Die Halbinsel Kola – nun im Mittelpunkt militärischer Überlegungen

In letzter Zeit musste ich meine Geographie-Kenntnisse erheblich ausweiten. Ich weiß jetzt ganz genau, wo bestimmte Orte in der Ukraine, in Westrussland oder Belarus liegen. Ich habe mir ziemlich genau die Grenzlinien zwischen Schweden, Finnland (Norwegen) und Russland angeschaut. Ich interessiere mich plötzlich für Gegenden, von denen ich vorher bestenfalls den Namen gehört hatte. Sogar das Straßennetz in bisher für öd gehaltenen Gegenden gewinnt an Interesse.

Jetzt ist es die Halbinsel Kola im Nordwesten von Russland auf dem Nördlichen Polarkreis, die in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Die ethnische Minderheit der Samen stellt die Urbevölkerung des Gebiets dar. Heute wird es mehrheitlich von Russen bewohnt. Die unmittelbare Nähe zum Golfstrom führt in den Wintermonaten zu ungewöhnlich hohen Temperaturen. Im Norden ziehen Rentiere in Herden umher und weiden in den Sommermonaten auf den großen offenen Wiesen. Im Süden kommen ausschließlich Rot- und Polarfüchse, Vielfraße, Elche, Otter und Luchse vor. Der Amerikanische Nerz, der zwischen 1935 und 1936 ausgesetzt wurde, ist heute auf der gesamten Halbinsel verbreitet. Den regional heimischen Biber, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vollständig von der Halbinsel verschwunden, wurde zwischen den Jahren 1934 und 1957 wieder angesiedelt.

Die Halbinsel Kola besitzt eine große Anzahl an Bodenschätzen. Der Abbau von Nickel wird betrieben, Eisenerz sowie weitere Schwermetalle, Apatit- und Nephelin-Erze und auch Schmuck- und Edelsteine werden gefunden und abgebaut. Dieses hat dazu geführt, dass auf der Halbinsel nahezu alle Stufen von Umweltverschmutzung, von intakter arktischer Tundra bis hin zu schwermetallvergifteten postindustriellen Abraumlandschaften, zu finden sind. Die Energie, die für das Verhütten benötigt wird, liefert das Kernkraftwerk Kola. Es wurde zur Zeit der Sowjetunion errichtet und besitzt vier Druckwasserreaktoren.

Derzeit wesentlich ist, dass die Halbinsel zahlreiche Militäreinrichtungen der Nordflotte, insbesondere Basen für Atom-U-Boote und auch den ELF-Sender ZEVS (der russischen Marine zur Alarmierung tief getauchter U-Boote) beherbergt. Außerdem wurde Anfang der 1980er-Jahre ein Atommülllager für schwach radioaktiven Nuklearabfall als Provisorium (gedachter Zeitraum: 5 Jahre) eingerichtet. 2007 lagerten dort etwa 21.000 ausgebrannte Brennstäbe von Reaktoren sowjetischer U-Boote. Norwegen, das bereits 12,5 Millionen Euro zur Sicherung der baufälligen Hallen aufbrachte, fordert eine umfassende Sanierung der Hallen und das Verbringen der Brennstäbe in ein sicheres Endlager. Die Reaktoren selbst (mehr als 30) stehen in einem anderen Lager.

Die Halbinsel Kola mitsamt ihren Ausläufern grenzt 1343 Kilometer lang an Finnland und – für gerade einmal 198 Kilometer auch an Norwegen. Diese Halbinsel Kola ist mit dem „Rest“ Russlands mit einer Fernstraße verbunden. 782 Kilometer lang zieht sich die Fernstraße R21 vom russisch-karelischen Städtchen Medweschjegorsk bis nach Murmansk nördlich des Polarkreises. Gesäumt von Pinien, Rottannen und Birken ist der meist zweispurig ausgebaute Weg nun von essentieller Bedeutung für Russland. Mit dem Auto ist die R21 die einzige Verbindung vom russischen Kernland rund um Sankt Petersburg in den hohen Norden der Halbinsel Kola.

Weil inmitten der unwirtlichen Tundra an der Barentssee Russlands Nordflotte samt ihren mit ballistischen Raketen und atomaren Sprengköpfen gerüsteten U-Booten vor Anker liegt, blickt man im Kreml mit Sorge auf diese „Lebensader“ Fernstraße R21. Ob Russland auf einen atomaren Erstschlag noch reagieren könnte, die sogenannte Zweitschlagsfähigkeit, hängt zu „etwa zwei Dritteln“ von den U-Booten in Seweromorsk bei Murmansk ab – Russlands einziger eisfreier Hafen in der von den Weltmächten heißbegehrten Arktis. Im Konfliktfall sei man daher auf eine rasche Eskalation vorbereitet, heißt es in dem im Oktober 2021 – vor dem Ukraine-Krieg – publizierten Bericht.

Deshalb wird der anstehende NATO-Beitritt Schwedens und – vor allem – Finnlands im Kreml nun als Bedrohung seiner Dominanz im Norden betrachtet. Diese wichtige Fernstraße wäre dann in Reichweite von NATO-Bodentruppen und böte sich möglichen Angreifern weit mehr noch als jetzt, wo nur Norwegen ein Nato-Anrainer Russlands im Norden ist, als Einfallstor zur hochgerüsteten Halbinsel Kola an.

Schließlich schlängelt sich die R21, die die militärisch so wichtigen Häfen im Norden zusammen mit der Eisenbahnstrecke versorgt, an manchen Stellen gerade einmal 200 Kilometer von der finnischen Grenze entfernt durch die Wälder Kareliens – in russischen Maßstäben ein Steinwurf.

Nicht nur das: 92 Kilometer südlich von Murmansk, nahe dem ebenfalls an der R21 gelegenen Städtchen Olenegorsk, ist zudem ein Gutteil von Russlands Langstreckenbombern stationiert – auch sie bilden ein Rückgrat der Kreml’schen Nukleardoktrin. Schon deshalb baut Russland Kola nun weiter zu einer noch zu Sowjetzeiten ersonnenen Bastion im hohen Norden aus – vorerst „rein defensiv“, wie es heißt.

Ende April kündigte Russlands Verteidigungsminister Sergej Schojgu an, wegen der „dramatischen Verschlechterung der militärischen und politischen Lage in Europa“ mehr als 500 „fortgeschrittene Waffensysteme“ auf der Halbinsel zu stationieren, auch von neuen Raketenbunkern in einer Bucht nahe Murmansk ist die Rede.

Ein anderer Grund für die Bedrohung, die man im Kreml dieser Tage immer wieder ins Treffen führt, hat hingegen nichts mit den NATO-Plänen Helsinkis und Stockholms zu tun: Weil das Meereis im hohen Norden klimabedingt immer weiter zurückgeht, verliert Russland eine natürliche Barriere – gegen wen auch immer.

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