Ich küsse Ihre Hand, Madame

(Eine Wiederveröffentlichung im Zusammanhang mit „ein paar Vorschläge zum derzeit tobenden Grußstreit)

Neulich erzählte mir eine von mir sehr geschätzte Dame – sagen wir „mittleren Alters“ – dass sie bei einer coronabedingten Outdoor Veranstaltung einen Jugendfreund – ca. gleichen Alters – mit dem sie damals Tennis gespielt hatte, getroffen hätte – und er hätte ihr die Hand geküsst. Sie meinte, sie wäre perplex gewesen.  Ich hinwieder habe nur die Umstände als ein bissl komisch gesehen, nicht aber die Tatsache selbst.

Ein Handkuss ist ein vollendeter oder bewusst unvollendeter Kuss auf den Rücken einer vom Adressaten meist eigens dafür hingehaltenen Hand. Er kann unter anderem aus Respekt, Unterwürfigkeit oder Liebe gegeben werden. Im obigen Fall würde ich eher Respekt als Ursache annehmen.

Nach traditioneller Etikette kann ein Handkuss vollzogen werden, wenn ein Mann einer Frau gegenüber besondere Wertschätzung, Ergebenheit, Demut, Bewunderung, Huldigung oder Verehrung zum Ausdruck bringen will. Er beugt dazu ehrerbietig den Nacken vor ihr und deutet respektvoll einen Kuss ihrer dargebotenen rechten Hand an, welche er zuvor leicht nach oben führt. Wenn er sich nach Abschluss des Handkusses wieder aufrichtet, sollte der Mann Blickkontakt herstellen. Frauen behalten etwaige Handschuhe an. Als fehlerhaft angesehen wird es, wenn die Hand der Dame zu fest gehalten oder ruckartig nach oben geführt wird. Ebenso ist es falsch, wenn die Hand tatsächlich geküsst (d. h. der Kuss nicht nur angedeutet) wird. Küsst ein Mann einer Frau tatsächlich die Hand, wird dies unter Umständen als Liebeserklärung gedeutet.

Als überholt gelten heute Regeln, wonach ein Handkuss nur verheirateten Frauen gebührt oder nur in geschlossenen Räumen ausgeführt werden darf. All das hab‘ ich noch beim Elmayer in der Tanzschule gelernt – ob es heut noch gelehrt wird, weiß ich nicht.

Im Übrigen ist der Handkuss in Europa noch gegenüber katholischen und orthodoxen Geistlichen vom Bischof aufwärts, sowie gegenüber weiblichen Monarchen gebräuchlich, wenn auch in der Regel nicht zwingend vorgeschrieben. Bei Geistlichen wird dabei der an der rechten Hand getragene Siegelring, beim Papst der Fischerring geküsst. War es früher üblich, den Fischerring kniend zu küssen, reicht heute bei Männern eine mehr oder weniger tiefe Verbeugung, bei Frauen eine leichte Kniebeuge.

Es ist schon ein Weilchen her, ich durfte meinen Mann bei einigen Interviews von hochrangigen Kardinälen (nicht bei allen) begleiten. Nur einem dieser Herren hatte ich den Ring geküsst und mein Mann fragte mich hinterher, warum ich das getan hätte, da ich doch sonst so kritisch bei derartigen „Ehrbezeugungen“ wäre. Ich glaube, gerade dieser sehr alte Kleriker hatte mich durch seine demütige, liebevolle Heiligkeit überzeugt.

Monarchinnen, etwa der Queen gegenüber, wird der Handkuss in der Regel nur angedeutet, nicht voll ausgeführt. Dabei macht der Mann eine deutliche Verbeugung, die Dame, je nach Vorschrift, einen einfachen Hofknicks.

Von z ’wegen: einfacher Hofknicks. Gar so einfach ist der auch wieder nicht und will geübt sein, um nicht recht unelegant auszurutschen. Auch dieser wurde noch in der Tanzschule gelehrt, schließlich müssen die Eröffnungs-Damen bei den Wiener Bällen am Schluss einen vollendeten Knicks hinlegen. Na heutzutage würde ich mir das nicht mehr zutrauen. Aber einmal, auch das ist schon lange her, bin ich allerdings nur beinahe in die Verlegenheit gekommen, zu knicksen. Es war ein Empfang für die englische Königin in Schönbrunn. Nein, nein, ich wurde ihr nicht vorgestellt. Aber sie wurde durch einen Raum geleitet, in dem ich gerade mit einem Glas in der Hand herumgestanden bin. In gerade diesem Raum hingen Pferdebilder (ich glaube von Pferden der Kaiserin Elisabeth). Daran – so nahm man an – hätte die englische Königin Interesse. Während sie hereinkam überlegte ich kurz, ob ich jetzt knicksen müsste – was mich eher gestört hätte – aber so interessiert war sie dann doch nicht, und sie war schon vorbei, bevor ich zum Knicks hätte ansetzen können. Da war ich aber froh!

Wir kennen es eher aus Filmen etc. In der Türkei und auch teilweise traditionellen Gesellschaften Ost- und Südostasiens und in mafiosen Kreisen ist es durchaus üblich, aus Respekt den Eltern, Lehrern und wesentlich älteren Verwandten oder Bekannten die Hand zur Begrüßung zu küssen. Der islamischen Tradition folgend, wird dies jedoch fast ausschließlich gegenüber älteren Personen gemacht und nur bei Ausnahmesituationen bei Gleichaltrigen oder gar Jüngeren.

Der Handkuss hat seinen Ursprung in dem Küssen des Siegelringes eines höhergestellten Adligen oder Geistlichen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Der Siegelring war Zeichen und Legitimation der Macht, der man durch den Kuss Respekt und Unterwerfung bekundete. Auch innerhalb der – adeligen und nichtadeligen – Familie war noch lange der Handkuss für Vater und Mutter eine übliche Form der besonderen Ehrerbietung. Spätestens um 1900 herum wurde der Handkuss an den Monarchen und hohen Vorgesetzten in West- und Mitteleuropa weithin als Zeichen unnötiger Selbstverleugnung und Servilität sowie als Ausdruck eines fragwürdigen Byzantinismus gesehen und zu recht kritisiert. Mit dem Sturz der Monarchien 1917/18 kam er völlig außer Gebrauch. Über Jahrhunderte war er besonders in adligen und großbürgerlichen Kreisen die übliche Art, wie Männer Damen begrüßten. Es galt als unfein, die Hand einer Frau zu schütteln. In Österreich wurde und wird die Tradition des Handkusses weiterhin gepflegt.

Ich find’s – mich betreffend – nicht ganz unmöglich, wenn mir jemand die Hand küsst (eher selten) aber durchaus oft mit den Worten: Küss‘ die Hand begrüßt oder verabschiedet. Nur den Zusatz „gnädige Frau“ mag ich nicht – aber über diese wiederum ein anderes Mal.

Ich küsse Ihre Hand, Madame

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