät gewonnen).

M. hat den richtigen Mann gefunden, der die richtige Karriere machte, sie war im eine gute, „richtige“ Frau, sie hatte mehrere später sehr erfolgreiche Kinder – aber das Schicksal hat auch ihr letztendlich nichts erspart.

Vielleicht hätte ich bei einem unserer letzten Klassentreffen mit ihr reden sollen, aber noch lange hat sie mich mit ihren Prahlereien über ihr Leben irritiert, das ich ihr nicht einmal mehr neidete. Vielleicht war auch sie unsicher und hat diese Prahlereien gebraucht?

Jetzt ist sie mir voraus gegangen!

R.I.P. M! – Eine Reflexion

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