In der Albertina Modern

Die einzigen waren wir nicht, beim Eingang mussten wir uns anstellen und ein Weilchen warten. Wir, das waren mein Enkel, meine Urenkelin und ich – in der Albertina Modern.  Ich hatte diesen Besuch schon auf der Agenda, als „Corona“ über uns hereingebrochen ist, und musste ihn halt dann verschieben. Damals war’s nicht abzusehen, wann das möglich wäre.

Nicht, dass ich das Künstlerhaus nicht gekannt hätte. Ich habe in früheren Zeiten hervorragende Ausstellungen dort gesehen, heute waren wir nur im Erdgeschoss.  Dieser Teil ist mir nicht sehr verändert vorgekommen, heller, sauberer vielleicht. Der Kassenbereich ist geräumiger …

Ganz leicht war‘s mit dem Abstandhalten nicht, es gibt bei den Objekten viele kluge interessante Texte, und wenn man die lesen will, dann wird‘s zuweilen ein wenig eng.

Viele der Künstler und manche ihrer Werke kannte ich. Selbstverständlich, ich habe ja zu dieser Zeit gelebt, mir war’s vertraut. Die meisten Exponate der Ausstellung „The Beginning“ stammen aus der Albertina und der Sammlung Essl ebenso wie von Leihgebern wie dem Wien Museum und dem Privatmuseum Liaunig. Diese Schau versucht, alle wichtigen Strömungen der österreichischen Kunst von 1945 bis 1980 zu zeigen, darunter auch die Art Brut und die Konkrete Kunst. Interessanterweise haben meinem Enkel und mir die phantastischen Realisten besonders gut gefallen, Fuchs, Hauser Hutter wiederzusehen, war für mich schon ein Erlebnis. Die „groben“ Plastiken von Hrdlicka strahlen viel Kraft aus, andererseits ist er ja permanent am Albertina-Platz vertreten.  Meine Urenkelin (sie ist jetzt knapp ein Jahr alt) verschlief diesen Teil.

Die „Gerümpelplastik“ im Saal der Wiener Aktionisten hat uns zu einem Gespräch über ein bei uns bei einem Brand zerflossenes Alibertkastl angeregt, das dann Hand – und Zahnbürsten etc. umfloss, und somit den dort ausgestellten Gegenständen durchaus ebenbürtig erscheint.  Es wird hierorts prominent aufgehängt werden.  

Gironcoli habe ich ganz anders und viel weniger brutal in Erinnerung gehabt. Aus Pichlers Bettgestell ragen Glasscherben, grad kein sehr erfreulicher Anblick, aber erfreulich soll’s ja wahrscheinlich auch gar nicht sein. Prachensky wie auch Mikl beeindrucken nach wie vor mächtig. Mühl ist ebenso mit einigen Werken vertreten. Hier folgte meine Urenkelin interessiert den bunten Farben. Aber als wir dann in der Art-Brut angekommen waren, erhob sie ein martialisches Geschrei, worauf wir halt flugs die Ausstellung verließen.

Die Pop-Art (Attersee) hat uns wirklich amüsiert. Auch das Plakat für diese Ausstellung, Klemmers Mann im gestreiften Anzug ist mit einigen Werken „live“ zu sehen. Prominent, aber bereits bekannt: Maria Lassnig.  Ebenso stark vertreten ist Kiki Kogelnik, von der ich mich erinnere, dass sie mich in ihrer (und meiner) Jugendzeit einigermaßen verstört hat.

Ein eigener Saal ist Hundertwasser gewidmet. Günter Brus ist schwer zu ertragen und Rainer beeindruckt wieder sehr.

200 (400?) Werke von 74 Künstlern sind zu sehen, ohnedies zu viel für einen Besuch. Die Kellergalerie wird halt dann bei einem nächsten Mal besichtigt werden.  

Jedenfalls bin ich froh, dass die Sammlung Essl nach der Museumsschließung in Klosterneuburg (wohin ich leider nie gekommen bin) über ihre teilweise Schenkung an die Albertina und die Schaffung einer neuen „Albertina Modern“-Filiale schlussendlich in das mittlerweile von Kunstinvestor Hans Peter Haselsteiner mehrheitlich übernommene Künstlerhaus kam.

Und besonders froh bin, überhaupt wieder in ein Museum gehen zu können, selbst wenn alle Besucher maskiert sind. Es gibt übrigens ein Bild in der Ausstellung (Vermummter) – naja, so schauen wir halt jetzt alle aus.

In der Albertina Modern

Flüchten hat eine lange Geschichte

Wenn wir jetzt über „Flüchtlingsprobleme“ klagen, sollten wir uns erinnern, dass es „schon immer“ Flüchtlinge gegeben hat.  Wir haben derzeit nur das sehr große Glück, nicht fliehen zu müssen!

Schon in der vorchristlichen Zeit gab es zwischen verschiedenen Stämmen Auseinandersetzungen um Jagdreviere, Siedlungsorte und Partner. Die Überlebenden des unterlegenen Stammes mussten danach ihre Heimat verlassen und sich an anderer Stelle niederlassen. Noch war die Erde nicht so dicht besiedelt und es gab Platz, wenn vielleicht nicht ganz so fruchtbar, wie der verlassenen. Auch die Bibel erzählt von Unterdrückung und Flucht. Es ist Moses, der das Volk Israel von seinem Sklavendasein in Ägypten zu befreit und sein Volk ins gelobte Land nach Kanaan führt.  

In der Antike und zur Römerzeit wurden viele Volksgruppen wegen ihres Glaubens und ihrer Kultur vertrieben. Was wir heute als Völkerwanderung bezeichnen, war (wahrscheinlich) eine massenhafte Flüchtlingsbewegung, die wellenförmig die verschiedenen Stämme erfasste und sie wie Dominosteine in wahrscheinlich fruchtbarere Gegenden trieb. Das war dann das Ende des (West)-Römischen Reichs bzw. der Beginn des Mittelalters. Es hatte wahrscheinlich mit den Hunnen begonnen, einem aus Zentralasien anrückenden Reitervolk, das den Anstoß für viele germanische Stämme gab, sich nach Süden und Westen auszudehnen, sie ließen sich im römischen Reich nieder (ca. ab 376) , da damals fast den gesamten bekannten Erdkreis umfasste.

Die „Barbaren“ übernahmen letztendlich vieles von der römischen Zivilisation, da aber immer neue Volksstämme in den folgenden Jahrzehnten aus Norden und Osten ins Römische Reich zogen , zerfiel Rom in viele kleinere Reiche, in denen der Grundstein für das heutige Europa gelegt wurde.

In den folgenden Jahrhunderten waren es immer wieder Kriege, die zu Flucht und Vertreibung geführt haben. Sei es aufgrund von Territorialinteressen, Machtstreben, religiösen Konflikten oder auch Klimaveränderung (Missernten). Manchmal war Flucht die bessere Lösung, wenn das Gemetzel großen Umfang angenommen hatte. Besonders der Dreißigjährige Krieg, der zwar die Bevölkerung weitgehend dezimiert hat, löste Wanderungen – also Fluchtbewegungen aus. Auch Missernten waren Ursachen für Fluchtbewegungen. So machten sich Mitte des 19. Jahrhunderts nach mehreren Kartoffelmissernten, der darauffolgenden Hungersnot knapp zwei Millionen Iren auf den Weg nach „Übersee“.

Im Zwanzigsten Jahrhundert waren es die beide großen Weltkriege die bis dahin nie da gewesenen Flüchtlingsströme auslösten. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die multikulturellen dynastischen Staaten Europas, das Habsburgerreich, das Zarenreich, das Reich der Osmanen und das der Hohenzollern zerfallen. Es entstanden neue Nationalstaaten. In diese Länder kehrten Flüchtlinge zurück, schon damals mussten ethnische Minderheiten fliehen oder wurden vertrieben. Betroffen waren vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen. Aber auch die vielen Soldaten, sei es in Kriegsgefangenschaft, sei es einfach, weil „Kriegsende“ war, mussten (wollten) in ihre jeweils neue Heimat zurückkehren.

6 Millionen europäische Juden fielen dem Rassewahn der Nationalsozialisten zum Opfer. Mit insgesamt 60-70 Millionen Toten steht der Zweite Weltkrieg für eine der Tragödien des 20. Jahrhunderts. Kaum weniger als der Weltkrieg selbst verursachte die auf ihn folgende politische Neuordnung der Welt massenhaft weiteres menschliches Elend.

Über zwölf Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sowie bis zu zwölf Millionen „Displaced Persons“ – ehemalige Zwangsarbeiter und ausländische KZ-Insassen – mussten nach dem Ende des Krieges eine neue Heimat finden bzw. repatriiert werden. Die überlebenden Opfer der nationalsozialistischen Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager stellten nach Kriegsende das Gros der zehn bis zwölf Millionen „Displaced Persons“ (DPs). Sie entstammten rund 20 Nationalitäten mit über 35 verschiedenen Sprachen. Sie unterstanden der direkten Obhut der vier alliierten Besatzungsmächte und den von ihnen zugelassenen internationalen Hilfsorganisationen. Man wollte die DPs so rasch wie möglich zu sammeln und in ihre jeweiligen Heimatländer zurückzubringen, da auch ihre Unterbringung und Versorgung außerordentlich schwierig war.

Die Mehrzahl der DPs schloss sich freiwillig den zahllosen, für sie zusammengestellten alliierten Transporten an. Entsprechend einer Vereinbarung zwischen den Westalliierten und der UdSSR wurden dabei DPs sowjetischer Staatsbürgerschaft auch zwangsweise repatriiert. Das geschah, obgleich die westalliierten Behörden wussten, dass DPs in der UdSSR als angebliche „Kollaborateure“ mit Lagerhaft, Repressionen bzw. „Umerziehungsmaßnahmen“, Offiziere vielfach auch mit der Todesstrafe zu rechnen hatten. Deshalb wählten nicht wenige von ihnen anstelle der Deportation den Freitod. (z.B.: 1945 Lienzer Kosakentragödie)

Von 1. August 1945 bis Ende 1955 kehrten Kriegsgefangene nach Österreich heim, das Gros davon im Jahr 1946. Viele davon wurden vorerst notdürftig in Flüchtlingslagern untergebracht. Die mit Abstand bedeutendste Gruppe unter den Migranten dieser Zeit bildeten jedoch flüchtende oder vertriebene deutschsprachige Bevölkerungsteile aus Ost- und Südosteuropa. Die Welle der Zuwanderung von aus ehemaligen Teilen Nazi-Deutschlands, aus von der Deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten oder aus Territorien verbündeter autoritärer Regime flüchtenden „Volksdeutschen“ und die Rückwanderung von sogenannten „displaced persons“ – deutsche Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Überlebende aus den Konzentrationslagern – hatte ihren Höhepunkt im Jahr 1945, reichte jedoch noch bis in die 1950er Jahre. Diese „ethnischen Flüchtlinge“ z.B. stellten kurzfristig mehr als 10% der Wiener Bevölkerung, allerdings stellte ihre Integration kein größeres Problem dar, da sie allesamt Deutsch sprachen.

Auch später gab es noch größere Flüchtlingswellen in Österreich: Nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956 durch die Sowjetarmee flüchteten rund 180.000 Menschen aus Ungarn nach Österreich, aber nur wenige davon bleiben hier. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer-Pakts in die damalige Tschechoslowakei 1968 flüchteten 162.000 Menschen nach Österreich. Die meisten kehrten in ihre Heimat zurück, rund 12.000 Menschen fanden in Österreich ein neues Zuhause. Der Zerfall Jugoslawiens 1991 führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die viele Menschen in die Flucht trieben. Anfangs kamen rund 13.000 Menschen aus Kroatien nach Österreich, von denen viele im Frühjahr 1992 in ihr Heimatland zurückkehrten. Zeitgleich trafen die ersten Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina ein. Von den rund 90.000 Flüchtlingen, die aufgenommen wurden, blieben rund 60.000 Menschen im Land.

Leider bringt auch das 21. Jahrhundert wieder viele Flüchtlinge z.B. nach Europa. Wieder sind Krieg, Vertreibung oder Hunger die Ursachen. Und diese kurze Übersicht lässt z.B. Vietnamesen oder neuerdings z.B. Rohingya völlig außer Acht.
Flüchtlinge gab es und gibt es leider noch immer und überall.

Flüchten hat eine lange Geschichte

Pfingsten 2020, was feiern wir?

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten Feld und Wald. Auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel. Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen, festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.“ Meinte schon Goethe.

Naja, heuer fällt es anders aus für uns, es gießt. Einerseits ist es nicht das erste Mal in meinem Leben, dass es zu Pfingsten gießt, andererseits ist es in unserer Gegend lange Zeit viel zu trocken gewesen, und ein ordentlicher Landregen schadet diesbezüglich kaum.  Aber ich gebe zu, in der Post-Corona (hoffentlich – halten wir die Daumen) hätten wir (und die Touristikwirtschaft) ein besseres Wetter verdient.

So können wir aber gemütlich, zu Hause, darüber nachdenken, wofür Pfingsten in unserem Leben steht – oder auch nicht. Ich will’s für mich jedenfalls einmal versuchen. Ich tue das auch, weil wir – also diesmal alle Christen – zu Pfingsten aufgefordert sind, über unseren Glauben zu reden.

Das erste, was mir dazu einfällt, ist, dass Pfingsten die Aufhebung des Turmbaus von Babel darstellt. Wir alle waren doch bei dieser gedrängten Breughel-Schau im Kunsthistorischen Museum (hinterher  konnte man dieses Bild ganz ohne Gedränge anschauen – bis zur Corona-Schließung). Sie kennen es jedenfalls. Die Bibel erzählt von einem Volk aus dem Osten, das die eine (heilige) Sprache spricht und sich in der Ebene in einem Land namens Schinar ansiedelt. Dort will es eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel bauen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Nun befürchtet er, dass ihnen nichts mehr unerreichbar sein [wird], was sie sich auch vornehmen, das heißt, dass das Volk übermütig werden könnte und vor nichts zurückschreckt, was ihm in den Sinn kommt. Gott verwirrt ihre Sprache und vertreibt sie über die ganze Erde. Die Weiterarbeit am Turm endet gezwungenermaßen, weil die durch ein Wunder Gottes aufgetretene Sprachverwirrung die notwendige Verständigung der am Turm bauenden Menschen untereinander so gut wie unmöglich macht.

Und zu Pfingsten heißt es:

„Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie (die Apostel) waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.

Der Geist befähigte die Jünger, wie es in der Apostelgeschichte heißt, „in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“

Man kann auch einen weiteren Vergleich ziehen, zu der Verkündigung der Zehn Gebote am Sinai, wobei „zu Pfingsten“ kein in Stein garviertes Gesetz herabgekommen ist, sondern die Möglichkeit, ja die Begabung aller damals Anwesenden zum Reden „in fremden Sprachen“.

Aber dieses Vorgehen war schon im Alten Testament (Joe 3, 1-2) angekündigt worden: “Es wird geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure jungen Männer haben Visionen.  Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen“.

Das erste Pfingstfest, also das oben beschriebene, fand an einem der großen jüdischen Wallfahrtsfeste, dem „Wochenfest“ (Schavuot), statt. Als Erntedank für die Weizenernte wurde dieser Tag später auch zur dankbaren Erinnerung an die Übergabe der Zehn Gebote am Sinai.

Während sich der Turmbau zu Babel wunderbar in Bildern darstellen lässt, wird es bei der Darstellung des Heiligen Geistes schon viel schwerer. Zu Pfingsten also feiert die Kirche das Kommen und Wirken des Heiligen Geistes. Dieser Heilige Geist wird oft als Taube, Feuer oder Wind dargestellt.

Bei der Taufe im Jordan kam der Geist Gottes in Form einer Taube auf Jesus herab. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“. Bereits in der alttestamentlichen Geschichte der Sintflut spielt die Taube eine Rolle. Eine, die Noah von der Arche zu einem Erkundungsflug aussendet, kehrt mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zurück. Ein Zeichen für Noah, dass sich das Wasser allmählich zurückzieht. Die Taube – Sinnbild der Versöhnung mit Gott und ab dem 6. Jahrhundert nach Christus ein Zeichen für den Heiligen Geist – gilt bis heute als Symbol für Frieden.

Auf vielen Bildern der Pfingstgeschichte sind über den Köpfen der Jünger Feuerzungen zu sehen: ein Zeichen für die Erleuchtung durch den Heiligen Geist und für das innere Feuer, das damals in ihnen brannte und sie begeistert die Frohe Botschaft verkünden ließ. Das Feuer spielt auch in anderen Bibelgeschichten eine Rolle: Mose erkennt Gott im brennenden Dornbusch. Und Johannes der Täufer verkündet am Jordan: „Er (Jesus) wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen“. Jesus selbst sagte: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“

Bevor Gott Himmel und Erde schuf, schwebte sein Windhauch über dem Chaos. „Ruach“ nennt die hebräische Bibel den Atem Gottes, der oft als Geist Gottes beschrieben wird. Auch für Jesus galt der Wind als Symbol für den Heiligen Geist. „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie (die Jünger) an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“

Aus dem Windhauch wird am ersten Pfingstfest ein gewaltiges Brausen, das vom Himmel kommt und das Haus erfüllt, in dem die Jünger sich aufhalten.

Trotz schlechtem Wetter wünsche ich Ihnen ein besinnliches, dennoch  fröhliches Pfingstfest.

Pfingsten 2020, was feiern wir?

Ein paar Gedanken zu einem Buch, das ich gerade lese

Geschrieben hat es Francesca Melandri, und es heißt „alle, außer mir“

Der Anlass, warum ich mir dieses Buch gekauft habe ist die Ankündigung, dass es die Kolonialgeschichte Italiens im 20 Jahrhundert darstellt, in die ja auch mein Vater „involviert“ war. Mein Vater, geboren 1902, (oder seine gerade in Scheidung begriffenen Eltern) hatten nach dem Ersten Weltkrieg nicht rechtzeitige für die österreichische Staatsbürgerschaft optiert. Damit fand mein Vater sich als Italiener wieder, er, der doch in Wien geboren war. Er wollte aber Österreicher sein ,und damit musste er aber in Italien einen vierjährigen Militärdienst ableisten. Er wurde einem „Südtiroler Regiment“ zugeteilt, der verstand die Sprache der Mit-Rekruten nicht, war dann mit ihnen im Einsatz in Libyen. Er hat es abgelehnt, später nach Italien zu fahren. Gesprochen, über diese Zeit hat er mir uns -meiner Mutter und mir – nie. Darin gleicht er jenem Mann, der einer der „Helden“ des Buches ist.

So genau kenne ich die Geschichte unseres Nachbarlandes eigentlich auch nicht, wir sehen sie meist nur im Hinblick auf unsere eigene Geschichte. Immer bewusst war mir, dass Italien in beiden Weltkriegen Seiten gewechselt hat, und am Schluss immer auf Seiten der Sieger gestanden ist.  Bekannt war mir, dass Mussolini zuerst Schutzmacht Österreichs war, und dann Hitler beim Anschluss gewähren ließ. Gelesen habe ich auch über Mussolinis und des Faschismus Ende. Ganz gut kenne ich die Geschichte Südtirols. Und dann zu meinen bewussten Lebzeiten: die Aktionen der Roten Brigaden, und die breit berichteten Vorgehensweisen von Silvio Berlusconi (Bunga, Bunga).  

Und jetzt dieses Buch: Ein großer Roman, eine Familiengeschichte, aber auch ein Porträt Italiens im 20. Jahrhundert, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten, Eine Geschichte des Faschismus und seiner zugrundeliegenden Ideologie, die bis in die Gegenwart reichen.

Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Diesbezüglich kann ich mich mit der vierzigjährigen Lehrerin Ilaria identifizieren. Sie hätte diese Fragen wohl mit „ja“ beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen bis eines Tages ein junger Afrikaner auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters … Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben.

Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte über drei Generationen und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Und sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts aus der Verdrängung: die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea (sowie Libyen) bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft Melandri mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im „richtigen“ Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Mich hat wenig erstaunt, dass es nach dem Kreig in Italien keine Faschisten gegeben hat, ja, das haben wir bei uns auch erlebt, alle waren, wenn sich’s irgendwie drehen ließ, Partisanen oder Widerstandskämpfer gewesen.

Aber diese Ideologie des Faschismus, der ja ein klarer Rassismus war, die himmelhohe Überlegenheit der „weißen Rasse“ über die dummen, unfähigen Afrikaner, nicht besser als Tiere, postulierte, steuerte damals die Kolonialpolitik aber überlebte bis in unsere Zeit hinein (z.B. im Hinblick auf Einschätzung der afrikanischen Flüchtlinge heute). Und wenn wir heute über die Unruhen in den USA lesen, die aufgrund eines Mordes an einem Schwarzen durch einen weißen Polizisten wieder einmal entstanden sind, dann erkennen wir, dass dieser Rassismus, dieses Gefühl der Überlegenheit der Weißen über die Schwarzen heute noch – fast allerorten – besteht. 

Eine Tatsache, die mir völlig unbekannt war (Schande über mich) sind die späteren Schritte zur sogenannten Wiedergutmachung der kolonialen Schäden. Denn, was wirklich – laut diesem Buch – passierte, war, dass ein großes „Getöse“ (auch Publicityrummel) um diese Wiedergutmachung  an  Diktatoren (wie Gaddafi)  gemacht wurde. Was dahinter geschah, war die Vergabe von öffentlichen Aufträgen an italienische Firmen, die in diesen Ländern – im vorliegenden Fall in Äthiopien – völlig sinnlose Bauten, Infrastrukturanlagen durchführten, die hinterher weder genutzt noch gewartet wurden und komplett verfielen, da sie in der erstellten Form der einheimischen Bevölkerung nicht nutzten.

Beschrieben wird auch das Schicksal der vielen Kinder, deren Väter Italiener waren, die sich halt der Fürsorge für diese Kinder entledigt hatten. Krass ist für mich an die Darstellung der „Durchführung“ von selbstverständlichen korrupten Handlungen, die aus der Gesellschaft scheinbar nicht wegzudenken sind.

Ein trauriges Buch, das aber auch viel Kritik an der Gegenwart enthält, was uns wieder in der (hoffentlich) Nach-Corona-Zeit mehr Verständnis für unseren Nachbarn bieten sollte.

Ein paar Gedanken zu einem Buch, das ich gerade lese

Bademützen, Badekappen, Badehauben

Jetzt, wo der Sommer kommt und die Bäder aufgesperrt haben

Neulich bei einem meiner Spaziergänge durch „die Stadt“, sah ich – sehr zu meinem Erstaunen im schnellen Vorübergehen – Bademützen. Ich war wirklich überrascht, und dachte bei mir: doch nicht schon wieder ein unnützes Objekt aufleben lassen.  Am Rückweg, habe ich mir diese Auslage denn genauer angeschaut und es handelte sich um Kosmetiktaschen aus Material, in Form und mit Dekoration von Bademützen. Also gut, wenn jemand so etwas haben will, mir soll’s recht sein. Angeboten wurden Modelle in rosa- geraffelt oder schwarz-weiß mit aufgesetzten Blumen. Für mich ist es Hauptsache, Badmützen, die grässlichen Dinger, kommen nie wieder in Mode.

Früher – da besaß man als Dame eine modische Bademütze. Einerseits war es geboten, und war aus hygienischen Gründen wohl durchaus sinnvoll, denn herumschwimmende Haare in Becken sind unangenehm. Außerdem hatte man damals noch einen „Friseur“ – sehr oft mit Dauerwelle, die ein komplettes Nasswerden nicht unbeschadete überstanden hätte. Heutzutage haben nur wenige Frauen eine derart komplizierte Frisur, meistens nur glatte lange Haare unterschiedlicher Qualität, mit denen sie im Wasser oft heftig herumwerfen – was mich aber ziemlich stört (das Herumwerfen nämlich). Am Rande: selbst die meisten unserer derzeitigen Ministerinnen habe lange glatte Haare, die zuweilen gar nicht so gepflegt ausschauen – meiner bescheidenen Meinung nach.

Badekappen werden aus Textilien (z. B. Lycra oder Polyester), aus Silikon, Latex oder Gummi hergestellt und sind in verschiedenen Formen (z. B. Long-Hair-Cap), Materialstärken, Farben und Mustern, mit oder ohne Dekor erhältlich. Im professionellen Schwimmsport erfüllen Badehauben eine weitere Funktion: die glatte, faltenfreie Oberfläche verbessert das Gleiten im Wasser. Wettkampfhauben sind meist aus dickerem Material und sitzen sehr eng.

Bis Ende der 1980er Jahre war es in vielen öffentlichen Badeanstalten Pflicht, eine Badehaube zu tragen, da die beim Schwimmen ausfallenden Haare in den technischen Installationen der Schwimmbäder leicht zu Verstopfungen führen konnten. Heute bedient man sich bei der Badewasseraufbereitung verbreitet einer verbesserten Filtertechnik, so dass es nur mehr selten eine Verpflichtung ist, beim Schwimmen eine Badehaube zu tragen. Also bei manchen war es sportliches Attribut, bei anderen ein modisches Accessoire.

Badekopfbedeckungen haben Geschichte: Im Mittelalter, als die Badehäuser aufkamen, gibt es die ersten Belege für eine Kopfbedeckung im Wasser. Um die Haare zu schützen benutzte man damals eine Art Turban. Im 18. Jahrhundert wurde die Baigneuse gebräuchlich. Die Baigneuse (französisch: Badende) wurden hauptsächlich zur Morgentoilette aufgesetzt. Später waren sie sogar Gesellschaftsfähig und die Frauen benutzten sie als modische Kopfbedeckung (Dormeuse). Mitte des 19 Jahrhunderts, als das öffentliche Baden für Frauen möglich war, trugen sie Netzhäubchen aus feinem Wachstaft. Später, ab 1863 wurden sie auch aus Wachskattun gefertigt. Auch trug man zu dieser Zeit, als Alternative, Badehüte (bei heftiger Sonneneinstrahlung durchaus angenehm zu tragen) aus Strohgeflecht.

Charles Goodyear (*1800; † 1860; Chemiker, Erfinder und Amateurforscher. Goodyear führte die Vulkanisation des Kautschuks in die Fertigung ein und schuf damit die Grundlagen für die heutige Kautschukindustrie. Er ist der Erfinder des Hartgummis) hat im Jahre 1839 durch Zufall entdeckt, dass sich der weiche und klebrige Naturkautschuk durch das Erhitzen und die Zugabe von Schwefel in ein elastisches Material Gummi verwandelt. Aber erst 1883 setzten sich Badekappen aus Gummistoff durch. In den 1890er Jahren wurde dann die Badekappen aus Kautschuk gefertigt. Die Form war bauschig gezogen, mit enganliegenden Rand und zuweilen war ein Nackenschutz angearbeitet. Um 1900 erschienen dann die mehr oder weniger anliegenden Kappen aus Gummi. Sie waren mit einer Stoffhaube überzogen oder mit einem Satin- oder Seidentuch drapiert. Daneben gab es noch Badekappen aus geöltem Wachstuch.

Die den Kopf fest umschließende Kappe mit Kinnband erschien etwa um 1920. Manche modischen, teuren Badekappen versuchten die Nachbildung der damaligen Frisuren aus Gummi. Ab den 30er Jahren wurde sie mit plastischer Musterung versehen.

Die Phoenix AG ist eine der ältesten Unternehmen der Gummiindustrie in Deutschland. 1950 schloss sich Phoenix mit dem Reifenproduzenten Firestone zusammen. Die Produktion von Badekappen wurde aufgenommen.

Anfang der 60’iger Jahre war die Badekappe noch in Mode. Man(n), beziehungsweise Frau, setzte sie noch freiwillig und ohne Zwang auf. Es gehörte einfach zum “Guten Ton” den Kopf im Wasser zu bedecken. Der allgemeine Zeitgeschmack war, dass Frauen mit Badekappe modisch und schick aussehen. Die glatten Kinnbandbadekappen verschwanden allmählich aus der Badekappen-Modewelt. Die Modelle wurden aufwendiger und bauschiger. Erste Modelle der später typischen Blümchen-Badekappen kamen auf. So wollte man nun unbedingt aussehen bzw. gesehen werden: Ein schlanker eleganter Frauenkörper in einem engen Badeanzug (noch nicht Bikini) mit Sonnenbrille am Pool liegend und der Kopf mit einem Blumenstrauß aus Gummi bedeckt. Daneben ein Drink mit Schirmchen. Naja!

Ab den 80er Jahren wurde die Badekappenpflicht weitgehend abgeschafft. In Italien und Russland gibt es heute noch an vielen Orten die Badekappenpflicht. Sie wird aber kaum noch eingehalten und vielleicht in nächster Zeit auch verschwunden sein.

Heute wird die Badekappe wird fast ausschließlich von Wettkampfschwimmern und sonstigen Wassersportlern getragen. Aber die Badekappe ist auch zu einem Sammlerobjekt geworden.

Ich bin nur sehr froh, dass ich nie wieder eine aufsetzen muss.

Bademützen, Badekappen, Badehauben

Wenn man so vor sich hin sinniert …

Und so von einem zum anderen kommt: Gedanken zu Übersachung Kontrolle, Selbstkontroller …

Derzeit wird all-überall „überwacht“, nicht nur in Corona Zeiten, einen großen Aufruhr hat es z.B.  gegen das Tracking-App gegeben. Da es aber zu wenig Menschen verwendet haben, ist die Diskussion  bei uns darüber versandet. Aber doch nicht ganz, in Frankreich, so höre ich, setzt man besonders auf sie, wenn es sonst überall „Lockerungen“ gibt, irgendwie muss man doch die jeweiligen „Verursacher“ finden können, und damit die Pandemie einbremsen.  Weil, das sollen wir bei all den verlockenden Lockerungen nicht vergessen: die Pandemie ist noch nicht besiegt, es gibt noch kein Heilmittel (selbst wenn Trump das dafür verwendete Malariamittel abgesetzt hat und es sich jetzt als nicht wirksam herausgestellt hat) und es gibt noch keinen Impfstoff – wir sind noch  auf alle gebotenen Mittel angewiesen, um Verursacher(-ketten)  zu lokalisieren.

Überwachung: das ist Kontrolle, und wenn die Kontrolle an „übermächtige“ Institutionen übergeben wird kommt es zum Aufruhr. Das sehen wir jetzt in den USA, wo es wirklich geschehen ist, dass ein Polizist einen Mann bei seiner Verhaftung getötet hat. Er war ja nur ein Schwarzer – so die Denkart dieses Polizisten.

Es gibt noch immer Menschen, die das angebliche Lenin-Wort gerne zitieren: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ (Der Ausspruch ist in Lenins Werken nicht vorhanden und kann deshalb auch nicht belegt werden.) Aber Vertrauen ist die unverzichtbare Voraussetzung zwischenmenschlicher Beziehungen, es ersetzt formale Gesetze. Je größer das Vertrauen ist, desto größer kann der rechtsfreie Raum sein, und umso größer ist die Handlungsfreiheit der einzelnen Menschen. Diese Freiheit ist unverzichtbar. Eine Gesellschaft ohne Vertrauen muss jedes Detail regeln und kontrollieren, deswegen geht sie irgendwann an den Kontrollkosten bzw. an dem angerichteten Chaos zugrunde. Und darum sind wir alle so unsicher, wenn von „Message Control“ wieder einmal die Rede ist.

Wer auf Vertrauen statt Kontrolle setzt, setzt auf private Vereinbarungen statt auf staatliche Vorschriften. Nicht die im Voraus gesetzte Norm bestimmt das Ergebnis, sondern der Praxis-Test entscheidet darüber. Das Mehr an Freiheit bedeutet natürlich auch eine größere Versuchung, die Freiheit zu missbrauchen. Daher ist die unumstößliche Voraussetzung für Vertrauen: Verantwortung.

Das Vertrauen in die Handlungsfreiheit der einzelnen erfordert zwingend eine Haftung für die Folgen nach dem Verursacherprinzip. Da wird es aber, wenn man an Ischgl denkt – und das kann man derzeit kaum vermeiden – sehr schwierig. Ist ein Corona-Kranker verantwortlich für jene, die er angesteckt hat, oder sind es die „Behörden“, welcher Ebene auch immer, ihn/sie nicht rechtzeitig identifiziert und in Quarantäne gesteckt zu haben? Ich beneide jene Richter nicht, die sich in naher Zukunft mit derartigen Fällen auseinandersetzen werden müssen.   

Und wenn man (staatlicherseits) auf Kontrolle setzt, komm die Stunde der „-warte“. Was ich damit meine, und was ich auch erlebt habe: Den Luftschutzwart, den Blockwart, (den Hauswart), den Schulwart etc. So worden sie genannt, in der Nazi-Zeit und uns allen vor die Nase gesetzt. Sie alle waren „mit Kontrolle betraut“. Und das unterstützt gar mächtig die „Vernaderei“ (denunzieren, verraten).  Und wenn wir schon bei der Sprache sind: der Wortstamm ähnelt dem des „Wärter“, aber dieser Begriff wird eher für Leute verwendet, die auf etwas oder jemanden aufpassen, betreuen. Mir fällt dann gleich der Bahnwärter ein, den es heutzutage mitsamt seinen Bahnwärterhäuschen kaum mehr gibt, und jetzt ist es gar nicht mehr weit zu „Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter“ (ein parodistisches Spiel mit Musik in drei Akten von Fritz von Herzmanovsky-Orlando).

Aber jetzt zurück zum Thema (welchem?): Jetzt passend – die neue Eigenverantwortung. Aber da liegt auch schon ein kleiner Haken – hat man uns bis jetzt eingebläut, dass man z.B. durch Masken nicht nur sich selbst, sondern vielmehr die anderen schützt, und dass man damit Verantwortung auch für die Gesundheit des „Anderen“ übernimmt – sind wir nun primär mit „Eigen“-Verantwortung beauftragt. Ich versteh schon, die Eigenverantwortung soll auch jene für die anderen umfassen. Und Kontrollen fallen jetzt weg? Die Polizei darf nicht mehr bei kleinen „Übertretungen“, der Zahl der Personen, der Sperrstunde, der Nähe untereinander einschreiten? Gut so, denn alle diese Gebote purzeln ja nur so dahin.

Aber wenn das Vertrauen zerrüttet ist und formales Recht die Automatismen des Alltags ersetzt, beginnt ein juristischer Kleinkrieg. Das kann für die Familie gelten, aber auch für das Geschäftsleben. Vertrauen zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft ist auch das Kennzeichen erfolgreicher Betriebe. Die Arbeitnehmer vertrauen darauf, dass die Chefs (oder die Gewerkschaft) nicht nur an sich selber denken, sondern auch die Interessen der Firma und damit das Wohl der Angestellten verfolgen. Ein Arbeitgeber braucht das Vertrauen, dass die Mitarbeiter auch ohne Kontrolle zum Wohle des Betriebes handeln. Es bedarf aber sehr kompetenter Chefs, die Vertrauen in ihre Mitarbeiter haben können, ohne sie permanent zu kontrollieren. Schon zu meiner „Arbeitszeit“ – die ein gutes Weilchen zurückliegt – haben manche gemurrt, dass sie nicht ihren Hintern, sondern ihr Hirn bei der Arbeit verkauften, wenn wieder einmal über eine kurze Verspätung bei Arbeitsbeginn gerügt worden war.

Hoffen wir, dass uns eine Zukunft bevorsteht mit Kontrollen, und damit weniger Hierarchien (die zur Kontrolle benötigt würden), dafür aber mit viel mehr (gerechtfertigtem) Vertrauen auf vielen Gebieten und Ebenen.  

Wenn man so vor sich hin sinniert …

„Nichts ist schwerer zu ertragen, wie eine Reihe von guten Tagen.“

Jetzt regnet es, zumindest zeitweilig, ich bin es zufrieden, denn die Trockenheit schien wirklich schon sehr bedrohlich.

Ich denke an meine Jugend zurück (sorry, eine Schwäche des Alters). Ich habe nicht nur sonnige Tage in Erinnerung. Aber wenn ich so „die verschiedenen Sommer“ so Revue passieren lasse, kommen schon auch Regen, Wind, kühle Luft vor.

Zuerst einmal Pfingsten: Pfingsten habe ich wirklich selten in Wien verbracht; in meiner Jugend habe ich wunderbare Wanderungen mit dem Alpenverein gemacht, wir waren z.B. auf der Hohen Veitsch, dem höchsten Bergmassiv der Mürzsteger Alpen in der Steiermark.  Das schöne Wetter hatte nicht angehalten, Gewitter zogen auf, wir versuchten so rasch als möglich ins Tal zu kommen – womit wir uns verirrten. Es goss in Strömen und der Druck auf der Wanderkarte löste sich langsam auf. Wir waren froh, irgendwo ins Tal gekommen zu sein.  Und wenn es doch „Pfingsten in Wien“ sein musste: ja dann war das Ziel das Krapfenwaldlbad. Das Ergebnis (auf das man damals noch mächtig stolz war) der erste Sonnenbrand der Saison. Ein bissel später dann waren es Autoausflüge zu zweit ins Maria- Zellerland. Damals blühten die Narzissen.

Und dann sehr lange: Pfingsten in Pernitz. Da war dann auch Gartenarbeit fällig, nicht immer gerne durchgeführt. Aber auch wunderbare Wanderungen in der Umgebung – auf den Kitzberg, aufs Waxenegg, auf die (der, das?) Mandling. Es war schon oft heiß, beim Aufstieg. Oder es kamen Freunde, man saß fröhlich im Garten (am Abend mussten wir damals noch immer in Haus umziehen, weil es bald kalt und feucht wurde. Das hat sich jetzt geändert.)

Heuer bin ich – weil auch Auto-los – in Wien, naja, die Wettervorschau ist ohnedies nicht so berühmt. Fad wird mir sicher nicht, es haben ja jetzt schon Museen offen und dafür scheint das Wetter sehr passend. Aber blühende Wiesen mit Narzissen kann auch ein Museumbesuch nicht ersetzen.

In meiner Teenagerzeit (allerdings sagte man das so nicht, damals) verbrachte ich oft Teile der Ferien in Wien. Ja, zwischenzeitlich ging ich mit der Jugendgruppe des Alpenvereins wandern und bergsteigen. Ich empfand es aber schon als mühsam, nach Bahn- und Busfahrt den Rucksack bis zur Hütte hinauf zu schleppen, da hatte ich nicht immer nur die „schöne Natur“ im Auge. Das Matratzenlager war auch nicht immer besonders bequem. Geld haben wir wenig ausgegeben, weil mir eben viel mitgeschleppt hatten, aber wir bezalten brav das Teewasser – so schien es in den Abrechnungen für meine Eltern auf. Jedenfalls habe ich in Erinnerung, dass wir in der Ankogelgruppe der Hohen Tauern unterwegs waren. Auch Aufstiege aus dem Lieser- und Mölltal sind mir in Erinnerung – steinig! Manchmal, wenn wir spät ins Tal hinuntergekommen waren, übernachteten wir dann in irgendeinem etwas abseits des Weges liegenden Heuschober – meist ohne die Bauern zu fragen, in deren Besitz sich der Heuschober befand.

Besonders freuten mich „Sommerlager“ mit Gleichaltrigen, sowohl in Österreich als auch im Ausland. Dunkel kann ich mich an ein Lager am Millstättersee erinnern, bei dem aber nicht nur Baden sondern auch Wandern angesagt war, was mich aber gar nicht freute, da ich doch zum Baden hergekommen war. Besonders positiv in Erinnerung ist mir ein Sommerlager in der Nähe von Nizza, wir schliefen in einer Schule, in der Feldbetten aufgestellt waren, wir wanderten täglich durch die Macchie zum Strand und badeten im azurblauen Wasser an Porphyr-roten Felsen. Davon habe ich nur positive Erinnerungen. Ein anderes Sommerlager fand in Südfrankreich statt, in der Baskengegend, wo ich zum ersten Mal vom baskischen Problem hörte, sonst ist mir wenig in Erinnerung geblieben, außer den Schuhen – aus Leinen, mit einer geflochtenen Sohle und Bändern, die man weit über die Wade hinauf band, und dass sich das Zelt-Lager in einem Koniferen Wald befand. Seltsam, woran man sich (nicht) erinnert.

Und dann bleib immer noch die Rest-Zeit der Ferien in Wien. Wenn man Glück hatte, waren noch andere Freunde in Wien, ansonsten fuhr ich halt allein ins Bad, mit einem Buch bewaffnet, als Proviant Brot, Eckerlkäs (Marke „Alma) und etwas Obst – je nach Jahreszeit. Um zu sparen, die Schülerkarte galt ja nicht in den Ferien und sicher nicht auf die Strecke zu den Bädern, hatte meine Mutter für mich eine Wochenkarte gekauft. Und um diese auszunützen, fuhr ich halt auch an „trüben, regnerischen“ Tagen ins Bad (meist Gänsehäufel oder Arbeiterstrandbad an der Alten Donau). Das war aber dann schon ein bissel trostlos, und wenn’s dann doch zu regnen anfing, fuhr ich gerne wieder nach Hause.

Es gab nicht nur sonnige, warme fröhliche Tage in den Sommern meiner Kindheit und Jugend.

„Nichts ist schwerer zu ertragen, wie eine Reihe von guten Tagen.“