Ein Stadtspaziergang durch die Singerstraße

Gestern habe ich ein bisserl Zeit gehabt und bin die Singerstraße auf und ab gegangen. Ich sage bewusst nicht, dass ich zum Zeitvertreib durch die Singerstraße gegangen bin, denn ich habe wirklich keine Zeit, die ich „vertreiben“ wollte. Ein grässlicher Gedanke. Noch ärger – in diesem Zusammenhang – finde ich die Phrase „die Zeit totschlagen“. Ich bin mir immer bewusst, dass meine Zeit jetzt schon äußerst begrenzt ist, und ich sie besser nutzen als vertreiben oder totschlagen soll

Da ich sonst eher zügig, ohne viel zu schauen, die Singerstraße durcheile, höchstens in Schaufenster schaue – es sind da ein paar für mich durchaus attraktive Geschäfte hier – ist mir dann bei meinem kleinen, gelassenen Spaziergang aufgefallen, wie viele wunderschöne Gebäude es in dieser Straße gibt.

In der Inneren Stadt fragt man sich ja immer – woher kommt der Name? Es wird davon ausgegangen, dass der Name Singerstraße von einer hier wohnenden Familie Sünchinger kommt, und die Straße schon 1267 in verballhornter Form so geheißen hat. Es tauchen zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Variationen dieses Namens auf, bis die Straße dann 1862 endgültig zur Singerstraße wurde. Die Singerstraße mündete bis 1866 direkt in die Kärntner Straße, da der Stock-im-Eisen-Platz bis dahin kleiner war beziehungsweise die auf dem Areal von Nr. 3 (heute Palais Equitable) befindlich gewesenen kleinen Häuschen um ein beträchtliches Stück weiter vorgebaut waren.

Selbst wenn die Häuser in der Singerstraße keine Palais sind, haben manche davon noch Hausnamen: Schon die Nummer 1 hieß ehemals „Zum goldenen Becher“. Die Nummer 3 hieß früher „Zum roten Apfel“. In diesem „ehemaligen Haus“ hatte   Antonio Salieri (1750 – 1825) 1817 eine Singschule (Vorläufer des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde) eröffnet. Die uns bekannte Rivalität zwischen Salieri und Mozart scheint aber eine Fiktion zu sein. Eine barocke Steinfigur (Maria Immaculata unter Baldachin, von Engeln umgeben, 1737), vom Vorgängerbau stammend, schmückt das Haus auch heute.

Nummer 5 Singerstraße (oder Stephansplatz Nummer drei) nimmt das Churhaus ein. Hier standen einst die mittelalterliche Bürgerschule und die Bauhütte (Steinhütte) von St. Stephan, in der die Zunft der Steinmetze ihre Lade hatte und wo sie auch ihre Feste feierte. Hier wohnte auch der jeweilige Dombaumeister.  Die Schule wird urkundlich 1237 erstmals erwähnt und war die einzige höhere Lehranstalt in Wien bis zur Gründung der Universität 1365. Im 16. Jahrhundert wurde die Schule den Jesuiten übergeben und von diesen verlegt. Das Gebäude nahm danach Einrichtungen des Wiener Bistums auf (Pfarrbüros von St. Stephan sowie erzbischöfliche Ämter). Durch den Bau des Churhauses verschwand das Kirchengassel (früher Raubergäßchen), durch das man einst vom alten Roßmarkt (Stock-im-Eisen-Platz) auf den Stephansfreithof gelangte. 1938 war das Churhaus Ziel nationalsozialistischer Übergriffe. Jugendliche stürmten, plünderten und verwüsteten das Churhaus, Domkurat Johann Krawarik wurde aus einem Fenster in den Hof geworfen.

Im Vorgängerhaus, Nummer 6 befand sich eine Weinschenke, später das Bierhaus „Zum Reichsapfel“ (in dem Franz Schubert mit seinem Freundeskreis oft einkehrte).

Auf Nummer 7, auch Churhausgasse 1, Stephansplatz 4, Blutgasse 4 befindet sich das Deutschordenshaus. Hier logierte 1781 Wolfgang Amadeus Mozart; 1823 befand sich hier der Sitz des bürgerlichen Geigen- und Lautenmachers Anton Dürr. 1863-1865 wohnte Johannes Brahms auch hier (damals Leiter der Wiener Singakademie).

Bei Nummer 7 befindet sich auch die Deutschordenskirche „Hl. Elisabeth“. Herzog Leopold VI. hatte die Mitglieder des 1198 in Akkon entstandenen „Ordens der Brüder des Deutschen Hauses St. Mariens zu Jerusalem“ (Deutscher Orden) um 1205 in Wien angesiedelt und ihnen das heutige Areal geschenkt.

Die Nummer 9 nennt sich der kleine Fähnrichshof, Nummer 11 hinwieder der große Fähnrichshof.  Einer nicht beglaubigten Sage zufolge sollen hier die Templer einen Hof besessen haben.

Auf Nummer 10 (Liliengasse 1) stand ein Haus, das sich ab 1510 im Besitz des Humanisten Cuspinian befand (Zum weißen Rössel); es fiel mit zahlreichen anderen Gebäuden 1525 dem Stadtbrand zum Opfer.

Die Gebäude Nummer 13 und 15 stehen auf dem Grund der ehemaligen Kirche und Kloster St. Nikolai, Zisterzienserinnenkloster 1272-1385, dann Ordenslehranstalt1385-1481, 1481 wurde das Kloster mit Zustimmung des Abtes von Heiligenkreuz zur Residenz des Großmeisters des von Friedrich III. 1468 ins Leben gerufenen St.-Georgs-Ordens bestimmt. Dann auch Franziskanerkloster. 1785 wurden die Kirche und das Konventgebäude demoliert.

Und nun zum ersten Palais auf Nummer 16:  das Neupauer-Breuner-Palais. Neupauer war Architekt, aufgrund der Baukostenüberschreitung war Neupauer verschuldet, das Palais wurde versteigert wechselte mehrmals den Besitzer, um schließlich im späteren 19. Jahrhundert in den Besitz der gräflichen Familie Breuner überzugehen. Das Palais ist eines der bedeutendsten Bauwerke des Wiener Barock.

Die Nummer 17 – 19 (auch Kumpfgasse 10) ist wiederum ein Palais und zwar die ehemalige Staatsschuldenkasse (Billiottesches Stiftungshaus, Rottalpalais), ab 1754 Sitz des Wiener Stadt-Banco. Unter Maria Theresia wurde das Haus 1752 mit den angrenzenden Häusern (darunter „Zum schwarzen Rädl“) und dem größeren einstöckigen Eckhaus Singerstraße/Grünangergasse (das sich um 1700 im Besitz der Erben von Johann Graf Rottal befand; zu einem großen Gebäude („Stadtbanco“) zusammengebaut.

Die Nummer 18 ist „nur“ ein Wohnhaus mit qualitätvoller Barockfassade, dort befand sich 1819-1848 die Wohnung der Schwestern Fröhlich (Franz Grillparzer), bei denen auch Franz Schubert zu Gast weilte.

Auf Nummer 22 (Franziskanerplatz 2): befand sich der Alte Dompropsthof (Haus des Dompfarrers zu St. Stephan).

Nummer 26 ist das Franziskanerzinshaus.

Und die Nummer 28 – das Haus kennen Sie, Wiener und Wienbesucher wahrscheinlich: Hier befindet sich das Gasthaus „Zu den drei Hacken“, um 1800 aus zwei Häusern zusammengebaut.

Auf Nummer 30-32 (auch Seilerstätte 4) wohnte 1861 Richard Wagner.

Ich empfehle einen hübschen Spaziergang durch die Singerstraße in Gedenken an all die bedeutenden Personen, die hier gelebt und gewirkt haben.  Genießen Sie die hübschen Fassaden, gehen Sie auch in die erwähnten Nebengassen, auch dort warten Überraschungen auf Sie. Sie werden es nicht bedauern, die überfüllte Kärntnerstraße und die turbulenten Stephansplatz kurz dafür verlassen zu haben hier geht’s ganz gemächlich zu.

Ein Stadtspaziergang durch die Singerstraße

In der Not frisst der Teufel Fliegen

Oder wie recht plötzlich aus langjährigen Feinden (zähneknirschend) Verbündete werden können.

Mich erinnert dieser jetzt wieder heftig aufgeflammte Krieg in Syrien sehr stark an den Bürgerkrieg im Libanon. Der Libanesische Bürgerkrieg dauerte von 1975 bis 1990. In seinem Verlauf bekämpften sich verschiedene Gruppierungen im Libanon in wechselnden Koalitionen. Darüber hinaus kam es zu mehreren Interventionen durch weitere Staaten. Am Ende konnte man sagen, dass jeder der beteiligten Gruppierungen gegen jede andere beteiligte Gruppe mindestens einmal gekämpft, aber auch wieder koaliert hatte. Der Bürgerkrieg in Syrien ist eine seit 2011 andauernde, bewaffnete Auseinandersetzung verschiedener Gruppen, die mit fortschreitender Dauer zunehmend unter Beteiligung internationaler Mächte stattfindet, die dabei auch vehement eigene Interessen verfolgen.

Derzeit wurden in diesem blutigen, verheerenden Bürgerkrieg die Karten wieder einmal neu gemischt, und diese Auseinandersetzungen werden immer schwerer durchschaubar. Noch ist vieles offen. Noch kann niemand wissen, wie weit die Türkei ihren Einmarsch in Syrien treiben wird. Donald Trump und Recep Tayyip Erdoğan streiten fast täglich über die Grenzen dieser Invasion. Ersterer hat dieses neue Aufflammen durch einen Tweet – wie denn anders – der den Truppenabzug einleitete, gegen seine Berater und Militärs durchgesetzt. Der andere, Erdogan, hat einen Angriffskrieg auf ein fremdes syrisches Territorium begonnen. Dass er sich nun auf den Art. 5 des NATO Abkommens beruft, um die NATO Partner in diesen Krieg hineinzuziehen, finde ich eine Infamie.

Die Türkei hat eine der schlagkräftigsten Truppen der gesamten Nato, die bis an Zähne bewaffnet ist, meist mit amerikanischem Material, neuerdings auch mit russischen Waffen. Die Luftwaffe der Türkei ist stark und Raketen sind in Massen vorhanden.

Erdogan kämpft nicht gegen Terroristen, er kämpft gegen das kurdische Volk, das er vorerst einmal in Syrien – später wahrscheinlich auch in der Türkei (das ist allerdings meine Unterstellung) – ausrotten möchte. Die Türken werden in diesem Feldzug aus den Resten der „Freien Syrischen Armee“ neu geformten syrischen Miliz „Nationale Armee“ auch frühere Kämpfer der dschihadistischen Al-Kaida bzw. Al-Nusra und der ebenfalls als Terrororganisation gelisteten Hajat Tahrir al-Scham unterstützt. Diese Armee bildet die Vorhut des Einmarsches und wird bei der später zur etablierenden „Selbstverwaltung“ der Region eine zentrale Rolle spielen. Diese Gruppierung ist bekannt dafür besonders grausam zu agieren. Eine Tatsache die sie bereits in dieser Auseinandersetzung beweist!

Die Kurden waren im syrischen Bürgerkrieg doch recht erfolgreich, unterstützt von amerikanischen Truppen, haben sie den Islamischen Staat besiegen können und die Gefangenen des so genannten Islamischen Staates bisher in Lagern und Gefängnissen bewacht.  Diese konnten sich teilweise schon befreien, da ihre Bewacher ja die Kurden beschützen müssen. Darunter befinden sich sehr wohl auch noch Europäer, aber auch Frauen (die geplant haben, eigene Brigaden zu bilden) und deren Kinder. Die Kurden hatten sich allerdings aufgrund ihrer Erfolge ein Territorium erobert, das weit über die Grenzen der Besiedlung durch ihre Ethnie hinausgeht. Bisher hat die kurdisch dominierte Syrian De­mocratic Forces (SDF) ein Drittel des Landes (Syrien) kontrolliert. Auch sie haben sich Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht, doch gibt es in ihrem Herrschaftsgebiet ein Maß an Freiheit und Vielfalt wie nirgendwo sonst in Syrien, keine Massenvertreibungen und Massenerschießungen.

Nun da die Kurden von schlagkräftigen, bestens bewaffneten türkischen Truppen bedroht werden, denen sie sich vier Tage lang tapfer entgegenstellten, mussten sie sich an ihren früheren heftig bekämpften Erzfeind Assad, den syrischen Präsidenten wenden, und ihn um Hilfe bitten, sich ihm eigentlich ergeben! Denn die kurdisch-geführten Kräfte hatten sich 2012 der Herrschaft der Zentralregierung entledigt, als die Regierung ihre Truppen abgezogen hatte, um sich auf Kämpfe an anderen Orten zu konzentrieren. Und die syrischen Truppen kommen nun bereitwillig, unterstützt von der bereits oben genannten „Nationalen Arme“.

In den Verhandlungen zwischen Regime und Kurden wurde vereinbart, dass sich Damaskus nicht in die Selbstverwaltung einmischen wird, zunächst. Vermutlich wird sich das rasch ändern. Die kurdischen Einheiten werden als fünftes Korps in die syrische Armee integriert. Sie mussten zustimmen, schon bald in Idlib gegen die von der Türkei unterstützten arabischen Milizen zu kämpfen. In den vordersten Reihen, ist zu vermuten. Dort erwarten sie hohe Verluste. Selbst der massive Einsatz russischer Waffentechnologie konnte den Widerstand der arabischen Milizen dort bislang nicht brechen.

Der Mann im Kreml freut sich. Sein Verbündeter Assad hat nun ganz Syrien zurück, außer einem kleinen Zipfel um Idlib, wofür man neue Kämpfer hat – die Kurden.

Die USA haben im Nahen Osten ausgespielt, keiner kann ihnen mehr als Verbündetem trauen. Europa fühlt sich von Erdogans Flüchtlingskeule bedroht. Und dieser Krieg wird neue Flüchtling bringen, wo immer sie sich auch niederlassen werden. Außerdem ist Europa durch den derzeitigen Machtwechsel an der Spitze der Kommission behindert, wie auch durch sein Einstimmigkeitsprinzip – und in der EU hat z.B. Erdogan einige Freunde, die wohl alles verhindern werden, was diesem Mann eventuell in den Weg gelegt werden könnte (ich denke da an unseren östlichen Nachbarn). Abgesehen davon, dass Europa – wie schon Trump abschätzig gemeint hat, von den freigekommenen IS Kämpfern wohl am meisten bedroht ist.

Ich kann mir derzeit keine allseits befriedigende Lösung des syrischen Problems vorstellen, eines ist jedenfalls sicher: die großen Verlierer sind neuerdings wieder einmal die Kurden.

In der Not frisst der Teufel Fliegen

Was mir noch so auffällt: „federführend“

Also wenn ich so durch die Straßen schlendere, kommen mir eigentlich fast nur eifrige Touristen und „Telephonieren“ entgegen. Diese Handy-Nutzer sind meist so konzentriert, dass sie ihre Umgebung kaum wahrnehmen, besonders wenn sie Kopfhörer tragen. Aber so ist das halt heutzutage, das kann man nicht mehr ändern. Man muss ihnen einfach ausweichen.

Aber manchmal, im Vorübergehen, schnappe ich einzelne Worte auf, die mich dann zum Nachdenken anregen. Ein solches Wort war z.B. „federführend“.  Die Federführung ist z.B. auch  Bestandteil der Verschlusssysteme von Pistolen. Aber bei dem Vorübergehenden war sicherlich die andere Bedeutung von „federführend“ gemeint: führend, leitend, verantwortungsvoll, vielleicht sogar verantwortlich. In Englisch würde man wohl sagen: responsible.

Aber wo kommt es her? Mir ist dazu gleich der Gänsekiel eingefallen, der in Tinte getaucht, über das Papier kratzt.  Die erste Erwähnung des Gänsekiels als Schreibgerät findet sich um 624 n. Chr. bei Isidor von Sevilla als «penna arvis cuius acumen in duo dividitur», d. h. «eine Vogelfeder, deren Spitze in zwei Teile geteilt wird». Um 700 n. Chr. erwähnt Adelhalmus, der Angelsachse, die Pelikanfeder als Schreibgerät. Ein erfolgreiches Schreiben mit dem Gänsekiel bedarf einer Schreibunterlage von etwa 40-60 % Neigung, damit die Tinte nicht zu rasch aus der Feder tropft.

Und noch etwas anderes: wer auch heutzutage bei Sitzungen das Protokoll zu schreiben hat, hat bei aller Ehrlichkeit in der Wiedergabe, dennoch die Möglichkeit, durch z.B. Weglassen, durch die Wortwahl den Inhalt des Gesprächs leicht zu modifizieren. Das bedeutet zwar wahrscheinlich Mehrarbeit, aber man hat dann doch die „Hoheit“ über das Gesagte.

Und das wird wohl nicht nur eine Methode der Gegenwart sein, wer – in vergangene Zeiten – „die Feder geführt hat“, hat wohl auch eine gewisse Steuerungshoheit innegehabt, was wohl bei noch handschriftlich verfertigten Verträgen durchaus eine Rolle gespielt haben mag, die dann mit den wunderschönen Sigeln der Partner  ausgetauscht wurden.

Heut kann man sie bei Ausstellungen in den Vitrinen bewundern. Keiner denkt mehr daran, wer damals wohl die Feder – den Gänsekiel – geführt haben mag.

Was mir noch so auffällt: „federführend“

Mir fällt auf: eine neue Rolle „in der Pension“: aktiver Großvater

Dass wir uns in einem gesellschaftlichen Wandel befinden, ist ja nicht neu – und auch wirklich gut so. Früher, als ich begonnen habe zu arbeiten, war noch ein Großteil der Frauen im Haushalt beschäftigt, die Männer – die eigentlich erst heiraten „durften“, wenn sie eine Familie „ernähren“ konnten – waren beruflich unterwegs und hatten kaum Zeit für ihre Kinder, vielleicht an Wochenenden, wenn sie nicht zu müde waren.  Einrichtungen, wo man ganz kleine Kinder unterbringen konnte, wenn beide Elternteile berufstätig waren, gabs kaum. Man suchte selbst „Tagesmütter“, oder man war auf ein oft sehr liebes, aber vielleicht auch etwas inkompetentes Au-pair-Mädchen angewiesen.

Das hat sich grundlegend geändert, viele Väter gehen gerne in Karenz, sie betreuen ihre Kinder und kümmern sich rührend um sie.

Die aktive Großmutter gab es ja schon „fast immer“. Aber jene Väter, die oft aus beruflichen Gründen kaum Zeit für ihre Kinder gehabt haben, holen jetzt als Großväter begeistert nach, was sie bei ihren eigenen Kindern versäumt haben. Da sieht man sie Kinderwagenschiebend durch die Gegend ziehen, am Spielplatz argwöhnisch den Nachwuchs betrachten. Sie gehen mit den Enkeln ins Bad, zum Eislaufen und Schifahren. Sie nehmen sie auf Urlaub mit und gehen in Kinderhotels mit ihnen. Ja, manchmal sind sie sogar verliebt in ihre Enkeltöchter und lesen ihnen jeden Wunsch von den Augen ab, bevor er noch geäußert werden kann.

Ich finde das eine großartige gesellschaftliche Entwicklung, es entlastet die Eltern, aber es trägt auch dazu bei, dass das Verhältnis zwischen den Generationen entspannt und verbessert wird. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Eltern dadurch eher bereit sind, überhaupt Kinder zu haben, oder sogar mehr Kinder zu haben, wenn sie die mit der Verfügbarkeit der Großeltern rechnen können.

Ich glaube auch, dass es den „neuen“ Großeltern guttut, sich mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen, Pflichten zu haben, um auch körperlich und geistig aktiv zu bleiben. Dadurch bleiben sei erwiesenermaßen länger gesund und leben länger. (Rauchend und trinkend allein vor dem Fernseher zu sitzen, macht krank und verkürzt die Lebenserwartung.)

Ich halte das für eine erfreuliche, eine positive win-win Situation.

 

Mir fällt auf: eine neue Rolle „in der Pension“: aktiver Großvater

Ein vergnüglicher, interessanter und durchaus lehrreicher Ausstellungsbesuch

Nachdem sich endlich die herbstlichen Nebel gelüftet hatten, dauerte ohnedies recht lang, beschloss ich, das Haus zu verlassen und ins Museum zu gehen. Ursprünglich wollte ich ins Kunsthistorische Museum besuchen und mir dort die Jan van Eyck Ausstellung anschauen. Aber das KMH hat leider am Montag geschlossen. So etwas ist aber in Wien nun wirklich kein Problem, also die Albertina hat auch an Montagen offen und dort ist die ohnedies überall angekündigte Dürer Ausstellung zu sehen.  Und diese Freude wollte ich mir machen.

Als ich dann in die Ausstellungsräume schaute und die Trauben von Menschen vor kleinen Bildern in relativ düsterer Beleuchtung sah, verging mir die Freude und ich fuhr ein weiteres Stockwerk hinauf – in die Sammlung Batliner, die schon lange auf meiner Museumsliste gestanden ist. Und auch diese Ausstellung hat mir nun Freude gemacht. Ein Kenner der klassischen Moderne bin ich nun wirklich nicht, viele Namen waren mir (leider) nicht vertraut und so viele „-ismen“ habe ich noch selten auf einem Fleck gesehen. Erstaunlicherweise war vieles, wenn man die Zeit bedenkt, in der diese Kunstwerke geschaffen worden sind, durchaus auch lustig oder mindestens zu Schmunzeln.

Was habe ich nun dort gesehen: Werke von Künstlern des Impressionismus und des Postimpressionismus wie Degas, Cézanne, Toulouse-Lautrec und Gauguin. Also gut, das war noch ziemlich vertrautes Territorium. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Deutschen Expressionismus mit den Künstlergruppen Die Brücke und Der Blaue Reiter sowie auf der Neuen Sachlichkeit mit Werken von Wacker, Sedlacek und Hofer. Von den Künstlern des „Blauen Reiter“ hatte ich schon gehört, auch der Begriff der Neuen Sachlichkeit war mir nicht fremd, die Gruppe „die Brücke“ war mir aber neu.  Aber gerade die Bilder dieser neuen Sachlichkeit gefielen mir besonders gut, da ich noch nie (meine Schuld!) derartige Werke der Moderne gesehen hatte. Für mich ist ein Kriterium, ob mir ein Bild gefällt oder nicht, die Tatsache, dass ich es bei mir zu Hause gerne aufhängen würde, naja, bei diesen Bildern wären es halt leider nur Reproduktionen.

Sehr beeindruckt haben mich die wenigen dort ausgestellten Werke von Oskar Kokoschka. Wenn ich dann lese, dass z.B. ein Bild aus dem Fenster eines Hotels gemalt worden war, wo man auf einen Grenzübertritt warten mussten, steht mir der Mund vor Staunen offen.

Besonders die russische Avantgarde lädt teilweise sehr zum Schmunzeln ein. Zahlreiche Werke Picassos bilden den Abschluss: Von seinen frühen kubistischen Bildern über die reifen Werke der 1940er Jahre und hervorragende, bislang nicht ausgestellte Druckgrafiken bis hin zu seinem experimentellen Spätwerk sind Meisterwerke zu sehen.

Nicht zu vergessen sind die Surrealisten, die dann später in Österreich eine große Rolle gespielt haben. Auch da stand ich vor Bildern, die mich schwer beeindruckt haben.

Es sind nicht nur Werke aus der Sammlung Batliner ausgestellt, sie sind – in dieser Dauerausstellung – durch bereits vorhandene Werke aus der Albertina, verschiedenen Sammlungen und auch anderen Museen ergänzt.

Herbert Batliner, einer der großen Kunstsammler unserer Zeit, ist heuer nach langer schwerer Krankheit im Alter von 90 Jahren in Vaduz verstorben. Die 2007 erfolgte Übergabe der Sammlung Batliner an die Albertina war schließlich eine Sternstunde in der Geschichte des Museums. Erstmals konnte mit Munch Chagall Picasso eine große, permanent der Öffentlichkeit zugängliche Schausammlung in der Albertina etabliert werden.

Mein sonst so großes Problem bei Ausstellungen war diesmal nicht so gravierend, nämlich nach so etwa einer Stunde langsam gehend und stehend betrachtend tut mir mein Rücken ziemlich weh, aber in der Albertina gibt es Bänke, auf denen man sich dann doch hin und wieder niederlassen kann. Die Ausstellung war nicht überfüllt, man konnte jedes Bild und dazugehörige Texte durchaus eingehend betrachten.

Störend für mich waren allerdings jene Leute, welche die gekennzeichneten Bilder und zugehörigen Texten einfach nur photographieren, sich knapp davor aufpflanzen, bis sie ein gutes Bild zu haben glauben – das kann ein Weilchen dauern – und dann zu nächsten gekennzeichneten Bild wandern. Sie schauen sich die Bilder nicht an, ich versteh das nicht. Im Shop liegt doch ein Katalog auf.

Ich werde mir diese Ausstellung sicher noch einmal anschauen, z.B. haben mir es die Pointilisten besonders angetan, die ich noch einmal sehen will. Wenn Sie Zeit haben: gehen Sie in die Ausstellung „Munch Chagall Picasso. Die Sammlung Batliner“, es wird auch für Sie hoffentlich eine vergnügliche, interessante lehrreiche Zeit sein!

Ein vergnüglicher, interessanter und durchaus lehrreicher Ausstellungsbesuch

Weil es im Amazonasgebiet noch immer brennt

Derzeit findet eine Synode – die Amazonas-Synode – im Vatikan statt, und zwar vom 6. bis 27. Oktober 2019. Dass mich dieses Thema interessiert, wird Sie vielleicht nicht wundern, denn ich bin katholische Christin. Dennoch möchte ich hier ein wenig auf die Ziele dieser Synode eingehen, weil dabei Themen behandelt werden, die unabhängig von unserem Glauben (oder auch Nicht-Glauben) uns alle betreffen.

Amazonien umfasst ein Gebiet von siebeneinhalb Millionen Quadratkilometern in neun Ländern, darunter Brasilien, Peru, Venezuela, Bolivien und Kolumbien. Es bedeckt fast die gesamte nördliche Hälfte des Kontinents Südamerika und zählt zu den wichtigsten Ökosystemen, der sogenannten „grünen Lunge“ der Welt. Mit der Demokratie ist es in einigen der betroffenen Länder auch nicht so weit her.

Ich finde es schade, dass diese Synode, die primär das Amazonas Gebiet betrifft,  nicht auch dort stattfindet. Manaus z.B. ist ein Erzbistum. Möglicherweise ist es allerdings leichter, im Vatikan die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Außerdem nehmen ja nicht nur Bischöfe aus den Amazonas-Ländern teil.

Die Synode (Versammlung von Bischöfen) steht unter dem Thema: „Amazonien: neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“. Das Bischofstreffen will Umweltschäden im Amazonasgebiet und deren soziale Folgen in den Blick nehmen. Den Rahmen bildet hier die Umwelt-Enzyklika „Laudato si’“ (verlautbart 2015) von Papst Franziskus. Der Lebensraum vieler indigener Völker im Amazonasgebiet ist durch ökonomische Interessen wie Landvertreibungen, die willkürliche Abholzung von Wald sowie die Verschmutzung von Gewässern bedroht. Die Rechte dieser Menschen wollen die Teilnehmer der Synode stärken und haben Vertreter indigener Völker dazu eingeladen, als „Uditores“ (Zuhörer) den Debatten zu folgen.

Aber auch Bischöfe aus anderen Ländern, als den Amazonas Staaten, nehmen daran teil. Aus Österreich z.B. ist Kardinal Schönborn dabei, ebenso wie der emeritierte Bischof Kräutler. Erwin Kräutler CPPS (* 12. Juli 1939 in Vorarlberg) ist römisch-katholischer Ordensgeistlicher, Missionar und war von 1981 bis 2015 Bischof und Prälat von Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens.

Schon am 8. Juni 2019 war ein Vorbereitungsdokument veröffentlich worden. Die Wertschätzung der Lebens- und Sichtweise Indigener durchzieht das gesamte Dokument. Es wird aber auch betont, dass die dabei identifizierten Probleme, die zu stellenden Fragen sowie die daraus folgenden Überlegungen und Handlungsoptionen universell anwendbar sind und den ganzen Planeten betreffen. Der ökologische und kulturelle Reichtum der Region und seiner Menschen sowie dessen Bedeutung für die Erde wird thematisiert. Auch die sozio-kulturelle Vielfalt, geprägt durch die natürliche Beschaffenheit und Unterschiedlichkeit zwischen den Völkern in der Region, wird betont. Aber gerade der Reichtum an Biodiversität ist der Grund für die Gefahren, denen die Region ausgesetzt ist. Vor allem ökonomische und machtpolitische Interessen in den Bereichen Landwirtschaft, Rohstoff- sowie Holzgewinnung treiben die Verschmutzung und Zerstörung der Natur, die Vertreibung und Verarmung der indigenen Völker voran. Das alles konnten wir ja im vergangenen Sommer erleben.

Neben den 390 verschiedenen Völkern gibt es bis zu 130 Völker, die in freiwilliger Isolation leben und einen neue, dritte Kategorie: die „unsichtbaren“ Indigenen, die in urbanen Regionen und Industrieprozessen verschwinden. Gerade diese indigene Bevölkerung ist von Marginalisierung, Ausbeutung und Diskriminierung betroffen, obwohl ihre Tradition durch Naturverbundenheit, eine intensive Gemeinschaftsorientierung sowie eine tiefe Spiritualität geprägt ist. Das macht für sie das „gute Leben“ aus.

Auch die Kirche in Amazonien hat ihre Wurzeln im Kolonialismus. Die damalige Unterdrückung und Verletzung der Menschen gehören zu den traurigsten Abschnitten der Geschichte in der Region. Aber auch heute noch gibt es kolonialistische Verhaltensweisen, die Menschen herabsetzen und schwächen/marginalisieren.

Papst Franziskus fordert nun die Abwendung von Gier sowie einem ausbeuterischen Wirtschaftshandeln, hin zur Wertschätzung der Natur und des Menschen. Die integrale Ökologie als Gesamtkonzept zeigt, dass Mensch und Natur nicht voneinander zu trennende Einzelwirklichkeiten sind, sondern miteinander in Beziehung und Austausch stehen. Daher bedingen auch ökologische und soziale Probleme einander und können nur mit ganzheitlichen Lösungsansätzen angegangen werden. Die Abkehr vom Individualismus und der Konsumorientierung ist Teil eines moralischen Aktes, nicht nur eines ökonomischen, der Raum schafft für neue Perspektiven persönlicher wie gemeinschaftlicher Veränderung.

Das war die Grundlage, für diese Synode, nun aber kommt es zur konkreten Umsetzung. Besonders gewürdigt wurde die Arbeit von Ordensleuten in der Amazonas-Region.  In der ersten Woche wurden nun Themen wie Bildung, Zölibat, Priestermangel und der Rolle von Frauen in der Kirche behandelt. Konkret diskutiert wurden z.B. Umweltschutz, die Rechte Indigener, sowie Migration und Menschenhandel. Zu Sprache kam auch Rolle der Bildung beim Thema Umweltschutz. Es braucht Menschen, die „in der Lage sind, sich der Umwelt anzunehmen, im Namen der Solidarität, des gemeinschaftlichen Gewissens und einer ‚ökologischen Bürgerschaft'“. Ein weiterer Beitrag verwies auf hohe Jugendarbeitslosigkeit und berichtete von „alarmierenden Situationen der Sklaverei auf Feldern wie in Städten“.

Vieles, das auf dieser Synode derzeit diskutiert wird und werden wird, betrifft uns alle – wenn auch das Hauptschwergewicht auf der Amazonasregion liegt. Wir werden beobachten, welche Schlüsse gezogen werden und vor allem welche Schritte gesetzt werden, um unser aller Probleme mit der Umwelt zu lösen. Es ist dringend und betrifft uns alle!

 

Weil es im Amazonasgebiet noch immer brennt