Verkehrsbehinderung – oder – Freizeitoase

Gedanken zur Gürtelfrische West

Unter dem Namen „Gürtelfrische West“ wird am 8. August der 11 Meter lange und 3 Meter breite Pool am Wiener Gürtel in Betrieb genommen, genau auf der Gürtelkreuzung Felberstraße/Stollgasse beim Westbahnhof. Geschlossen wird wieder am 30. August. 150.000 Euro kostet das Urlaubs- und Erholungsfeeling am Gürtel für drei Wochen. Der Eintritt zum Badespaß und auch am Rundum-Programm ist bei der „Gürtelfrische West“ kostenlos. Geöffnet ist die „Gürtelfrische West“, und zwar täglich zwischen 10.00 und 22.00 Uhr.

Um das Mini-Freibad wird es Rollrasen, Liegestühle, Duschen und einen Info-Kiosk mit Getränken und Snacks geben. Außerdem wird im angrenzenden, schon bestehenden Gürtel-Grünstreifen eine Holzbühne errichtet, wo Konzerte, Lesungen oder Tanz-Vorführungen stattfinden können. Dann gibt’s noch anschließend den Sophienpark, der rund 5.200 Quadratmeter umfasst.

Ein umgebauter Wiener-Linien-Langbus wird als „Ich brauch Platz“-Bus, wo nicht nur Workshops stattfinden sollen, dienen: Interessierte können darin nämlich auch einzeln übernachten, um so etwa zum Beispiel einmal hautnah einen Eindruck davon zu bekommen, was es heißt, direkt an einer Verkehrsader zu wohnen.

Ich bin im wiggel-waggel. Ist das jetzt wirklich sinnvoll? Ja, es ist Vorwahlzeit in Wien, es wurden Taxigutscheine ausgegeben, es wurden Gastro-Gutscheine ausgegeben.  Wie schon der frühere Bürgermeister Wiens einst verkündet hat: Wahlkampf ist Zeit fokussierter Unintelligenz. Und in Corona-Zeiten müssen andere Wahlkampf-Methoden her, denn Massenversammlungen gehen gar nicht mehr …

Also errichtet man eine „Freizeitoase“ zwischen den Bezirken Neubau und Rudolfsheim. Es stimmt, in den beiden Bezirken gibt es wenig sommerliche Erholungsplätze. Ja, und die Donau ist derzeit fürs Baden gesperrt – Hochwasser und damit Verschmutzungsgefahr. In den Schwimmbädern gelten derzeit wegen der Corona-Maßnahmen limitierte Besucherzahlen. Das war aber bei der Planung der Freizeitoase nicht vorhersehbar! Und es werden besonders Kinder erwartet, die vielleicht in den Ferien nicht wegfahren können, weil ihren Eltern vielleicht Geld, oder auch Urlaubszeit fehlt, die wurde ja bereits in der Corona-Zeit für Kinderbetreuung benötigt. Und es gab ja bereits ein Kinderfreibad am Gürtel: 1926 wurde etwa am Margaretengürtel ein Kinderfreibad gebaut, das sich, trotz des Verkehrs, großer Beliebtheit freute. Es bestand bis in die 80er-Jahre. Warum es aber geschlossen wurde, konnte ich nicht eruieren.

Aber dennoch: zwischen zwei dicht befahrenen Fahrbahnen, die der Gürtel nun einmal ist, eine Freizeitoase aufbauen, temporär noch dazu? Laut ist des damit ganz bestimmt, und nach Abgasen wird es wohl auch riechen. Inwieweit sich die Verkehrsbehinderung dadurch ausbreitet, wird man noch sehen. Aber, andererseits, zu Schulbeginn ist dann der Spuk auch schon wieder zu Ende, selbst wenn es dann noch heiß sein sollte. Der Rückbau – und damit die Verkehrsbehinderung – soll sehr rasch gehen – wenn’s wahr ist.   

Eine endgültige Entscheidung ob es sinnvoll ist oder nicht, sollen jene treffen, die hingehen – oder eben nicht. Schaun ma amal!

Verkehrsbehinderung – oder – Freizeitoase

Oh, mein Libanon!

Erinnerungen an bessere Zeiten – lang vorbei!

Wir waren mehrmals im Libanon, und das erste Mal war in den frühen siebziger Jahren. Damals wurde dieser Staat noch die Schweiz des Nahen Ostens genannt, weil es die Vorteile beider Welten in sich vereinigt hat. Das 1959 eröffnete Casino de Liban war weltberühmt. Shopping in Beirut war ein wahres Vergnügen, wir nutzten es damals, um einen Teppich zu erstehen (es wurden dann zwei). Es gab unzählige große und kleine Restaurants, Bars etc. Der Strand war belebt, die Menschen waren fröhlich. Wir konnten mit einem Taxi einen Ausflug nach Palmyra machen, damals, durch eine blühende Wüste. In Palmyra trafen wir einige Ziegenhirten und ein paar Russen, die bei einem Dammbau dort beschäftigt waren. An einem anderen Tag nahmen wir ebenfalls ein Taxi und fuhren problemlos nach Damaskus, besuchten die prunkvolle Omaijaden-Moschee – wo sich auch das Grab Johannes des Täufers befindet, ich erinnere mich an das Saladin Mausoleum, und vor allem an den ausgedehnten Basar. Wir fuhren – ebenfalls mit dem Taxi nach Baalbeck, die Bekaa war im Frühlingskleid, in den großen Herden gab es kleine Lämmer …

Das Land ist klein – und es war leicht, z.B. nach Biblos zu fahren oder nach Sidon oder Tyros. Aber schon damals zeigten sich die ersten Probleme. Es waren die Probleme mit Flüchtlingen – den Fedaijin, wie man sie damals nannte. Es waren die vertriebenen Palästinenser aus Israel. Daher gab es keinen Sonnenuntergang in Byblos (der kam zu spät, für die Ausgangssperre). Bei der Durchfahrt durch Tyros gab es Straßensperren, wir sahen brennende Autoreifen, und ein Bewaffneter stieg am Stadtrand zu uns ins Taxi. Am Ende der Durchfahrt stieg er wieder aus, nachdem er sich freundlich verabschiedet hatte.

Alle Religionen waren in dem Land geduldet, die Regierung trug dem Rechnung und Vertreter aus jeder Religionsgemeinschaft waren – fix an jeweilige Positionen gebunden – in der Regierung. Sicher, es war ein starres System, von Clans beherrscht, aber es funktionierte lange. Aber dann änderten sich die Zeiten, es kamen weitere Menschen ins Land, z.B. die Schiiten, sie waren in diesem System nicht vertreten.   

Und dann kam es zum Bürgerkrieg. Wir alle glaubten, noch mehr zerstört könnte nicht werden.  In diesem Krieg kämpfte jede Fraktion gegen jede andere Fraktion – sei sie weltanschaulich, sei sie religiös ausgerichtet, aber jede Fraktion verbündeter sich mit jeder anderen dieser vielen Fraktionen. Der Libanesische Bürgerkrieg dauerte von 1975 bis 1990. Es kam auch zu mehreren Interventionen durch weitere Staaten. Der Ausbruch offener schwerer Kämpfe wurde jedoch erst durch die Ankunft der im Schwarzen September 1970 aus Jordanien vertriebenen bewaffneten Kräfte der PLO ausgelöst. Diese errichteten mit Billigung muslimischer libanesischer Gruppen einen bewaffneten Staat im Staate und ergriffen sogleich Partei für die arabischen Nationalisten. Unter vielen wurde das Massaker von Sabra und Schatila bekannt. Dieser Bürgerkrieg forderte 90.000 Todesopfer, 115.000 Verletzte und 20.000 Vermisste. 800.000 Menschen flohen ins Ausland. Ein unter syrischem Druck geschlossener „Kooperationsvertrag“ im Mai 1991 machte den Libanon bis 2005 praktisch zum syrischen Protektorat.

2005 wurde der anti-syrische Premierminister Rafiq al-Hariri durch ein Attentat auf seinen Fahrzeugkonvoi getötet. Der Tod al-Hariris wurde zum Ausgangspunkt einer innenpolitischen Eskalation, der sogenannten Zedernrevolution. Syrien verständigte sich mit dem Libanon, seine Truppen als ersten Schritt bis zum Ende des Monats ins östliche Bekaa-Tal zurückzuziehen. Bald waren dann bereits alle 14.000 syrischen Soldaten in ihre Heimat zurückgekehrt.

In der Zwischenzeit hatte sich die Hisbollah im Libanon breit gemacht. 2005 rief die antiwestliche Hisbollah zu einer Demonstration auf, um gegen die UN-Resolution 1559 (die schon seit 2. September 2004 eine Entwaffnung dieser Gruppe fordert) zu protestieren. Nach einigen Scharmützeln führte Israel vom 12. Juli bis zum 14. August 2006 einen Krieg gegen die Hisbollah im Libanon.

Es herrschten offizielle Korruption, schlechte öffentliche Dienste und jahrelange wirtschaftliche Misswirtschaft. Nach einer latenten Krise aufgrund kontinuierlicher Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und des Unvermögens der Regierung, substantielle Probleme der Infrastruktur und Versorgung zu lösen, kam es nach einer stärkeren Abwertung des Wechselkurses vom Libanesischem Pfund zum US-$, aus der Kontrolle geratenen Waldbränden, welche eine weitere Ohnmacht der Regierung offenbarten, sowie angekündigten Steuererhöhungen im Oktober 2019 zu den stärksten landesweiten Protesten seit dem Ende des Bürgerkrieges 1990 mit der Forderung nach Rücktritt der Regierung. In Teilen nahmen diese das Ausmaß politischer und sozialer Unruhen an. Die Ankündigung von Hariri am 29. Oktober 2019 erfolgte nach 13-tägigen Massenprotesten, bei denen der Abschied der gesamten politischen Elite des Landes gefordert wurde, und zwar unter wachsender Wut über.

Ein wesentliches Problem des Landes sind die Flüchtlinge aus Palästina und jetzt auch aus Syrien. Es sind zwei Millionen – ein Viertel der Bevölkerung des kleinen Landes. Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 sind über eine Million Menschen in den Libanon geflüchtet. Aber über 3.3 Millionen Menschen brauchen derzeit im Libanon zum Überleben. Und das war noch vor der Katastrophe! Für Geflüchtete aus Syrien ist die Situation besonders dramatisch: Nach dem, oftmals traumatischen, Erlebnis der Flucht aus Syrien, bei der alles Hab und Gut zurückgelassen werden musste, fühlen sich viele Syrerinnen und Syrer im Libanon nicht willkommen. Viele Libanesen haben die Rolle der syrischen Armee während des Libanon-Kriegs nicht vergessen und treten den geflohenen Menschen aus Syrien mit Argwohn gegenüber. Zudem führt der Überfluss an billigen Arbeitskräften zu einem dramatischen Einbruch der Löhne, der das ohnehin angespannte Verhältnis der Einheimischen gegenüber den Geflüchteten verschärft. Nahrungsmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs sind knapp und damit teuer, sodass Essen oder Gesundheitsleistungen häufig nur Personen mit viel Geld zur Verfügung stehen.

Und nun die verheerende Katastrophe in Beirut, in dessen Großraum schätzungsweise bis zu 2,4 Millionen Menschen leben: 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat, mit der Sprengkraft eines Drittels der Hiroshima-Bombe, sind im Hafen explodiert. Dieses Material dient sowohl zur Herstellung von Dünger aber auch von Sprengstoff. Ammoniumnitrat ist ein bei Terrororganisationen beliebter Stoff, weil er hochexplosiv und vergleichsweise einfach zu bekommen ist.

Durch die Wucht der Explosion zersplitterten Glasscheiben in kilometerweiter Entfernung, Straßen waren mit Trümmern und Glasscherben übersät. Große Teile des Hafens wurden vollständig zerstört und umliegende Stadtgebiete verwüstet. Kurz nach der Explosion fielen Telefon und Internet in der Stadt vorübergehend aus. Die Detonationen waren im gesamten Land zu hören – und auch im 240 Kilometer entfernten Nikosia auf der Mittelmeerinsel Zypern. Die Erschütterungen sind mit einem Erdbeben der Stärke 3,5 vergleichbar. Große Teile des Hafens wurden vollständig zerstört. Der Hafen in Beirut sei zudem die Lebensader des Landes. Da dort unter anderem Getreidesilos zerstört worden sei, müsste das Land jetzt mit Hunger und Engpässen bei Brot rechnen.

Wir alle sind gefordert: ich bin eine Libanesin!

(Ich habe schon einmal über dieses Land ausführlich geschrieben: https://christachorherr.wordpress.com/2018/03/09/heiss-umkaempft-und-wild-umstritten-der-libanon/)

Oh, mein Libanon!

Autoritäre Populisten und Corona – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko

Ursachen für Covid-19 in den USA, Brasilien und Weißrussland

Heute lese sich, warum autoritäre Populisten Corona leugnen. Genannt werden in diesem Zusammenhang Trump, Bolsonaro und Lukaschenko.

Ich möchte diesen Gedanken doch noch etwas hinzufügen. Der Erfolg bei der Bekämpfung einer Pandemie hängt in vielen Ländern auch von der Verfügbarkeit einer öffentlichen Sozialversicherung ab.  Wenn es keine öffentliche, für alle geltende Arbeitslosenversicherung gibt, wenn es keine öffentliche, allgemeine Krankasse gibt, dann passiert folgendes:  Dieser Nicht-Versicherte wird krank. Da er nicht krankenversichert ist, kann er sich keinen Arzt leisten, oder gar ins Spital zu einer Behandlung gehen. Und da er fürchtet, beim Fernbleiben von der Arbeit gekündigt zu werden, d.h. seinen Job zu verlieren – geht er weiterarbeiten, in der Hoffnung, dass seine Krankheit schon gut werden wird. In Corona Zeiten steckt er aber seine gesamte Arbeitsumgebung an. Genauso steckt  er die Mitreisenden in Zügen, U-Bahnen oder Bussen bei seiner Fahrt in die Arbeit an. Und selbst wenn er sich elend fühlt, weiß er, wenn der Arbeit fernbleibt bekommt er kein Arbeitslosengeld, sondern KEIN Geld. Und in den USA wird man schnell aus einer Wohnung geworfen, wenn man seine Miete nicht bezahlen kann. und wenn man auf der Straße leben muss, wird die Jobsuche schwer – denn welche Adresse gibt man bei einer Bewerbung an, wie kommt man sauber und adrett gekleidet zu einem Jobgespräch?

Daher kann sich das Virus in Kreisen dieser „Gegen-Nichts-Versicherten“, also den Armen, rasant ausbreiten. Und diese Armen sind meist nicht die Weißen, sondern jene vielen, die z.B. illegal ins Land gekommen sind, also in den USA manche Latinos, und jene anderen Nicht-Weißen, also meist wieder Afro-Amerikaner, die ohnedies von der Gesellschaft nicht besonders begünstigt werden.

Ich glaube, dass bei der Pandemie-Bekämpfung längerfristig anzusetzen wäre. Denn in den USA beispielsweise, umfasst das Gesundheitssystem alle Personen sowie alle staatlichen und privaten Organisationen und Einrichtungen, deren Aufgabe die Förderung und Erhaltung der Gesundheit sowie die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten und Verletzungen ist. Ebenso umfasst es alle Regelungen, welche die Beziehungen im Gesundheitswesen zwischen Versicherungen, Versicherten, Leistungserbringern und anderen eingebundenen Gruppen betreffen. Die einschlägigen Regelungen behandelten den Krankenversicherungsschutz der Einwohner bis zum Jahr 2014 grundsätzlich als private Angelegenheit, eine allgemeine Krankenversicherungspflicht war nicht vorgesehen. Eine staatliche Gesundheitsfürsorge gibt es für Einwohner, die jünger als 65 Jahre sind, nur in Ausnahmefällen. 2008 waren 45,7 Millionen oder 15,3 % der rund 300 Millionen Einwohner weder privat krankenversichert, noch konnten sie staatliche Hilfe beanspruchen. In medizinischen Notfällen sind Krankenhäuser unter dem Emergency Medical Treatment and Labor Act  gesetzlich verpflichtet, unversicherte oder nicht ausreichend versicherte Patienten auch dann in der Notaufnahme zu behandeln, wenn absehbar ist, dass diese die Rechnung nicht bezahlen können. Bei Gesundheitsproblemen, die (noch) nicht die Stufe eines medizinischen Notfalls erreichen, dürfen solche Patienten aber abgewiesen werden.

Die Infektionsrate je Million Einwohner liegt in den USA bei 14 687 (Stand August 2020)

In Brasilien liegen die Probleme anders: Brasilien stellt allen Bürgern eine umfassende und beitragsfreie Krankenversorgung über das öffentliche Gesundheitssystem Sistema Único de Saúde (SUS) zur Verfügung. Nach der Redemokratisierung wurden 1988 das Recht auf Gesundheit als soziales Recht und Aufgabe des Staates sowie der universelle Zugang zur Gesundheitsversorgung verfassungsrechtlich verankert. Dieser ist jedoch de facto nicht gegeben, wegen der Fragmentierung des Gesundheitssystems und der Schwäche des staatlichen Gesundheitssektors. Im Unterschied zum privaten weist der öffentliche Gesundheitssektor große Defizite bei Finanzierung und Ausstattung auf. Weil die Kapazitäten begrenzt sind, müssen die Patientinnen und Patienten für Arzttermine oder Behandlungen oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen und große Entfernungen zurücklegen, selbst in akuten Fällen. Je 10 000 Menschen stehen in Brasilien lediglich 22 Betten in (staatlichen wie privaten) Krankenhäusern zur Verfügung, auf Intensivstationen nur 0,8, mehr als die Hälfte davon in privaten Einrichtungen.

Die Infektionsrate je Million Einwohner liegt in Brasilien bei 12 937 (Stand August 2020)

Belarus ist auch heute noch eines der ärmsten Länder im Osten Europas. Besonders unter der Armut leiden kinderreiche Familien, ältere, alleinstehende Menschen, Menschen mit Behinderungen, Alleinerzieherinnen, wohnungslose Menschen und Haftentlassene. Das Personal im Gesundheitswesen ist sehr gut ausgebildet, auch die Anzahl der Krankenbetten und Ärzte und Ärztinnen pro Einwohner liegen z.T. deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Es mangelt jedoch an der materiellen Ausstattung. Teilweise müssen sich die Patienten Bettwäsche und Handtücher selbst mitbringen, auch für Medikamente muss zum Großteil extra bezahlt werden.

Kindergärten, Schulen, Universitäten, Geschäfte, Restaurants und Cafés blieben während der Pandemie weitergehend geöffnet. Als einziges Land Europas finden zudem Sportveranstaltungen wie Fußball oder Eishockey regulär und mit Zuschauern weiter statt. Massenveranstaltungen wie eine große Militärparade zum 75. Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus am 9. Mai 2020, einem wichtigen Feiertag des Landes, fanden weiterhin statt.

Hier ist auch zu bedenken, dass die radioaktive Strahlung nach der Tschernobyl Katastrophe noch immer nachwirkt. Das Immunsystem der Betroffenen ist stark geschwächt. Belarus steht insbesondere aber auch vor Herausforderungen durch den hohen Tabak- und Alkoholkonsum, die ansteigenden HIV/Aids-Zahlen (wobei viele Betroffene auch an mehrfach resistenten Tuberkuloseformen erkrankt seien) und die hohe Zahl tödlicher Unfallverletzungen.

Aktuelle Ziffern zur Infektionsrate habe ich leider nicht gefunden.

So besehen, sind es nicht NUR die autoritären Populisten, die für die Corona Situation verantwortlich sind. Aber sie tragen sicher bei!

Autoritäre Populisten und Corona – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko

Auch Monarchen haben positive und negative Seiten:

Zu Juan Carlos I.

Sie wundern sich, dass ich heute über „Royalty“ schreibe? Normalerweise interessieren mich die diversen Affären um diverse königliche Hoheiten eher gar nicht.

Aber zu dieser derzeitigen „spanischen Affäre“, bzw. zu König Juan Carlos I. aus dem Haus Bourbon-Anjou möchte ich mich doch äußern, da er (meine Alterskategorie) eine wesentliche politische Rolle gespielt hat, die ich erleben durfte. Vorausschicken muss ich allerdings, dass ich weder die „ehelichen Fehltritte“ noch Korruption, Geldwäsche etc., die Juan Carlos I. begangen hat, vehement ablehne und mir dieses Verhalten zutiefst zuwider ist.

Das Haus Bourbon-Anjou war zunächst ein Seitenzweig und ist seit 1883 der älteste Zweig des Hauses Bourbon. Die Bourbonen sind wiederum ein Ast des seit dem frühen Mittelalter in Frankreich herrschenden Königshauses der Kapetinger. Bereits seit Robert dem Tapferen († 866) hatten die Kapetinger in diversen Linien die Grafen und Herzöge von Anjou gestellt.

Juan Carlos I. geboren 1938, ist der Enkel von Alfons XIII., der 1923 nach der Proklamation der Republik geflohen war. Ab 1936 tobt der Bürgerkrieg in Spanien, unendlich grausam, auch ein Stellvertreterkrieg, aber auch „Probe“ für den Zweiten Weltkrieg, der lange nachwirkte. Francisco Franco (1892 – 1975) siegt 1939 in diesen Bürgerkrieg und beseitigt die Republik. Er regiert bis zu seinem Tod diktatorisch über den spanischen Staat, den er 1946 zwar als Königreich wiederherstellte, ohne einen König zu benennen. Schon 1948 wird Juan Carlos von Franco zum Thronfolger designiert.

Seit 1947 war Spanien also offiziell wieder ein Königreich, allerdings ohne einen König. Francisco Franco zögerte, den legitimen Thronanwärter, Juan Carlos‘ Vater, zu nominieren, da dieser als Gegner der Franco-Diktatur galt und eine parlamentarische Monarchie einforderte. Er erwog daher verschiedene andere Optionen, darunter Otto von Habsburg, dessen Haus vor den Bourbonen Spanien regiert hatte, der aber kein Interesse zeigte. Franco entschied sich dann, einige junge Bourbonen-Prinzen aus dem Exil nach Spanien zurückzuholen und unter seiner Aufsicht ausbilden zu lassen.

Ich verbrachte den Sommer 1955 in Madrid. Ich habe dort zuerst in einem Nobelrestaurant und dann in einer kleinen Firma gearbeitet, die zum Teil einem Österreicher gehört hat. Da ich nicht viel Geld verdiente, habe ich damals das Leben der Superreichen (im Nobelrestaurant) beobachten können, wie auch der Armen – ich wohnte bei einer Bürgerkriegswitwe in Untermiete. Obwohl ich es dort schrecklich fand, zog ich doch nicht aus, denn meine Miete gestattete ihr, bis zum Monatsletzten sich etwas zu essen kaufen zu können. Da ich vorher ein Jahr in den USA verbracht hatte, und ich in Wien ein fröhliches Studentenleben führte, war das repressive Spanien für mich dann doch ein ordentlicher Schock. In der Franco-Diktatur war das Leben, trotz spanischer Sonne, einfach düster.   

Nun zu Juan Carlos I.: Juan Carlos kam erst im Alter von zehn Jahren nach Spanien. Seine Ausbildung verlief einerseits militärisch, andererseits belegte er einige Fächer wie Verfassungsrecht, Wirtschaft etc. an der Universität in Madrid. 1962 heiratete Juan Carlos in Athen die Prinzessin Sophia von Griechenland. Ihr Bruder Konstantin war von 1964 bis 1974 König von Griechenland. Ja, griechische Könige gab es damals auch!

Schließlich setzte Franco 1969, nach der Geburt von Juan Carlos‘ Sohn Felipe, per Gesetz fest, dass nach seinem Tod Juan Carlos als König das Amt des Staatsoberhaupts einnehmen solle, und ernannte ihn zum Príncipe de España, einem zu diesem Zweck neu geschaffenen Titel. Der Verfassung nach sollte dies eine Königsdiktatur werden, weshalb Juan Carlos‘ Vater auch die geforderte Verzichtserklärung für seine Person verweigerte.

Bereits zwei Tage nach Francos Tod, am 22. November 1975, wurde Juan Carlos zum König proklamiert. Aus legitimistischer Sicht wurde seine Herrschaft jedoch erst 1977 anerkannt, als sein Vater formell auf den Thron verzichtete. In seiner Thronrede betonte Juan Carlos I., dass „eine freie und moderne Gesellschaft die Beteiligung aller in den Entscheidungszentren, den Medien, den unterschiedlichen Ebenen des Erziehungswesens und der Kontrolle des nationalen Wohlstands“ erfordere. Er sah sich, wie er weiter ausführte, als „König aller Spanier, Wächter der Verfassung und Kämpfer für die Gerechtigkeit“. Dennoch wurde er anfänglich von der Bevölkerung als der „Ziehsohn Francos“ wahrgenommen. Juan Carlos’ Rolle gilt als wesentlich für die in den Folgejahren stattfindende Demokratisierung Spaniens.

Am 23. Februar 1981 versuchten Angehörige der Armee, die der Franco-Diktatur nachtrauerten, unter General Milans del Bosch und der paramilitärischen Polizeitruppe Guardia Civil unter Oberstleutnant Antonio Tejero einen Militärputsch. Mit dem entschlossenen Auftreten des Königs als Oberbefehlshaber der Armee, der sich im Rahmen einer landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache eindeutig für die Demokratie aussprach und das Militär auf seine Seite zog, konnte der Staatsstreich noch in der Nacht vereitelt werden. Die Frage der Autonomien in Spanien wurde ebenso vertagt wie eine Militär- oder Polizeireform. Im Jahr 1995 wurde ein Attentatsplan der ETA auf den König aufgedeckt. Katalanische Separatisten sehen in Don Juan Carlos den Vertreter des verhassten Zentralstaates und verbrannten im Jahr 2007 Bilder des Königs.

Nach dem Finanzskandal um seine jüngste Tochter Cristina und Schwiegersohn Iñaki Urdangarin und der Elefantenjagd während der Luxussafari 2012 inmitten der Rezession litt das Ansehen von Juan Carlos sehr. 2008 erhielt König Juan Carlos I. vom damaligen saudischen König Abdullah ibn Abd al-Aziz 100 Millionen Dollar auf eine Bank in Genf auf das Konto seiner panamaischen Stiftung transferiert (einziger Begünstigter: Juan Carlos I.). 2012 überwies er ca. 65 Millionen Euro von diesem Konto an seine enge Vertraute.

Am 2. Juni 2014 gab Ministerpräsident Mariano Rajoy bekannt, dass Juan Carlos abdanken werde und darum gebeten habe, das Thronfolgeverfahren zugunsten Prinz Felipes einzuleiten. Juan Carlos hat mit seiner Ablösung als König seine von der Verfassung garantierte Immunität verloren.

Wegen der mutmaßlichen finanziellen Unregelmäßigkeiten hat Spaniens König Felipe VI. am 15. März 2020 angekündigt, auf jedes Erbe seines Vaters zu verzichten sowie ihm das jährliche Gehalt zu entziehen (2019 rund 194.000 Euro).

Am 3. August 2020 wurde ein Brief von Juan Carlos an seinen Sohn, König Felipe veröffentlicht; in diesem Brief kündigte Juan Carlos an, dass er Spanien verlassen und ins Ausland gehen wolle, ins Exil, wie in seiner frühen Kindheit.

Auch Monarchen haben positive und negative Seiten:

Wie es zur Wiener Höhenstraße kam –

lange geplant, verschoben und aus Not gebaut

Und weil ich jetzt schon zwei Mal die Wiener Höhenstraße in meinen Wien-Geschichten erwähnt habe, muss ich doch erklären, was es so damit auf sich hat.

https://christachorherr.wordpress.com/2020/08/03/wiener-gschichtln-im-sommer-2020/

https://christachorherr.wordpress.com/2020/08/04/wo-in-wien-liegt-denn-der-reisenberg/

Die Wiener Höhenstraße ist eine Aussichtsstraße am Stadtrand durch den Wienerwald über die Berghänge im Westen von Wien. Von der Idee einer derartigen Straße bis zu ihrer Ausführung hat es lange gedauert. Aufgrund der geplanten Stadterweiterung wurde 1892 ein Wettbewerb zur Konzeption des neuen Stadtgebietes ausgeschrieben, in dem auch formuliert war, vorhandene Wälder möglichst zu schonen. Vorgesehen war damals eine riesige Stadt von 600 km² (damals 177 km², jetzt 414 km²) bei erwarteten 4 Mio. Einwohnern (auch der Zentralfriedhof war für eine Stadt mit 4 Mio. angelegt). Darin vorgesehen war auch, einen der Ringe mit 750 m Breite in etwa 5 km Entfernung von der Stadtmitte nicht zu verbauen, sondern als begrünten „Volksring“ der Bevölkerung als Naherholungsgebiet zur Verfügung zu stellen. Diese einzelne Idee wurde später von Heinrich Goldemund stark modifiziert und als „(Schutzgebiet) Wald- und Wiesengürtel“ umgesetzt, der quasi auch einen ersten Wiener Abschluss der 1870 von Josef Schöffel („Retter des Wienerwaldes“, als er 1870–1872 durch eine journalistische Kampagne verhinderte, dass ein Viertel der Waldfläche des Wienerwalds an einen Wiener Holzhändler zur Schlägerung verkauft wurde)  begonnenen Initiativen darstellt.

In einem Erlass des damaligen Bürgermeisters Karl Lueger 1904  wurde neben den Grundlagen für den Wald- und Wiesengürtel folgendes festgelegt ist: „Hierbei ist auch auf die Anlage einer aussichtsreichen, mit Baumreihen versehenen Hochstraße Bedacht zu nehmen“, die von den Wienerwaldhöhen Aussicht auf die Stadt Wien bieten sollte. Der Wiener Gemeinderat beschloss 1905 im Zuge des Konzepts des „Wald- und Wiesengürtels“ den Bau einer Höhenstraße. Im Jahre 1907 erwarb die Stadt das schlechtgehende Hotel Schloss Cobenzl. Sie baute daraufhin eine von Grinzing ausgehende „staubfreie Automobilstraße“ mit Serpentinen am Cobenzl für Automobiltouristen, auf der ab 1909 auch Linienbusse verkehrten. Dies war aus Geldmangel lange Zeit das einzige Teilstück, das verwirklicht wurde.

Dann kam der Erste Weltkrieg und hinterher nicht nur die Spanische Grippe, sondern auch eine galoppierende Inflation. Im Jahre 1932 übernahm die Stadt Wien die in Finanznöte geratene Kahlenberg AG (ehemaliger Betreiber der 1922 eingestellten Kahlenbergbahn) samt den Grundstücken und dem Hotel am Kahlenberg, das von den Grundmauern auf umgebaut wurde.

Somit kam auch das Projekt Höhenstraße wieder in Gang, wobei auch der Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit durch Arbeitsbeschaffung eine entscheidende Rolle spielte. Durch den Bau sollten der Individualverkehr und der Tourismus befördert werden. Die Höhenstraße verbindet die Höhen des Kahlengebirges mit Grinzing und Neustift am Walde. Insbesondere im österreichischen Ständestaat (1934 – 1938) wurde der Bau der Höhenstraße (wie auch der Wientalstraße, und diverser Brücken – so auch die Reichsbrücke)  bewerkstelligt. Der Plan sah ursprünglich eine Umfahrung Grinzings vor, doch wurde schließlich den Protesten der Heurigenwirte nachgegeben und der Verkehr über den Ortskern von Grinzing geleitet. Um einen maximalen Arbeitseinsatz zu ermöglichen wurde der Einsatz von Maschinen stark beschränkt, die Arbeiten wurden Großteils mit primitiven Mitteln in Handarbeit bewerkstelligt. Zur Arbeit wurden zunächst Männer des Arbeitsdienstes eingesetzt, die Arbeiten kamen aber erst in Schwung, als der Arbeitsdienst von qualifizierten Firmen abgelöst wurde. 74 Firmen mit 600 Mitarbeitern waren am Bau beteiligt. Am 16. Oktober 1935 wurde das Teilstück Cobenzl-Kahlenberg eröffnet. Danach folgte bis 1936 der Bau der Strecke Kahlenberg – Leopoldsberg, danach bis 1938 die Strecke Cobenzl – Neuwaldegg. Am 11.Juni 1939 wurde ein national ausgeschriebenes „Höhenstraßenrennen“ für Motorräder, Sport- und Rennwagen abgehalten. Als letztes Teilstück wurde die Strecke Leopoldsberg – Klosterneuburg 1940 fertiggestellt. Als erste Straße Österreichs wurde die Höhenstraße ausschließlich für Kraftfahrzeuge und Radfahrer geplant. Für Fußgänger, denen das Begehen der Straße verboten ist, wurden als Ersatz für die nicht vorhandenen Gehsteige begleitend Wanderwege angelegt. Auch der alte und steile Fußweg von der Donau auf den Leopoldsberg (im Volksmund: die Nase) wurde im Zusammenhang mit dem Höhenstraßenbau mit Stufen und Aussichtsplätzen ausgebaut. Mit einer Länge von 15 Kilometern ist die Höhenstraße die längste Verkehrsfläche Wiens.

Wie alle Bauwerke in öffentlichem Besitz stand auch die Höhenstraße unter automatischem Denkmalschutz. Dieser lief mit 1. Jänner 2010 aus, das Bundesdenkmalamt bemühte sich um erneuten Schutz. Streitpunkt waren allerdings die Renovierungskosten. Das Bundesdenkmalamt veranschlagte für eine fachgerechte Renovierung 8,6 Millionen Euro, die Gemeinde Wien schätzte die Kosten einer originalgetreuen Reparatur der gesamten 100.000 Quadratmeter mit Granitkleinsteinbelag versehenen Fahrbahnfläche auf 30 Millionen Euro. Eine vom Gericht geforderte genaue Vermessung erfolgte, eine Dokumentation per Kameraflug mit Drohne, für die die Straße hätte gesperrt werden müssen, jedoch nicht.

Seit Ende November 2019 gibt es ein rechtskräftiges Urteil, wonach einige Teile der Höhenstraße unter Denkmalschutz stehen, insbesondere dort, wo historische Gebäude und Bauwerke oder Aussichtspunkte sind muss das Pflaster erhalten werden. Seit 2020 scheint die Höhenstraße in den Denkmallisten auf.

Gerade diesen Granitkleinsteinbelag der Wiener Höhenstraße finde ich besonders attraktiv. Ich bin immer gerne über diese Höhenstraße gefahren, nicht unbedingt um irgendwo hinzukommen (das natürlich auch), aber besonders um den Ausblick auf Wien aus verschiedenen Winkeln zu genießen. Besonders schön war es, so erinnere ich mich, an einem jener Vorfrühlingstage, an denen nach langer Kälte und grauem Nebel endlich wieder die Sonne schien, mit meinem geliebten 2CV – mit offenem Dach – über die Höhenstraße zu fahren.

Wie es zur Wiener Höhenstraße kam –

Wo in Wien liegt denn der Reisenberg?

oder der Latisberg bzw. der Pfaffenberg

Selbst ein g’lernter Wiener muss immer wieder etwas dazulernen. Ich muss zugeben, (ob es eine Schande ist oder nicht bestimmen Sie) mir war der Reisenberg bislang kein Begriff.

Jetzt werden von diesem Platz mit wunderschöner Aussicht die heurigen „Sommergespräche“ geführt. Die „Sommergespräche“ werden von unserem ORF zelebriert, um in einer eventuellen Saure-Gurken-Zeit Spitzenpolitiker aller Parteien in aller Breite und Tiefe vorzustellen. Die Interviewer sollen sympathisch und kompetent sein, heuer ist es erstmals eine attraktive Interviewerin, der Ort, wo die Gespräche stattfinden, die Möglichkeit bieten, diese „im Freien“ abzuwickeln (sie müssen aber auch bei Regen dort durchgeführt werden können). Der Ort sollte aber auch hübsch sein. Et Voila: der Reisenberg.  

Einerseits ist das Weingut am Reisenberg eine so genannte Eventlokation. Es wirbt damit, den Gästen Wien zu Füßen zu legen. Andererseits ist der Reisenberg ein 382 Meter hoher Berg, der dem Latisberg vorgelagert ist. Oje, oje, oje, ich weiß auch nicht wo der Latisberg liegt. Schwierig ist’s mit diesen Bergen im Wienerwald.

Um jetzt die Verwirrung auszuräumen: sowohl der Reisenberg als auch der Latisberg werden beide Cobenzl genannt, und sind damit allen Wienern und Wienerinnen wohlbekannt.

Die Namensherkunft des Reisenbergs stammt entweder vom Reisig (Jungholz) am Berg oder vom „Reisenden Berg“, das heißt, einem Berg, an dem häufig Erdreich abrutscht. Erste historische Erwähnungen fand der Reisenberg 1238, als das Stift Zwettl hier bereits Weinbau betrieb. Im 14. Jahrhundert wurden hier Weingärten des Stiftes Klosterneuburg erwähnt. Kaiser Rudolf II. übergab im 16. Jahrhundert dem Orden der Jesuiten die Gründe in Grinzing mit dem Dorf- und Berggericht.

Nachdem der Jesuitenorden 1773 durch den Papst aufgehoben worden war, erwarb Graf Johann Philipp Cobenzl das Gelände auf dem Reisenberg. Dieser ließ die Jesuitenhäuser auf dem Reisenberg zu einem Schloss umbauen und errichtet zusätzlich eine Meierei. Der Besitz wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Produkte der Meierei in der Stadt verkauft. Die im Park befindliche Grotte muss ein Pilgerziel für alle Naturschwärmer gewesen sein, nicht minder berühmt war ein Baumtempel. Mozart war bei Cobenzl zu Gast. Dadurch wurde das Anwesen sehr populär, der Reisenberg wurde im Volksmund bald nur noch Cobenzl genannt. Nach dem Tod des Grafen 1810 wechselte das Gebiet mehrmals den Besitzer. Selbst Johann Strauss (Vater) spielte im Schloss auf. 1855 erwarb Johann Freiherr von Sothen, ein bigotter und allgemein verhasster Spekulant und Lotteriebetreiber, das Anwesen. Bereits 1849 hatte von Sothen das heruntergekommene „Schloss Belle Vue“ auf der dem Reisenberg vorgelagerten Bellevue-Höhe erworben. Weiter westlich ließ er 1854–56 am „Himmel“ (Pfaffenberg) die Sisi-Kapelle errichten; 1867 erwarb und erneuerte er den Waldgasthof am Krapfenwaldl. 1895 verbrachte Sigmund Freud am „Schloss Belle Vue“. In der Nacht vom 23. zum 24. Juli hatte er einen Traum, den er zum ersten Mal als Wunscherfüllung entschlüsseln konnte und den er als „Traum von Irmas Injektion“ in seinem Werk Die Traumdeutung beschrieb.

1887 wurde das Schloss Cobenzl von einem Konsortium erworben und in ein Hotel umgewandelt. Da das Schlosshotel nicht den erwarteten Umsatz brachte, wurde unter Bürgermeister Karl Lueger der Besitz 1907 von der Gemeinde Wien angekauft. Diese hatte schon 1905 den Beschluss für eine „Höhen- und Aussichtsstraße“ gefasst und baute eine von Grinzing ausgehende „staubfreie Automobilstraße“ mit Serpentinen am Cobenzl, auf der ab 1909 auch Linienbusse verkehrten.

1912 wurde etwa 500 Meter südlich des Schlosshotels ein Restaurant-Café eröffnet. Die entscheidende Zerstörung erfuhr der Park aber dann durch den Bau der Höhenstraße. Im Zweiten Weltkrieg diente das Hotel als Lazarett und als Kommandostelle einer Flak-Division und es wurden daneben Holzbaracken errichtet. Danach diente beides bis Februar 1951 als Flüchtlingslager; das Hotel kam in der Besatzungszeit immer mehr herunter. Schließlich ließ die Stadt Wien 1966 das verfallene Schlosshotel abreißen. Das Restaurant-Café wurde als „Hübners Meierei Cobenzl“ auch nach dem Krieg weitergeführt. 1952 wurde vor dem Restaurant-Café, ein Cafépavillon errichtet („Hübners Bar und Cafépavillon“), der bis März 2017 in Betrieb war.

1958 haben wir uns dort verlobt.

Ab 1974 stand das Lokal leer und verfiel zusehends. Im Jahre 1980 brannte der südliche Trakt der Restaurant-Cafés ab. 1983 wurde der Cafépavillon wiedereröffnete. Drei Jahre später wurde an der Stelle des abgebrannten Traktes ein im barocken Stil neu erbautes kleines Schloss fertiggestellt und als „Schloss Restaurant Cobenzl“ eröffnet und war 30 Jahre in Betrieb. Dort haben Freunde von uns ihre Geburtstage und sonstigen fröhlichen Feste gefeiert.

2012 kündigte die Stadt Wien den Pächter, um das „in die Jahre gekommene“ Schloss-Restaurant zu renovieren und wieder zu verpachten. Der Pächter musste erst 2017 das Gelände endgültig räumen.

In den späten 1980er Jahren erhielt der hinter dem Schloss liegende landwirtschaftliche Betrieb einen neuen Leiter und der Weinanbau nahm seinen Aufschwung. Der Betrieb nennt sich jetzt „Weingut Wien Cobenzl“. Seit Mai 2005 kann man dort auch eine sogenannte „Traumhochzeit“ feiern. Seit 2003 betreibt die MA 49 (Forstamt und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien) in Zusammenarbeit mit Herbert Veit hinter dem Weingut das „Landgut Wien Cobenzl“, ein kleiner Bauernhof mit vielerlei Tieren und Publikumsbetrieb, speziell auch für Kinder und Jugendliche, weshalb er auch „Kinderbauernhof“ genannt wird.

Hoffentlich konnte ich damit alle Ihre Fragen bezüglich des Reisenbergs, Latisberg, bzw. Cobenzl beantworten. Vielleicht sehen wir einander einmal dort, nach der Beendigung der Sommergespräche?

Wo in Wien liegt denn der Reisenberg?

Der Wunsch nach ewigem Ruhme

der derzeit herrschenden Autokraten (oder der alten weißen Männer)

Eine interessante Idee, über die ich da gelesen habe. Die Autokraten dieser Welt sehnen sich nach andauerndem Ruhm, der sie überleben soll. Sie hoffen, dass selbst nach einer eventuellen totalen Niederlage nachkommende Generationen bewundernd auf die Zeit zurückblicken würden, da die Führer ihres Landes mutige Entscheidungen treffen konnten.

Über wen und was wird da gesprochen: Dabei handelt es sich um die Aneignung der Krim durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Abschaffung der Autonomie Hongkongs durch seinen chinesischen Kollegen Xi Jinping, die Entscheidung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, Teile des besetzten Westjordanlands zu annektieren, und den Vorstoß des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die Hagia Sophia in Istanbul in eine Moschee umzuwandeln. All diese Männer sind in einem Alter, in dem sie an ihr politisches Erbe denken: Erdogan (66 Jahre alt, 17 Jahre an der Macht), Putin (67 Jahre alt, 20 Jahre im Amt) und Xi (67 Jahre, 7 Jahre im Amt); Netanyahu (70 Jahre alt, 14 Jahre an der Macht). Unter diesen Autokraten fehlt mir zwar Trump, aber den ist noch nichts Gescheites eingefallen, womit er in die Ewigkeit eingehen könnte. Hoffentlich ändert sich das nicht. Es ist zu befürchten, dass die vielen kleineren Potentaten versuchen werden, diese Beispiele nachzuahmen.

Russland leidet unter zwei historischen Traumata, aufgrund deren die Politiker des Landes keine staatlichen Gebiete aufgeben können. Diese Traumata sind die imperialen Verluste von 1917 und 1991. Auch sind die angeführten Taten meiner Meinung noch nicht ganz abgeschlossen, Putins Vision für seine lange, lange geplante Regierungszeit ist sicher, die alten Sowjetunion wieder zu errichten und möglichst weitere Territorien zu „annektieren“.  

Das koloniale Erbe ist ein Dorn im Fleisch von China. Die Abschaffung der Autonomie Hongkongs durch Xi Jinping ist zwar nur eine vorgezogene Aktion – diese Autonomie würde 2047 auf alle Fälle auslaufen, und daher halte ich es auch hier für einen „ersten Schritt“, um die Eingliederung z.B. Taiwans vorzubereiten. Leider müssen die tapferen Bewohner von Hongkong für diese Haltung büßen. Dass China bei den Themen Unabhängigkeit Tibets oder Menschenrechte für die Uiguren einlenkt, ist bereits sehr unwahrscheinlich, aber eine mögliche Wende in Hongkong wäre noch demütigender und würde das Land an die dunkelsten Tage der Opiumkriege erinnern. Daher ist die Wiederherstellung der Autonomie höchst unwahrscheinlich!

Netanyahu, der derzeit auf vielen Fronten zu kämpfen hat, wird sicher keinen Schritt je setzen, das Westjordanland an die Palästinenser zurückzugeben. Das Westjordanland stand seit den Oslo-Abkommen der 1990er Jahre nominell unter der Kontrolle der Palästinenserbehörde. Für Israel ist es das biblische Judäa und Samaria. Jetztunabhängig von der Politik, die jüdischen Siedler würden sich heftig wehren, würde das Land an die Palästinenser zurückgegeben werden. Der israelisch-jüdische Charakter der neuen Gebiete könnte nur dann in Gefahr geraten, wenn Israel eine enorme militärische Niederlage erleiden würde, und das ist momentan unvorstellbar.

Erdogan veranlasste die Umwandlung eines Museums (das vorher 900 Jahre lang die weltgrößte christliche Kirche war) in eine Moschee. Diese Aktion werden viele in seinem Land so interpretieren, dass die Türkei ihren ehemaligen Status und Stolz als Weltmacht wiedererlangt. Durch diese Vorgangsweise, die vom Obersten Gericht der Türkei gutgeheißen wurde, macht Erdogan die fast neunzig Jahre alte Entscheidung des säkularen türkischen Autokraten Kemal Atatürk rückgängig, den religiösen Kampf um die Kirche bzw. Moschee zu beenden und sie zu einem Museum zu machen. Auch hier glaube ich nicht, dass es nicht die letzte Tat ist, die Erdogan setzt. Er strebt ebenfalls ein „größeres Reich“ an, nämlich die Wiedererrichtung des Osmanischen Reiches mit dem Sultan in Istanbul. Nachdem die Europäische Union eine eventuelle Mitgliedschaft der Türkei mehrmals zurückgewiesen hatte, übernahm Erdogan die Rolle eines nahöstlichen Drahtziehers. Wie es derzeit aussieht, wird diese Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee kaum rückgängig gemacht werden können.

Nun selbst wenn es in einem dieser Länder zur Niederlage der Obrigkeit käme, wäre es kaum wahrscheinlich, dass dies Aktionen rückgängig gemacht würden. Und selbst wenn sie wirklich revidiert würden, bliebe den heutigen Potentaten noch immer der „ewige Ruhm“ unabhängig von der Zustimmung der restlichen Welt – mutige Entscheidungen getroffen zu haben. Sie haben gewonnen! Der Platz dieser Politiker im Pantheon wäre damit gesichert – sogar im unwahrscheinlichen Fall einer Katastrophe für ihr Land. Würden sie diese im Zweifelsfall für ihren ewigen Ruhm in Kauf nehmen?

Ich trau es ihnen zu!

Der Wunsch nach ewigem Ruhme

Wiener G‘schicht’ln im Sommer 2020

Zum Krapfenwaldl

Es herbstelt schon ein wenig. Man merkt, dass die Tage schon kürzer werden, besonders wenn nicht bis spät abends die Sonne scheint, sondern sich Wolken zusammenziehen.

Es ist ein anderer Sommer heuer, nur ein wenig Tourismus, dafür sind viele „Einheimische“ anwesend und unterwegs. Auch Gruppen sieht man, mit Deutsch sprechenden Fremdenführern. Ein paar wenige Tour-Busse fahren auch schon wieder. Kinder sind vermehrt – oft mit ihren Eltern –  sichtbar. Und der Verkehr hat kaum nachgelassen, darum machen sich die Baustellen besonders bemerkbar. Es staut, wie es in Wien im Sommer Tradition ist. Man tauscht Ideen aus, wo man am Abend gemütlich draußen sitzen kann, ich hab‘ da von einem Pop-up-Heurigen in der Krapfenwaldlgegend gehört.  Und falls Sie es genau wissen wollen: „Hans und Fritz“, Buschenschank im roten Container in der Nähe des Krapfenwaldlbades. Sobald es wieder zu regnen aufhört, könnte ich mich ja dahin begeben.

Das Krapfenwaldl ist ein 354 m ü. A. hoher Hügel und ein Waldgebiet in Döbling. Früher war die Erhebung dichter mit Föhren bewachsen als heute, später übertrug sich der Name auch auf die kleine Ansiedlung. Der Name „Krapfenwaldl“ stammt vom Geheimen Kriegsrat Franz Joseph Krapf, der sich hier im 18. Jahrhundert ein Waldhaus hatte bauen lassen.

Wär‘ nicht Wien, würde nicht der rationale Grund für den Namen ausgeblendet und eine Sage gegenübergestellt: Im Krapfenwaldl wünschte sich an einem Faschingstage ein Handwerksbursche Krapfen. Sogleich stand eine Schüssel voll vor ihm. Darüber erschrak er anfangs, und als er weitergegangen, begegnete ihm ein kleines schwarzes Männlein. Dieses trug ihm noch eine Schüssel voll an, wenn er ihm seine Seele verschreibe. Der Bursche wollte nicht glauben, dass er der Teufel sei. Darauf sagte er zu ihm: „Werde groß wie ein Riese, klein wie eine Eichel“.

Und das Männlein verwandelte sich sogleich in einen Riesen und dann in eine Eichel. Als der Bursche das sah, steckte er die Eichel in ein Säckchen, trug es nach Grinzing in eine Schlosserwerkstätte und hämmerte so lange darauf, bis das Männlein versprach, seine Seele nicht zu fordern. Seit dieser Zeit heißt man jenes Wäldchen „Krapfenwaldl“.

Noch hübscher finde ich eine diesbezügliche Weihnachtsgeschichte – geschrieben von einem von den Nazis vertriebenen, dann in Montevideo ansässigen Wiener, der sein Heimweh mit Geschichten über Wien bekämpfte: dazu gehörte auch folgende Weihnachtsgeschichte (kurz zusammengefast): Zwei Flurwächter stapften  am 24. Dezember im Schnee  und plaudern darüber, dass sie kein Geschenk für das neugeborene Jesuskindlein hätten. Und weil sie doch etwas mitbringen wollten, sammelten sie Bockerln (Zapfen von Nadelbäumen) im Wald, legten sie in ihre mitgenommene Essensschüssel und brachten es zur Mitternacht dem Jesuskindlein, sie schämten sich, ob ihres einfachen Geschenks und stellten sich weit hinten, aber als sie die Schüssel überreichten fanden sich statt der beschneiten Bockerln bezuckerte Krapfen darin. Seither heißt diese Gegend Krapfenwaldl.    

Im 18. Jahrhundert hieß das Gebiet auch „Musikantengehege“, da Karl VI. das hier liegende Wildgehege den Mitgliedern seiner Hofmusikkapelle zur Jagd überlassen hatte.

Nach dem Tod Krapfs erwarb der Grinzinger Weinhauer Leopold Seidl das Haus und gestaltete es zu einem Gasthaus um. 1797 bis 1800 wurden Gehwege und Bänke im umliegenden Wald angelegt. 1806 erwarb Johann Fürst zu Liechtenstein das Gebiet und ließ am Gipfel der Anhöhe ein Lusthaus errichten. Im Biedermeier wurde das Krapfenwäldchen als ein „überraschend anmuthiges Plätzchen“ beschrieben. Stimmt eigentlich noch immer!

Später wurde das Krapfenwaldl dem Gut Reisenberg einverleibt. Baron Sothen ließ das Gasthaus nach 1867 ausbauen und ein jährliches Annenfest abhalten. Der Besucherstrom steigerte sich insbesondere nach der Errichtung der Zahnradbahn auf den Kahlenberg, da eine eigene Station Krapfenwaldl errichtet wurde. Die Kahlenbergbahn war eine normalspurige dampflokgetriebene Zahnradbahn, die 1874–1919 im Regelbetrieb von Nussdorf auf den Kahlenberg führte.

1909 wurde das Krapfenwaldl von der Gemeinde Wien erworben, die am 30. April 1911 ein großes Volksrestaurant eröffnete. Dies wurde während des Ersten Weltkriegs in ein Reservelazarett umgewandelt. 1923 wurde das Krapfenwaldlbad (Freibad) erbaut, das später durch die Wiener Höhenstraße erschlossen wurde. Das Gasthaus wurde in das neue Bad integriert. Mehrmals wurde es renoviert und erweitert. Und das Bad war und ist sehr beliebt, man kann es mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen – leider nicht mehr mit der Zahnradbahn. Man hat von dort einen wunderschönen Blick über Wien.  In meiner Jugend war dieses Bad dafür berühmt, dass man dort gut „anbandeln“ (Vorstadium zum Flirten) konnte.

Wiener G‘schicht’ln im Sommer 2020

Die neue Brücke in Genua ist fertig: Ponte San Giorgio

Sie ersetzt die 2018 eingestürzte Morandi-Brücke

Niemand soll sagen, dass ich nur Negatives berichte. Entgegen meinen Ankündigungen, nichts mehr über Trump zu schreiben – denn am nächsten Tag ist möglicherweise das Gegenteil wahr, nur noch eine winzige Erklärung zu seinem Tweet „Präsidentschaftswahlverschiebung“. Erstens kann der Präsident die Wahl gar nicht selbstständig verschieben, das wäre Sache des Kongresses, und der ist nicht so zusammengesetzt, dass eine Wahlverschiebung möglich wäre. Doch auch aus den Reihen seiner Republikaner kommt Kritik an Trumps Idee. Selbst während des Bürgerkriegs habe man pünktlich gewählt, erklärte der Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell. Ohnehin wäre nur eine Verschiebung um wenige Wochen möglich, da die Amtszeit laut Verfassung am 20. Januar endet.

Aber ein schlauer Fuchs ist er schon, der weise Präsident jenseits des großen Teiches, denn die Ziffern über die Wirtschaftsleistung der USA wurden zu diesem Zeitpunkt verlautbart – und die waren gar nicht so gut. Um davon abzulenken, hat er einfach diese Wahlverschiebungsdiskussion losgetreten, die Wirtschaftsprobleme traten in den Hintergrund und wurden von der Presse nicht so sehr in die Schlagzeilen gestellt.  

Aber jetzt zu den Lichtblicken. Sie können sich sicher noch erinnern, Sie haben es im Radio gehört, Sie haben es im Fernsehen gesehen oder in der Zeitung gelesen. Am 14. August 2018 stürzte die Fahrbahn der alten Brückenkonstruktion auf rund 200 Metern ein. Autos und Lastwagen wurden mit Insassen rund 40 Meter in die Tiefe gerissen, 43 Menschen starben. Viele Häuser unterhalb der Brücke wurden unbewohnbar. Dass Italiens Brücken und Tunnel teils marode sind, war ja bekannt. Vielleicht sind Sie schon selber über diese damals noch intakte Brücke gefahren … (Wir sind es, ich kann mich noch erinnern, als wir in Genua die Fähre nach Sardinien nahmen).

Bald nach dem Unglück begann der Abriss von Brückenteilen und Gebäuden. Seit 2019 wird gebaut.  Den Neubau hat der Stararchitekt Renzo Piano entworfen, der selbst aus Genua stammt und der z.B. für das Centre Pompidou in Paris verantwortlich zeichnet. Seine Vision der neuen Brückenelemente: „Schiffskörper, die über Betonsäulen fliegen“. 18 Pfeiler stützen die 1.067 Meter lange Straßenverbindung über dem Fluss Polcevera. Die Fahrbahnteile ruhen auf den Stelzen in etwa 45 Metern Höhe. Ähnlich tief wurden die Pfeiler im Boden versenkt.

Wir alle waren erstaunt, wie schnell der Bau voranging.  Das lag auch daran, dass Bürgermeister Bucci selbst zum Sonderkommissar für das Projekt ernannt worden war. Rechtliche Hürden wurden beiseitegeschoben. „Wir haben die Brücke in einem Jahr fertiggestellt. So eine Brücke zu bauen, hätte normalerweise drei Jahre gedauert“, meint dazu der 82-jährige Architekt Renzo Piano.

Die juristische Suche nach Schuldigen des Desasters zieht sich derweil hin. Bei der Staatsanwaltschaft läuft ein Großverfahren gegen Dutzende Verdächtige. Es geht um mögliche Wartungsmängel – auch durch den privaten Betreiber Autostrade per l’Italia. Die Regierung in Rom will das Unternehmen in den kommenden Monaten weitgehend verstaatlichen.

Die neue Brücke heißt Ponte San Giorgio, nach dem Heiligen Georg, der als Schutzpatron der Stadt Genua gilt. Der Soundtrack zur Einweihung stammt vom legendären (auch von mir sehr geschätzten) Komponisten Ennio Morricone, der Anfang Juli 2020 leider starb. Am 3. August 2020 soll die Kunstflugstaffel der italienischen Luftwaffe die Tricolore in den Himmel zeichnen, bevor das symbolische erste Auto mit Staatspräsident Sergio Mattarella das Polcevera-Tal auf der neuen Fahrbahn überquert. Zwei Tage später soll die San-Giorgio-Brücke dann für alle Autofahrer offen sein (also rechtzeitig für den Ferragosto).

Die Einweihung der neuen Brücke ist ein Symbol mitten in der Corona Krise: Für den schnellen Wiederaufbau in einem Land, in dem selten etwas schnell geht. Und schön ist sie außerdem.

Da ich ja finde, dass wir allesamt Europäer sind (wenn es auch manchmal nicht ganz so ausschaut), steht es uns wohl an, auch mit den Italienern zu feiern. Sie wurden von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Wir Österreicher haben uns unserem Nachbarn gegenüber ohnedies im Rahmen des Corona-Wiederaufbaufonds der EU als Teil der „Frugalen Vier/Fünf“ nicht besonders freundlich benommen.  Außerdem – bei der Flüchtlingsverteilung stellen wir uns auch nicht gerade in vorderster Front an. Ich glaube, dass wir sicher ein paar Flüchtlinge aus den überfüllten Lagern in Lampedusa etc. unterbringen könnten.

Wir fahren doch alle so gerne nach Italien auf Urlaub – oder? Also: wir alle gratulieren den Italienern zum Aufbau dieser Brücke!

Die neue Brücke in Genua ist fertig: Ponte San Giorgio

Nobody is perfect

Aber manche sind’s doch

Und die beneide ich glühend. Aber dazu muss ich ausholen. Ich war gestern bei alten Freunden zum Essen und Trinken eingeladen.

Ich weiß, dass die Hausfrau eine der besten Köchinnen ist, die ich kenne. Und sie hat mich auch diesmal nicht enttäuscht.  Nämlich, nicht nur, dass sie hervorragend kochen kann, sie merkt sich auch, welche Gerichte ihre Gäste besonders schätzen. Also, ja, jeder bemüht sich, die Wohnung ordentlich aufzuräumen, wenn Gäste kommen. Hier war selbstverständlich alles picobello. Die Hausfrau selbst gar nicht abgestrudelt oder rot im Gesicht, nein sie war besonders hübsch gekleidet, ordentlich geschminkt und komplett gelassen, rannte nicht zwischendurch in die Küche, um nachzusehen, ob nichts anbrannte. Vielleich soll ich noch über die Speisefolgen referieren. Es gab ein Gazpacho (Rezept von der spanischen Großmutter eines Freundes), himmlisch! Und dann Steinpilze (die waren am Morgen auf einem relativ weit entfernten Markt gekauft worden) sautiert mit Petersilie, zuletzt einen Eiskaffee.

Und der Tisch war perfekt gedeckt. Nicht nur ein blütenweißes Tischtuch, auch gestärkte Stoffservietten fanden sich da, mit hübschen Serviettenringen.  Das wunderhübsche Augartenservice – Wiener Rose – und das glänzend geputzte Silberbesteck. Die Gläser – so nehme ich an, waren von Riedel. Natürlich zum Willkommen gab’s eine Rose-Sekt (?), und zu jedem Gang den passenden Wein. Ich war sehr vorsichtig mit dem Alkohol, denn bei der Hitze vertrag ich Alkohol eher gar nicht, ich werde müde und es geht mir dann nicht gar so gut.

Also nach jeden Gang wurde nicht nur das Geschirr, sondern auch das jeweilige Zubehör vom Tisch geräumt. Ja, und ob Sie’s glauben oder nicht, ich fühlte mich trotz der Perfektion pudelwohl.

So etwas gelänge mir nie. Ich koche zwar sehr gerne, zur Not auch für mich allein, aber dann vergeht mir die Lust, alles hübsch zu arrangieren, ich lege nur Wert darauf, dass es gut schmeckt. Und die Rezepte dieser Hausfrau gelingen sogar mir immer. Mein Haushalt läuft irgendwie anders ab, Wäsche wird nicht gestärkt, das Tafelsilber nur sehr zuweilen geputzt.

Ich bin wahrscheinlich für diese Perfektion viel zu ungeduldig. Mit fallen zwischenzeitlich immer wieder Dinge ein, die ich tun sollte – oder möchte. (Dazu gehört bei mir selbstverständlich das Schreiben). Ja, vielleicht bin ich auch beim Schreiben zu ungeduldig, sobald der Text steht, wird er zwar doch eher sorgfältig durchgelesen und „“gespellcheckt oder spellgecheckt“. Aber dann wird er gepostet. Kein weiteres Setzenlassen, Darüber-Nachdenken etc. ja, natürlich finden dann verschiedenen Menschen Fehler, die mich mehr oder minder öffentlich bzw.  nicht immer besonders diskret darauf aufmerksam machen. Mir hat schon immer Multitasking gefallen, obwohl es eigentlich bei mir nicht wirklich funktioniert.

Aber heute habe ich im Radio, na nicht ordentlich erlauscht, aber hier und da ein paar Brocken aufgeschnappt. Joji Hattori – Geiger, Dirigent und Wirt – hat gesprochen unter „Gedanken – Japan 1945 bis heute“. Ich gehe oft an seinem Restaurant vorbei, es hat seinen Sitz in der Krugerstraße und sein Schanigarten hat die hübscheste Pflanzenumgrenzung (Japanischer Ahorn – glaube ich) der Umgebung. Aber er erläuterte etwas, das ich faszinierend fand: Es gibt Menschen mit einer ausgeprägten Begabung, und auf diesem Gebiet sind sie absolute Spitze. Dann gibt es aber Menschen, die verschiedene Begabungen haben, bei ihm war es die Musik, die Anthropologie, und eigentlich noch vieles mehr. So lebt er heute zwei Kulturen, die japanische und die österreichische, er dirigiert, aber er betreibt auch ein Japanisches Restaurant. Fazit: Man kann auf mehr als einem Gebiet gut sein. Und er meinte, er versuche, den Menschen Glück zu bereiten, mit beidem. (Ich werde es demnächst ausprobieren, nämlich das Restaurant, es schien mir bisher sehr elitär – daher teuer – aber jetzt interessiert es mich – werde ich Glück empfinden?) Die verwendeten Ausdrücke waren für mich etwas fremd – ich würde nämlich nicht sagen, „Glück zu bringen“, ich hätte vielleicht stattdessen gesagt, Freude bringen.

Ich glaub zwar, dass es in meinem Fall nicht eine Frage der Mehrfachbegabung ist, so vermessen möchte ich gar nicht sein, ich fürchte, es ist eher meine Ungeduld, da halt letztlich zu einer imperfekten Hudelei führt. Naja, vielleicht ist es auch Neugierde, die zu meiner Ungeduld führt „…  doch möcht‘ ich alles wissen (aber das hat ja schon jemand anderer gesagt).

Es gibt jetzt mehrere Möglichkeiten: entweder nehme ich mich zusammen und zügle meine Ungeduld, hudle weniger oder ich tu so weiter, wie bisher und lebe aber damit recht gemütlich (nur Sie haben dann mehr Gelegenheit Fehler in meinen Texten zu finden). Wenn mir demnächst sehr fad wird (kommt nur in wirklich Ausnahmen vor), mache ich mich ans Silberputzen.

Nobody is perfect