Ist es noch meine Welt, wenn „raus aus dem Vollzeitkäfig“ gefordert wird?

Mein lieber, verstorbener Mann hat oft gesagt: „das ist nicht meine Welt“. Ich habe dazu gemeint, dass das nicht anginge, solange er lebe, wäre das auch seine Welt.

Naja, und manchmal geht’s mir jetzt auch so, ich habe das Gefühl, dass ich die Menschen – also „die Welt“ nicht mehr verstehe. Die heutige Headline der Zeitung „der Standard“: „Raus aus dem Vollzeitkäfig“. Bitte, das jetzt?

Wir haben derzeit eine sehr schwierige wirtschaftliche Situation, vieles von dem, das sie verursacht, ist nicht unsere Schuld – Pandemie, Krieg, manches anderes sehr wohl: Klima. Die Inflation ist noch nicht eingebremst, die Staatsverschuldung steigt über das „Geplante“ hinaus, die wirtschaftliche Zukunft schaut (für mich) ziemlich grimmig aus. Unsere Energiesituation ist höchst ungewiss, aufgrund der Entwicklungen im Fernen Osten  könnten weitere wirtschaftliche Probleme entstehen, wie Störung der Lieferketten, keine Lieferungen von Chips für die europäische Wirtschaft. Und wir haben zu wenig Arbeitskräfte, wie es so ausschaut, in allen Sektoren der Wirtschaft.

Dass das ein Planungsfehler auf vielen Ebenen war, ist wohl selbstverständlich, die Babyboomer gehen derzeit in den Ruhestand, es wurden zwischenzeitlich zu wenig Kinder geboren und die Zuwanderer wurden teilweise nicht ordentlich integriert, Jugendliche entweder vernachlässigt oder sogar gut integrierte abgeschoben.  Man hat leider bei uns in Österreich noch immer nicht erkannt, dass wir Zuwanderung brauchen, und wenn halt nicht die gut Ausgebildeten zu uns kommen, dann müssen wir halt, die, die kommen integrieren und ausbilden und nicht „weiterschicken“.  Es macht mich so wütend, dass Zuwachs bei Flüchtlingen noch immer als „Problem“ erachtet wird, und nicht als Chance – die sie doch ist.

So, unter diesen Umständen wollen die noch arbeitenden Menschen „raus aus dem Vollzeitkäfig“? Ich kann nur den Kopf schütteln! Zu meiner Zeit hat man in „Mannjahren“ gerechnet, und wenn jemand „Teilzeit“ arbeiten wollte, musste eine zweite, komplementäre Teilzeitkraft vorhanden sein, um das Rechnen in Mannjahren durchführen zu können. Das war auch noch die Zeit, in der Computer noch keinen Eingang in die Planung und Budgetierung gefunden hatten. Aber das ist ja heute kein Problem – oder?

Damals mussten wir Arbeitskräfte importieren – es kamen die Gastarbeitet, die gegen alle Erwartungen blieben, deren Familien nachgeholt wurden. An Integration dachte damals keiner.

Ich wurde schon sehr skeptisch, als ich von der Initiative der Wiener Linien gehört habe, bei gewissen Berufsfeldern die „Vier-Tage-Woche“ einzuführen. Dabei bleiben wenigstens die Wochenstunden unverändert.

Ich verstehe ja, dass es „Work-Life-Balance“ geben soll. Dass beide Elternteile auch Zeit für ihre Kinder haben sollen, dass man vielleicht zu der Zeit, in der die Kinder noch klein sind, „Karrierestreben“ etwas hintanstellen können sollte. Also eine Verschiebung des Schwerpunktes des Arbeitens. Aber “raus aus dem Vollzeitkäfig“ scheint mir nicht grad die richtige Antwort zu sein.

Vielleicht bin ich ein Kind der Zeit der Leistungsgesellschaft. Leistungsgesellschaft ist die Modellvorstellung einer Gesellschaft, in welcher die Verteilung angestrebter Güter wie Macht, Einkommen, Prestige und Vermögen entsprechend der besonderen Leistung erfolgt, die einem jeden Gesellschaftsmitglied jeweils zugerechnet wird (Leistungsprinzip, Leistungsgerechtigkeit). Im engeren Sinne ist damit eine Gesellschaft gemeint, die rechtliche Grundlagen und politische Instrumente schafft, um Lebenschancen an „Leistung“ zu binden, und die sich diskursiv darüber verständigt, was damit gemeint ist und wie es ermittelt wird. Manche von Ihnen werden sich vielleicht noch an den Satz erinnern: „wo is mei Leistung“?

Vielleicht war das nicht die beste aller Gesellschaftsformen. Vielleicht ist manches, sind manche auf der Strecke geblieben. Vielleicht ist manches vernachlässigt worden. Aber alles in allem meine ich, dass wir wirtschaftlich erfolgreich waren, und zwar ist es auch durch die so genannte soziale Marktwirtschaft (fast) allen besser gegangen. Es hat auch wirtschaftliche Krisen gegeben, z.B. den Öl-Schock, aber wir haben gemeinsam daran gearbeitet, wirtschaftliche Problem zu lösen.

OK, ich gebe zu, wir haben bei der Klimarettung (anfangs sicher unwissentlich) versagt.

Jetzt ist die wirtschaftliche Situation eine andere. In Österreich haben wir uns von einer Produktionsgesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft gewandelt. Das kann man auch daran ablesen, welche Studien von den jungen Menschen ergriffen werden. Viele unserer Produktionen haben wir in Billiglohnländer ausgelagert, jetzt sind wir halt von Lieferketten abhängig – und zwar z.B. auch im Pharmabereich.

Ich kann mir derzeit auch nicht vorstellen, wie es weitergehen wird. Aber „weniger arbeiten“ scheint mir – altem und höchst altmodischem Menschen nicht die richtige Antwort zu sein.

Ist es noch meine Welt, wenn „raus aus dem Vollzeitkäfig“ gefordert wird?

2 Gedanken zu “Ist es noch meine Welt, wenn „raus aus dem Vollzeitkäfig“ gefordert wird?

  1. Wenn man bedenkt, daß die „Vollzeit“ von heute mit 35 oder 37 Wochenstunden vor wenigen Generationen kaum mehr als Halbzeit war…
    Aber viele Menschen könnten Teilzeit arbeiten. Unter der Bedingung, den damit einhergehenden Einkommensverlust zu akzeptieren. Das steht ihnen frei! Was schlicht betriebs- und volkswirtschaftlicher Selbstmord ist in einer Situation weltweiter Konkurrenz (also mit Unternehmen, die zu weit niedrigeren Stundenlöhnen fertigen), ist die Illusion einer Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich, die von Sozialisten und Kommunisten immer wieder gefordert wird.
    Besonders in Berufen, auf die wir als Gesellschaft angewiesen sind, sind aber umgekehrt Wochenarbeitszeiten von 35 oder 40 Wochenstunden ein Traum. Und nur als weiteres Beispiel, die ev.-luth. Kirche in Bayern geht bei ihren Pfarrern und Pfarrerinnen von einer Regelwochenarbeitszeit von 54 Stunden aus!

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