Die drei Pfeile sind zerbrochen

Die heutige Ausgabe der Wiener Zeitung ziert ein Bild mit drei Pfeilen, das Symbol der Sozialisten, die die Pfeile sind zerbrochen.

Meine liebe Mutter wird sich im Grab umdrehen, wenn sie von der derzeitigen Misere der SPÖ hören würde. Meine Mutter war eine aufrechte Sozialistin, geboren 1905. In sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen, insgesamt 6 Geschwister, die Mutter an Tuberkulose sehr früh verstorben, der Vater Baupolier. Meine Mutter lebte mit ihrem Vater, später auch mit ihrer Stiefmutter in Ottakring, in der Habichergasse. Die andren 5 Geschwister wurden von der Schwester des Vaters in Niederösterreich aufgezogen.

Nach den Erzählungen der Mutter war es ab dem Tod der Mutter eine eher freudlose Kindheit. Im Haus natürlich gab es Wasser und Klo am Gang, in vielen anderen Wohnungen noch Bettgeher. Sie wurde von der Stiefmutter so behandelt, wie man es damals von einer Stiefmutter erwartete, nämlich schlecht. Sie bekam zu wenig zu Essen, wenn sie lesen wollte, musste das Licht vom Gang über das Fenster dort reichen. Sie ging gerne in die Schule, sie war sehr lernbegierig. Aber an ihrem 14. Geburtstag, am 13. Mai, wurde sie aus der Schule genommen und musste umgehend ein Dienstverhältnis als Haushaltshilfe eingehen. Nicht einmal das Schuljahr ließ man sie abschließen. Dot gab es kein eigenes Zimmer, bestenfalls ein Klappbett in der Küche, und wieder nicht genug zu essen. Allerdings, es war damals Krieg, und auch nach dem Krieg herrschte große (Hungers)Not. Später erlebt diese Generation die große Arbeitslosigkeit, den Bürgerkrieg, den Faschismus, den Zweiten Weltkrieg. Die Sozialdemokratie versprach Arbeit, und damit eine würdig Existenz.

Meine Mutter erzählte immer wieder, dass einer ihrer Vorfahren am Hainburger Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiter Partei 1888/1889 dabei gewesen wäre. Leider habe ich nicht genauer nachgefragt. Damals war die sozialistische Partei anders: viele Führer waren großbürgerlicher Herkunft, sie waren Intellektuelle, Jakob Reumann, Victor Adler und Ferdinand Hanusch waren Vorbilder der Menschen dieser Generation, Julius Tandler war auch meiner Mutter ein Begriff. Die Arbeiterzeitung hatte großartige Chefredakteure. Man war stolz auf das „rote Wien“, auf die Gemeindebauten. Meine Mutter liebte die großen Maiaufmärsche nach dem Krieg in Wien. Sie marschierte zwar nicht mit, sie war übrigens auch nie Parteimitglied der sozialdemokratischen Partei (Parteizugehörigkeit war für diese Generation negativ besetzt). Aber aus allen großen Einfallsstraßen zum Ring, aus allen Bezirken kamen sie anmarschiert, mit geschmückten Fahrrädern, Fahnen schwingend und Banner mit Parolen (zumeist noch Forderungen) tragend. Die Musik war dabei. Meine Mutter konnte bis an ihr Lebensende die Internationale und das Lied der Arbeit singen. Alle marschierten in ihrer Arbeitskleidung – Polizisten, Straßenbahner, Krankenschwestern etc. Die Straßenbahnen fuhren an diesem Tag nicht. Man fühlte sich wohl, in den diversen Bünden der Arbeiterbewegung. Es gab vor allem jene, die großen Wert auf den zweiten Bildungsweg legten: die Volkshochschulen. Franz Jonas war diesen Weg gegangen.

Meine Mutter fühlte sich ihr Leben lang der Arbeiterklasse zugehörig.

Aber gibt es diese „Arbeiterklasse“ heute noch, fühlt sich ihr noch jemand zugehörig? Gar kein Zweifel, es gibt großartiger Errungenschaften, die Beschränkungen der Arbeitszeit, die verlängerten Urlaube, die Krankenversicherungen etc. Aber auf die heutigen Probleme scheint die Sozialdemokratie keine Antworten zu haben. Es hat eine De-Industrialisierung stattgefunden, in Fabriken arbeiten kaum mehr Menschen – die Arbeit wird von Maschinen erledigt, dasselbe gilt für Baustellen. Die Büros leeren sich zunehmend, die Digitalisierungswelle wird das noch verstärken. Bald wird es „Roboter-Kollegen“ geben. Vieles wurde und wird in Billiglohnländer ausgelagert. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Sozialdemokratie Antworten auf diese Herausforderungen gefunden hat.

Es wurde zwar heftig daran gearbeitet, dass Frauen in das Berufsleben strömten, aber Unterstützung durch Tagesbetreuungen wurde nicht in ausreichendem Maße gewährleistet.  Es wurde heftig daran gearbeitet, dass es mehr Akademiker gibt, aber viele von ihnen landen in unbezahlten Praktika, in unterbezahlten Teilzeitjobs, in der Arbeitslosigkeit.

Auch um die Gastarbeiter und deren Integration hat man sich eigentlich kaum gekümmert. Stimmt schon, man hatte geglaubt, sie würden bald in ihre Heimat zurückkehren – aber nachdem klar wurde, dass sie doch bleiben würden: wo waren die großen Antworten?

Der Sozialdemokratie ist die Arbeiterklasse abhanden gekommen, wer bezeichnet sich heute gerne als Arbeiter, die gesteckten Ziele sind erreicht, neue hat man sich nicht gesteckt. Also wer hat heute noch Grund, dieser Partei, Gewerkschaft seine/ihre Stimme zu geben?

Ob es mir meine Mutter übelgenommen hat, dass ich ihre Tradition nicht fortgesetzt habe und daher nicht „Rot“ gewählt habe? Sie hat dazu nie Stellung genommen. Aber in Sachthemen, da war sie immer sehr streitbar!

Ich bin froh, dass sie das derzeitige Debakel nicht erleben muss!

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Die drei Pfeile sind zerbrochen

Die Zeit der Firmungen naht

Zeit für mich zurück zu blicken, auf die Firmungen, die ich erlebt habe: die eigene, die meiner Kinder (in der Schottenkirche und St. Ursula, in Mauer). Eine Enkeltochter verweigerte leider die Firmung, drei weitere wurden in Ober St. Veit gefirmt. Jetzt steht die nächste Firmung in derselben Kirche bevor. Ich freu mich drauf, und auf das darauf folgende Familienfest!

Auch Firmungs-„Rituale“ während der Zeremonie und rundherum haben sich geändert. Da meine Firmpatin, eine Cousine meines Vaters, in Salzburg lebte, fand meine Feier in dieser herrlichen Stadt und diesem wunderschönen Dom statt. Begleitet wurde ich von meiner Tante, Schwester meines Vaters, die auch meine Taufpatin war. Es war noch „Nachkriegszeit“, also gegen Ende der 1940er Jahre. Soweit zur zeitlichen und räumlichen Einordnung dieses Ereignisses.

Ich stellte mir natürlich ein großartiges Fest vor: Z.B. die Fahrt mit einem Fiaker zum oder vom Domplatz. Ich hatte natürlich die Wiener Firmungen im Auge, jene im Stephansdom, wohin man damals mit einem Fiaker oder auch einem geschmückten Auto auch über die Kärntnerstraße oder den Graben fahren konnte. Und hinterher über die Hauptallee – fast obligatorisch in den Wurstlprater. Eine eventuelle Jause im Lusthaus war damals noch nicht möglich, nach Bombentreffern im Krieg wurde der Wiederaufbau erst 1949 abgeschlossen.

Soweit meine Vorstellungen. Meine Mutter bemühte sich nach Kräften mich entsprechend unseren und den damaligen Möglichkeiten herauszuputzen. Ich bekam neue Schuhe (die waren aber ohnedies – aufgrund des Wachstums meiner Füße – jedes halbe Jahr notwendig) und die Hausschneiderin nähte aus einem aus besseren Zeiten herübergeretteten rosa Organza ein Kleidchen für mich.

An einen Firmunterricht, wie er heute selbstverständlich und erforderlich ist, kann ich mich nicht erinnern. Da wir in unserer Klasse alle ziemlich gleichzeitig gefirmt wurden, hat uns unser lieber Religionslehrer, selbstverständlich ein Priester damals, den Sinn der Firmung nahe gebracht. Ich gebe zu, besonders neugierig auf den „Backenstreich“ gewesen zu sein, der damals noch Teil der Firmzeremonie war.

Meine Tante Maria und ich setzten uns also in den Zug nach Salzburg – immerhin musste die Zonengrenze an der Enns überquert werden, um aus dem russisch besetzten Niederösterreich in das teilweise amerikanisch besetzte Oberösterreich und dann ins ganz in der amerikanischen Zone liegende Salzburg zu gelangen. Die Salzburger Verwandtschaft hatte eine recht hübsche Wohnung in der Nähe der Pferdeschwemme. Dort übernachteten wir. Diese Salzburger Verwandtschaft bestand aus der Schwester meiner Großmutter, deren zwei Töchtern und einem Sohn. Eine dieser Töchter war nun meine Firmpatin, die Tante Mizzi.

Besonders in Erinnerung bleib mir vom Frühstück im Hause der Tanten, dass die zuerst auf das Brot aufgetragene Butter, hinterher wieder weitgehend abgekratzt wurde, um für das nächste Brot verwendet zu werden.

Mit den Tanten Maria und Mizzi machten wir uns also auf in den Dom. Es war prächtiges Wetter, kein Regen immerhin. Wir gingen zu Fuß, es war ja eigentlich nicht sehr weit. Dass kein Fiaker oder wenigstens ein Auto im Blumenschmuck im Einsatz war, enttäuschte mich schon ein bissel. Dann der überwältigende Dom: Allerdings war am 16. Oktober 1944, beim ersten Luftangriff auf Salzburg  die Domkuppel eingestürzt. Von 1945 bis 1959 wurde der Dom saniert und die Kuppel rekonstruiert. In meiner Erinnerung schien der Dom bei meiner Firmung bereits vollkommen in Ordnung, aber vielleicht war es die Aufregung, die die Sicht auf die Kuppel im Bau trübte.

Die eigentliche Firmung wurde von damals noch Fürsterzbischof (er verzichtete später auf das „Fürst“) Andreas Rohracher durchgeführt. Die Firmung ist eines der sieben Sakramente. Wir Firmlinge waren entlang der Bänke aufgestellt. Nach der Erneuerung des Taufversprechens schritt der Erzbischof mit Mitra und Bischofsstab langsam durch die Reihen. Wenn er bei einem der Jugendlichen vorbeikam, knieten wir nieder, die Patin legte die Hand auf die Schulter ihre Schützlings, der Bischof legte seine Hände auf die Köpfe der Firmlinge, dann wurden wir mit dem Chrisam-Öl gesalbt. Der Heilige Geist wurde als Beschützter des Firmlings angerufen. Zuletzt wurde ein Kreuzzeichen auf die Stirne des Jugendlichen gemacht. Der Backenstreich war dann doch keine Watschn, sondern wurde nur angedeutet. Es war schon sehr feierlich. Man fühlte sich am Beginn des Erwachsenenseins.

Nachher ging’s zum Mittagessen nach Hause. Ich bekam mein Firmgeschenk: keine Uhr, die ich eigentlich den damaligen Gebräuchen entsprechend erwartet hatte, sondern eine grüne Dose aus Keramik, die nicht gerade mein Herz höher schlagen ließ aber auch eine sehr hübsche Kette aus weißen Korallen, die ich dann später sehr gerne trug.

Dann befanden meine Tanten, dass ich mich doch ausruhen müsse, nach all den Aufregungen, und selbst gingen sie ausgestattet mit feschen Hüten und Handschuhen – auf den Trabrennplatz. Ich blieb mit meiner Großtante, die sich bald zur Ruhe begab, ziemlich enttäuscht zurück. Sie hatten halt selber keine Kinder, die Tanten, und wussten nichts von deren Vorstellungen. Selbst wenn ich etwas gesagt hätte, hätten sie ihre Trabrennplatzpläne nicht geändert.

Ich wünsche besonders meinem lieben Enkelsohn, und allen anderen, die jetzt gefirmt werden, dass der Heilige Geist sie weiterhin  leiten wird und dass deren Firmung etwas mehr nach ihren Vorstellungen verlaufen wird.

Die Zeit der Firmungen naht

Der große Riss

Es erschreckt mich; wo ich hinschaue verstärkt sich die Polarisierung.

Ich hatte zu Beginn einer Studienzeit ein Fulbright Stipendium in den USA. 1953/54. Ich kam also zu Beginn der Präsidentschaft Eisenhower/Vizepräsident Nixon nach Kalifornien. Eisenhower war Republikaner und hatte den Demokraten Truman abgelöst. Am College wurde von Politik kaum geredet, ich war nur so ein „sonderbares Wesen“, das aus einer „russischbesetzten Zone“ kam. Es hat mich viel Mühe gekostet, dieses Bild einigermaßen zurechtzurücken. Aber ob jemand Republikaner oder Demokrat war, war weniger wichtig, als ob er/sie z.B. weiß oder farbig  oder vielleicht noch, ob jemand katholisch oder evangelisch war. Ausschlaggebend für die Karriere schien die Zugehörigkeit zur richtigen Fraternity oder Sorority oder vielleicht zum Fußball- oder Baseballclub zu sein. Gekämpft wurde beim Match am Rasen am Samstag abends.

Und heute: Unter Präsident Obama (Vizepräsident Biden) hat die Spaltung schon begonnen. Die Parteien arbeiteten nicht zusammen zum Wohl des Volkes, sondern gegen einander. Jeder Vorschlag des Anderen war schlecht, selbst wenn man ihn gutheißen könnte. Man ließ es drauf ankommen, dass der Staat nicht mehr seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen konnte. Jetzt beflegelt Trump z.B. Muslime, Frauen …. Und die Menschen laufen ihm zu – ja, meistens junge, wenig gebildete Männer, Verlierer im gesellschaftlichen Prozess. Er glaubt „unstoppable“ zu sein. Das werden wir bei den Parteitagen der Republikaner (18. – 21 Juli) bzw. bei der Wahl am 8.11.2016 sehen.

Zur Zeit meines Studiums in Wien war eigentlich unserer Hauptsorge der noch nicht abgeschlossene Staatsvertrag. Interessant waren für uns Studenten die Hochschulwahlen, keiner wurde wegen der Wahl irgendeines Kandidaten ausgegrenzt. Bei Nationalratswahlen hatten die beiden Koalitionspartner miteinander fast 90% der Stimmen. Da ging’s dann eher um Postenverteilung nach Parteibuch. Manche hatten Parteibücher beider Großparteien. Als ich begonnen hatte, mich um einen Arbeitsplatz zu bewerben, wurden mehrere Angebote mehr oder minder vom Beitritt zu einer oder der anderen Partei abhängig gemacht. Ich wählte dann die Arbeit bei einer Internationalen Behörde. Aber feindlich stand man einander nirgends gegenüber, man ging halt zum Betriebsrat der jeweiligen Gruppierung um seine Ziele zu erreichen. Kein optimales System, aber auch keine Polarisierung.

Die Polarisierung betrifft heute fast ganz Europa: Italien (Lega Nord) genauso wie Frankreich (die Le Pens), Niederlande (Wilders), Deutschland (AFD), Großbritannien (UKIP), Schweden, Belgien, Dänemark, Ungarn, Norwegen, Finnland, sogar die Schweiz.  Sie geht sogar durch einzelne Parteien.

Nun werden wir in Österreich wohl einen so genannten Lagerwahlkampf haben. Aber zu gewinnen wird er kaum sein, wenn man den Anhängern eines Kandidaten den Zutritt zu einem Gasthaus verwehrt, indem man sich dem anderen Kandidaten verpflichtet fühlt. Das hat es meines Erachtens noch nie bei einer Bundespräsidentenwahl gegeben. Auch die sozialen Medien sprühen nur so von Hass!

Was ist da eigentlich geschehen? Warum ist das so? Wo ist die sprichwörtliche österreichische Toleranz geblieben? Sind es jetzt andere Themen, die zu mehr Intoleranz führen? z.B. Flüchtlinge, Religion? Aber Flüchtlinge gab’s ja auch schon früher in großen Massen. Die Nachkriegswelle, durch die Vertreibungen der ehemaligen Deutschen aus der Tschechoslowakei, aus Rumänien, aus Italien (Südtirol) etc. Da gab’s die berühmte Klassifizierung „displaced persons“. Dazu gehörten zwei Kandidaten dieser Bundespräsidentenwahl 2016: Andreas Khol und Alexander van der Bellen. Einer ist noch in der Stichwahl. Es kamen die Fluchtbewegungen aus Ungarn 1956 aus Tschechien 1968 …. All das polarisierte die Bevölkerung damals nicht.

Ist der Islam wirklich so gefährlich, wie er von den extremen Rechten dargestellt wird? Die meisten hier zugewanderten Muslime versuchen doch nur, ein Dach über den Kopf zu haben, arbeiten zu können um ihre Familien erhalten zu können. Sie möchten, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen … Und ja, es gibt aggressive meist Jugendliche (das sind oft gar nicht die zuletzt zugewanderten – siehe Köln), und sicher sind bei der unkontrollierten Massenzuwanderung im vorigen Sommer auch Terroristen „durchgerutscht“. Viele fühlen sich von „Kopftuchträgerinnen“, über deren Motive man durchaus unterschiedlicher Ansicht sein kann, bedrängt.

Es ist schon richtig, dass die früheren Flüchtlinge meist „unserem Kulturkreis“ entstammten, die neueren halt nicht. Das hat aber schon mit den Gastarbeitern aus der Türkei begonnen. Da müssen wir uns wehren, dass der „Sultan am Bosporus“ sich nicht allzu sehr „bei seinen Türken“ in Österreich, Deutschland und der Schweiz einmischt. Und er ist auch nicht der Kalif, der über den Islam bestimmen kann. Meiner Erachtens sollte er lieber bei sich zu Hause aufräumen.

Aber in Österreich sollte es doch möglich sein, sich an der ersten Debatte der beiden Kandidaten im ORF Radio zu orientieren, das Gemeinsame zu suchen und einander zu respektieren.

Der große Riss

Europas Probleme mit Sultan Erdogan

Europa ist abhängig von der Türkei – aufgrund der Flüchtlingsproblematik. Ist es das wirklich? Die Flüchtlinge, die aus der Türkei nach Griechenland kommen wollen, und auch die Schlepper sind doch längst bestens informiert, dass die Balkanroute geschlossen ist. Warum sollten sie dann von der Türkei über das Mittelmeer nach Griechenland übersetzen – besonders weil bestimmt bekannt ist, dass sie höchstwahrscheinlich zurückgeschickt werden.

Vielleicht sollten wir überlegen, dass wir Europäer doch nicht von der Türkei erpressbar sind, vielleicht sollte sogar der „Deal“ noch einmal überlegt werden und das Geld direkt in die lokale Flüchtlingsbetreuung in der Türkei, aber auch In Jordaniern und im Libanon eingesetzt werden.

Man muss ja nicht gleich soweit gehen, wie der Holländische „De Telegraf“, der Erdogan als Affen auf seiner Titelseite abdruckt. Solche Aktionen sind eigentlich nie einer gedeihlich Zusammenarbeit förderlich, auch wenn die holländische Journalistin Ebru Umar in der Türkei festgenommen wurde. Ebru Umar (* 1970 in Den Haag) ist eine niederländische Kolumnistin türkischer Abstammung. In ihren Texten bezieht sie Stellung zu dem nach ihrer Ansicht „diktatorhaften Männertum“ und fehlenden Menschenrechten  im Islam In der Nacht zum 24. April 2016 wurde Umar während ihres Urlaubs in Kusadasi  (Türkei) von der Polizei festgenommen und von der Staatsanwaltschaft verhört. Sie wurde zwar nach einem Tag aus der Haft entlassen, darf die Türkei aber nicht verlassen. Kurz zuvor hatte sie in metro (niederländische Gratiszeitung) einen kritischen Kommentar über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan veröffentlicht und in Auszügen auch via Twitter verbreitet. Die niederländische Botschaft wurde eingeschaltet. Am 25. April 2016 wurde in Umars Amsterdamer Wohnung eingebrochen, dort „alles auf den Kopf gestellt“, ein Computer gestohlen, und eine Wand mit dem Schimpfwort „Hoer“ („Hure“) beschmiert.

Sie ist aber nicht die einzige Frau, die Probleme mit Erdogan hat. Betroffen ist auch Sineb El Masrar, die in Deutschland, im renommierten Herder Verlag ein Buch namens „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“ veröffentlicht hat. Sineb El Masrar (*1981 in Deutschland) ist die Tochter marokkanischer Einwanderer. Von ihren Eltern wurde sie zu Selbstbewusstsein erzogen. Zu eigenständigem Denken. Gleichzeitig ist sie religiös. Der Islam ist für die heute 34-jährige Publizistin eine tolerante spirituelle Kraft: „Das ist diese Barmherzigkeit“. Und das ist ein Islam, den viele erlebt haben, auch die erste Einwanderungs-Generation. El Masrar war 2006 Mitglied der Arbeitsgruppe „Medien und Integration“ der Integrationskonferenz im Kanzleramt. Von Mai 2010 bis 2013 war sie Teilnehmerin de Deutschen Islamkonferenz.

Heute erlebt El Masrar ihre Religion aber immer öfter als ideologisch: als Herrschaftssystem. Das all jenen Frauen, die ihren Glauben anders leben wollen, wenig Wahlfreiheit lasse. Nur wer sich in das enge Gerüst füge, gehöre dazu, so El Masrar.

In ihrem neuen Buch fordert sie „Emanzipation im Islam“. Und wendet sich gegen eine reaktionäre Islam-Auslegung, voller „narzisstischer Frauenunterdrückung“. Die Lesart des Islam, die auch von vielen Deutschen Islam-Verbänden vertreten werde: „Also ich werfe den Verbänden in erster Linie vor, dass sie doppelzüngig sind. Auf der einen Seite sagen sie, sie sind frei, sie sind für die Demokratie, sie würden sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, aber auf der anderen Seite verbreiten sie eben genau das Gegenteil. Sie zitieren Islamisten, sie zitieren Akteure des politischen Islams und diese Akteure sind alles andere als emanzipatorisch oder demokratiefreundlich.“

Dabei hätten gerade die Islam-Verbände eine wichtige Aufgabe. Statt nur eine Diskriminierung verschleierter Frauen zu beklagen, sollten sie auch klar Position beziehen gegen religiöse Indoktrination. Zum Beispiel durch Kinderbücher, in denen schon dreijährigen Mädchen Kopftuchtragen als religiöse Pflichtaufgabe beigebracht wird. So werde ein konservatives Frauenbild manifestiert, sagt El Masrar. Sie wirft den Verbänden vor, nichts dagegen zu tun.

Die Deutsch-Türkischen Verbände wehren sich, z.B. DITIB (Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion). Aber gegen Unterdrückung und Bevormundung der Muslimas im Namen der Religion müsse klar Position bezogen werden, meint El Masrar. Statt – wie die Verbände – immer alles zu relativieren: „Rechte sind keine Privilegien! Die stehen uns zu. Und da möchte ich und möchte auch mit den anderen Frauen sagen: Debattiert nicht darum. Nehmt euch das, was euch zusteht“.

Die islamische Organisation Milli Görüs ist eine länderübrgreifend aktive islamische Bewegung. In vielen Staaten und Ländern ist Millî Görüş wegen islamistischer Tendenzen umstritten. Diese Organisation hat vor dem Landgericht München eine einstweilige Verfügung erwirkt: Das Buch „Emanzipation im Islam“ von Sineb El Masrar wird jetzt geschwärzt ausgeliefert. Denn die Autorin hatte in diesem ihrem Buch geschrieben, dass die islamische Gemeinschaft Milli Görüs die Terrororganisation Hamas finanziell unterstützt habe. Diese Behauptung wollte der Verein, der jahrelang wegen islamistischer Tendenzen vom Verfassungsschutz beobachtet worden war, nicht hinnehmen und klagte vor dem Münchner Landgericht auf Unterlassung. Dabei wurde Milli Görüs von Michael-Hubertus von Sprenger, der auch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Verfahren gegen den Satiriker Jan Böhmermann unterstützt, vertreten.

Dem Antrag wurde am 5. April stattgegeben, das Buch eingezogen und eine Passage geschwärzt.

Es gibt weitere „Einmischungsversuche“: z.B. die Festsetzung des ARD-Korrespondenten Volker Schwenck am Istanbuler Flughafen sowie Probleme deutscher Türkei-Korrespondenten bei der Akkreditierung. Außerdem will Erdogan nicht nur Satire verbieten lassen, wie im Fall der Schmähkritik von Jan Böhermann, er geht auch gegen Hochkultur vor. Die Türkei bekämpft das Konzertprojekt „Aghet“ der Dresdner Sinfoniker und des deutsch-türkisch-armenischen Gitarristen Marc Sinan. In ihren Konzerten wird der Genozid an den Armeniern durch das Osmanische Reich vor hundert Jahren thematisiert.. Die EU-Kommission förderte das Projekt mit 200 000 Euro, stellte „Aghet“ (armenisch für Völkermord) auf ihrer Homepage vor. Aber in dem Text tauchte das Wort Genozid zweimal auf. Prompt schickte die Türkei, die den Völkermord bis heute leugnet, ihren EU-Botschafter los. Gerfordert wurde ein Stopp der Förderung und eine Löschung des Beitrags.  Die Kommission knickte ein! Zwar wird „Aghet“ weiter gefördert, allerdings ist das Projekt von der Internetseite verschwunden.

Was will Erdogan? Seine Macht beweisen, Europa demütigen, die Europäer turkisieren? Wer ist er eigentlich, dass er für den Islam sprechen kann, der neue Kalif, wie er auch bezeichnet wird?

Ich meine, dass sich Europa, die Europäer, die Kommission sich das nicht gefallen lassen dürfen und Erdogans Intervention scharf zurückweisen sollen. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

 

Europas Probleme mit Sultan Erdogan

Erinnerungen an die Katastrophe von Tschernobyl

Es war vor dreißig Jahren. Ich erinnere mich noch genau an diese Zeit. Tschernobyl! Es war, als ob die Welt düsterer geworden wäre. Jeder, der zu dieser Zeit gelebt hat, erinnert sich daran (wie z.B. auch an den 11.Sepember 2000).

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl  in der Ukraine nahe der Weißrussischen Grenze.  Auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse  wurde sie als erstes Ereignis der Kategorie „katastrophaler Unfall“  eingeordnet.

Bei einer durchgeführten Simulation eines vollständigen Stromausfalls kam es auf Grund schwerwiegender Verstöße gegen die geltenden Sicherheitsvorschriften sowie der bauartbedingten Eigenschaften des mit Graphit moderierten  Kernreaktors  vom Typ RBMK-1000 zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der zur Explosion des Reaktors und zum Brand des als Moderator eingesetzten Graphits führte. Innerhalb der ersten zehn Tage nach der Explosion wurde eine Aktivität  von mehreren Trillionen Becquerel   freigesetzt. Die so in die Erdatmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe, darunter die Isotope 137CS mit einer Halbwertszeit  (HWZ) von rund 30 Jahren und 131I (HWZ: 8 Tage), kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie viele Länder in Europa. Nach der Katastrophe begannen sogenannte Liqidatoren  mit der Dekontamination  der am stärksten betroffenen Gebiete. Es wurde bis November 1986 ein aus Stahlbeton  bestehenden provisorischen Schutzmantel, der meist als „Sarkophag“ bezeichnet wird, errichtet.

Über die weltweiten gesundheitlichen Langzeitfolgen, insbesondere jene, die auf eine gegenüber der ntürlichen Strahlenexposition  erhöhte effektive Dosis  zurückzuführen sind, gibt es seit Jahren Kontroversen. Die WHO hält insgesamt weltweit ca. 4000 Todesopfer für möglich. Dies erfuhr man erst viel viel später.

Es ist vieles damals falsch gelaufen; aus der Sowjetunion kamen lange keine Nachrichten darüber. Auch das eigene Volk wurde lange im Dunkeln gelassen. Entdeckt wurde es in Europa an regelmäßig durchgeführten Strahlenmessungen. Das war eine lange Zeit, zu der sich nur wenige der großen Gefahren bewusst waren.

Wir selbst waren am 1.Mai 1986 in „der Stadt“ spazieren (Ringquerung war ja aufgrund der 1. Mai Veranstaltungen nicht möglich. Daher konnten wir auch unser Auto nicht aus der Garage im Ersten Bezirk holen). Das Wetter war warm, aber es war bedeckt und nieselte zuweilen. Erst Mittag, als wir nach Haus kamen, hörten wir die Nachrichten, wo erstmals über das Reaktorunglück berichtet worden war. Gerüchteweise war diese Tatsache angeblich  den Regierendern schon vorher bekannt, aber man wollte auf die Aufmärsche am 1. Mai nicht verzichten. Franz Kreuzer war damals Bundesminister für Gesundheit und Umweltschutz, sowohl im Kabinett Sinowatz als auch später Vranitzky. Aber das war die erste Nuklearkatastrophe ud niemand hatte damit gerechnet.

Selbst dann war uns die Gefahr gar nicht so bewusst, als aber dann die Verhaltensregeln verlautbart wurden, waren wir alle sehr schockiert. Unsere (damals einzige) noch ganz kleine Enkeltochter durfte nicht mehr im Garten spielen, jetzt zu Beginn der schönen Jahreszeit. Noch viele Jahre nachher denke ich beim Kauf von Schwammerln an Tschernobyl, und daher lehnte ich manche Angebote ab, weil ich meine, dass sie dort noch immer verstrahlt sein könnten.

Das österreichische  Bundesgebiet zählt zu den am stärksten betroffenen Gebieten Westeuropas: Von den insgesamt 70 PBq freigesetzten Radiocäsiums wurden 1,6 PBq, also 2 %, in Österreich deponiert, die durchschnittliche Belastung 137Cs aus den Tschernobyl-Ereignis lag 1986 bei 19,1 kBq/m², wobei besonders das Salzkammergut und Nachbargebiete, die Welser Heide  und die Hohen Tauern betroffen waren, sowie die Niederen Tauern und die Koralpenregion, auf die Bevölkerung bezogen der Linzer Zentralraum und die Stadt Salzburg, sowie Wien, Graz, Klagenfurt, Villach und Innsbruck. .

Als Maßnahmen wurden primär Kontrollen im Nahrungsmittelbereich gesetzt: Verkaufsverbot für Grüngemüse und von Schaf- und Ziegenmilch, der Grünfutterfütterung bei Milchkühen, des Genusses von Zisternenwasser, und langfristiger etwa Importverbote für Nahrungsmittel aus hochbelasteten Agrarproduktionsländern, Verbot des Wildabschusses, Fütterungspläne in der heimischen Landwirtschaft (oder Grenzwerte für die Klärschlammausbringung).

In späteren Studien hat sich gezeigt, dass diese in der Öffentlichkeit nur wenig beachteten Maßnahmen auf Produktions- und Handelsseite mehr Schutzwirkung gebracht haben als etwa Empfehlungen zu direkten Verhaltensänderungen.

Die deutlichsten Folgen des Tschernobyl-Ereignisses in Österreich sind politischer Natur: „Tschernobyl“ hat 1986 die österreichische Anti-Atom-Politik  noch verfestigt, sie war seither sowohl gesellschaftlich, wie auch parteipolitisch einhelliger Konsens und wurde nie mehr in Frage gestellt.

Tschernobyl war nicht der letzte Nuklearkatastrophe. Der Atomunfall im japanischen Fukushima am 11. März 2011 zählt zu den schlimmsten der Menschheit. Die Entsorgungsarbeiten sollen Jahrzehnte dauern. Dabei ist das Ausmaß für Mensch und Umwelt noch immer nicht vollständig absehbar. Vier von sechs Reaktorblöcken wurden beschädigt. In drei Blöcken kam es zu Kernschmelzen.

Aus dem japanischen Kernkraftwerk ist etwa doppelt so viel radioaktives Xenon ausgetreten, wie im Jahr 1986 in Tschernobyl. Außerdem traten 36 Peta-Becquerel radioaktives Cäsium aus, dessen Halbwertszeit bei 30,17 Jahren liegt. Cäsium macht auch das umliegende Gebiet auch für Jahrzehnte landwirtschaftlich unbrauchbar.150.000 Einwohner mussten ihr Zuhause verlassen

Die Katastrophenschutzmaßnahmen des Kraftwerkbetreibers Tepco waren zwar dilettantisch. Doch sind die Gesamtfolgen der Katastrophe von Fukushima nicht so verheerend ausgefallen wie die des Nuklearunfalls in Tschernobyl.

War nun Fukushima der letze Unfall, oder wird erst keine mehr geben, wenn alle Atomkraftwerke herunter gefahren wurden?

 

Erinnerungen an die Katastrophe von Tschernobyl

Wer ist schuld – ich bin’s nicht!

 

Wie man einen Kandidaten verhindern kann, aber anderen dafür die Schuld gibt.

Jetzt, nach der Wahl war natürlich keiner schuld. Das ganze Schuldzuweisungsspektakel erinnert mich an eine Fernsehwerbung, in dem eine Mutter ein kleines Mädchen mit Bart trägt und etwas größere Zwillingsbuben fragt: „wer hat ihr das Haarwuchsmittel gegeben“. Die beiden Buben zeigen jeweils auf den anderen.

Also zeigen einmal alle auf die Bundesregierung und ziehen sich in die gemütliche schuldfreie Ecke zurück. Aber eigentlich sitzen die Schuldigen – seien wir fair, die Teilschuldigen – auch in den Bundesländern. Mir fällt doch da ein mächtiger, erfolgreicher Landesfürst ein, der lange gezögert hat, sich der Wahl zum Bundespräsidenten zu stellen. Gefallen hat’s ihm schon, dafür genannt zu werden.  Aber wie’s dann drauf angekommen ist, hat er, aus welchen persönlichen Gründen auch immer, gemeint, nicht zu kandidieren. Da es scheinbar keinen Plan B gab, wurde, nach einer Schrecksekunde, ein anderer Kandidat aus dem Hut gezaubert. Gerechnet hatte dieser dann nicht damit, aber nach einer kurzen Anlaufphase hat er sehr effektiv wahlgekämpft. Er war auch qualitativ – meines Erachtens – der bestens geeignete Kandidat für dieses Amt. Seine große Familie hat ihn auch umfassend  unterstützt.

Und was war noch geschehen, mitten im Endspurt? Dann hat jener Landeshauptmann, der sich nicht getraut hat, sich zu stellen, eine völlig unerwartete Rochade eingeleitet, die auch gut und gern später hätte stattfinden können, indem er Innenministerin gegen Landeshauptmannstellvertreter austauschte. Das führte zu einer erheblichen Ablenkung vom Bundespräsidentenwahlkampf. Was auch immer das Motiv war: könnte es vielleicht angesichts der hervorragenden Performance des Kandidaten für das Bundespräsidentenamt die Chance gewesen sein ihn zu behindern, um dann doch als der „bessere Kandidat“ da zustehen? Dabei konnte er noch beweisen, dass ein Landeshauptmann doch viel mächtiger ist (… wo der Bartl den Most holt) als ein Parteiobmann. Dieser hat’s mit Würde getragen.

Anbetracht dieser Vorkommnisse – und vieler ähnlicher – sollte vielleicht die Stellung Bund – Länder – Gemeinden – neu überdacht werden. Der Föderalismus, wie er hier in Österreich derzeit praktiziert wird, nützt dem Land und seinen Bewohnern nicht. Er ist teuer und voll von Absurditäten für so ein kleines Land. Man erinnert sich an den Jugendschutz, oder an Bauordnungen, die Firmen, die in mehr als einem Bundesland arbeiten (was z.B. für viele burgenländische, niederösterreichische und Wiener Handwerksbetriebe zutrifft) zu sehr großem bürokratischen Aufwand führt.

Vielleicht wären die nächsten Finanzausgleichsverhandlungen dazu ein Anlass? Es könnten viele Kosten gespart werden, bzw. die ohnedies nicht reichlich vorhandene Mittel besser eingesetzt werden. Wenn jeder Landeshauptmann auch für die Aufbringung der Mittel verantwortlich ist, werden vielleicht manche fehlgeleiteten Investitionen nicht mehr passieren.

Vielleicht könnte dieses Debakel für die ehemaligen Großparteien dazu genutzt werden, um z.B. die derzeitige Variante des Föderalismus zu überdenken. Aber es gibt bestimmt noch andere Projekte, die dem Land erheblich nutzen könnten, ohne einander in die Haare zu geraten und das traurige Bild einer total zerstrittenen Regierung zu bieten. Dieses Bild hat mit Sicherheit beiden Kandidaten für das Bundespräsidentenamt der ehemaligen Großparteien geschadet.

Vielleicht könnte den Schulen endlich ihre Autonomie gegeben werden, die ihnen ermöglicht die Kinder aus ihrem „Pisa-Loch“ herauszuführen und endlich die Streiterei über Gymnasium und Neue Mittelschule zu beenden. Auch bei der Beschäftigungspolitik liegt einiges im Argen. Die Entwicklung der Arbeitslosenzahl muss dringend auf „Verringerung“ geschaltet werden.

All das und vieles mehr könnte vielleicht auch zu einer Verringerung unserer Schuldenberge führen.

So viele Möglichkeiten – gehen wir sie gemeinsam an!

Wer ist schuld – ich bin’s nicht!

Die Sterndeuter

Ich muss mich nun doch zur Bundespräsidentenwahl äußern.

Mich ärgert eigentlich das „davor“ und das „nachher“. Vorher gab es eine Unzahl von Prognosen. Alle deuteten in eine bestimmte Richtung. Eingetreten ist keine der mir bekannten Vorhersagen. Aber sie haben das Wahlverhalten massiv beeinflusst. Und diese Manipulation finde ich unverzeihlich. Sie war nämlich schädlich. Wenn über die  Kandidaten der Regierungsparteien ständig getrommelt wird, dass sie „Looser“ sind,  wer soll sie dann noch wählen, eine derartige Stimmer gilt bei vielen Wählern als verlorene Stimme. Wenn einem Kandidat, den der ORF immer „gemocht“ hat, in allen Umfragen ein unumstößlicher erster Platz zugeordnet wurde, haben ihn möglicherweise viele Wähler gar nicht mehr gewählt, unter dem Motto „g’mahte Wiesn“, um taktisch-strategisch den zweiten Platz günstig zu besetzen. Bei ganz wenigen der Umfragen wurde angegeben, wie groß das Sample war, oder nach welchen Kriterien die zu Befragenden ausgewählt wurden. Wir selbst wurden mehrfach angerufen – meist auf dem Festnetz (ist das eine Voraussetzung?) aber nicht jeder hat immer und überall Zeit und Lust eine Reihe von Fragen zu beantworten, die manchmal Antworten, z.B. zu Wohnungsgröße oder Einkommen fordern.

Und besonders ärgerlich sind jene (vom ORF) ernannten Experten, die mir anhand der Befragungen und deren Analysen die Möglichkeiten der Bundespräsidentenwahlen erläutern wollen. Man soll nicht ungerecht sein, es gibt auch seriöse darunter – die leider gar nicht so oft auftreten dürfen/wollen? Dann gibt den Herrn Prof. F. auf der anderen Seite des Spektrums, der meine Erachtens unentwegt zu allem befragt wird, mir extrem eitel erscheint und kokett behauptet, sich keine Voraussagen entlocken zu lassen – bitte wozu das Ganze?

Ich verstehe natürlich, dass die Branche, die Umfragen durchführt und Auswertungen macht, nicht sehr glücklich mit Forderungen ist, dieses bei Wahlen einzustellen. Man meint, dass dann die Ergebnisse und Zahlen unerläutert und irreführend über die sozialen Medien laufen würden und damit nicht der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stünden. Aber sollte man grad bei diesen politischen Umfragen vor Wahlen nicht einen  Abstand vor der Wahl einführen, innerhalb derer keine Umfragen veröffentlich werden?

Ich glaube, das würde in der Vorwahlzeit zu etwas Ruhe und Gelassenheit beim Wahlvolk führen. Damit könnten die „Spielchen“ des taktischen bzw. strategischen Wählens etwas eingedämmt werden und vielleicht (hoffentlich) bei den Wählern einen Denkprozess auslösen, welchen Kandidaten/Partei sie denn wirklich weswegen unterstützen wollen. Dazu müsste es aber inhaltsreichere Homepages (diesbezüglich vorbildlich Dr. Griss) oder Publikationen geben, die über die politischen Intentionen der Kandidaten/Parteien seriös Auskunft geben.

Für den 22. Mai wird sich das alles leider nicht ausgehen und wir werden uns weiterhin mit Schlagwörtern zufrieden geben müssen.

Für die nächsten Nationalratswahlen sollten wir gerüstet sind, und wann die kommen, ist offen. Aller- aller spätestens 1918, ich glaube an diesen Termin aber nicht mehr.

Die Sterndeuter