Hernals – ein Märchen, die Realität und schöne Erinnerungen

Einen Teil meines verheirateten Lebens verbrachten wir in Hernals. Was ich dort besonders schätzte, war die hervorragende Nahversorgung, andererseits auch die Nähe zur „Stadt“ und sowie die Nähe zum Wienerwald.

Hernals ist der 17. Wiener Gemeindebezirk. Er wurde 1892 aus den selbständigen Gemeinden Hernals, Dornbach und Neuwaldegg gebildet. Für Hernals charakteristisch ist eine starke demographische Durchmischung, die sich in der Unterschiedlichkeit der Bezirksteile widerspiegelt. So finden sich im Bezirk hoch- und spätgründerzeitlich geprägte Viertel neben kommunalen Wohnhausanlagen, Cottage-Gegenden und alten Ortskernen.

Wie überall gibt es auch in Hernals eine Sage, die in mittelalterlicher Zeit spielt: Es ist die Sage von der Weißen Frau in Hernals: „Vor sehr langer Zeit lebte dort am Ufer der Als ein Weinhüter mit seiner Frau und der Tochter Adelgunde. Das liebreizende Mädchen war ganz anders als die Bauernkinder der Gegend. Die Hernalser vermuteten, dass Gundl nicht das leibliche Kind des Weinhüterpaares sein könne.

Gundl war herangewachsen und verliebte sich in einen jungen Lehrer. Er war ein tüchtiger und hübscher junger Mann, dessen Liebe zu Gundl allerdings durch ihre Abstammung getrübt wurde. Er hatte in Erfahrung gebracht, dass das Mädchen die Tochter des Grafen Stolzenberg war, der sie als Pflegekind beim Weinhüterpaar untergebracht hatte.

Nachdem Peter, der Lehrer, sich der Liebe seiner Gundl versichert hatte, ging er zu ihrem Pflegevater und hielt um ihre Hand an. Dieser konnte ihm keine Zusage geben, versprach aber mit dem Grafen zu sprechen. Als sich die beiden Verliebten wieder trafen, fragte der junge Mann scherzhaft: „Würdest du mich auch noch heiraten wollen, wenn du plötzlich reich und vornehm wärest?“ Gundl antwortete entrüstet: „Ich werde unsere Liebe nie verraten! Ehe ich dich verlasse, sollen die Glocken der Bartholomäuskirche (auch Kalvarienberg Kirche) am Karfreitag läuten.“

Einige Tage später hielt eine prächtige Kutsche vor dem Haus des Weinhüters. Der Graf von Stolzenberg verlangte nach seiner Tochter. Der Graf eröffnete Gundl die Wahrheit über ihre Herkunft. Das Mädchen warf sich weinend auf die Knie und schluchzte: „Ich kann meine Zieheltern nicht verlassen, die mich wie ihre wahre Tochter lieben!“

Graf Stolzenberg war sehr wütend über diese Worte, und meinte: „Du bist meine rechtmäßige Tochter und ich habe die Macht dich mit mir zu nehmen, aber ich will dir Zeit bis nach den Ostertagen geben, damit du dich mit dem Gedanken der Trennung vertraut machen kannst.“ Gundl entgegnete: „Eher läuten die Glocken von Sankt Bartholomäus am Karfreitag, als dass ich von meinen lieben Eltern gehen werde!“ Zornig fuhr der Graf mit seiner Kutsche davon.

Der Lehrer musste in der Karwoche viele Chorproben für die Osterfeier abhalten, und so hatte er wenig Zeit, um Gundl zu treffen. Am Gründonnerstag war das Mädchen plötzlich verschwunden und konnte nicht gefunden werden.

Am Karfreitag schwiegen die Kirchenglocken zum Gedenken an Jesus Tod. Doch um Mitternacht wurden die Hernalser durch lautes Glockengeläut geweckt. Der Mesner lief die Treppen zur Turmstube der Bartholomäuskirche hinauf und blieb erschüttert stehen. Er bekreuzigte sich als er sah, dass eine geheimnisvolle weißgekleidete Frau den Glockenstrang zog. Nach dem zwölften Schlag verschwand die unheimliche Erscheinung.

Am nächsten Morgen fand ein Bauer im Weidengehölz am Ufer der Als die Leiche einer zierlichen jungen Frau. Die Tote war die unglückliche Adelgunde.“ Der Lehrer Peter nahm Abschied von seiner Liebsten, ließ sich von den Soldaten anwerben und kehrte nie wieder nach Hernals zurück.

Die Besiedlungsachse des Bezirks ist die Als und ihre Nebengewässern, die nach 1870 durch Einwölbungen sukzessive aus dem Ortsbild verschwanden. Zu den weiteren wesentlichen Neuerungen im Jahrhundertwende-Großstadtbezirk Hernals zählten die Abtragung des Linienwalls, die Demolierung bekannter Vergnügungsetablissements in seinem Umfeld zugunsten des Ausbaus des Gürtelboulevards und des Baus der Gürtellinie der Stadtbahn (heute U6), der Bau ihrer Vorortelinie (heute S45), die Verlegung des Hernalser Markts auf den heutigen Zimmermannplatz (9. Bezirk) sowie die Eröffnung des ersten kommunalen Hallenbads (Jörgerbad).

Zur Regierungszeit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im sogenannten Roten Wien wurde in Hernals nach dem Ersten Weltkrieg besonders der kommunale Wohnbau forciert. Nach dem Schattendorfer Urteil kam es auch in Hernals zu Unruhen, am 15. Juli 1927 wurde die Polizeiwachstube in der Hernalser Hauptstraße 158 von aufgebrachten Demonstranten gestürmt. Die Februarkämpfe 1934 fanden hingegen abseits von Hernals statt. Von März 1938 an fand in der Zeit des Nationalsozialismus in Hernals wie in ganz Wien die Entrechtung, Beraubung, Vertreibung bzw. Deportation der jüdischen Wiener statt. Der Zweite Weltkrieg endete in Hernals mit dem Einmarsch der Roten Armee am 7. April 1945. Sowjetische Soldaten blieben bis Ende August 1945 in Hernals, mit 1. September 1945 wurden sie von amerikanischen Besatzungstruppen abgelöst.

In der Nachkriegszeit kam es zu einer dramatischen Abwertung der Gründerzeitviertel westlich des Gürtels. Das führte mit dem Zuzug von zumeist einkommensschwachen Zuwanderern in abgewohnte Substandardwohnungen zur Wahrnehmung dieser Stadtregion als urbane Problemzone. Aber das Metropol wurde eröffnet, die Gürtelbögen wurden genutzt, und der Yppenmarkt gewann an Ansehen.

Da waren wir aber schon weggezogen.

In meinem Hernals sind die Lebensmittellieferungen in der Nacht anfangs noch mit Pferdefuhrwerken erfolgt, in meinem Hernals sind meine Kinder teilweise in den Kindergarten und in die Volksschule in der Wichtelgasse gegangen, haben mit anderen Kindern im Hof unserer Anlage eine fröhliche frühe Kindheit verbracht. In meinem Hernals hatten wir die Biber im Schwarzenberg Park beobachtet, und sind immer auf den Markt der Kalvarienberg Kirche gegangen. Auch die Bäder in Hernals haben wir genutzt. Auch der Heuberg war ein wunderschönes Gebiet um spazieren zu gehen. In Dornbach gibt es eine sehr, sehr liebe Freundin, ein wunderschönes ruhiges Bad und in der Annakapelle habe ich eine stimmungsvolle, fröhliche Taufe erlebt.

Wir haben gerne in Hernals gewohnt, aber der „Erste“ hat dann doch große Zugkraft aufgewiesen.

 

Advertisements
Hernals – ein Märchen, die Realität und schöne Erinnerungen

Mein Europa

Ich habe Österreich in der EG/EU von Anfang an begleitet, indem ich meine Dissertation zu dem Thema Österreich und die EU Ende der fünfziger Jahre geschrieben habe. Ich war traurig, dass ich mich nach meinem Studium für eine Anstellung in Brüssel nicht bewerben konnte, da Österreich kein Mitglied der EG war. Ich habe das Wachsen und Vertiefen dieser Organisation verfolgt, ich war betrübt, dass der Vertrag gescheitert ist. Dennoch sind viele Ziele dieses „Vertrages“ hinterher – schrittweise und langsam erreicht worden. Die EU ist nun ein respektables Unternehmen geworden.

Dennoch wollen es die Briten verlassen, es tut vielen von uns sehr leid, dass es so gekommen ist. Die diesbezüglichen Verhandlungen ziehen sich, aber am Ende wird wohl irgendeine Form des Austritts stehen – ein besserer oder ein schlechterer.

Nun wird versucht Lösungen für „den Rest“ zu finden. Welches Europa? Wie viele Staaten kämen denn überhaupt infrage? Die 27 verbliebenen Staaten? Die 19 Euro-Länder? Eine kleinere Liga? Es würde ein mehrspuriges Europa bedeuten. Das geopolitische Anliegen eines vereinten Europa reduzierte sich dabei auf die Interessenvereinigung einiger weniger Spieler.

Aber mit dem Brexit wird Großbritannien doch nicht „Europa“ verlassen! Die Engländer werden genauso Europäer bleiben, wie wir es sind, aber auch die Schweizer, die Norweger, die Isländer.

Brauchen wir eine Rückbesinnung auf Churchills Zürcher Rede von 1946? Es geht um die „europäische Familie“ und nicht darum, über die 19 oder die 27 nachzusinnen. Wir müssen das Europa der 47 neu denken. Stimmt es, dass sich die EU zu sehr mit sich selbst, zu wenig mit Europa beschäftigt? Es geht aber um unseren gesamten Kontinent. Aber wollen wir das und was gehört letztendlich dann zu Europa: Russland, die Türkei? De Gaulle hatte noch ein Europa „vom Ural bis zum Bosporus“ gesucht. Europa darf sich nicht wie die EU nur auf Verträge stützen. Denn Europa ist im Kern ein einziger großer Staat mit einer gemeinsamen Basis des allgemeinen Rechts.

Es gäbe hierfür ein großartiges Instrument, nur benutzt man es kaum, meinte Umberto Eco (* 1932, † 2016). Man sollte den Europarat aufwerten, um das europäische Projekt voranzutreiben. Es gilt, den Rat strukturell auszubauen, damit er seine Aufgaben voll wahrnehmen kann. Diese 1949 in London gegründete Organisation spielt heute im öffentlichen Leben kaum eine Rolle. Man betrachtet sie eher als eine Art Vorstufe für die Mitgliedschaft in der EU. Die Satzung ist aber viel breiter gesteckt.

Der Europarat ist eine am 5. Mai 1949 durch den Vertrag von London gegründete und heute 47 Staaten mit 820 Millionen Bürgern umfassende europäische internationale Organisation. Er ist ein Forum für Debatten über allgemeine europäische Fragen. Seine Satzung sieht eine allgemeine Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten zur Förderung von wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt vor. „Der Europarat hat die Aufgabe, einen engeren Zusammenschluss unter seinen Mitgliedern zu verwirklichen.“ So steht es in der Satzung des Europarates, Artikel 1.

Wird die EU durch Verträge und Gesetze gebunden, sollte man sich anderseits auch auf die Sitten und Bräuche, auf die Kultur und die Werte besinnen.

Es wäre doch eine noble Aufgabe für die österreichische EU-Präsidentschaft, einen neu konstituierten Rat vorzuschlagen, der eine alljährliche Konferenz aller Staatsoberhäupter einberuft, mit dem Prestige z. B. der G-8, um kontinentale Probleme zu behandeln und Differenzen zu lösen. Eine solche Konferenz wurde schon von einem der Väter der europäischen Idee, William Penn, im Jahre 1693 vorgeschlagen und dann am Wiener Kongress wieder aufgegriffen, aber niemals umgesetzt. Als informelles Institution ergäbe sie ein Forum, um über sämtliche Europa angehenden Probleme zu diskutieren.

Es gibt schon so viel, das ergänzend genutzt werden könnte: Es besteht bereits eine Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste mit Sitz in Salzburg, die 1900 Mitglieder zählt, doch hat sie derzeit kaum Profil. Ihr Zweck, „wichtige gesellschaftliche Probleme Europas zu analysieren“, mag zu einseitig sein. Das limitiert ihre Arbeit. Zu den Mitgliedern zählen z.B. keine Künstler. Die Künste spielen darum kaum eine Rolle in ihrer Arbeit. Die bedeutenden Denker und Kulturschaffenden fehlen. Die Vorgabe müsste ferner von jeder sozialen, wirtschaftlichen und politischen Aufgabe befreit werden. Die jährliche Vergabe eines sogenannten Toleranz-Preises bestätigt die einseitige Ideologie dieser Akademie. Diese würdige, interessante Akademie müsste also umgedacht und umstrukturiert werden, um mutiger, unabhängiger, origineller zu werden.

Es besteht auch eine Academia Europaea mit Sitz in London. Diese Organisation konzentriert sich aber auf die Wissenschaften und hat ebenfalls kaum Künstler unter ihren Mitgliedern.

Vielleicht könnte man die beiden bündeln, um führende Köpfe aller europäischen Länder zu vereinigen, um Ideen auszutauschen, Standards zu setzen und die geistige Welt zu fördern. Man denke nur an die Bedeutung der 1583 gegründeten Accademia della Crusca in Florenz (Aufgabe der Gesellschaft ist bis heute das „Studium und Bewahren der italienischen Sprache“) oder an den nationalen Zusammenhalt, den die 1635 gegründete Académie française oder die 1660 in London geschaffene Royal Society herstellten.

Denken wir Europa neu, passen wir die Institutionen den Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts an, um vielleicht doch gemeinsam an dem großen Friedensprojekt zu arbeiten, das der Welt noch fehlt. Dann müsste auch noch-Bundeskanzler Kern nicht befürchten, dass die FPÖ „Österreich aus der EU sprengen“ könnte.

 

Mein Europa

War‘ net Wien ….

In dem letztlich dann doch alles geht!

Der Ausgangspunkt ist eine geplante Weihnachtsfeier – mit Musik, die in der Hofburgkapelle stattfinden soll.  Ich finde das eine wunderbare Idee, stimmungsvoll, wirklich passend für den Anlass!  Aber ich kenne nur die Stufen, die zur Hofburgkapelle hinaufführen. Und die sind in dieser Form für einen Rollstuhl unüberwindbar.

Nun begab ich mich also – ja wohin? Letztlich entschied ich mich für die Burghauptmannschaft, die müsste doch wissen, wo es rollstuhlgerechte Zugänge gäbe.  Ich startete Richtung Hofburg, nicht ohne mich am Weg hin wieder einmal ärgern musste: ich befand mich auf einem Zebrastreifen, langsam rollte ein Auto heran, normalerweise nehme ich Blickkontakt mit dem Fahrer auf – aber seine Augen waren nach unten gerichtet, seine Finger tippten auf einem Handy, er nahm mich nicht einmal wahr – und fuhr weiter. Und bei der nächsten Ecke bog er noch ab, ohne zu blinken.  So ein egoistischer Tropf!  Zu seinem Glück hatte ich kein Schreibgerät bei der Hand, um mir seine Nummer zu aufzuschreiben!

Ich kam unbeschadet in den Burghof, wo ich die Burghauptmannschaft vermutete. Ich fand nur Taferl an einem Tor. Ich läutete, es dauerte ziemlich lange bis sich jemand rührte, es war aber schon Mittagszeit,  ich trug mein Anliegen vor und erhielt die lakonische Antwort: gehen sie durch das Schweizer Tor.  Nicht ganz so einfach, weil gleichzeitig zwei Gruppen in entgegengesetzter Richtung durchzugehen versuchten.

Schweizerhof (benannt nach der ab 1745 die Hofburg bewachenden Schweizergarde), zählt zum ältesten Teil der Hofburg, ursprünglich ein Vierkantbau mit vier Ecktürmen von einem Graben umgeben. Begonnen wurde der Bau 1275 im Auftrag von König Ottokar II. Premysl. Vollendet wurde die Anlage 1279 unter Rudolf I. Die Burgkapelle im Eck zwischen dem Südost- und Südwest-Trakt wird erstmals 1296 erwähnt (Neubau 1423-1426, Erweiterung 1447-1449).  Damals baute man halt nicht für Behinderte!

Die Einteilung und Zweckbestimmung der Innenräume wird in einer Urkunde von 1458 überliefert, die älteste Außenansicht findet sich auf einer Tafel des Schottenaltars („Flucht nach Ägypten“) um 1470.  Unter Ferdinand I. kam es 1549-1566 zum Bau des Nordwest-Trakts mit dem Schweizertor (und wahrscheinlich auch dem Schweizerhofbrunnen) sowie zu Umbau und Erweiterung der drei übrigen Trakte durch Baumeister Pietro Ferrabosco. Bis 1665 (Vollendung des Leopoldinischen Trakts) diente der Schweizerhof den habsburgischen Herrschern als Residenz; von späteren Herrschern wohnten hier Karl VI. (1711-1740), Joseph II. (1765-1790) und Franz II. (1792-1835; ab 1804 Franz I.), weiters Kronprinz Rudolf (1874-89).

Um 1780 folgte der Einbau der Säulenstiege (von der nachher noch die Rede sein wird) in den Nordost-Trakt. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die ehemalige Zugbrücke des Schweizertors durch eine Steinbrücke ersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die aus dem 16. Jahrhundert stammende, durch Aufschüttung im 18. Jahrhundert verdeckte Pflasterung freigelegt. Die seit dem 16. Jahrhundert im Nordost-Trakt untergebracht gewesene Schatzkammer wurde nach Adaptierung neuer Räume im Südwest-Trakt (1984-1987) dorthin verlegt.

Vorbei an dem Brunnen liegt gleich die Säulenstiege, und dort findet sich auch die Aufschrift „Burghauptmannschaft, erster Stock“. Das Tor war offen (ich wunderte mich) und ich stand in einem wunderschönen Stiegenhaus. Nicht protzig, wie in anderen später errichteten Palais, sondern sehr elegant. Ich glaube mich zu erinnern, dass ein winziger Teil des Films „der Engel mit der Posaune“ hier gefilmt worden war. Das wäre ja sogar richtig, da ja auch Kronprinz Rudolf hier gewohnt hat. Erster Stock hat hier die Höhe eines dritten im einem Wiener Gemeindebau. Die Türe zur Burghauptmannschaft stand wieder offen, ich wunderte mich neuerlich, der Empfang war nicht besetzt und ich spazierte durch einen Gang, bis ich zu einer offenen Tür kam. Dort sah ich anfänglich nur eine Dame sitzen. Ich trug mein Anliegen artig vor, ein ebenfalls dort sitzender Herr mischte sich ein und meinte, an einem Aufzug würde jetzt erst gebaut.  Ich wollte schon resignierend gehen, als ein jüngerer, ebenfalls anwesender Herr meinte, ich könnte doch über den Lift bei der Zehrgaden Stiege hinauffahren und dann zur Hofburgkapelle durchgehen.

Ich müsste „nur“ dafür sorgen, dass die Türe zur Zehrgadensteige an dem betreffenden Tage offengehalten würde, damit sollte ich mich an die Hofmusikkapelle wenden, man gab mir freundlicherweise noch die Telephonnummer mit.

Auf die Frage, wieso sich die Burghauptmannschaft nun hier befände, da sie ja früher im Burghof zu finden gewesen wäre, teilte man mir mit, wir sind überall dort, wo gerade ein paar Zimmer frei sind.

Jetzt, nachdem das alles geklärt ist, fand ich noch ein Papier im Netz, genannt: Barrierefreiheit vs. Denkmalschutz, über das Projekt „Schweizertrakt“.

Wenn Sie auch im Unklaren darüber sind, was nun Zehrgaden sind: Speisekammer, Gewölbe mit Speisevorräten (kommt von Zehr, Mahlzeit, Gelage, essen und trinken), an Höfen mit reicher Bedienung, dazu werden ein -gadner, ein Gadenschreiber, ein -Gadendiener und einige -Gadenknechte angestellt.

 

Was man so alles lernen kann, wenn man eine einfache Antwort sucht.

War‘ net Wien ….

Zufriedenheit – Neid

Meiner Meinung nach haben wir – also zumindest die meisten von uns – niemandem etwas zu neiden. Wir leben in einem Land, in dem kein Krieg dafür aber Wohlstand herrscht. Natürlich gibt es noch viel zu tun, zu verbessern. Das gilt auch für den Einzelnen, auch wenn man zufrieden ist, soll man doch weiter streben.

Zufriedenheit kann man folgendermaßen deuten:

  • innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen, als man hat;
  • mit den gegebenen Verhältnissen, Leistungen oder ähnlichem einverstanden zu sein, nichts auszusetzen zu haben.

Die Zufriedenheit tritt im Leben nicht automatisch ein, sondern sie muss sich in der ständigen Auseinandersetzung mit der Unzufriedenheit behaupten. Wer in die totale Unzufriedenheit abgleitet, wird im Unglück enden. Letztlich wird derjenige Mensch eher zufrieden und glücklich werden, der es versteht, seine inneren Erfahrungen zu steuern bzw. zu kontrollieren und negative Erlebnisse positiv zu verarbeiten.

Die Zufriedenheit tritt personifiziert in dem Drama „der Bauer als Millionär“ von Ferdinand Raimund auf.  In diesem Stück ist der Neid der Gegenspieler der Zufriedenheit.

Neid bezeichnet den Wunsch der neidenden Person, selbst über mindestens als gleichwertig empfundene Güter (materieller oder nichtmaterieller Art) wie die beneidete Person zu verfügen. Man unterscheidet zwei Formen des Neids:

  • dem Wunsch der neidenden Person, selbst als gleichwertig empfundene Güter zu erlangen, um die die beneidete Person beneidet wird (konstruktiver Neid)
  • dem Wunsch, dass die beneidete Person die Güter, um die sie beneidet wird, verliert (destruktiver Neid, auch Missgunst). Ersatzweise kann der Neidende auch den Wunsch nach anderem Schaden für die beneidete Person entwickeln.

Da die Geschichte vom Bauer Wurzel wohl allseits bekannt ist, möchte ich ein Märchen, genannt das fliegende Haus, aus meinem neunten Bezirk zu diesem Thema (nach-) erzählen:

„Der neunte Bezirk hat den Namen Alsergrund vom Aisbach erhalten, der früher ein kleiner, aber doch sehr wilder Bach war. Nachdem die Türken 1529 die ganze Gegend verwüstet hatten und der Bach immer wieder über die Ufer trat und alles überschwemmte, wurde der öde Landstrich lange Zeit gemieden.

Doch eines Tages kehrte wieder Leben in den Alsergrund ein. Unter den ersten Bürgern, die sich dort ansiedelten, war der Ziegelschläger Johann Thury mit seiner Frau. Er baute ein schönes großes Haus mit einigen Wirtschaftsgebäuden und seine Frau legte einen ausgedehnten Obst- und Gemüsegarten an.

In einer lauen Frühlingsnacht weckte das Plätschern des Aisbaches die beiden. Als sie aus dem Fenster blickten, sahen sie, dass der Bach ihren Garten und die Felder überflutet hatte. „Warum habe ich mein Haus nur in so einer furchtbaren Gegend gebaut! Um wieviel schöner wäre es doch auf dem Kahlenberg!“, rief Johann Thury.

Im selben Augenblick erschien ein winzig kleines Männlein mit einer spitzen Mütze im Zimmer. „Ich bin dein Hausgeist“, sagte der Wicht, „wenn du es wünschst, fliegen wir mitsamt dem Haus auf den Kahlenberg und leben dort auf der Höhe!“ Ein ohrenbetäubendes Brausen setzte ein und mit starkem Zittern erhob sich das Haus mit seinen Bewohnern vom Boden und flog über die Dächer von Wien bis zum Kahlenberg.

Als Thury und seine Frau am nächsten Morgen aus den Fenstern schauten, waren sie begeistert vom Blick auf Wien. Doch schon nach einigen Tagen begannen sich Zweifel zu regen. Der Ziegelschläger musste lange wandern bis er bei seinem Arbeitsplatz ankam, und seine Frau holte das Wasser für den Haushalt von weit her. Abends wünschte sich Johann Thury im Wald in der Ebene zu leben und der kleine Hausgeist erfüllte flugs den Wunsch.

Am folgenden Tag sahen sie, dass sie in der Nähe des kaiserlichen Schlosses Gatterburg waren. Begeistert glaubte Thury, dass der Kaiser nun bei seinem neuen Nachbarn Ziegel kaufen würde. Aber nichts geschah! Keiner kümmerte sich um den Ziegelschläger und sein Anwesen. Die Jagdgesellschaften des Kaisers nahmen auch keine Rücksicht auf seine Felder und den Garten, sondern zertrampelten alles was auf ihrem Weg lag. Zutiefst betrübt wünschte sich das Ehepaar mitten in der Stadt zu wohnen. Das Haus erhob sich mit Hilfe des Hausgeistes auch sogleich in die Lüfte, flog nach Wien und landete direkt am Kohlmarkt.

Am nächsten Morgen wurden sie vom Rattern der schweren Wagen und dem Geklapper von Pferdehufen geweckt. Staunend beobachteten sie das rege Leben in der Stadt. Da gab es Wirtshäuser, in denen man sein Geld verspielen konnte, viele Handwerker, die ihre Dienste anboten, Bettler und auch viel liederliches Volk. Als dann auch noch Feuer im Nebenhaus ausbrach, wünschten sich Thury und seine Frau nichts sehnlicher als wieder an ihrem Aisbach zu wohnen.

Der Hausgeist hatte ein Einsehen und das Haus flog geschwind zu dem Platz zurück, wo es ursprünglich gestanden hatte. Nun waren die beiden glücklich und zufrieden und erzählten später ihren Kindern und Enkeln von ihrem fliegenden Haus.“

(Die Thurygasse zweigt von der Liechtensteinstraße ab und läuft parallel zur Alserbachstraße.)

Dieses Märchen zeigt uns, dass wir mit den Gegebenheiten zufrieden sein sollten, denn auch anderswo ist es nicht besser, nur anders (schlechter) und zufrieden kann man erst sein, wenn man das erkannt hat, und die gegebene Situation akzeptiert.

Lassen wir’s uns eine Lehre sein (ausserdem verfügen die wenigsten von uns über Hausgeister)!

 

Zufriedenheit – Neid

Skandale in Österreich I.

Es hat leider eine Reihe von Skandalen in Österreich gegeben, die teilweise schon bevor Dr. Peter Pilz die politische Bühne betreten hat, aufgedeckt werden konnten.

Der erste Skandal, der mich besonders erschütterte, war dann der so genannte Krauland Skandal. Ich hatte derartiges in „meinem“ Österreich nicht für möglich gehalten. Wie war es dazu gekommen?

In den Wirren der Nachkriegszeit ab Mai 1945 gab es in Österreich große Vermögen, die eigentums- und besitzlos waren. Ähnliche Situationen gab es in Deutschland, nach der Wiedervereinigung, bzw. in kriminellerer Form in den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion und z.T. auch in den Staaten des Ostblocks. Dort schlugen die späteren Oligarchen zu.

In Österreich betraf das einerseits das 1938 und in den Folgejahren „arisierte“ jüdische Vermögen, dazu kamen sogenanntes „deutsches Eigentum“ bzw. Firmenanteile, Liegenschaften und Vermögen von belasteten Personengruppen nach den „Entnazifierungsgesetzen“. Die Konzentrationsregierung aus ÖVP, SPÖ und KPÖ und später die ÖVP/SPÖ-Koalition schufen eine Verwaltungsbehörde, die sich um die Verwertung dieser Güter kümmern sollte, das Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung. Später wurde es Krauland Ministerium genannt.  Dieses hatte die Kontrolle über die öffentlichen Verwalter, die sowohl das Eigentum von Nationalsozialisten „abwickelten“ (dieser Begriff tauchte auch Anfang der neunziger Jahre in „Ost“-Deutschland auf), als auch das von Nazis „arisierte“, also enteignetes oder zwangsverkauftes Vermögen. Kraulands Beamte regelten die Rückgabe des Eigentums politischer Organisationen und den Verkauf bzw. die Verpachtung von herrenlosem Gut, das nach Kriegsende ohne Besitzer geblieben war. Auch die Verteilung der Marshall-Plan-Gelder wurden durch Kraulands Behörde administriert.

Dieses Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung wurde nach zähen Verhandlungen zwischen den Parteien eingerichtet und bekam mit Dr. Peter Krauland einen ÖVP-Mann als Ressortchef. Peter Krauland (1903 – 1985) war ehemaliger Austrofaschist, der nach seiner Ausbildung zum Rechtsanwalt in den Jahren 1934 bis 1938 im Regime Dollfuß/Schuschnigg als steiermärkisches Landesregierungsmitglied Karriere gemacht hatte. Als Verfolgter des NS-Regimes war er 1945 für die ÖVP der richtige Mann am richtigen Ort. Obwohl er wegen seiner belasteten politischen Vergangenheit weder der russischen Besatzungsmacht noch SPÖ und KPÖ gefiel, wurde er durch Bundeskanzler Leopold Figl und Wirtschaftsbundobmann Julius Raab zum einflussreichen Minister gemacht.

In den Jahren 1945 bis 1949 verfügte Krauland über 13.135 öffentliche Verwalter. Diese waren streng nach dem rot-schwarzen Proporzsystem ausgewählt worden. Damit kam es zu Parteibuchwirtschaft, verdeckte Parteienfinanzierung, Korruption. Aber man ist mit Krauland durchaus zufrieden: Die SPÖ bekommt den „Vorwärts“-Verlag samt Druckereigebäude zurück, die ÖVP versucht, sich die Druckerei „Waldheim-Eberle“ zu erringen, die früher dem jüdischen Ullstein Verlag gehört hatte. In der zweitgrößten Wiener Druckerei, die von der US-Besatzungsmacht beschlagnahmt worden war, werden der „Wiener Kurier“ und das „Neue Österreich“ produziert. 16 Mio. Schilling zahlt man den Vorbesitzern für das etwa 70 Mio. schwere Unternehmen, die Republik gibt das lukrative Geschäft an den „Kreis“, ein proporzgemäß zusammengesetztes Gremium. Dieses Ministerium stand In ständiger Konkurrenz zu den von den Sowjets beherrschten USIA-Betrieben.

Nach dem durch die eigene Partei erzwungenen Rücktritt Kraulands wurde nach und nach sein Agieren in Sachen Postenvergabe und Parteispenden bekannt. So soll Krauland damals durch unsachgemäße Verwaltung dem österreichischen Staat einen Milliarden-Schilling-Schaden verursacht haben. Darüber hinaus soll er die „Guggenbacher Papierfabrik“ mit einem jährlichen Reingewinn von zwei bis drei Millionen Schilling für lediglich 540 000 Schilling Jahrespacht an einen ÖVP-Parteifreund vergeben haben. Von Krauland öffentlich eingesetzte Verwalter sollen angewiesen worden sein, sich durch Parteispenden erkenntlich zu zeigen. Auch Wohnungen und Autos sollen im ÖVP-Parteifreundeskreis äußerst günstig den Eigentümer gewechselt haben. Gleichzeitig soll sich Krauland auch ein privates Firmenimperium geschaffen haben, das er nach seinem Ausscheiden aus der Politik leitete. Sowohl der ÖGB als auch die Kammern und andere Einrichtungen der Sozialpartnerschaft waren in die Verteilung von Vermögenswerten miteinbezogen.

Im Zuge der Regierungsbildung 1949 schied der Minister aus dem Amt, seine Behörde wurde aufgelöst; die meisten Agenden übernahm das Bundesministerium für Verkehr und verstaatlichte Betriebe unter Karl Waldbrunner (SPÖ).

In vielen Fällen – heißt es – habe Krauland durchaus versucht, jüdischen Vorbesitzern bei der Rückerstattung des Vermögens behilflich zu sein, und sei dadurch zu einem Störfaktor in der ÖVP geworden. Er habe die Gier der Parteien einfach unterschätzt, meinen andere Quellen. Die größten Korruptionsfälle im Ministerium hat es aber erst nach der Abberufung Kraulands 1949 gegeben, in dem kurzen Zeitraum bis zur endgültigen Auflösung des Ministeriums.

An seinem schlussendlichen Sturz sollen auch seine innerparteilichen Gegner, allen voran Außenminister Karl Gruber, beteiligt gewesen sein; Krauland schied am 29. Juli 1951 aus der Volkspartei aus.

Nach elf Monaten U-Haft und 91 Verhandlungstagen wurde Peter Krauland  1954 wegen Amtsmissbrauchs verurteilt – und zugleich freigesprochen: Die Sache fiel unter das Amnestiegesetz aus dem Jahre 1950, das bestimmte Verbrechen, die vor 1947 begangen wurden, straffrei stellte. Selbst der Verteidiger Hans Gürtler fragte nach der Urteilsverkündung: „Was ist also jetzt – ist mein Mandant eigentlich schuldig oder freigesprochen?“ Nach Bekanntwerden des Skandals und der Aufhebung seiner Abgeordneten-Immunität blieb Krauland „wilder“ Abgeordneter. In den siebziger Jahren machte der Ex-ÖVP Minister noch einmal Schlagzeilen, als die von ihm gegründete und geleitete Allgemeine Wirtschaftsbank in den Konkurs schlitterte. Ein weiteres Verfahren im Jahr 1958 wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt. Drei kleinere Mittäter hatten weniger Glück als ihr Herr und Meister, sie erhielten längere schwere Kerkerstrafen.

Während des Gerichtsverfahrens verteidigte sich Krauland mit dem Hinweis auf den Proporz, so sei jede ministerielle Anweisung vom SPÖ-Staatssekretär Karl Mantler gegengezeichnet worden. Bezeichnend war auch das  auffällige Schweigen der SPÖ, welche die Affäre Krauland in den Wahlkämpfen 1951 und 1953 eigentlich hätte nutzen können, was sie aber nicht tat.

Aber es ging noch weiter: Der Wiener Parteiobmann und Finanzreferent der ÖVP, Fritz Polcar, der als Empfänger geheimer Parteispenden in den Krauland-Skandal verwickelt gewesen war, musste schließlich im Rahmen der Affäre um Johann Haselgruber 1958 zurücktreten. Doch zu dieser Affäre ein andermal.

 

Skandale in Österreich I.

Der Terrorist Abu Nidal – der Politiker Heinz Nittel – und die europäischen Bürokraten

In der Neuen Zürcher Zeitung las ich über Abu Nidal – und erinnerte mich, dass er Teil des Terrors in Österreich war.

Bei Abu Nidal (eigentlicher Name Sabri Chalil al-Banna; * 1937 in Jaffa; † 2002 in Bagdad) handelte es sich um den seinerzeit mörderischsten Attentäter. In einem Untersuchungsbericht des amerikanischen Kongresses wird die Abu-Nidal-Organisation (ANO) für rund 900 Tote verantwortlich gemacht. Diese Gruppierung (ANO, auch bekannt unter dem Namen Fatah-Revolutionsrat) ist eine von Abu Nidal 1974 gegründete Abspaltung von der PLO, die sich für ein selbständiges Palästina einsetzte. Sie wurde zuerst von Saddam Hussein, dann von Hafiz al-Assad, dann von Muammar al-Gaddafi und vom Iran unterstützt.

Ihr werden zahlreiche Anschläge zur Last gelegt. Unter anderem wird die Gruppe für Anschläge auf die Flughäfen von Rom und Wien im Jahre 1985, bei denen 18 Menschen ums Leben kamen, und auf eine griechische Fähre bei Athen im Sommer 1988, wobei neun Menschen starben und etliche verletzt wurden, sowie einen Angriff auf Synagogen in Paris und Wien (Stadttempel) verantwortlich gemacht. Zudem ist sie für die Ermordung des Wiener Politikers Heinz Nittel (*1930 † 1. Mai 1981) verantwortlich.

Nittel begann 1951 seine politische Arbeit bei den Sozialistischen Studenten. Er war später Vizepräsident der Sozialistischen Jugendinternationale.  Nach dieser Periode wurde er 1965 Bezirkssekretär von Floridsdorf und 1969 Wiener Landesparteisekretär. Zeitgleich gehörte Nittel dem Wiener Gemeinderat an, später fungierte er als Abgeordneter zum Nationalrat. 1976 wurde er Amtsführender Stadtrat für städtische Dienstleistungen und Konsumentenschutz und ab 1979 für Straße, Verkehr und Energie.  Alle diese genannten Tätigkeiten dürften kaum das Interesse der Terroristen geweckt haben, wohl aber, dass Nittel Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft und Mitbegründer des Jewish Welcome Service Vienna war (1980 auf Initiative des Bürgermeisters Leopold Gratz und Stadtrats Heinz Nittel gemeinsam mit Leon Zelman gegründet, mit dem Ziel die Präsenz einer aktiven und selbstbewussten jüdischen Gemeinde nach der Shoah zu dokumentieren). Wohl deswegen wurde Nittel am 1. Mai 1981, als er gerade zum Maiaufmarsch fahren wollte, vor seinem Wohnhaus von einem palästinensischen Terroristen erschossen.

Im Jahr 2000 versuchte die Frau des Abu-Nidal-Finanzreferenten Samir N., die Ägypterin mit dem Spitznamen „Die Sanfte“, Geld von dessen Bankkonto abzuheben. Sie wurde wegen Terrorismus angeklagt, konnte aber nach Libyen entkommen. Die acht Millionen US-Dollar, die sich bereits seit Jahren auf jenem Wiener Bankkonto befinden, sind seither Gegenstand mehrerer Gerichtsprozesse, die beinahe zur Überweisung des Geldes an ehemalige Mitglieder geführt hätten. 2009 wurde ein entsprechendes Urteil jedoch vom Wiener Oberlandesgericht aufgehoben.

Die EU und die USA führen die Abu-Nidal-Organisation auf ihrer Liste der Terrororganisationen. Darüber hinaus beging die Gruppe Auftragsmorde. Über Sinn und Zweck all der Anschläge durch die ANO rätseln Experten bis heute. Vom Terror betroffen waren nicht nur westliche und israelische Ziele. Abu Nidal sah sich als innerpalästinensische Opposition und ging auch gnadenlos gegen ihm missliebige PLO-Funktionäre vor.

Die italienische Polizei fahndete im Januar 1986 wegen Massenmords nach Abu Nidal, wegen der Anschläge auf die Flughäfen von Rom und Wien. Insgesamt zwanzig Zivilisten waren dabei getötet worden. Angeblich seien die beiden Attentate zumindest teilweise in Genf koordiniert worden. Dort seien den Attentätern Geld und letzte Instruktionen gegeben worden. Daraufhin seien sie an die jeweiligen Tatorte in Rom und Wien weitergereist. Dieser Sachverhalt wird später weitgehend bestätigt. Der Chef der Terrororganisation persönlich hielt sich damals regelmäßig unbehelligt in der Schweiz auf. Der Grund dafür: Abu Nidal führte in einem Vorort von Zürich ein Handelsunternehmen. Das Geschäftsimperium Abu Nidals in der Schweiz hieß: Intermador AG. Wie aber war es möglich, dass Abu Nidal als weltweit gesuchter Terrorist, der Hunderte von Todesopfern zu verantworten hat, zur selben Zeit in der Schweiz ein- und ausreist und sogar Geschäfte abgewickelt hat? Aus heutiger Sicht ist das schwer verständlich. In jener Zeit war das aber durchaus keine Ausnahme. Abu Nidal hatte mit Österreich eine geheime Übereinkunft abgeschlossen, die zeitlich von 1988 bis 1993 begrenzt war. In dieser Zeit wurde der ANO ein inoffizielles Büro in Wien zugestanden. Abu Nidals Leuten war zudem eine kostenlose Gesundheitsversorgung garantiert. Gleichzeitig verzichtete Abu Nidal auf Terroranschläge in Österreich. Eine ähnliche Übereinkunft soll es Mitte der 1980er Jahre zwischen Abu Nidal und Frankreich gegeben haben. Belegt sind zudem Abkommen mit einer Reihe von osteuropäischen Staaten, etwa Ungarn, Polen und der DDR.

Was nun die Schweiz betrifft: Zum einen habe es damals keine rechtliche Handhabe gegeben, um gegen Abu Nidal vorzugehen – zumindest solange er sich in der Schweiz gebührlich verhalten habe. Das übergeordnete Ziel der Sicherheitsbehörden habe aber darin bestanden, Schaden vom eigenen Land abzuhalten. Im Gegenzug habe man sich erhofft, von Terroranschlägen verschont zu bleiben.

Abu Nidal starb 2002 in seinem letzten Refugium in der Nähe von Bagdad. Ob er eines natürlichen Todes starb – er litt an Leukämie –, Suizid beging oder von einem seiner vielen Feinde getötet wurde, ist nicht abschließend geklärt.

Es sei darauf verweisen, dass damals die Interpol schon 1923 existierte. Die Europol wurde allerdings erst 1998 gegründet. Die Schweiz und Europol haben ein Kooperationsabkommen vereinbart, das am 1. März 2006 in Kraft getreten ist. Grundsätzlich bestehen für die Kooperation die Voraussetzungen, dass es sich um Fälle von schwerer und organisierter Kriminalität handeln muss und mindestens zwei Partnerstaaten sowie Europol involviert sein müssen. Für die Schweiz gilt zudem, dass die Bestimmungen des Europol-Abkommens und die darin enthaltenen Mandatsbereiche eingehalten werden müssen. Das Mandat umfasst 25 Kriminalitätsbereiche, darunterfallen u. a.: Terrorismus, Drogenhandel, Menschenhandel und -schmuggel, Fälschung von Geld und Waren, Geldwäscherei, Betrug, Korruption.

Wäre es auch heute noch möglich, dass ein Terrorist, dessen Straftaten unbestritten sind, sich heute noch unbehelligt in Europa aufhalten und noch dazu seine Geschäfte abwickeln könnte? Wären die vielen Datenbanken, das Internet etc. von Nutzen?

Der Terrorist Abu Nidal – der Politiker Heinz Nittel – und die europäischen Bürokraten

Mein Schuljahr 1945/46

Im Herbst 1945 begann die Schule, für mich war es die erste Klasse Gymnasium. Selbstverständlich – für damals – war das eine reine Mädchenschule. Sie stand in der Billrothstraße 26 und bestand aus drei baulichen Einheiten: eine elegante Villa, dem Zentrum der Schule, mit der Direktion und dem Lehrerzimmer, dem Musikzimmer. Dort erfolgte auch die Essensausgabe, einerseits Schulmilch und Mittag eine Suppe.  Dann noch ein altes Doppelzinshaus, in dem sich die Klassenzimmer befanden und zuletzt ein „Gartentrakt“, darin waren der Turnsaal, das Zeichenzimmer, und das Handarbeitszimmer untergebracht. Vor dem Gartentrakt fanden die Turnstunden im Freien statt – auf einem großen asphaltierten Platz, der sich auch für alle Arten von Ballspielen eignete. Die ganze Anlage war von einem prächtigen Garten, mit alten Bäumen und mit einem Springbrunnen umgeben. Die Villa war bewachsen, mit Glyzinien, die gegen Schulende blau blühten. Es gab noch einen Ausweichturnsaal in der Gymnasiumstraße.

Die Pausen verbrachten wird zumeist im Freien, entweder um von unserer Klasse zu den anderen Einheiten zu kommen oder einfach um unsere Pausenbrote (anfangs Maisbrot mit Grammelschmalz) dort zu verzehren. Die Wege waren zwar mit Kies bestreut, aber bei Regen und im Winter war es schon recht gatschig dort.

Wir waren trotz aller Nachkriegsumstände eine fröhliche, vergnügte Kinderschar. Sehr bunt zusammengemischt, da ja auch die Kinder der Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschsprachigen Gebieten wie dem Sudetenland, Siebenbürgen, aus der Batschka (heute Teil Ungarns und Serbiens, bekannt für seine Donauschwaben) in den Klassenzimmern saßen. Einige Freundinnen aus der Volksschule erleichterten den gemeinsamen Anfang. Eigentlich war ich sehr froh, der von mir ziemlich gefürchteten Aufnahmsprüfung entgangen zu sein, da im „Dritten Reich“ Turnen einen sehr hohen Stellenwert hatte und ich leider noch immer wie ein Mehlsack an einem Seil hing und nicht und nicht hinaufkam. Bis Weihnachten war Probezeit, dann wurde entschieden, ob man bleiben durfte. Die meisten durften dann bleiben.

Der Schulweg musste oft zu Fuß zurückgelegt werden, aber schon bald fuhren auch die Straßenbahnen, der 38er und der 39er regelmäßiger. Es waren die offenen Waggons, wir hielten uns meist auf der Plattform auf und Auf- und Abspringen von der fahrenden Bahn galt als mutig (denn cool waren wir ja noch lange nicht).  Es gab für mich dennoch kein Sicherheitsproblem, sowohl unsere Wohnung als auch die Schule lagen in der amerikanischen Zone.  Das war schon ein Vorteil, denn die US-Streitkräfte kümmerten sich um die Kinder, sie luden uns zu Festen ein, bei denen es viel, viel Gutes zu essen gab (z.B. Kakao mit Doughnuts!).

Der Unterricht fand abwechselnd am Vormittag oder am Nachmittag statt, da wir uns die Gebäude mit einer anderen Schule teilten.  Unsere Lehrer waren fast ausschließlich ältere Damen, die man wahrscheinlich aus der Pension zurückgeholt hatte, oder die in der Nazizeit nicht hatten unterrichten dürfen.  Denn die meisten jüngeren Lehrerinnen waren „bei der Partei gewesen“ und durften dementsprechend nicht unterrichten. Andererseits erscheint 10-Jähringen bald jemand „alt“. Außerdem gab es ja keine neue Bekleidung zu kaufen und so trugen auch die Professorinnen „Vorhandenes“, das uns Kindern schon sehr „vorgestrig“ erschien, z.B. schwarze knöchellange Seidenkleider mit gehäkelten weißen Krägen, oder handgestrickte Pullover aus Wollresten … Wir, die wir ja auch eher zusammengeflicktes Zeug trugen, machten uns schon sehr lustig über die Lehrerinnen. Besonders jene liebe Dame, mit dem schwarzen Seidenkleid, die mich allerdings nicht leiden konnte, weil ich ihr zu wild war, unterrichtete Biologie. Wir lernten nur – aber viel – über Einzeller, da konnte man die Vermehrung halt ohne Peinlichkeit unterrichten. Aber welche Generation findet die Lehrer nicht alt? Aktentaschen, für z.B. zu korrigierende oder korrigierte Schularbeiten gab’s auch nicht, so trug die gefürchtete Mathematikprofessorin die Schularbeiten in einer Umhängtasche aus Kelimmaterial – ich sehe sie noch heute vor mir.

Aber es fehlte nicht nur an Kleidern damals, es fehlte auch an Schulbüchern. Es gab keine. Diejenigen aus der Nazizeit durften nicht verwendet werden, wie sie ja in allen Fächern ideologisch durchsetzt waren. Und Lehrmaterial, das gab es auch kaum, z.B.  keine Karten, die zeigten ja auch noch die Naziideologie, Atlas, den erhielten wir erst dann in der Oberstufe. Die Bücher, z.B. der Liber Latinus, war kein Arbeitsbuch. Wenn es überhaupt Bücher gab, wurden diese oft antiquarisch ge- und verkauft oder aus der schuleigenen Bücherlade bezogen. Die Konsequenz der fehlenden Bücher war, dass wir alles mitschreiben mussten.  Das war schon mühsam, manchmal transkribierte man das Mitgeschriebene noch zu Hause in leserlicher Schrift.  Das Papier war auch knapp und sehr schlecht, die Tinte zerfloss darauf und die (harten) Bleistifte zerkratzten es.  Kugelschreiber kamen erst später auf, wir hatten entweder Bleistifte, verschiedener Stärken, oder sogar Füllfedern oder Federn, die man auf Federhalter steckte, diese mussten wir zusätzlich noch in die Tintenfässer (in den Pulten eingelassen) eintauchen.  Einmal wanderten sogar die Zopfspitzen des Mädchens, das vor mir saß, in das Tintenfass. Dann gab es noch die Redisfedern, fürs Schönschreiben, auch das mussten wir noch lernen und üben (auch nicht gerade ein Lieblingsfach von mir).  Zu den Nicht-Lieblingsfächern gehörten für mich auch Turnen, Zeichnen(Malen) und vor allem Handarbeiten. Letzteres geht allerdings auf eine überaus prüde Handarbeitslehrerin zurück, wir mussten ein Unterkleid schneidern, mit eingearbeitetem Büstenhalter, aber dieses Wort durften wir dafür nicht verwenden!

Der Winter 1946 war sehr hart, die Schulen konnten nicht mehr geheizt werden, es gab Kälteferien. Das war gar nicht so lustig. Auch zu Hause konnte nur wenig geheizt werden und durch die vernagelten Fenster zog es herein. Also legte man sich ins Bett und las – bei uns im Haus gab es eine Leihbibliothek, die die erforderlichen Bücher lieferte. Einmal in der Woche gab man die Hausübungen ab und bekam neue!

Aber bedauerlich fanden wir das alles gar nicht, auch arm fanden wir uns nicht, denn damals war kaum einer reich, und es gab nichts, worum man andere beneiden gekonnt hätte!

Mein Schuljahr 1945/46