Die Bruegel Ausstellung – eine Wucht!

Zwei Mal war ich schon dort, einmal mit hervorragender, kompetenter, inspirierender Führung, einmal allein und ich plane noch einmal hinzugehen. Warum? Weil meist so viele Leute dort sind, dass man die Bilder nicht im Detail betrachten kann. Aber es ist auch eine bemerkenswerte Ausstellung, die sich wahrscheinlich in meiner restlichen Lebenszeit nicht wiederholen wird. Gezeigt werden 30 von insgesamt 40 großen vorhandenen Bildern, davon sind sehr viele aus dem KHM und andere aus der Albertina. Der Rest sind Leihgaben aus der ganzen Welt, eher weniger aus den großen Museen, die wollten angeblich ihre Werke nicht herausrücken, wenn sie nicht Bilder aus Wien im Gegenzug erhielten. Und Wien ist wieder nicht gewillt, die unschätzbar wertvollen Bruegels aus der Sammlung dem Risiko einer Verleihung auszusetzen. Aber viele private Sammlungen haben dann doch ihre Bruegels für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt. Vor allem die „Komplettierungen“ sind faszinierend: von ursprünglich sechs Tafelbildern aus der Serie „die Jahreszeiten“ ging „der Frühling“ vermutlich schon im 17. Jahrhundert verloren. Die Kornernte befindet sich im Metropolitan Museum in New York. Aber erstmalig, seit 350 Jahren werden in Wien nun 4 Gemälde aus diesem Zyklus dargestellt, drei davon sind in KMH zu Hause. Die Stimmungen der Bilder könnten unterschiedlicher nicht sein, der düstere, kalte Winter, es wird einem kalt, wenn man das Bild anschaut. Dann der lichte Frühsommer. Auf dem man die geernteten Produkte erkennen kann, hauptsächlich in grün- und Ockertönen gehalten. Die Heimkehr der Herde lässt die kommende kalte Jahreszeit schon erahnen – es scheint bald regnen zu wollen, aber auch die Weinernte wir hier dargestellt.

Beim nächsten Mal reserviere ich mir einen Slot – das muss man, um überhaupt hineinzukommen – an einem Montag (vielleicht sogar in der Weihnachtszeit), den frühestmöglichen Termin  in der Früh, möglichst nicht zeitgleich mit einem „Führungstermin“. Warum Montag – normalerweise ist das Kunsthistorische Museum an Montagen geschlossen, nur während der Bruegel Ausstellung auch an diesem Tag offen, und das nehmen viele der eingesessen Wiener dann nicht wahr. Der erste Termin in der Früh: da sind noch keine vorher eingelassenen Menschen drin. Denn alle 20 Minuten wird eine Gruppe eingelassen. Aber die Mehrzahl der Leute bleibt halt dann viel länger und so kumuliert sich die Anzahl der Besucher über den Tag hin. Wenn sich dann noch geführte Gruppen unterwegs sind, die in dichten Trauben vor den Werken stehen, hat man keine Chance irgendetwas zu erspähen. Gerne würde ich mit meinen Enkelkindern hingehen, aber die hätten einfach keine Chance, zu den für sie interessanten Bildern vorzudringen – wie z.B. zu der Darstellung der „Kinderspiele“. 230 Kinder haben da den Platz einer flämischen Stadt für sich beansprucht. Und über 90 verschiedene Spiele werden dargestellt, manche davon werden von Kindern noch heute gern gespielt. Aber um dies wahrnehmen zu können, muss man schon ein kleines Weilchen vor dem Bild verbringen können.

Jederzeit kann man sich die Handzeichnungen des Meisters ansehen, aber auch die Kupferstiche, Radierungen, allesamt mit interessanten abwechslungsreichen Themen. Besonders beeindruckt war ich von der Darstellung eines Künstlers und eines potentiellen Käufers derselben. Nicht sehr freundlich wurde der Kunde nicht gerade abgebildet. Überhaupt sind die Menschen auf den Wimmelbildern in meinen Augen nicht besonders attraktiv

Nicht viele Leute sind in jener Abteilung (die ich wirklich interessant gefunden hat), wo die Malweise Bruegels erläutert wird. Man sieht, welches Holz – wie zerkleinert – er als Grundlage seiner Tafeln verwendet wurde. Dank der weit entwickelten Dendrologie kann man sogar das Alter des Holzes der einzelnen Bilder bestimmen. Man sieht seine Pinsel, gezeigt wird welche Handhaltung bei welchem Pinsel, Stäbchen, Schwamm angemessen war und mit welcher Methode die Farbe aufgetragen wurde. Man kann erkennen was und wieviel er vorgezeichnet war (mit Holzkohle, zumeist) und das immer   mit einschlägigen Bildausschnitten – entsprechend vergrößert. Auch die Bilder der großen (kaiserlichen, Habsburger) Sammler der Bruegelschen Werke sind meist gut zugänglich. Und am Ende der Ausstellung sieht man auch jene noch in der Zeit kopierten Bilder, die meist von den Söhnen Bruegels angefertigt wurden.

Jedenfalls – bei meinem nächsten Besuch werde ich nur jene Werke eingehender betrachten, die normalerweise nicht in Wien hängen, die Wiener Exemplare kommen dann dran, wenn der Wirbel der Ausstellung vorbei ist, und Bruegel wieder unter allen anderen Bildern hängt.

Besonders überrascht hat mich, dass es einen zweiten – durchaus unterschiedlichen Turmbau von Babel gibt, der in demselben Saal hängt. Was ich bisher bei meinen vielen Besuchen „unseres“ großen Turmbaus nicht wahrgenommen habe, ist, dass er sein Vorbild im Kolosseum in Rom hat. Auch auf die Tatsache, dass dieser Turm ja eigentlich schief steht, musste ich erst hingewiesen werden.  Das kommt davon, dass auch Stufen des Baus spiralförmig hinaufgehen. Das Bild vom Hafen von Neapel hat mir besonders gut gefallen, ich hatte bisher nicht gewusst, welche ausgedehnten Reisen der Meister unternommen hatte.

Es ist schwer, diese Ausstellung in ihrer Fülle zu beschreiben, aber ein Bild möchte ich noch erwähnen, es ist verhältnismäßig klein und wird von vielen nicht beachtet: Der Marientod. Ein faszinierendes Bild besonders wegen seiner Lichtgestaltung, die für mich mystisch wirkt.

Noch viele andere Bilder fesseln und erfreuen.

Aber gehen Sie selbst hin – planen Sie Ihren Besuch gut und nehmen Sie beim Eingang das angebotene Büchlein mit, dann sind Sie nicht drauf angewiesen, die Texte unter den Bildern zu lesen und können nur schauen und staunen.

Viel Freude bei Ihrem Besuch im KMH bei der Bruegel Ausstellung!

 

Advertisements
Die Bruegel Ausstellung – eine Wucht!

Die Großmutter erinnert sich

Meine beiden „kleinen“ Enkelkinder (7 und 4 Jahre) – über die hier bereits ohnedies schon öfters die Rede war – benötigten gestern am Nachmittag „Betreuung“ und zwar bei sich zu Hause. Also begab sich die Großmutter in die Wohnung der Schwiegertochter und des Sohnes.  Zuerst war nur die Enkeltochter zu Hause, gerade aus dem Kindergarten gekommen. Ich versuchte mich unter diesen Umständen aufs Vorlesen zu beschränken – die Wahl der Bücher war bei ihr. Das kommt daher, weil die Großmutter nicht sehr gerne Gesellschaftsspiel spielt aber andererseits auch deshalb, weil andere Spiele, wie z.B. Puzzles, meist am Boden sitzend zu spielen sind. Nun auf den Boden komme ich recht flott, aber das Aufstehen ist nicht immer einfach und lieber ist es, wenn ich mich dabei an einem stabilen Gegenstand aufrichten kann – aber der ist dann nicht immer in Reichweite- also daher in einem Sessel sitzend  vorlesen. Das weckte noch ein Weilchen Interesse, es gibt ja heutzutage wirklich entzückende Kinderbücher. Eines davon hatte ich schon meinen eigenen Kindern, als sie noch kleiner waren – vorgelesen – die Bücher über den kleinen Bären und den kleinen Tiger von Janosch – oh, wie schön ist Panama.

Das ging ein Weilchen gut, bis dann der Bruder aus der Schule kam. Das kann er schon alleine, er benützt das Fahrrad und wurde auf Vorsicht getrimmt. Ich kann nur hoffen, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer auch vorsichtig sind und sich nicht mit ihren neuen „Spielzeugen“, den E-Rollern, über alle bestehenden Verkehrsregeln hinwegsetzen, wie ich das leider doch oftmals feststellen muss. Außerdem sind diese Geräte leise, sodass man sich als Fußgänger beispielsweise nicht an sie anpassen kann, wenn sie sich tückisch von hinten mit großer Geschwindigkeit nähern.

Er kann heil nach Hause, holte sich vorbereitetes Essen und hörte – Desinteresse vortäuschend – dem Vorlesen ein Weilchen zu. Ich bot ihm an, nun selbst die Bücher auszuwählen, aber auch das wies er gelangweilt von sich, er ist ja schon groß!. Ich glaube er war enttäuscht, dass „nur“ die Großmutter anwesend war. Na gut, damit kann ich leben. Dennoch fand ich dann ein Buch mit (alten) Kinderreimen, bei denen er sich dann doch nicht eines Lachens enthalten konnten: wie z.B. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, eine alte Frau kocht Rüben, eine alte Frau kocht Speck, schneidet sich den Finger weg. Kommt der Doktor Hampelmann und klebt den Finger wieder an. Das ist jedenfalls einer der Reime, den ich noch aus meiner eigenen Kindheit kenne.

Aber sehr lange ließ sich das „inaktive“ Vorlesen nicht aufrechterhalten. Mein Enkel schnappte sich eine Decke, hüllte sich darin ein – was blieb mir über, als ihn als Gespenst zu bezeichnen. Er spielte seine Rolle als immer auftauchendes und verschwindendes Gespenst unterschiedlich heulend ganz hervorragend. Die kleine Schwester versuchte mich vergeblich, davon zu überzeugen, dass dies kein Gespenst, sondern ihr Bruder wäre. Und selbstverständlich wollte sie nun auch ein Gespenst sein. Nun, um einen sich abzeichnenden Streit zu vermeiden, wurde nach einer weiteren Decke gesucht, und nun eilten zwei Gespenster durch die Wohnung. Aber da man ja immer einander übertreffen muss, suchte der große Bruder nun eine zweite Decke, um diese als Schleppe hinter sich herziehen zu können.

Nun stellte sich ein logistisches Problem, wie kann man die beiden Decken miteinander verbinden?  Nach einigem Nachdenken und Probieren fanden wir dann eine Lösung: die Decken wurden mit Wäschekluppen aneinander befestigt – erforderte einige Aufwand, aber funktionierte. Nun – wie man sich gut vorstellen kann, benötigte auch das zweite Gespenst eine weitere Decke. Auch die wurde herbeigeschafft, und ebenfalls an der ersten befestigt, mit viel mehr Aufwand und viel systematischer als der große Bruder dafür verwendet hatte. Das führte allerdings auch zur Zerstörung einiger dieser Kluppen, weil die Decken doch dick waren.

Ich sammelte die Reste dieser zerstörten Kluppen ein, während die Gespenster alles beiseite wischend durch die Wohnung tobten – mit großem Geschrei. Aber es wurde nicht gestritten! Ich versuchte diese Holzkluppen wieder zusammen zu stecken.

Und da erinnerte ich mich: Meine Mutter hatte – um unser Haushaltsbudget aufzubessern – Heimarbeit angenommen (ich glaube, dass das eine Nachbarin vermittelt hat). Man muss bedenken, dass aber ein Haushalt in dieser Zeit (vierziger, fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts)  wesentlich mehr Aufwand erforderte als heute (keine Waschmaschine – Waschen des Wäsche in der Waschküche im Keller, Tragen der nassen, schweren Wäsche über praktisch sechs Stockwerke  (ohne Lift) auf den Dachboden, um sie dort aufzuhängen; keine Geschirrwaschmaschine, keine Küchenmaschine außer vielleicht einer „flotten Lotte“ zum Passieren etc.). Die Heimarbeit bestand aus dem Zusammenstecken von entweder hölzernen Mausefallen oder eben hölzernen Kluppen. Das erfolgte bei uns zu Hause nur abends, nachdem das „Tagwerk“ getan war, und dauerte oft lang in die Nacht hinein. Die Bezahlung dafür war marginal. Dabei lief „zur Unterhaltung“ das Radio. Sehr geholfen hatte ich dabei meiner Mutter nicht.  Aber wie man Kluppen zusammenstecket, daran konnte ich mich erinnern.

Nun wurde die ersehnte Heimkehr meines Sohnes vorbereitet. Sobald man den Schlüssel im Schloss hörte (mein Enkel hatte vorsorglich doppelt zugesperrt – und das hört man, beim Aufsperren -) versteckten sich die beiden Kinder und ich war beauftragt alle Lichter abzudrehen. Der Vater erschrak erwartungsgemäß einigermaßen theatralisch, und suchte verzweifelt seine Kinder. Er war anfangs sehr enttäuscht, als er nur zwei Gespenster vorfand.

Es bedarf wirklich keines komplexen elektronischen Spielzeugs um es lustig zu haben.

Die Großmutter erinnert sich

SOLL man aus der Geschichte lernen: die Donaumonarchie und die EU

Gestern habe ich über „kann man aus der Geschichte kernen“ aufgrund des Jeweils unterschiedlichen Verhaltens der Siegermächte nach dem Ersten un en Zweiten Weltkrieg die Frage mit J beantwortet. Zugleich ist mir ein Artikel (über eine Historikermeinung) untergekommen, der den Titel trägt wiedergibt, dass der Zerfall der Donaumonarchie ein katastrophaler Fehler war. Eine Einsicht, die leider 100 Jahre zu spät kommet, aber heute als negatives Beispiel dient: heute möge man die Existenz der Europäischen Union nicht leichtfertig auf das Spiel setzen.

Der britische Historiker Steven Belller meint, bei einer wissenschaftlichen Konferenz in Wien, dass dieses Auseinanderbrechen der Habsburgermonarchie wesentlich zum Aufstieg von Nationalismus und Diktaturen beigetragen habe. Und er empfiehlt, supranationale Strukturen, wie die EU, nicht einfach auflzuösen, nur weil sie einige Fehler haben. „Man weiß nicht, was man hatte, bis man es verloren hat“, resümiert Beller.

Ich fürchte, dass dieser Wunsch nach Zersetzung der EU sich bereits langsam durchzusetzen beginnt. Da kommt der Brexit ins Spiel, wo Nationalisten die Vorteile des „Alleinseins“ lobten, ohne auf die Nachteile hinzuweisen, wodurch es zu diesem traurigen Ausgang eines Votums gekommen ist. Aber auf der anderen Seitz ist da der Aufstieg der rechten und rechtsextremen Parteien, die kein gutes Haar an der Union lassen, sie zwar am liebsten auflösen wollen, dies aber verschleiern, wahrscheinlich bis zu einem Zeitpunkt, da die EU dann für sie sturmreif sein wird. Ich denke da an unsere Nachbarn im Osten, die Visegrad Gruppe (sind das nicht weitgehend dieselben, die bereits im Weltkrieg an dem Untergang der Habsburgermonarchie wesentlich beteiligt waren?) Und da ist derzeit Italien – einerseits ein Mitglied der Gründungsgruppe der sechs Staaten  im Jahr 1957 – und andererseits derzeit unter der Regierung der Lega und Fünf Sterne Bewegung bestrebt die EU zu zerstören. Und da ist noch immer die Le Pen Bewegung (die ja mehrmals ihren Namen gewechselt hat) in Frankreich, die Wilders Gruppe in den Niederlanden, die ebenfalls an einem Scheitern von Brüssel sehr interessiert zu sein scheinen. Dass sich die FPÖ in dieser EU Fraktion befindet, ist nicht gerade beruhigend für uns Österreicher.

Zurück zum Zerfall der Donaumonarchie: Wesentliche Fehler sind schon bei den Waffenstillstandsverhandlungen nach der Kapitulation Österreich-Ungarns am 3. November 2018 passiert.  Denn bis dahin hatte die Donaumonarchie auch als ausgleichender Faktor in der europäischen Politik gewirkt. Beller räumt – zu Recht – ein, dass dieses Habsburgerreich „weit davon entfernt gewesen, perfekt“ zu sein und insbesondere keine Demokratie, aber sie sei ein Rechtsstaat mit einer unabhängigen Justiz und einer effizienten Bürokratie gewesen. Es sei immer und immer wieder, nicht immer erfolgreich, ein Interessenausgleich versucht worden. Man war auch wirtschaftlich erfolgreich, denn die Monarchie war – in moderner Sprache ausgedrückt – eine Freihandelszone und ein Binnenmarkt gewesen. Der Zerfall dieses gemeinsamen Wirtschaftsraumes habe zu der Wirtschaftskrise beigetragen und „eine rasante Entwicklung“ hin zu politischen Konflikten ermöglicht, und damit sei es  in der Folge zu Nationalismus und Faschismus gekommen. Und ist es nicht der verstärkte Nationalismus mancher Staaten, der heute zum Aushöhlen der EU führt?

Die vielen „Klein“-Staaten, die sich in der Folge des Zerfalls dieser Monarchie etabliert haben, sind sehr bald Opfer größerer Staaten geworden – des nationalsozialistischen Deutschlands einerseits und der kommunistischen Sowjetunion andererseits. Und lange hat diese Unterdrückung gedauert- länger im Osten als im Westen. Und darum war auch essentiell, dass diese „ehemaligen Nachfolgestaaten“ so rasch in die EU aufgenommen wurden, um eben eine derartige Gefahr der Vereinnahmung zu verhindern.

Was ist nun konkret die Lehre aus alle dem: Jan Zielonka, der ebenfalls an diesem Treffen teilnahm, bezeichnet die derzeitige Situation als „Konterrevolution“. Dagegen müssen sich jene Mitglieder der EU die für Rechtsstaatlichkeit stehen, wehren, indem sie möglich rasch die EU neu erfinden.  Die derzeitige EU wäre keine Antwort auf die multinationalen Firmen, die komplexen Netzwerke von Banken, Terroristen und Migranten. Die liberalen Werte, auf die die derzeitige EU baute und baut, sind verraten worden. Das wurde ersetzt durch Gefühle, Mythen, Fake News und dreiste Lügen.

Für mich sind Analysen gut und schön, aber wo sind die Wege, die zu beschreiten sind, wo die Personen, die diese Wege erst finden und dann abstimmen müssen, wohin Europa in der Zukunft gehen wird. Die Motoren dieser möglichen Vorwärtsbewegung – Deutschland und Frankreich – sind sich zwar einig, in ihren Wünschen der Bewahrung der EU aber wirklich neue Wege sehe ich auch nicht.

Mir erscheint wesentlich vorerst einmal jene Staaten, die zentrifugale Tendenzen zeigen, auf die Vorteile des Zusammenbleibens einzuschwören, indem ihnen die nachteiligen Folgen vor Augen geführt werden. Da bietet der Wahlkampf für das Europäische Parlament doch eine Bühne, überregional zu agieren. Die Wähler müssen von ihren eigenen Vorteilen überzeugt werden, die sich ergeben, wenn die EU gestärkt wird. Das wird nicht leicht sein, in dem nationalistisch aufgeheizten Klima, aber es muss mit allen Mitteln versucht werden.

Also: reden  wir miteiander!

 

 

SOLL man aus der Geschichte lernen: die Donaumonarchie und die EU

Kann man aus der Geschichte lernen: JA – anhand eines Beispiels

In einer der vielen kürzlich stattgefundenen öffentlichen Diskussionen ist auch die Frage gestellt worden: Kann man aus der Geschichte lernen. Die Meinungen dazu waren ambivalent.

Ich möchte dazu ein Beispiel bringen, von dem ich annehme, dass sehr wohl aus der Geschichte gelernt werden kann. Wir alle haben gehört und gesehen, in welchem Geiste die Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg erfolgt sind. Im Vordergrund stand die Bestrafung, jener, von denen die Siegermächte annahmen, dass sie den Krieg ausgelöst hatten. Weiters wurde eine „Wiedergutmachung“ gefordert, d.h. Kriegsschäden der Siegermächte sollten von den Besiegten bezahlt werden. Manchen der Verhandler auf der Siegerseite ging es auch um Demütigung der Besiegten. Vielleicht wurde gerade das zur Befriedigung der eigenen Bevölkerung gefordert?

Die Vertreter der Besiegten wurden kaserniert, sie durften sich nicht frei bewegen. Die Besiegten hatten keine Möglichkeit, den Inhalt der Verträge im Voraus zu kennen, sie wurden ihnen ohne Möglichkeit einer Verhandlung oder gar eines Einspruchs präsentiert – sie mussten unterschreiben. Österreich hatte nicht nur seine Kronländer verloren, in denen vieles der benötigten Industrie- und Landwirtschaftsprodukte lagen, es wurden auch jene deutschsprachigen Gebiete, z.B. Sudetenland, nicht Österreich zugesprochen – eine Tatsache, mit der weder die Sudeten noch die Österreicher gerechnet hatte. Wer je die Szene der Verabschiedung der Delegierten aus dem österreichischen Parlament gesehen hat, weiß wie schmerzlich – für beide Seite – dieser „Abschied“ war.  Das 14 Punkte Programm (Selbstbestimmungsrecht der Völker) von Woodrow Wilson, an das man sich so strikt bei der Schaffung neuer Staaten aus der alten Monarchie gehalten hatte, galt nicht für „Deutsch-Österreich“, eine weitere Demütigung. Denn Böhmen, Mähren, Österreichisch-Schlesien und einige Gemeinden Niederösterreichs (u. a. Feldsberg, der Bahnhof Gmünd und andere Gemeinden) gehen an die neu gegründete Tschechoslowakei, das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung im Sudetenland (Deutschböhmen und Deutschmährer), die im Oktober 1918 die eigenständige Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland gegründet hatten, findet dabei keine Berücksichtigung; Galizien geht an Polen; Südtirol, Welschtirol und das Kanaltal gehen an Italien; Istrien geht an Italien; Die Bukowina geht an Rumänien; Dalmatien, Krain, Teile der Untersteiermark sowie das Kärntner Mießtal und das Seeland gehen an das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen; über Südkärnten ist eine Volksabstimmung darüber, ob es künftig zu Österreich oder zu Jugoslawien gehören möchte, durchzuführen. Nach Abtrennung dieser Gebiete blieb von Österreich (Cisleithanien) ein Reststaat von etwa 6,5 Millionen Einwohnern. Ungarn wurde ähnlich wie Österreich harte Bedingungen und Reparationen auferlegt. Ferner wird die Verwendung von „Deutschösterreich“ als Staatsname wird verboten. Ein Anschlussverbot gegenüber dem Deutschen Reich – das von allen Parteien Deutsch-Österreichs gewünscht worden war – wird ausgesprochen. Österreich und die Tschechoslowakei werden zu Reparationszahlungen verpflichtet. Eine allgemeine Wehrpflicht wird verboten. Es wird nur ein Berufsheer von 30.000 Mann erlaubt. Rüstungsfabriken und Waffen müssen zerstört werden. In der Monarchie war man so stolz auf seine Soldaten gewesen.

Wie sollte dieses „Restösterreich, das bitter arm war, das hungerte, das von der Spanischen Grippe geplagt war, diese Reparationszahlungen aufbringen?  Österreich musste um Geld betteln! Kredite wurden zwar gewährt (die so genannte Genfer Sanierung beinhaltete eine Völkerbundanleihe in der Höhe von 650 Millionen Goldkronen mit 20-jähriger Laufzeit), aber Österreich unter Kuratel gestellt und sämtliche „Assets“ mussten als Pfand dienen, und die Finanzen durch einen Kommissar (Alfred Rudolph Zimmermann) kontrolliert. Die Folge war auch ein massiver Sparkurs und Beamtenabbau.

Die Konsequenzen dieser Perspektivenlosigkeit sind bekannt.

 

Wie anders war die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Verträge regelten in Österreich diese Situation: das Potsdamer Abkommen und die Moskauer Deklaration. Das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 hatte vorgesehen, dass jede Besatzungsmacht ihre Reparationsansprüche durch Demontagen und Sachlieferungen aus ihrer eigenen Besatzungszone befriedigen sollte. Da die Sowjetunion die größten Kriegsschäden erlitten hatte, erhielt sie das Recht zugestanden, Reparationen auch aus den anderen Zonen zu erhalten. Hieran entzündete sich bald Streit: Da die Sowjetunion sich weigerte, diese Lieferungen mit Lebensmittellieferungen aus ihrer Zone zu vergüten, beendete der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay am 25. Mai 1946 die Lieferungen auf das Reparationskonto aus der amerikanischen Zone an die Sowjetunion. Die beiden anderen Westmächte schlossen sich diesem Vorgehen an. Mit dem Beginn des Kalten Krieges schränkten zuerst die westlichen Alliierten die Demontagen ein und verschoben ihre Reparationsforderungen bis zum Abschluss eines Friedensvertrages. Da der Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990 im Einvernehmen aller Vertragsparteien „anstelle eines Friedensvertrages“ geschlossen wurde, kam es auch später zu keinen weiteren Reparationszahlungen. Das Moskauer Abkommen stipulierte: „Die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind darin einer Meinung, dass Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll.“ Die Westmächte, besonders die britische Regierung, forderten, die Bevölkerung zwar  insgesamt zur Verantwortung zu ziehen und eine Reeducation zu betreiben. Im Unterschied dazu war die Sowjetunion vorrangig an wirtschaftlichen Reparationen interessiert und sah daher den Staat Österreich in der Pflicht.

Und später km der Marshall-Plan. Der allerdings ganz Westeuropa betraf – und Österreich darin eine Sonderstellung hatte, als es auch noch besetzt war und dabei eine sowjetisch besetzte Zone aufwies.

Und die Konsequenz davon: die Europäische Unioen, und letztlich Frieden und Wohlstand!

Und jetzt meine Schlussfolgerung: kann man aus der Geschichte lernen – ich sage ja, wie das eben nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist. Aber dieses „ja“ bedingt ein Wollen: man kann aus der Geschichte lernen, wenn man will.

 

Kann man aus der Geschichte lernen: JA – anhand eines Beispiels

Eine Ausstellung, die mich leider enttäuscht hat

„Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch“ ist eine Ausstellung im Weltmuseum in Wien. Ich bin mit großen Erwartungen in diese Ausstellung gegangen, auch auf Grund des – nach meiner Meinung -ausgezeichneten Plakates. Aber ich bin enttäuscht weggegangen. Und ich denke drüber nach warum?

Aufgezeigt wird das Gebot für Frauen, sich das Haupt zu verhüllen, das ist seit Jahrhunderten ein Bestandteil der europäischen Kultur ist. Seine Geschichte reicht von den Anfängen des Christentums bis in unsere Zeit. Da beginnt schon meine Enttäuschung – die Verhüllung des Hauptes der Frauen kennen wir doch schon von den Babyloniern.

Es beginnt mit dem Apostel Paulus, er fordert von den Frauen, ihr Antlitz mit einem Schleier zu verhüllen, wenn sie mit Gott reden. Die Basis dafür ist seine Aussage, dass der Mann von Gott stammt, die Frau hingegen vom, Mann. Er hat somit in der Kirche sein Haupt zu enthüllen. Offenes Haar der Frauen gilt als unsittlich, nur der Jungfrau Maria kommt mitunter solches zu. Das bedeckte Haupt zählt zum Vorrecht verheirateter Frauen wie zur Ordenstracht der Nonnen. Trauernde legen den Witwenschleier an. Im Spätmittelalter bestimmen in den Städten Europas Kleiderordnungen, wie sich die Frauen Kopf und Hals zu umhüllen haben.

Aber noch in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts störte den Papst der Leichtsinn von Frauen, die sich beim Tanzen in „unanständiger“ Kleidung über die Grenze der Schamhaftigkeit hinwegsetzten.  Auch der so genannte Bubikopf (also kurz geschnittene Haare) galt als unsittlich. In den dreißiger Jahren in Österreich – vorwiegend im Ständestaat – beherrschte dann die Tracht die Mode – natürlich einschließlich Kopfbedeckung (also Kopftuch), das trug frau zum Dirndl. Diese Bekleidung war mit dem damaligen Heimatbegriff kompatibel. Im Nationalsozialismus setzte sich „praktische“ Kleidung durch und dazu gehört selbstverständlich auch das Kopftuch, das dann allerdings am Hinterkopf gebunden wurde. Für Arbeiterinnen in den Waffenfabriken ziemte sich halt keine elegante Kleidung.

In den fünfziger Jahren kam die „Mode“ wieder zu ihrem Recht, ich erinnere mich gut an den „New Look“ (Christian Dior). Der erforderte erheblich mehr Stoff (z.B. lange, breit schwingende Röcke) als in der Kriegs- und Nachkriegszeit dafür verfügbar gewesen wäre.  Dazu wurde – als Schutz vor Wind und Wetter – ein großes elegantes Seidentuch am Klopf getragen. Es war die Marke „Hermès“, die die schönsten derartigen Tücher feilbot, und die waren sehr teuer. Jede von uns, die jemand kannte, der ins Ausland reiste, baten wir, uns im Duty-free-Shop am Flughafen ein derartiges Tuch mitzubringen, denn dort waren sie erheblich billiger! Queen Elizabeth II. trägt nach wie vor als persönliches Branding ein Kopftuch von Hermès – nicht nur wenn sie ausreitet. Die Ausstellung deutet an, dass das Kopftuch damals als Modeaccessoire für Luxus, Eleganz und Emanzipation stand. Ich hatte gar nicht den Eindruck, damit für „Emanzipation“ zu stehen. Jedenfalls sind diese Kopftücher, sofern sie nicht verloren worden oder kaputt gegangen sind, von meinen Enkelinnen derzeit hochgeschätzt – unter dem Titel „Vintage“.

Die Ausstellung des Weltmuseums zeigt Exponate aus Nordafrika, Südwest- und Zentralasien, Guatemala und Indonesien. Diese prachtvollen Tücher sind aus unterschiedlichen Materialien, mit unterschiedlichen Mustern sei es gewebt, gestickt oder bedruckt.

Besonders beeindruckt haben mich künstlerische Photographien von wunderschönen Frauen, die in Roben und Kopfbedeckungen bekleidet sind, die aus Verpackungsmaterial hergestellt sind.

Was mir ein bissel abgegangen ist, wäre ein erotischer Moment, der für mich die Verhüllung und entsprechende Enthüllung darstellt und die eigentlich vom Plakat auch unterstellt wird. Es wird aber z.B. angegeben, dass ein Teil der jungen Musliminnen sich in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden verschleiern muss, da sie sonst als sündig und den Männern als verfügbar gelten. Dass sie das mit bunten Stoffen und lustigen Verknüpfungen des Kopftuchs bewältigen, wird gerühmt, aber auch dass im Iran sich Aktivistinnen mit offenem Haar gut sichtbar auf belebte Kreuzungen stellen und als Zeichen des Protests ihr Kopftuch schwenken wird erwähnt.

Es ist das Ziel der Ausstellung, die Veränderungen aufzuzeigen, die das Kopftuch erlebt hat und die vergessen oder verdrängt wurden oder einfach unbekannt sind. Die Ausstellung zeigt das Kopftuch nicht als Kleidungsstück, das immer ein Objekt der freien Wahl war, sondern greift ein wenig die Kontroversen über den Zwang der Verschleierung auf. Diese Ausstellung belegt, dass Kopfbedeckungen keine alleinige Domäne einer Religion, Kultur oder Weltsicht sind.

Dennoch, ich bin unbefriedigt weggegangen. Denn auf die unterschiedlichen Motive, die Muslimas im Westen dazu bewegen, ein Kopftuch zu tragen, wurde überhaupt nicht eingegangen, das hat man wohlweislich vermieden, denn das kann zu politischen Kontroversen führen. Aber genau dieser Kontroversen bedarf es, um das Kopftuch in unserer Gesellschaft zu definieren. Man hat sich darauf beschränkt, dass Muslimas Kopftücher „tragen müssen“. Hat nun das Weltmuseum die Aufgabe sich derartigen Problemen zu stellen oder reicht sein Auftrag nur soweit, die „Dinge“ (Tücher Photos, Objekte) dazustellen oder sollten Interpretationen vermieden werden, die politisch relevant sind?

 

 

Eine Ausstellung, die mich leider enttäuscht hat

Martini- und sonstige Gänse

Um diese Jahreszeit: Gänse allüberall. Die Wirtshäuser aber auch Spitzenrestaurants bieten sie an, in den Zeitungen werden die besten Ganslwirte genannt, auch im Netz finden sich Gansrezepte, die Supermärkte verkaufen ganze Gänse – oder auch Teile davon.

Woher kommt das wohl? Es geht auf den Heiligen Martin zurück. Und was hat dieser gerade mit Gänsen zu tun?  Naja, er wollte nicht Bischof werden, und um seiner Wahl zu entgegen, versteckte er sich in einem Gänsestall – aber diese schnatterten so laut und verrieten ihn damit.

Das erinnert mich an andere Gänse: die kapitolinischen Gänse. Es war der 18. Juli 387 v.Chr., an dem Gänse eine wichtige Rolle für die römische Geschichte gespielt haben sollen. Mehrere Keltenstämme hatten die Alpen überwunden, sich Rom genähert und drohten, die Stadt zu vernichten, so berichtet der Geschichtsschreiber Livius. Man war in Rom davon ausgegangen, dass die Alpen unüberwindlich für jeden Angriff von Norden her wären. Daher seien auch am Morgen des 18. Juli die Stadtbewohner nicht wachsam gewesen. Nur ein paar Gänse auf dem Kapitol sollen wach gewesen sein. Diese Gänse waren die heiligen Tiere der Göttin Juno, die ihren speziellen Platz im Tempel auf dem wichtigsten Hügel Roms besaßen. Diese Gänse nun sollen die einzigen gewesen sein, die die Gefahr für ihre Stadt spürten. Mit ihrem lauten Geschnatter sei es ihnen schließlich gelungen, die Bewohner zu wecken. Gerade noch rechtzeitig hätten die Römer erkannt, was geschehen war, und waren in der Lage zumindest das Kapitol retten können. Diese Rettung hätte wohl kaum mit einem Gänsebraten gefeiert werden dürfen.

Aber zurück zum Heiligen Martin: wieso war man überhaupt auf die Idee gekommen, ihn zum Bischof zu machen? Der heilige Martin von Tours wurde um 316/317 in Steinamanger geboren.  Wahrscheinlich aus diesem Grund war die burgenländische Landesregierung in den „Geburtsjahren“ des Landes (1921) bestrebt, die noch schwache burgenländische Identität durch die Einführung verbindlicher Landessymbole, wie einem eigenen Landespatron, zu stärken. Für die Wahl gerade des Heiligen Martin scheint vor allem die Nähe von dessen Geburtsstadt Savaria (Steinamanger/Szombathely) zum burgenländischen Territorium ausschlaggebend gewesen zu sein. Mit dem Dekret des Heiligen Stuhles vom 10. 12. 1924 wurde die Erhebung des Heiligen Martin zum burgenländischen Landespatron schließlich offiziell verkündet.

Matins Vater war in Steinamanger römischer Offizier und wurde später nach Pavia versetzt. Dort wuchs Martin auf. Der Junge wurde als Sohn eines Offiziers im Alter von 15 Jahren ebenfalls Soldat. Er trat bei einer römischen Reiterabteilung in Gallien ein. Im Jahr 334 war Martin als Gardeoffizier in Amiens (Frankreich) stationiert. An einem kalten Winterabend ritt Martin auf die Stadt zu. Auf den Straßen lag dicker Schnee. Martin trieb sein Pferd an. Durch den schnellen Ritt, so hoffte er, würden Pferd und Reiter warm werden. Plötzlich scheute sein Pferd. Da lag etwas am Straßenrand. War es ein Tier oder ein Mensch? Viele Menschen waren an dem den Mann achtlos vorübergegangen. Viele hatten ihn gesehen, aber sie schämten sich vor den Leuten, sich niederzubeugen zu einem so elenden Mann. Martin aber kam vorsichtig näher. Da hörte er ein leises Stöhnen. Es war ein Bettler, nur spärlich mit Lumpen bekleidet. Der Mann wimmerte vor Kälte. „Ich friere so“, jammerte er und streckte Martin zitternd die Hand entgegen. Martin zögerte nicht lange; er zog sein Schwert und schnitt damit den weiten Soldatenmantel entzwei. Dann reichte er die eine Hälfte den Bettler: „Den schenk ich dir!“ Martin legte die andere Hälfte des Mantels um sich, trieb sein Pferd an und ritt, noch ehe der Bettler sich bedanken konnte, davon.

Mit seinem verkleinerten Umhang kam Matin ins Lager der Soldaten zurück. Niemand sollte wissen, was er getan hatte. Aber er musste einen Raum durchqueren, in dem seine Kameraden in ein Würfel- und Kartenspiel vertieft waren. Als Martin gerade den Schlafraum betreten wollte, kam ihm ein anderer Soldat entgegen. „Ha“, rief der, „schaut euch unseren stillen Martin an! Wo mag der wohl gewesen sein? Mit einem halben Mantel kommt er wieder!“ Die Spieler blickten alle auf und sahen Martin in seinem halben Mantel und lachten ihn aus. Martin wollte den Kameraden nichts von dem erzählen, was er getan hatte; aber ein Vorgesetzter befahl ihm zu sprechen. „Ich habe die Hälfte meines Mantels einem alten Mann gegeben. Es fror ihn so“, sagte Martin nur. Für einen Augenblick verstummten die Soldaten, bis einer von ihnen rief: „Warum hast du nicht auch gleich dein Pferd halbiert, Martin?“ – Da brach Gelächter los unter den Soldaten, und Martin wandte sich ab. Aber sie spotteten weiter über ihn, und sie zupften und rissen an seinem Mantel und riefen: „Gib uns auch ein Stück von deinem Mantel! Uns ist auch so kalt!“ – Das Gelächter scholl Martin noch lange nach.

In der folgenden Nacht erschien Martin im Traum Christus, mit dem halben Mantel bekleidet, den er den Bettler gegeben hatte. Er sagte zu der Heerschar der Engel, die ihn begleitete: „Martinus, der noch nicht getauft ist, hat mich bekleidet. Ich war der Bettler, dem du geholfen hast. Danke.“ Im Jahre 356 quittierte Martin seinen Dienst beim Kaiser, um fortan Gott zu dienen. Er wird Missionar und später dann zum Priester geweiht. Wegen seiner bescheidenen Lebensweise und seiner frommen, gerechten und hilfsbereiten Art wurde Martin schnell sehr beliebt. Als im Jahr 371 der alte Bischof von Tours starb, wollte die Bevölkerung Martin zum neuen Bischof machen. Aber Martin wollte nicht. Er fühlte sich nicht würdig, Bischof zu werden. Er wollte nicht in einem Palast leben, keine edlen Gewänder, Ringe und Ketten tragen. Das war nicht seine Welt.

In Tours hatten sich bereits viele Menschen zur Bischofswahl eingefunden. Martin wäre der Richtige für das Bischofsamt, so war die überwiegende Meinung. Einige wenige waren damit nicht einverstanden. Darunter auch etliche Bischöfe, die zur Einsetzung des neuen Bischofs herbeigerufen wurden. Sie meinten, jemand von so kümmerlichem Aussehen mit schmutzigem Kleid und ungepflegten Haaren sei nicht würdig, Bischof zu werden.

Während dieser Diskussion entfernte sich Martin unbemerkt. Er wollte so der Bischofsernennung zu entgehen. Da er keinen geeigneteren Ort fand, um sich zu verstecken, suchte er Zuflucht in einem Gänsestall. Er hoffte, dort bis zum Anbruch der Dunkelheit bleiben zu können. Vielleicht würde sich die Aufregung um seine Person wieder legen und er könnte der bescheidene Mönch bleiben, so hoffte er.

Als Martin in den Gänsestall eintrat, schnatterte das Federvieh, was die Schnäbel hergaben. So wurde er schnell gefunden. Martin deutete das als Zeichen Gottes, die Aufgabe zu übernehmen. Er willigte schließlich ein und wurde Bischof von Tours. Martin zog allerdings nicht in den Bischofspalast, sondern blieb in seiner Einsiedelei wohnen. Jahre später wurde dort das Kloster Marmoutier gegründet.

Heutzutage ziehen Kinder zum Gedenken an den heiligen Martin mit Laternen durch die Straßen.

Lassen Sie sich Ihr Martinigansl recht gut schmecken!

Martini- und sonstige Gänse

Da hätte sich Lawrence von Arabien gefreut ….

Im Moment ist alles so erhaben, so ernst, so gedenkjährig. Und eigentlich ist mir gar nicht so zumute. Heute am Friedhof, es war nebelig, trüb, die fast unbelaubten Alleen verliefen ins Unendliche – November halt. Aber ich will nicht „endzeitstimmig“ sein.

Also mach‘ ich jetzt ein Gedankenexperiment. Ich überlege mir: was wäre gewesen, wenn …. Es ist mir bewusst, dass das unzulässig ist, aber warum sollte ich es eigentlich nicht versuchen. Ich streiche und verändere Ereignisse weit in der Vergangenheit und überlege, welche Folgen das möglicherweise gehabt haben könnte.

Fakten

Das so genannte Sykes Picot Abkommen wurde im November 1915 von dem französischen Diplomaten François Georges-Picot und dem Engländer Mark Sykes ausgehandelt. Am 3. Januar 1916 wurde ein Entwurf vereinbart, am 16. Mai wurde das Abkommen offiziell geschlossen.  Der Inhalt war der Folgende: Großbritannien wurde die Vorherrschaft über ein Gebiet zuerkannt, das insgesamt etwa dem heutigen Jordanien, dem Irak und dem Gebiet um Haifa entspricht. Frankreich sollte die Herrschaft über die Südost-Türkei, den Nordirak, Syrien und den Libanon übernehmen. Jedes Land konnte die Staatsgrenzen innerhalb seiner Einflusszone frei bestimmen. Das später Palästina genannte Gebiet sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden. Das Sykes-Picot-Abkommen stand inhaltlich zur Hussein-McMahon-Korrespondenz der Jahre 1915/16 im Widerspruch. Das ist ein Briefwechsel zwischen dem Führer des Hedschas, Hussein ibn Ali, Sherif von Mekka, und Sir Henry McMahon, Britischer Hochkommissar in Ägypten in den Jahren 1915–1916. Gegenstand dieser Korrespondenz war die politische Zukunft der arabischen Länder des Nahen Ostens sowie das Bestreben Großbritanniens, einen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft anzufachen.

McMahons Aussagen wurden von den Arabern als Zusage für eine arabische Unabhängigkeit gewertet, die durch die nachfolgende Teilung der Region in von Großbritannien und Frankreich kontrollierte Gebiete gemäß dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916 gebrochen wurde. Eine besondere Kontroverse entstand um Palästina, das offizielle britische Stellen und auch McMahon selbst nach Bekanntwerden der Korrespondenz als von dem Versprechen ausgenommen bezeichneten. Großbritannien sicherte im November 1917 durch die Balfour-Deklaration zu, die Schaffung einer Heimstätte für Juden zu begünstigen.

In Form eines Briefes sagte der damalige britische Außenminister Arthur James Balfour im November 1917 an Lionel Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild, einen prominenten britischen Zionisten, der zionistischen Bewegung ihre Unterstützung zu.  Das britische Kabinett versprach sich von dieser Erklärung, genannt die Balfour Erklärung die Unterstützung zionistischer Organisationen in aller Welt in seinen Kriegsanstrengungen gegen die Mittelmächte, vor allem in den USA und in Russland. Der Bedarf für eine britische Erklärung zugunsten einer jüdischen Heimstätte in Palästina war umso dringender geworden, seit im Juni 1917 Nachrichten von deutschen Verhandlungen mit Zionisten und Osmanen nach London drangen. Wichtige Vertreter der britischen Regierung wie Balfour und Lloyd George folgten nach und nach dem Gedanken, den Chaim Weizmann und Lucien Wolf während des Krieges immer wieder an sie herangetragen hatten, dass Großbritannien auf diese Weise große Unterstützung erhalten könne. Zusätzlich bot doch ein Palästina unter britischer Herrschaft ein ideales Verbindungsstück zu den britischen Einflusszonen im Mittleren Osten und der wichtigsten britischen Kolonie, Indien. Der Suez-Kanal, die Hauptader britischen Handels mit Asien, würde dadurch ebenfalls besser gesichert werden können.

Ergebnisse der Friedensverhandlungen: In den vor allem arabisch besiedelten Gebieten des Nahen und des Mittleren Ostens, die unter osmanischer Herrschaft gestanden waren, „erfanden“ die Briten und Franzosen eine Reihe von Staaten wie Palästina, Transjordanien, Syrien, Libanon und den Irak. Sie alle wurden als sogenannte Mandatsgebiete des Völkerbunds unter britische oder französische Verwaltung gestellt. Das war eine herbe Enttäuschung. Denn die von 1916 bis 1918 dauernde Arabische Revolte,  ein von einigen arabischen Stämmen getragener Aufstand im Osmanischen Reich, der im Hedschas seinen Ausgang nahm und sich später nach Jordanien, Palästina und Syrien ausbreitet hatte, wurde maßgeblich von der im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich kämpfenden Entente unterstützt. Lawrence von Arabien war als Verbindungsoffizier der Briten in diese Auseinandersetzungen involviert. Der Aufstand wurde von Hussein ibn Ali, dem Scherifen von Mekka, angeführt. An der Revolte beteiligten sich zahlreiche, aber nicht alle Beduinenstämme des Hedschas. Nach und nach brachten die Beduinen immer mehr Städte im Hedschas, aber auch in Jordanien und Syrien unter ihre Kontrolle. Der Aufstand endete mit der Eroberung von Damaskus beziehungsweise mit der Übergabe Medinas. Obwohl zuvor durch die Hussein-McMahon-Korrespondenz dem Scherifen die Herrschaft über ganz Arabien versprochen worden war, teilten die Siegermächte Frankreich und Großbritannien nach dem Krieg die eroberten Gebiete mit Ausnahme des Hedschas unter sich auf. Dies wurde durch Mandate des Völkerbundes legitimiert. Nachdem die Araber somit zunächst von der Regierung ausgeschlossen worden waren, setzten die Briten nach und nach Vertreter der Haschemitendynastie als Emire oder Könige in ihren Mandatsgebieten ein.

Was wäre, wenn:

Bei meinen Gedankenspielereien gehe ich davon aus, dass die Balfour Erklärung nie geschrieben worden wäre und noch immer überlegt würde, ob die jüdische Heimstätte nicht in Uganda gelegen sein könnte. Das Britische Uganda-Programm war ein Plan Anfang des 20. Jahrhunderts, der vorsah, einen Teil von Britisch-Ostafrika zu einer Zuflucht für die Juden zu machen. Das Angebot wurde 1903 vom britischen Kolonialsekretär Joseph Chamberlain an Theodor Herzl ausgesprochen. Ich gehe ferner davon aus, dass das Sykes-Picot Abkommen nie zustande gekommen wäre.

Nun was wäre nun gewesen, wenn ein Arabischer Staat entstanden wäre: Wäre die Situation in Europa eine andere?  Faktum war, dass Nazideutschland die Situation im Nahen Osten massiv beeinflusst hatte. 1937 machte Großbritannien den Vorschlag, Palästina in einen kleinen jüdischen und einen erheblich größeren arabisch-muslimischen Staat aufzuteilen. Dieser sogenannte „Peel“-Plan alarmierte die Naziführung in Berlin: Von nun an begann man in großem Maßstab Geld zu investieren und Propaganda zu verbreiten, um die die Araber gegen die Juden aufzuhetzen und sie zum Kampf gegen das zionistische Projekt aufzustacheln.

So steckten die Nazis in Ägypten mehr Geld in die Muslimbruderschaft, als in jede andere antibritische Gruppe. In Palästina wurde gleichzeitig der Mufti Hadj Amin el-Husseini mit Geld und Waffen versorgt. Der Mufti konnte im „arabischen Aufstand“ von 1936-39 die moderaten Palästinenser durch Terror aufreiben oder vertreiben. Die ägyptischen Muslimbrüder wiederum nutzen die Zusammenstöße in Palästina für antisemitische Kampagnen und wurden hierdurch erst zu einer Massenorganisation.

Wäre die heutige Situation im Nahen und Mittleren Osten friedlicher?  Wahrscheinlich eher nicht, denn die arabischen Stämme haben einander schon immer bekriegt. Was wahrscheinlich weggefallen wäre, wäre der gemeinsame Feind „der Westen“ (anfänglich die Briten und Franzosen, später die Amerikaner) weggefallen.

Die Situation wäre insgesamt wahrscheinlich nicht weniger kriegerisch, sondern nur anders verlaufen – aber, drüber nachdenken kann man allemal.

Da hätte sich Lawrence von Arabien gefreut ….