Wo bleibt er denn heuer, der Altweibersommer?

Altweibersommer, das darf ich noch sagen, Indian Summer in den USA zu sagen, ist politisch nicht korrekt!

Der Altweibersommer beginnt zwar erst am 1. November, nach anderen Definitionen zwischen Mitte September und Anfang Oktober – also, vielleicht ist heute kein Altweibersommertag, sondern ein „aprilähnlicher“ Herbsttag, einmal regnet’s, dann scheint wieder die Sonne – ein bisserl …

Aber auch dieser Begriff ist umstritten.  1989 hatte eine 77-jährige Darmstädterin gegen die Bezeichnung “Altweibersommer“ geklagt. Der Name diskriminiere sie nicht nur als Frau, sondern auch wegen ihres Alters. Das zuständige Landgericht war jedoch anderer Meinung: Der “Altweibersommer“ durfte seinen Namen behalten – immerhin stammt der schon aus einer Zeit, in der die beleidigte Klägerin noch gar nicht geboren war. Also eines muss ich schon sagen, ich gehöre zwar auch als alte Frau in die Kategorie dieser Dame, aber darüber zu klagen, wäre mir noch nie eingefallen. Es sind doch meist wunderschöne Tage.

Die Klage wäre auch deshalb nicht sinnvoll, weil der Altweibersommer nur ein verballhornter Begriff ist. Denn nach einer Erklärung leitet sich der Name von Spinnfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Luft segeln. Der Flugfaden, den die Spinnen produzieren und auf dem sie durch die Luft schweben, erinnert die Menschen an das graue Haar alter Frauen. In klaren September-Nächten kühlt es schon stark ab, so dass die vom Tau benetzten Spinnweben in der Morgensonne deutlich zu erkennen sind. Die glitzernden Fäden erinnern an die langen, silbergrauen Haare älterer Frauen. Mit „weiben“ wurde im Althochdeutschen das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet. Im Volksglauben wurden die Spinnweben der Baldachinspinnen auch für Gespinste von Elfen, Zwergen oder der Nornen gehalten. Als Verursacherin galt aber auch die Jungfrau Maria, die zusammen mit 11.000 Jungfrauen das Land alljährlich um diese Zeit mit Seide überspinnen würden. Man nahm auch an, dass es Glück bringe, wenn sich die Fäden an der Kleidung des Menschen heften würde und wer sie mit sich herumträgt, würde berühmt werden. Ebenso würden sie eine baldige Hochzeit verheißen, wenn sich fliegende Spinnfäden im Haar eines jungen Mädchens verfangen. Ich weiß nur nicht, ob es aufgrund des Klimawandels, der ja auch Insekten sehr zusetzt, noch genug Baldachinspinnen gibt.

Nach der anderen Erklärung, in der eine sekundäre Bedeutung gesehen wird, liegt dem Wort das Motiv der zweiten Jugend bei Frauen, die als unzeitig und nur kurze Zeit dauernd angesehen wird, zugrunde. Diese Erklärung gefällt mir weitaus weniger gut

Im Schriftsprachlichen wird der “Altweibersommer“ seit Anfang des 19. Jahrhunderts erwähnt, als man das Jahr noch in die Winter- und die Sommerhälfte einteilte. Damals wurde der Frühling “Junger Weibersommer“ genannt, der Herbst hieß “Alter Weibersommer“.

Meteorologisch ist der Altweibersommer eine Phase gleichmäßiger Witterung im Herbst, oft Ende September und Oktober, die durch ein stabiles Hochdruckgebiet und ein warmes Ausklingen des Sommers gekennzeichnet ist. Das kurzzeitig trockenere Wetter erlaubt eine gute Fernsicht, intensiviert den Laubfall und die Laubverfärbung.

In den USA nennt man diese Periode „Indian Summer“. Die Wortschöpfung könnte zum Beispiel von der Haupt-Jagdsaison der nordamerikanischen Ureinwohner im Herbst abgeleitet sein, aber auch von der günstigen Witterung, die Überfälle auf koloniale Siedler noch vor dem Einsetzen des Winters begünstigte.

Die Irokesen erzählen sich die Legende von der Jagd auf den großen Bären. Jeden Herbst verfolgen zwei Jäger den großen Bären, dessen magische Kraft ihn hoch in den Himmel trägt. Doch die unermüdlichen Jäger und ihr Hund folgen ihm auch dorthin und erlegen ihn nach langer Hatz. Das Blut des Bären tropft auf die Erde und färbt die Blätter des Ahornbaumes rot. Wenn man zum Himmel sieht, kann man den Großen Bären (das aus vier Sternen gebildete Trapez im Sternbild des großen Wagens) und dicht dahinter die beiden Jäger und ihren Hund (die drei Deichselsterne) erkennen.

Die Art der Verfärbung ist von der Zusammensetzung der Vegetation in den Laubwäldern abhängig. Der Zucker-Ahorn, dessen Blätter sich von grün nach gelb, orange, rot und braun verfärben, ist einer der häufigsten Bäume Neuenglands. Dessen Verbreitung sorgt für das einzigartige, leuchtende Scharlachrot in den Wäldern, ein Farbspektrum, das in dieser Vielfalt und Leuchtkraft in Europa nicht zu finden ist.

Aber in der in den Vereinigten Staaten augenblicklich sehr aktuellen Debatte um cultural appropriation wird das Wort „Indian Summer“ als vorwiegend negativ besetzt angesehen und steht in der Diskussion. Ich hab’s bisher nicht gewusst – jetzt wissen wir’s. Schade!

Als Indian Summer bezeichnete man – als man das Wort noch verwenden durfte – eine ungewöhnlich trockene und warme Wetterperiode im späten Herbst auf dem nordamerikanischen Kontinent. Das Phänomen wird begleitet von einem strahlend blauen Himmel, warmer Witterung und einer besonders intensiven Blattverfärbung in den Laub- und Mischwäldern. Es beschränkt sich auf ein Gebiet, das von den Mittelatlantikstaaten nördlich nach Neuengland reicht, sodann westlich über das Ohio-Tal und die Region der Großen Seen, den Mittleren Westen der USA, den nördlichen Teil der Great Plains und Kanada, also Gegenden, in denen es eine ausgeprägte Kälteperiode im Winter gibt. In der öffentlichen Wahrnehmung, in der Werbung und im Tourismus wird der Indian Summer jedoch überwiegend mit den Neuenglandstaaten und Kanada assoziiert. Wir – mein leider verstorbener Mann und ich – waren dort, zu dieser Jahreszeit, es war atemberaubend. Die Nächte waren aber schon ziemlich kühl.

Das Wetter hält sich leider auch an keine althergebrachten Regeln. Der Klimawandel macht’s möglich – leider!

Wo bleibt er denn heuer, der Altweibersommer?

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