Zu dem neuen zukünftigen Mitglied in unserer europäischen Familie:

Zu der Republik Moldawien

Jetzt hat also die EU einem weiteren Land Beitrittsstatus gewährt, dessen interne Lage nicht geklärt ist, d.h. das eigentlich geteilt ist. Als ob sie, nämlich die EU, nicht schon genug Probleme mit einem geteilten Mitgliedsland hätte: Zypern.

Und die EU hat weder Nordmazedonien noch Albanien dieses Recht (Beitrittsstatus) zugestanden. Das finde ich ziemlich unfair, denn z.B. Nordmazedonien hat sich sogar überwunden und seinen Namen geändert, um diesen Status zu erreichen. Und das nur weil ein Mitgliedsland der EU von 27 (nämlich Bulgarien) nicht zugestimmt hat, derzeit mit einer eher fadenscheinigen Ausrede einer Regierungskrise. Dieses Einstimmigkeitsprinzip stranguliert unsere EU noch!  

Andererseits ist schon klar, warum dieses Zugeständnis an die Ukraine und die Republik Moldawien in Zeiten der russischen Aggression in der Ukraine notwendig erscheint. Denn man muss sich nur die Karte anschauen: Im Norden, Osten und Süden wird die Republik Moldau vollständig von der Ukraine (jetzt eben auch Beitrittskandidat) umschlossen, denn zwischen Moldau und Schwarzem Meer liegt die ukrainische Region Budschak, die von Bessarabien abgetrennt wurde. Nur im Westen grenzt Moldau an den EU-Staat Rumänien.

Als Budschak wird der südliche Teil der historischen Landschaft von Bessarabien (dazu siehe: weiter unten) bezeichnet. Die Region liegt heute größtenteils auf dem Staatsgebiet der Ukraine (südwestlicher Teil der Oblast Odessa), ein kleinerer Teil befindet sich im Süden der Republik Moldau. Durch die sich ansiedelnden Kolonisten wurde das Land urbar gemacht und hatte somit für die damals rückständige russische Landwirtschaft einen gewissen Vorbildcharakter. Sie bauten hauptsächlich Getreide, Öl- und Hülsenfrüchte für den Export nach Odessa und in westeuropäische Städte an. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Budschak zu einer Art Kornkammer für das Land. In den Revolutionswirren von 1917 kam das Land Russland abhanden. Ein Landesrat erklärte 1917 Bessarabien und damit auch den Budschak zur Demokratischen Moldauischen Republik. Nach inneren Unruhen mit marodierenden Banden rief der Landesrat Rumänien 1918 um Hilfe, das Truppen entsandte. Im gleichen Jahr erfolgte der freiwillige Anschluss an Rumänien. Die westlichen Mächte erkannten den Anschluss an Rumänien an. Aus sowjetischer Sicht handelte es sich um eine von der rumänischen Regierung inszenierte Abspaltung von Russland und eine organisierte Annexion durch Rumänien.

Moldawien ist ein kleines Land, in etwa so groß, wie Oberösterreich und Niederösterreich zusammen, und es hat 2,6 Millionen Einwohner, nur wenig mehr, als es Bewohner von Nordmazedonien gibt.  Und Moldawien ist ein Binnensaat, obwohl die Küste des Schwarzen Meeres nur wenige als 2 Kilometer entfernt liegt. Das Kerngebiet liegt zwischen den beiden größten Flüssen Dnister und Pruth (mündet in die Donau) und damit in der historischen Landschaft Bessarabien.

Bessarabien ist mir noch aus der Berichterstattung im Zweiten Weltkrieg im Ohr, wahrscheinlich wegen der Rücksiedlung unter dem Motto „Heim ins Reich“ der etwa 93.000 Bessarabiendeutschen. Von 1814 bis 1842 waren ungefähr 9000 Deutsche nach Bessarabien eingewandert, aus denen sich im Laufe der Zeit die Volksgruppe der Bessarabiendeutschen bildete. 1940 nahm die Sowjetunion das Land durch militärische Besetzung wieder in Besitz und teilte Bessarabien erstmals. Jahrhundertelang war dieser Landstrich Pufferregion zwischen den Großmächten Österreich (damals halt!), Russland und dem Osmanischen Reich.

Am südlichsten Punkt der Republik Moldau hast das Land einen etwa 600 Meter langen Zugang zur Donau (die sich schon in ihrem Mündungsgebiet befindet). Ein kleinerer Teil des Landes mit etwa 17 % der Bevölkerung auf 12 % der Fläche liegt östlich des Dnister und hat sich 1992 im Zuge des Transnistrien-Konflikts unter dem Namen Transnistrien abgespalten. Der Transnistrien-Konflikt bezeichnet eine seit 1990 andauernde, kurzzeitig auch kriegerische Auseinandersetzung zwischen der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau und dem inzwischen de facto unabhängigen Transnistrien, das sich im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion von der Republik Moldau abspaltete. Nach einem kurzen Krieg von März bis August 1992 erreichte Transnistrien eine De-facto-Unabhängigkeit, während Moldau seine Souveränität über das Gebiet einbüßte. Die Kämpfe forderten über 500 Todesopfer und endeten erst durch die Vermittlung von General Alexander Lebed, der die dort stationierte 14. Armee Russlands befehligte.

Transnistrien erklärte sich 1992 unabhängig, ist aber wirtschaftlich und militärisch von Russland abhängig und wurde bislang von keinem anderen Staat anerkannt. Das Gebiet gehört völkerrechtlich weiterhin zur Republik Moldau. Der unsichere politische Status Transnistriens behindert seitdem maßgeblich die Entwicklung beider Gesellschaften. Es handelt sich also um einen „eingefrorenen Konflikt“. Die Entstehung des Transnistrien-Konflikts ist ursächlich mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 verbunden. Sie hat ihre tieferen Ursachen in der wechselhaften Geschichte der Region, einer ethnisch-lingual heterogenen Bevölkerung, ungelösten Eigentumsfragen bei der Auflösung der Sowjetunion und in vom Rest Moldaus abweichenden demografischen Verhältnissen in Transnistrien.

Die Landschaft der Republik Moldau ist flachwellig (zwischen 30 m und 430 m) und zu 80 % Kulturland, was der fruchtbaren Schwarzerde in der Steppe des Südens zu verdanken ist. Im Norden ziehen sich hügelige Ebenen mit lichten Eichenwäldern und Baumsteppen. Das warme, trockene Klima ermöglicht Wein- und Obstbau in großem Maßstab.

Ich glaube schon, dass uns dieser Landstrich mit seiner Vielfältigkeit in der näheren (Russlands Ambitionen) und weiteren Zukunft (Entwicklung in der EU) beschäftigen wird.

Zu dem neuen zukünftigen Mitglied in unserer europäischen Familie:

2 Gedanken zu “Zu dem neuen zukünftigen Mitglied in unserer europäischen Familie:

  1. Christiane Sandpeck schreibt:

    Du wirst es nicht glauben, deswegen war ich gegen einen EU-Beitritt! Weil ich es als politisches Bündnis empfand. Auch die wirtschaftlichen „Vorteilsversprechen“ haben sich in all den Jahren nicht bewahrheitet, dass das Brot in Frankreich genau so viel kostet wie in Italien und auch das Einkommen der EU Bevölkerung klafft weit auseinander.

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